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Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen für Radikalisierung?

Das ist eine ganz große Frage. Dafür braucht man ja ein Extra-Referat. Deshalb war ich auch bei Günter Jauch eingeladen, damit ich meine Meinung über die Radikalisierung äußere. Die Radikalisierungsursachen bei den Muslimen sind genauso wie bei den Nichtmuslimen. Wenn man auf die muslimischen Organisationen schaut, nämlich die Moscheen und die islamischen Vereine, sehe ich auch schon die Ursache, da es dort nicht genug Aufklärung gibt. Verschiedene Moscheen in Deutschland verbieten den Predigern, den Imamen, dass sie bestimmte Themen ansprechen, wie z. B. Jihad, weil sie immer Ängste haben, vom Verfassungsschutz beobachtet und überwacht zu werden. Also sind sie Standard-Imame, die nur z. B. über rituelle Waschung und über gewöhnliche Themen wie Paradies, Hölle usw. predigen. Aber die Themen, mit denen sich unsere Jugendlichen beschäftigen, werden in den Moscheen nicht thematisiert. So etwas ist mehr im Internet vertreten und dort ist eine virtuelle Moschee, wo die Jugendlichen evtl. radikalisiert werden. Dazu kommen noch die Bücher, die ausgedruckt und übersetzt werden. Leider sind es oft Bücher, die in verschiedener Hinsicht radikalisierend wirken. Viele Bücher werden in einer zusammengefassten Form verfasst. Wenn man in dieser Form übersetzt, dann gehen sehr viele bedeutende Informationen verloren. Daraus resultiert, dass falsche Informationen bei den Lesern ankommen und diese Leser sind die Jugendlichen. Es wird z. B. über die Loyalität und Lossagung geschrieben, dass der Ungläubige nur zu hassen ist, dabei unterscheidet man nicht in diesen Manuskripten zwischen dem Ungläubigen, der die Muslime bekämpft, vertreibt, unterdrückt wie im Fall von den Mekkaniten mit dem Propheten Mohammed (Allahs Segen und Frieden auf ihm) und dem Ungläubigen, der friedlich mit den Muslimen lebt. Solche Aussagen und Bücher werden verbreitet, ausgedruckt, sogar manchmal verteilt. Wenn man die Predigtszene betrachtet, dann sieht man, dass der religiöse Diskurs nicht gesund ist. Es ist vielmehr radikalisierungsfördernd, indem man nicht die Jugendlichen mit ihren Themen verbindet, dass z. B. Probleme aus dem Ausland hierhin importiert werden, siehe: Shia und Sunna. Wir in Deutschland haben mit Shia gar kein Problem, wir Sunniten, aber im Irak und in Syrien usw. schon. Prediger können das leider nicht unterscheiden, dass wir hier einen anderen Zustand haben, dass wir hier friedlich leben. Dann brauchen wir hier auch nicht diesen Hass zu uns nach Deutschland importieren. Dazu kommt auch der Staat und wie dieser damit umgeht. Die Medien sind für mich auch radikalisierend, wenn die Muslime die ganze Zeit nur Hetze gegen den Islam, gegen gläubige Muslime und muslimische Organisationen sehen und dass der Verfassungsschutz und der Staat verkrampft mit dem Thema „Islam“ und den islamischen Organisationen umgehen. Wenn etwas gestartet wird, z. B. eine Initiative in Gefängnissen von gemäßigten Muslimen, von gemäßigten Organisationen, wird alles verboten. Alle Türen werden geschlossen. Alles mit der Begründung „sie haben Kontakte zur Muslimbrüderschaft, sie haben Kontakte zu dem und zu dem.“ Dadurch gibt es eine schlechte Stimmung. Es gibt ein Misstrauen gegen die islamischen Organisationen.

