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Nun ist es wieder soweit. Es ist Ramadan und mit ihm beginnen wieder einmal die alljährlichen Fragen die man als Muslim oft denselben Leuten immer wieder beantworten darf. Der Islamische Fastenmonat fasziniert und verwirrt zugleich unsere andersgläubigen Nachbarn und Freunde. Aber nicht jeder hat einen Muslimischen Bekannten den er zur Fastenzeit Löcher in den Bauch fragen kann. Daher hier einfach schon mal…

Die 10 typischsten Fragen und Antworten zum Ramadan:

1) Ramadan, das ist doch ein anderes Wort für „Fasten“ oder?

Nein. Ramadan ist der neunte Monat im Islamischen Kalender. Er gilt für Muslime als heilig und ist eine Zeit des Fastens und der spirituellen Suche nach einer engeren Bindung zu Gott. Das Arabische Wort für Fasten ist „Saum“. Man praktiziert also nicht Ramadan, sondern man praktiziert Saum im Ramadan.

2) OK. Und in diesem Monat verzichtet ihr dann auf…?

Wir verzichten Tagsüber auf Nahrung, Getränke und Geschlechtsverkehr. Außerdem versuchen wir besonders tugendhaft zu sein. Für viele gilt daher sündhaftes benehmen bereits als Fastenbrechen.

3) Moment. Sagtest Du eben ihr trinkt nichts? Aber Wasser trinkt ihr natürlich.

Nein auch kein Wasser.

4) Nicht einmal Wasser?! Einen ganzen Monat lang? Geht das überhaupt?

Ja das geht. Aber Muslime sind keine Übermenschen. Ich sagte wir verzichten Tagsüber. Genauer gesagt von Morgengrauen bis Sonnenuntergang. Dieses Jahr heißt das ungefähr von 03:00 bis 21:30 Uhr. Das verschiebt sich aber täglich um ein paar Minuten. Ist die Sonne untergegangen dürfen wir das Fasten brechen. Es ist also nicht so das wir einen ganzen Monat lang nichts trinken. Das wäre fatal.

5) Aber den ganzen Tag nichts trinken… ist das nicht schrecklich ungesund?

Bislang ist noch niemand durch das Fasten zu Schaden gekommen, denn verpflichtet ist man nur wenn man körperlich dazu in der Lage ist. Der menschliche Körper ist zu sehr viel mehr Entbehrung in der Lage als wir ihm zutrauen. Man darf nicht vergessen das unsere prähistorischen Vorfahren eben nicht immer drei Malzeiten und 2-3 Liter Wasser parat hatten. Die Suche nach Nahrung ging auch mal leer aus und auf längeren Märschen durch die Wildnis konnte das Wasser auch mal knapp werden. Solange irgendwann der Ausgleich kommt, kommt unser Körper auch mit Engpässen klar. Er ist dafür gebaut.

6) Müssen Kinder auch fasten?

Nein. Kinder müssen nicht fasten. Erst ab der Pubertät ist das Fasten obligatorisch für Muslime. Viele Kinder haben aber von sich aus den Ehrgeiz es den Erwachsenen gleich zu tun. Je nach Familie wird das anders gehandhabt. Bei den einen dürfen die Kinder ausprobieren wie weit sie kommen (wohlwissend das sie spätestens zum Mittagessen abbrechen), bei den anderen dürfen sie ganz offiziell „halb-zeit“ fasten oder mal eine Mahlzeit auslassen und wieder bei anderen Familien können die Kinder „Süßigkeiten-Fasten“. In jedem Fall ist es eher ein Ausprobieren als ein ernsthaftes Fasten.

7) Und was ist mit Leuten die das körperlich nicht überleben können?

Menschen die beispielsweise regelmäßig Medikamente nehmen müssen oder aus Gesundheitlichen Gründen auf Mahlzeiten angewiesen sind, sind vom Fasten entbunden wenn sie sich zeitlich nicht umstellen können. Auch schwangere und stillende Frauen müssen nicht fasten. Sie können das Fasten zu einen späteren Zeitraum nachholen wenn sie dazu wieder in der Lage sind. Wenn sie langfristig nicht fasten können dürfen sie alternativ Mahlzeiten für Fastende zur Verfügung stellen. So sind sie indirekt an deren Fasten beteiligt.

8) Sei ehrlich, wenn ich jetzt vor deiner Nase ein Stück Pizza esse ist das wie Folter, oder?

Eigentlich nicht. Es mag für viele schwer nachvollziehbar sein, die nicht selbst fasten. Aber wen man aus Überzeugung fastet ist es so als würde man einen Schalter im Gehirn einschalten der die Option von Nahrung nahezu wie selbstverständlich ausschließt. Man grübelt nicht den ganzen Tag darüber nach ob man nicht doch etwas essen sollte. Die Versuchung existiert nicht. Man spürt Hunger und Durst, nimmt diese aber nicht zur Kenntnis. Tatsächlich kommen beide auch eher in Schüben, die dann wieder verfliegen. Das wissen wir. Der Geruch oder der Anblick von Essen weckt höchstens die Vorfreude auf das Fastenbrechen zum Sonnenuntergang. Aber wirklich schlimm ist das nicht. Also nur zu. Guten Appetit.

9) Warum tut ihr euch das an?

