„Ach Gott, so will ich es getan haben“: Zur Hexenjagd in der Türkei

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Bildquelle: Αντώνης Σαμαράς Πρωθυπουργός της Ελλάδας | Attribution-Share Alike 2.0 Generic | Δείπνο του Γιώργου και της Άντας Παπανδρέου με τον Recep Tayyip την Emine και την Sumeyye Erdogan

Während der frühen Neuzeit waren Mittel- und Nordeuropa Schauplätze von Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen. Häufigster Grund für diese war eine vorhergehende Anklage von Menschen. Diese hätten sich der Hexerei schuldig gemacht. Dieses Verbrechen, dem der Obrigkeit zufolge der sogenannte Teufelspakt zugrunde lag und das mit der Häresie und der Apostasie verbunden wurde, wurde unbarmherzig geahndet.

Anders als im Mittelalter, wo die Inquisition die Verdächtigen nach Massenprozessen hinrichten ließ, zogen in der frühen Neuzeit die Adeligen in Kooperation mit der Bevölkerung die juristischen Fäden und denunzierten die betroffenen Menschen, zu 90% Frauen. Wenn man der Sache auf den Grund geht, wird man feststellen können, dass die Verurteilungen in aller Regel auf Grund von Gerüchten und Mutmaßungen erfolgten und keine tatsächlichen Delikte im Zusammenhang mit Schwarzer Magie nachzuweisen waren.

Allein in Mitteleuropa arteten die Verfolgungen in eine Massenhysterie aus, denen ungefähr 60 000 Menschen zum Opfer fielen.

Sozialer Ausgangspunkt

Im Mittelalter waren es überwiegend Häretiker, die sich mit dem katholischen Gedankengut nicht verbunden fühlten und die Reformationen unterstützten, die auf dem Scheiterhaufen endeten. Die Verfolgung von Hexen als solche hatte dagegen die veränderten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse im 17. Jahrhundert als Grundlage.

Der Dreißigjährige Krieg, der in diesem Jahrhundert in Europa tobte, verwüstete die Landschaften und zerstörte Häuser. Allein in diesem Krieg fielen geschätzte zwei Millionen Menschen. Dazu brach noch die Pest aus und abertausende Menschen starben den erbitterten, „schwarzen” Tod. Die Gesellschaft formierte sich nach den vielen Toten neu und die familiären Strukturen wurden ebenfalls verändert. Der Adel heiratete beispielsweise einfache Bauernmägde, die das Ansehen der Edelmänner errangen. Die Frauen, von denen einige in wohlhabenden und feudalen Familien eingeheiratet waren, machten damit anderen die Erbfolge streitig. Auch andere Gründe wie Neid und Eifersucht führten des Öfteren zu einer Anschuldigung mit der Hexerei.

Die Gerichtsurteile basierten überwiegend auf wirtschaftliche und soziale Aspekte und wurde mit den religiösen verschleiert. Der Pakt mit dem Teufel, Giftmischungen, Teufelsbuhlschaft und Zauberei waren nur Deckmäntel für beispielsweise Familien- und Vermögenskonflikte, um Konkurrenten und unliebsame Außenseiter auszuschalten. Ganz zu schweigen von Agnes Bernauer, Sidonia von Borcke und Katharina Henot, die alle aus demselben Grund hingerichtet wurden.

In Nordeuropa dagegen waren es überwiegend Männer, die der Hexerei beschuldigt wurden. Sie wären angeblich mit einem speziellen Gürtel ausgestattete Wesen, die sich in Werwölfe verwandeln konnten und somit auf dem Scheiterhaufen landeten. In Deutschland wiederum gab es einige wenige Beispiele männlicher Bürger, wie etwa der Bamberger Bürgermeister Johannes Junius, der die von den Henkersknechten erdachte Lüge nicht gestand und den Tod am Scheiterhaufen fand. Auch seinem Arnsberger Amtskollegen Henneke von Essen ging es nicht anders.