Wenn man die Zeitungen liest, Talkshows sieht, wie sie gegen den Islam hetzen, z. B. bei den Podiumsdiskussionen sehen wir oft, dass fünf Gegner des Islams eingeladen werden und einer, der die Muslime vertritt. Er soll diesen fünf Gegnern antworten. Das ist ungerecht. Das alles verursacht unter den Muslimen, die eine islamische Identität haben, Misstrauen. Bei den Jugendlichen, die eventuell auffällig für die Radikalisierung sind, entsteht kein Misstrauen mehr, sondern Hass und dann sehen sie den Anderen als Feind. Die Außenpolitik Deutschlands kommt auch noch dazu, wie z. B. mit dem Konflikt in Syrien umgegangen wird. Baschar Al-Assad tötet seit 5 Jahren sein Volk und das alles vor den Augen dieser Welt. Wir sehen, dass er mit der Maschinerie bombardiert, die aus Deutschland importiert wird. Dass so etwas nicht gestoppt wird, verstehe ich nicht, auch nicht, wie der Konflikt Palästina/Israel thematisiert wird, wie die Politik und die Medien dazu stehen und mit Doppelmoral berichtet und thematisiert wird. Alle Themen sind miteinander verknüpft und verursachen diese Stimmung des Misstrauens.

Was ist Ihre Stellungnahme zu der Aussage „Die größtverfolgte religiöse Gruppe sind die Christen“?

Das stimmt nicht. Es kann ja sein, dass sie in bestimmten Ländern verfolgt werden. Aber das ist nicht die größtverfolgte Religionsgemeinschaft. Das ist meine Stellungnahme. Ganz knapp.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sie würden radikalen Islamismus predigen?

Das ist falsch. Derjenige der das behauptet, hat meine Predigten nicht gehört.

In der Mehrheitsgesellschaft gerät Religion immer mehr in den Hintergrund, so die Aussage von Experten. Was sagen Sie zu dem Vergleich „Gott würde zur Rache als Abdul Adhim zurückkommen“?

Derjenige, der so eine Aussage trifft, trifft das auch nicht einfach so. So ein Mensch beobachtet den religiösen Diskurs unter den Muslimen und er trifft eine Aussage, die zwar richtig ist, wenn man den aktuellen Diskurs betrachtet, aber leider nicht auf Abdul Adhim zutrifft. Im religiösen Diskurs der Muslime sehen wir in vielerlei Hinsicht das Bild von Gott als des strafenden, vernichtenden, verfluchenden Gottes, eines Gottes der nur darauf wartet, dass Unheil verbreitet wird und dann vernichtet er. Viele von den Predigern stärken dieses Bild, ohne dass sie es merken. Aber dieses Bild Gottes stimmt so nicht. Das, was ich predige, ist vielmehr der liebende, vergebende, verzeihende und barmherzige Gott. Gott im Islam, Allah, ist der, der Menschen alles vergibt, wenn sie Reue und Dankbarkeit zeigen. Selbst wenn diese Menschen in die Irre gehen, sich angestrengt und bemüht haben, Ihn kennenzulernen und es trotzdem nicht geschafft haben. Er bestraft nicht solche Menschen. Die Verse, die wir sehen, die vielleicht problematisch erscheinen, dass Allah die Ungläubigen verflucht oder in der Hölle schmoren lässt, sind Verse, die mit dem Kontext zu verbinden sind. Der Koran ist in Mekka herabgesandt worden und diejenigen, die den Propheten (Allahs Segen und Frieden auf ihm) kannten, kannten ihn mit seiner Wahrhaftigkeit. Danach kam eine Zeit, wo Götzendienst und Schändlichkeit verbreitet waren. Er (Allahs Frieden und Segen auf ihm) kam, um sie aus diesen Finsternissen herauszubringen. Er rief sie zum Monotheismus und zum Guten auf. Dabei haben sie ihn und seine Anhänger verleugnet, bekämpft und vertrieben. Dann kam der Koran mit diesen Versen. Das sind die Ungläubigen, die die Wahrheit erkannt, aber verleugnet und bekämpft haben. So einer ist ein Gegner und ein Feind Gottes auf dieser Erde. Man muss den Koran mit diesem Kontext lesen, dann weiß man, wie das gemeint ist. Es gibt Leute, die nicht glauben, nicht weil sie Allah ablehnen, sondern weil sie keine Möglichkeit hatten, Allah kennenzulernen, weil die Botschaft zu ihnen nicht rein und sauber angekommen ist. Allah kam zu ihnen als der Strafende, als einer, der blutgierig ist, ein Zerstörer. Natürlich wird er nicht an diesen Allah glauben. Wenn einer, der so eine Aussage trifft, über den islamischen Diskurs spricht, dann würde ich sagen, er könnte recht haben, in vielerlei Hinsicht. Wenn er das über den Islam sagt, dann ist das aber falsch.

Zum 4. Teil
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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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