Ägypten: In 18 Tagen den Präsidenten stürzen – ein kurzer Rückblick

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© Ahmed Mahfouz

In den Januar und Februar Wochen (2011) hat sich vieles getan in der arabischen Welt. Zuerst wurde täglich von den Unruhen in Tunesien berichtet, wo das Volk erfolgreich das Regime gestürzt hat. Kurz darauf wurde der Aufstand in Ägypten publik und in aller Munde diskutiert. Von den sozialen Netzwerken, den Massenmedien bis hin zu den Politikern weltweit ein heißes Thema, die  Welt hielt den Atem mit den Ägyptern. Ein typisches Phänomen von parasozialer Anteilnahme mit dem ägyptischen Volk. Hier z.B. die  virtuelle Solidarität mit einer Beteiligung von 866756 Zusagen alleine in Facebook ( genannt: A Virtual „March of Millions“ in Solidarity with Egyptian Protestors, Stand: 13.2.2011)

Doch wer sind eigentlich die wahren Sieger in Ägypten mit 80 Millionen Bürgern und  was genau ist dort passiert? Wie hat das ganze angefangen und was hat das mit dem Gerücht auf sich, dass soziale Netzwerke einen großen Beitrag dazu geleistet haben? Welche Rolle spielte Tunesien dabei und was hat das ägyptische Volk dazu getrieben nach 30 jähriger Duldung den Präsidenten, den es nie wirklich haben wollte, zu stürzen?

Um rückwirkend zu beschreiben, vor ca.  einem Jahr war der aktuellste Stand, dass nach Rücktritt des Präsidenten Hosni Mubarak die ägyptische Armee die Regierung übernommen hat.

Das Volk hat tagelang am Tahrir-Platz und an verschiedenen anderen Plätzen wie z.B. Hussary (in Kairo, siehe Bild) den Rücktritt und die Auflösung der Partei Mubaraks eingefordert. Der Druck war enorm, auch im Ausland plädierten Länder und deren Zivilgesellschaften für eine Demokratie ohne Wählerfälschung in Ägypten. Mubarak hat sich Zeit gelassen, auch hat er Vorwürfe zurückgewiesen und eine Rede diesbezüglich gehalten. Bei seiner Rede hat man erwartet, dass er zurücktritt, doch er ließ sich Zeit. Tausende Ägypter haben seinen öffentlichen Auftritt mit Schuhen in der Hand verfolgt. Schuhe sind nicht durch die Luft geflogen, eher war eine  Mischung aus  Enttäuschung  und Entrüstung zugegen.

Doch dann haben am 11. Februar 2011 Hunderttausende Ägypter den Rücktritt Mubaraks gefeiert. Obwohl die  Streitkräfte die wichtigste Stütze von Mubarak waren, griffen sie erstmals seit 60 Jahren nach der Macht. Das Vertrauen des Volkes gegenüber den Streitkräften stieg im Verlauf der Proteste, weil diese legitimiert wurden und ein brutaler Eingriff weitestgehend vermieden wurde.

Mubarak tritt am Freitag zurück, doch seine Donnerstagsrede enttäuschte vorerst sowohl das Volk als auch die Streitkräfte, die zwischen Mubarak und dem Volk taktierten. Hussein Tantaui, der Verteidigungsminister trat zu einer ständigen Sitzung mit dem obersten Militärrat zusammen. Diese Sitzung beinhaltete Maßnahmen und Handlungen, die die Nation, seine Bürger und ihre Errungenschaften schützen sollen. Erwähnung fanden die Namen Mubarak und sein Vize Omar Suleiman nicht. Die etwas zögerliche Haltung des Militärs unter Generalmajor El Sajat, erklärte zunächst, dass ein Konflikt mit dem Präsidenten vermieden werden sollte, doch die Aufforderung zum Rücktritt aus dem Amt Mubaraks hat sich nicht allzu lange verspätet und es geschah. Neben einem Lob an Mubarak und der Erklärung, er habe viel für sein Land getan, sprach sich das Militär für eine bald mögliche Wahl im Lande aus. Bis dahin kann erstmals nur der Abschied von Mubarak gefeiert werden, doch was danach passieren wird, steht noch in den Sternen. Eines steht fest, der politische Umbruch ist in Ägypten eingetreten und die Ära Mubaraks ist zu Ende, wenn der 80-jährige gute Mann es sich nicht anders überlegt und zurück in sein Posten kehren möchte, was altersbedingt mehr strapaziös als förderlich wäre, nehmen wir jedenfalls an.

Das ägyptische Volk hat 30 Jahre Anlauf genommen und in 18 Tagen den Präsidenten gestürzt. Hoffen wir, dass das Volk nicht vom Regen in die  Traufe kommt, denn die Wahlen stehen noch bevor. Die Streitkräfte, die zurzeit das Amt übernommen haben, bewiesen in der Vergangenheit eine hohe Affinität zu Mubarak.

