24 Stunden Istanbul: Ein Erlebnisbericht

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Foto: Elif Altinbasak / Flickr.com

Clash of Civilizations vs. #EvrenselBarış

 

Der Gezi-Park, angeschlossen an den Taksim-Platz in Istanbul, ist wohl der Ort, der in den letzten 20 Tagen am häufigsten in den Medien erwähnt wurde. Es ist der Ort, der zum Symbol des Widerstands in der Türkei geworden ist. Widerstand gegen Baum-Mörder, Widerstand gegen die Polizei, Widerstand gegen den Staat, Widerstand gegen Erdoğan. So hat er sich jedenfalls hochgesteigert, der Widerstand.

Am vergangenen Samstag um 21 Uhr schien es so, als ob der Widerstand endgültig gebrochen sein würde. Die Polizei fuhr groß auf, umzingelte den Taksim-Platz mit den als „TOMA“ bezeichneten Wasserwerfern und maskierten Polizisten und fing an, ununterbrochen die Menge aufzufordern, den Platz zu räumen. Sonst werde der Platz mit Gewalt geräumt.

Am Ende musste auch geräumt werden. Die Protestierenden wollten den Platz unter keinen Umständen verlassen. Nicht so. Nicht ohne ihre Wünsche erfüllt zu sehen. Einige wurden gewaltsam vom Platz entfernt, andere flüchteten in die engen Gassen von Beyoğlu.

Die Wünsche und Forderungen der Massen bezogen sich anfangs auf die Erhaltung von 13 Bäumen, die hätten verlegt werden sollen. In der Nacht des zweiten Widerstandstages griff die Polizei durch. Sie räumte die Zelte und suchte die Konfrontation mit den Protestierenden. Sich wehrende Menschen wurden mit Tränengas außer Gefecht gesetzt oder mit dem Wasserwerfer aus dem Weg geräumt. Es gelang der Polizei schließlich nicht, die gesamte Menge der Menschen vom Platz zu entfernen. Denn die Zahl der Protestierenden wurde erstaunlicher Weise nicht weniger, sondern vermehrte sich von Stunde zu Stunde. Fotos und Aufrufe, die auf Facebook und Twitter geteilt und retweetet wurden, waren eine Art Aufruf zur Solidarität. Es strömten Menschen nur so in Massen zum Taksim-Platz.

Der Gezi-Park ist ein Teil von Taksim. Taksim ist ein berühmter, aber kleiner Ort des Bezirks Beyoğlu. Beyoğlu hingegen ist einer von 39 Bezirken Istanbuls, der größten von insgesamt 81 Städten der Türkei. Wäre es nicht die Aufgabe des Bezirksbürgermeisters gewesen, den Dialog mit den Protestierenden zu suchen? Hätte er nicht deeskalierend wirken können? Warum mussten die Polizeikräfte sofort so harsch durchgreifen?

Claudia Roths Selbstinszenierungsshow

An jenem Abend, als der Taksim-Platz endgültig leergeräumt werden sollte, sind viele Demonstranten in die Seitenstraßen geflohen und hatten nicht die Absicht, einfach so nach Hause zu gehen. Sie fanden Zuflucht in manchen Geschäften und Hotels. Sie wollten nicht aufgeben. Sie fanden auch Unterstützung, unter anderem aus Deutschland. Grünen-Chefin Claudia Roth und Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen sind die prominentesten Unterstützer von #occupygezi. Roth ließ sich sogar Tränengas verabreichen, um damit eine perfekte Show fürs Fernsehen hinlegen zu können. Dağdelen hingegen setzte auf die Sozialen Medien.

Sie posiert in einem engen roten Rock auf einer von polizeilicher Gewalt geprägten Demonstration in die Kameras und schreibt auf Facebook unverblümt „Die Polizei stürmt den Platz! Stoppt den Polizeiterror! Stoppt Erdoğan!“. Eine andere Statusmeldung lautet so: „Es soll Tote gegeben haben durch den brutalen Polizeieinsatz in der Hotellobby! Viele Verletzte! Die Türkei ist auf dem Weg in eine faschistische Diktatur! Erdoğan muss weg! Widerstand überall!!“ Der Gipfel aller verlogenen Aussagen dient letztendlich nur der Panikmache: „Jetzt werden Panzer der paramilitärischen Gendarmerie-Verbände eingesetzt. Erdoğan setzt auf völlige Eskalation. Erdogan muss weg!“ Diese Statusmeldung wurde fast 100 Mal geteilt. Doch es stellte sich heraus, dass es keine Panzer sind, die eingesetzt wurden, sondern Wasserwerfer der Gendarmerie, die dem Innenministerium unterstellt ist, in militärischer Khaki-Farbe. Darf es sich eine Bundestagsabgeordnete erlauben, falsche Informationen zu verbreiten, die andere Menschen in Panik versetzen könnten? Darf Sie lügen, weil sie die politische Immunität genießt?

Lügen, falsche Informationen, Gewalt, Unterdrückung, Tränengas etc… – Das sind die Fakten des genannten Abends.