Im Wesentlichen brauchen wir Muslime nur einen Grund zum Fasten; es ist eine religiöse Pflicht. Wir vertrauen darauf dass Gott uns diese Religion nicht aus Schikane herabgesandt hat sondern um uns zu helfen. Sie soll uns zu einem friedlicheren und besseren Leben im Diesseits, sowie zu Erfüllung und Selenfrieden im Jenseits verhelfen. Weil wir Gott vertrauen, folgen wir den Anweisungen. Trotzdem denken wir viel darüber nach, was wohl hinter solchen Pflichten steht. Zum Fasten im Ramadan fallen da körperliche, geistige, seelische und gesellschaftliche Vorteile ins Gewicht.

Die Körperlichen: Nicht ohne Grund haben wir keinen Appetit wenn wir krank sind. Auch im Tierreich kann man beobachten das kranke oder verletzte Tiere sich oft zurückziehen um zu „fasten“ und somit optimal zu verheilen. Beim Fasten hat der Körper Zeit sich selbst zu regenerieren. Allerdings machen viele Muslime diese positive Wirkung wieder zunichte in dem sie sich nachts besonders mit süßem vollstopfen. Immer mehr von uns fangen aber nun an umzudenken. Schließlich haben die ersten Muslime im Ramadan auch nur das gegessen was es sonst auch gab. Für sie war der Ramadan mit Sicherheit auch eine Zeit der Entgiftung und somit gesundheitsfördernd.

Die Geistigen: Wer einmal den Australischen Dokumentarfilm „Fat Sick and nearly Dead“ gesehen hat, der hat mitbekommen wie mehrere Menschen durch fasten (in diesem Fall Saft Fasten worin alle mindestens 10 Tage lang nur von frisch gepressten Obst-und-Gemüsesäften lebten) nicht nur ihre Krankheitssymptome loswurden sondern auch von neugefundener Energie sprachen. Sie konnten viel klarer denken, hatten weniger Müdigkeitserscheinungen und waren generell produktiver. Auch in alten von Muslimen geschriebenen Büchern spricht man davon dass das Fasten die geistigen Fähigkeiten verbessert. Seit immer mehr moderne Muslime zum alten Fasten ohne nächtliche Extrakalorien zurückfinden haben auch sie das Gefühl nach einer Weile geistig fitter zu sein.

Die Seelischen: Der Triumph des Geistes über den Körper ist nur ein Aspekt der seelischen Vorteile des Fastens. Man hat ein klares Beispiel dafür dass man sich selbst unter Kontrolle haben kann wenn man nur will. Andere Regeln oder gar Diäten sind daneben Kinderkram. Aber selbst die Indianer nutzten das Fasten um eine Art spirituelle Ektase herbeizuführen. Der Seelische Aspekt beschränkt sich auch beim islamischen Fasten nicht auf das Trainieren innerer Ruhe und Disziplin sondern beflügelt auch innerlich, wenn auch nicht bis hin zur Ekstase. Man fühlt sich mit Gott verbunden, ist

dankbar für das Fastenbrechen und erfährt einen seelischen Frieden der selten so ausgeprägt ist wie im Ramadan.

Die Gesellschaftlichen: Gesellschaftlich betrachtet stärkt der Ramadan das Gemeinschaftsgefühl. Alle Muslime, ob reich oder arm, ob schwarz oder weiß, ob neu-Muslim oder als solcher geboren fasten gemeinsam. Auch das Mitgefühl für unsere Mitmenschen ist in dieser Zeit stärker ausgeprägt. Daher steigt im Ramadan auch die Bereitschaft anderen zu helfen und mit denen zu teilen denen es nicht so gut geht wie einem selbst.

10) OK. Aber Moment Mal… War Ramadan nicht irgendwann im Herbst?

Der islamische Kalender richtet sich nach dem Mond. Da Mondmonate etwas kürzer sind als Sonnenmonate, verschiebt sich der Ramadan jedes Jahr um 10 Tage. Das bedeutet dass er über die Jahre durch die Jahreszeiten wandert.

Und so gibt es Zeiten in denen wir im Winter schon am Nachmittag fasten brechen können und Zeiten in denen das Fasten zur wahren Geduldsprobe wird. Es ist mit Sicherheit kein einfacher Monat. Er ist anstrengend. Es wird nachts viel gebetet und schlafen tut man oft nur wenig. Dann ist es auch schön wenn der Ramadan auch wieder geschafft ist und ich morgens wieder ganz normal meinen Kaffee trinken darf. Aber bis dahin ist jetzt erst einmal Fasten angesagt. In diesem Sinne wünsche ich allen Menschen, egal ob Muslime oder nicht, einen gesegneten Ramadan.

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About Author

wurde 1978 als Mischlingskind einer deutschen Mutter und eines arabischen Vaters geboren. So lernte sie schon früh den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Sie studierte Anglistik und Sprachwissenschaft und ist ausgebildete English-Lehrerin. In Dubai arbeitete sie als freiberufliche Journalistin und Drehbuchautorin. Heute ist sie Mutter, und schreibt ehrenamtlich für die deutschmuslimische Bildungsplattform, Grünebanane.de. Außerdem wirkte sie als Radiojournalistin für die Integrationskampagne „Perspektive Ausbildung“ mit, und unterrichtet einen Islamkurs für Nichtmuslime, dessen Ziel es ist Brücken zwischen den Kulturen zu bauen.

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