Wer, wenn nicht die als Hexen und Hexer verleumdeten Frauen und Männer könnten den Sündenbock in diesen präkeren Situationen der Interessenskonflikte spielen? Sowohl die Frauen als auch die Männer waren Opfer von Intrigen, mit denen ihre Widersacher sie aus dem Weg schaffen wollten. Die Anschuldigungen der Hexerei konnten zudem bis dato nicht unter Beweis gestellt werden. Die unschuldigen Menschen wurden dem Richterspruch auf Grund der „Constitutio Criminalis Carolina”, jenem damals gültigen Strafrecht, unterworfen, das sich bei den Prozessen sogar auf Kinder berief.

Merga Bien fiel in gleicher Weise in Ungnade

Neben den drei zuvor erwähnten Frauen, die wirtschaftlichen Ränkespielen zum Opfer fielen, sei an dieser Stelle auch Merga Bien zu erwähnen. Die Fuldaerin heiratete zuerst einen betagten Witwer, von dem sie ein Vermögen erbte. Anschließend starb ihr zweiter Mann mit den zwei Kindern an der Pest und schließlich gab ihr dritter Mann, ein Schultheiß vom Beruf, nach einem Streit mit dem Herren von Schlitz seine Stelle auf und zog mit Merga Bien wieder nach Fulda. Dort holte sie ihr Schicksal jedoch ein, weil diese Ereignisse anscheinend nicht von ungefähr kamen. So beschuldigte der Fürstabt Balthasar von Dernbach die Frau und ließ ihr den Prozess wegen Hexerei machen. Sie hätte ihren zweiten Mann und ihre Kinder vergiftet, den Junckern eine Krankheit angehext, am Hexensabbat teilgenommen und ihre letzte Schwangerschaft rühre nicht von ihrem dritten Mann, sondern vom Teufel her. Von seinem dritten Mann hätte sie 14 Jahre lang kein Kind bekommen, wieso jetzt urplötzlich, so der Fürstabt. Diese ausgedachten Gründe reichten lediglich im Prozess aus, um Merga Bien zu verurteilen. Hochschwanger stellte sie sich gegen die Anschuldigungen und wurde während des Verhörs sogar gefoltert. Ihre Kräfte ließen dermaßen nach, dass sie die Anschuldigungen schließlich ungewollt zugab und sagte: „Ach Gott, so will ich es getan haben.” Schließlich starb sie nach einer vierzehnwöchigen Haft im Folterzustand den elenden Tod.

Hexenverfolgungen in der Türkei des 21. Jahrhunderts

Die Verdächtigung angeblichen Schadenzaubers wegen hat auch bis heute angehalten. Nur verlagerten sich die Schauplätze vom Abendland der neuen Frühzeit in viele Entwicklungsländer Südamerikas und Afrikas heute.

Sogar in der Türkei ist seit Wochen die Rede von einer „Hexenverfolgung”, obwohl das islamisch geprägte Land in seiner Geschichte nie nach „Hexen” gejagt hat. Ausgerechnet unter der islamisch-konservativen Regierung von Ministerpräsident Erdoğan sieht die Realität jedoch anders aus. Die kampfeslustigen Töne, die seit Monaten aus der Türkei zu vernehmen sind, weisen uns auf eine neudimensionierte Art von Hexenverfolgung hin. Der Hexerei bezichtigt werden dabei die Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen, die angeblich eine sogenannte „Parallelstruktur” im Staat aufbauten und somit das Land zu unterwandern versuchten. Hierzu fehlen allerlei Beweismaterialien, doch Erdoğan pocht auf seine These, und hetzt das Volk mit aller Kunst der Demagogie und der Wahrnehmung gegen die Anhänger dieses sozialen Netzwerks auf.

Er werde auf Hexenjagd gehen und die Bewegung um den Prediger Gülen im Keim ersticken, betonte er. Gülen selbst sei nach Angaben Erdoğans der Drahtzieher einer Bande, die sich in der Bürokratie und in der Justiz verschanzt haben soll. Auch hierzu fehlen allerlei Indizien und kein gesunder Menschenverstand würde je einem solchen Vorwurf Glauben schenken wollen.