Gegen 18 Uhr des darauf folgenden Tages versammelt sich eine andere Gruppe am Kazlıçeşme-Platz in Zeytinburnu. Diesmal ist kein Widerstand zu spüren. Es hängen keine hässlichen Plakate und Fahnen rum. Stattdessen wehen türkische Fahnen und AKP-Flaggen über den Platz. AKP-nahen Angaben zu Folge sind knapp 1 Million Menschen vor Ort, um dem wichtigsten Mann der neueren Geschichte der Türkei zuzuhören. Und nicht nur das: Sie sind da, um ihn zu unterstützen und zu beschützen.
Der türkischen Tageszeitung Radikal zufolge wollen 3 Professoren der Boğaziçi Universität allerdings ausgerechnet haben, dass „nur“ 295.000 Menschen auf dem Kazlıçeşme-Platz ihren Erdoğan gefeiert haben können. Das hindert die AKP-Anhänger allerdings nicht daran, ihre Teilnahme an der Kundgebung unter dem Titel „Respekt dem Nationalen Willen“ mit breiter Brust auf Facebook zum Status zu machen. Die Menschenmenge, die auf den Fotos zu sehen ist, ist jedenfalls beeindruckend!
Türkisch-Olympiade:  Die Leidenschaft der schweigenden Mehrheit
Nach der vielbejubelten Ansprache Erdoğans löst sich die Menge wieder auf. Friedlich. Nicht wie auf dem Taksim-Platz. Sie fühlen sich auf der sicheren Seite. Der Gewinner-Seite. Einige tausend dieser Besucher suchen nun die Busse, die sie zur nächsten Veranstaltung transportieren sollen: Der Türkisch-Olympiade. Das etwa 30 km entfernte Olympia-Stadion war das Ziel. Das Stadion hat ca. 80.000 Sitzplätze, aber es wurden mehr als 200.000 Besucher erwartet. Es kamen laut Organisatoren 250.000 Zuschauer. 150.000 waren im Stadion. Viele nahmen Sitzplätze und Stehplätze auf dem Feld ein. Etwa 100.000 verfolgten den Eventaußerhalb des Stadions auf großen Leinwänden mit. Es nehmen 2.000 Schüler aus 140 verschiedenen Ländern an dieser großen Veranstaltungteil. Es war der Abschluss der 11. Olympiade dieser Art. Jedes Jahr wird dafür ein größerer Veranstaltungsort gebraucht. War vor 10 Jahren noch eine Sporthalle ausreichend, so hatte man 2012 das nagelneue Türk-Telekom-Arena-Stadion mit 55.000 Sitzplätzen gebucht. Mehr als 100.000 Menschen mussten sich damals schonaußerhalb des Stadions mit den Videowalls zufrieden geben.
Ist es überhaupt noch möglich, einen größeren Veranstaltungsort zu finden? Innerhalb der Türkei nicht mehr, soviel steht fest. Einziges deutlich größeres Stadion in Europa wäre das Nou Camp in Barcelona mit einem Fassungsvermögen von knapp 99.000 Besuchern. Vielleicht ein Ziel der Organisatoren, wer weiß?
Die Ereignisse, die auf dem Gezi-Park passiert sind, wurde in den größten Medienunternehmen der Welt, CNN Int., BBC, DW etc. sehr breit wiedergegeben. CNN Int. hat 13 Journalisten entsandt, um hautnah dabei zu sein. Sie haben zum Höhepunkt der Ausschreitungen 9 Stunden lang ununterbrochen weltweit gesendet und die Türkei als Schlachtfeld dargestellt.
Kämpfe, Ausschreitungen, Widerstand, Occupy, Polizeigewalt und ähnliche Themen sind für die Medien offenbar sehr interessant. Eine kulturelle Veranstaltung hingegen, die 2.000 Menschen verschiedenster Kulturen zusammenbringt und mit Gedichten, Geschichten und Liedern verbindet, wird von den großen Medienunternehmen nicht beachtet.
Dabei hat sich auch das Ziel der Organisatoren hinsichtlich des Nebeneffekts der Türkisch-Olympiaden gesteigert: Von #YeniBirDünya zu #EvrenselBarış.
„Yeni Bir Dünya“ bedeutet „Eine neue Welt“. „EvrenselBarış“ hingegen „globaler Frieden“. Die Frage ist nun, ob es die Organisatoren schaffen, den globalen Frieden durchzusetzen? Der größte Gegner hierbei ist die Gewalt, die sehr viele Leser anzieht und somit den Medienunternehmen mehr Einnahmen verschafft.
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About Author

1974 geboren in Berlin. Grundschule und Gymnasium im "bürgerlichen" Schöneberg in Berlin. Abitur und Germanistik-Studium im lebendigen Istanbul. Rückkehr nach Berlin nach dem großen Erdbeben im August 1999. Seitdem verschiedene Tätigkeiten. Verheiratet und Vater von 2 Kindern.

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