Der Prediger Gülen und seine Anhängerschaft präsentieren sich seit der Gründung dieser Bewegung als friedvolle Menschen. Bereits während der Wahlkampagne zu den Kommunalwahlen ging Erdoğan verstärkt auf diese Menschen los, die sich eigentlich seit Jahrzehnten nur für die Bildung der Menschen und für gegenseitiges Verständnis in den Gesellschaften unserer Welt eingesetzt haben. Die Spannung zwischen Erdoğan und der Gülen-Bewegung, die vor zwei Jahren begann, fand ihren Höhepunkt nach der Korruptionsaffäre vom 17. Dezember letzten Jahres.

Obwohl viele Indizien einen Nepotismus der Regierenden offenbaren, bezichtigt Erdoğan die Anhänger Gülens der Lüge und unterstellt ihnen die Absicht zu einem Putsch. Der Grundgedanke, der hinter den Angriffen Erdoğans steckt, ist meines Erachtens nichts anderes als der Wunsch nach Beseitigung aller ebenbürtigen Faktoren, die dem Premierminister zur Bürde werden könnten. Man braucht kein Hellseher zu sein, um jene Entwicklungen zu verstehen, die als nächstes auf viele zivile Initiativen in der Türkei gerichtet werden, die gegen Erdoğan opponieren.

Hexenjagd auf die Sicherheitskräfte eines Landes

Die Hexenjagd, die Erdoğan ankündigte, richtete sich vor einigen Tagen selbst auf die Sicherheitskräfte des Landes. Festgenommen wurden eben jene Polizeichefs, die bei der Korruptionsaffäre um Erdoğan und vier seiner Kabinettsmitglieder in die Offensive gingen. Einen Racheakt, so viel wird deutlich, will Erdoğan durchziehen, um seine Widersacher aus dem Weg zu räumen.

Erdoğan, der vor einigen Jahren mithilfe dieser Polizeichefs die überwiegend pensionierten Generälen der Untergrundbande Ergenekon festnehmen ließ, wendet nun das Blatt, richtet seine Arkebusen auf eben diese Polizisten und versöhnt sich wieder mit den altgedienten Machthabern aus dem Militär. Das Volk nahm den damaligen Demokraten und Freiheitskämpfer Erdoğan in die Arme, der wiederum diesen Ruhm unter anderem auch eben jenen Polizisten zu verdanken hat, gegen die er heute auf Hexenjagd geht. Die Handschellen, die nicht einmal die Verbrecher der Ergenekon-Bande angelegt bekamen, sitzen nun an den Handgelenken dieser Sicherheitskräfte.

Erhobenen Hauptes gingen die verhafteten Polizisten, flankiert wieder von ihren Arbeitskollegen, zum Verhör und betonten immer wieder ihre Unschuld. Bleibt abzuwarten, ob das Ränkespiel, das Erdoğan spielt, mit Folterungen weitergeht. Und zwar so lange, bis die Polizisten sagen, wie einst Merga Bien zu sagen pflegte: „Ach Gott, so will ich es getan haben.”

Mit dieser antidemokratischen Offensive entpuppt sich Erdoğan, der zuvor zehn Jahre lang nur seine „demokratische” Seite gezeigt hatte, nun als Großinquisitor. Das Machtinstrument der Hexenverfolgung zu bedienen, lässt Erdogan das Land in den Schatten des Mittelalters zurückdrängen. Ob das vor Jahrhunderten aufgeklärte Europa vor dem Hintergrund der Dekadenz, in die Erdoğan die Türkei führt, noch etwas mit diesem Land unter seiner Regierung zu tun haben will, ist fraglich.

Quintessenz des Ganzen: Die Geschichte, aus der wir immer wieder eine Lehre ziehen sollten, wiederholt sich in unterschiedlichen Dimensionen immer wieder. Die angeblichen Hexen der Türkei werden verfolgt und bestraft, auch wenn die Hexenverfolgungen in Europa vor Jahrhunderten aufgehört haben.

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About Author

Geboren am 18.07.1973 in Kassel ist Sait Gül dort zur Schule gegangen. Sein Studium absolvierte er im Bereich Bauingenieurwesen. In seiner Jugend entwickelte sich Gül im Gebiet der Religionswissenschaften und Geschichte. Er war jahrelang freier Journalist in Tageszeitungen und brachte selbst eine regionale Zeitschrift in Kassel heraus. Gül ist verheiratet und hat vier Kinder. Er ist ein leidenschaftlicher Leser von historischen Romanen.

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