Heute, am 4. Februar, 2012 ist der Stand folgender:

„Mindestens 1.500 Tote – das sind mehr als die Opfer staatlicher Repression während der Umstürze in Ägypten und Tunesien zusammen. Für die Toten der arabischen Revolutionen stehen in diesen Ländern ehemalige Verantwortungsträger vor Gericht. Für die Opfer der europäischen Flüchtlingspolitik muss niemand geradestehen.“ Schreibt Dominik Johnson., Kommentator von TAZ.

Die Wahlen begannen erst am 28. November und endeten vor einigen Tagen (10. Januar 2012) mit dem Wahlsieg der Muslimbruder, die weltweit als islamistische Partei bezeichnet wird. Die Partei  wurde 1928 von Hasan al-Banna in Ägypten gegründet. Die größte Unsicherheit, so schreiben die Blätter, liege bei Israel. Eine konjunkturell gesehen berechtigte Angst um die Beziehungen mit Ägypten, doch wie kann eine neu gegründete Regierung in Ägypten gegen Israel angehen? Die Lieferverträge für Öl und Gas mit  Israel werden erwartungshalber gekündigt – eine wirtschaftliche Konsequenz. Die Einmischung in den Nahostkonflikt und politische Sanktionen, von Ägypten ausgehend, sind weitere erwartete Folgen. Dem Volk Ägyptens waren diese beiden Angelegenheiten schon seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge. Mubarak war nicht sehr beliebt bei den Israelis, war er doch vielmehr ein Verbündeter mit den USA, doch gibt es einen türkischen Spruch dazu: „giden geleni aratır“ – der Neue lässt den alten missen – Mubarak ist der Mann, der von einigen Kreisen sicher noch vermisst und dessen Sturz bemitleidet wird. Der Fluch Mubaraks ruht womöglich auf Ägypten (Achtung Satire): „ ich werde gehen, doch es wird euch schlimmer ergehen ohne mich“.

Thuman, der über die arabische Welt schreibt und der die ZEIT-Redaktion für den Nahen und mittleren Osten leitet, hielt am 13.10.2011 einen Vortrag bei einem Diskussionsabend in Berlin. Der erste Einwand aus dem Publikum richtet sich mit der Frage an Thumann, warum Bahrein außen vor gelassen wurde, dabei habe Bahrein beim arabischen Frühling die meisten Opfer gebracht. Thumann antwortet, dass er sich nur dafür entschuldigen kann, diesen, wenngleich kurzen, Kapitel über Bahrein aus seinem Buch „der Islamirrtum“ nicht vorgelesen zu haben. Dem folgt dann ein ausführlicher Bericht über die Lage in Bahrein.

O-Ton:  Da war eine Fehlwahrnehmung bzw. die Fehlkalkulation des Königshauses von Bahrein. Die haben meist das ausprobiert, was in den anderen arabischen Ländern kaum möglich war. Sie waren Vorreiter. Nur Kuweit hatte sicher mal Versuche gemacht und auch hat Bahrein anders als etwa die vereinigten Arabischen Emirate, eben auch Saudi Arabien in weiten Teilen, eine wirklich urbane Stadtbevölkerung, in der es möglich war und auch öffentliche Unruhen gab, wo Intellektuelle offen über Politik diskutiert haben, das war ein realistisches Experiment. Das wird Folgen haben für diese Insel, das sich im Endeffekt vom Königshaus demontieren lässt und eine gewisse Lage am Golf entstehen lässt und insoweit glaube ich, dass sie bei dieser brutalen Niederschlagung …als allererstes feststeckt.

© Resul Özcelik

Soziologische Erklärung (vom DIB – Autor Resul Özcelik) :

Bei den Afrika-Revolutionen geht es um soziale Phänomene, die unterschiedliche Dimensionen haben. Mit diesem Text soll ein Versuch gestartet werden, diese sozialen Phänomene für unsere Blogleser hinreichend zu durchleuchten.

Nach Uwe Schimanks Handlungs- und Akteurtheoretischer herangehensweise gibt es zwei Teilschritte diese zu erklären. In unserem Beispiel mit den Afrika-Revolutionen, kann ein einzelnes Individuum ein Akteur sein, aber auch ein Staat, als ein überindividueller Akteur wirken. Oder auch ein ganzes Volk, als ein überindividueller Akteur agieren. Im Hinblick auf die Afrika-Revolutionen müssen wir uns mit dem zweiten Teilschritt des soziologischen Rätsels befassen. Es gibt in diesem Teilschritt drei Arten von Akteur Konstellationen.

Vielleicht noch kurz zum ersten Schritt. Dieser befasst sich mit der Handlungswahl des Akteurs. Eine mögliche Frage dieses Teilschritts wäre: Welche Bedingungen haben dazu geführt, dass der Akteur gerade diese eine Wahl getroffen hat? Allerdings geht es bei unserem Beispiel insbesondere mit den Revolutionen in Afrika um eine Strukturveränderung. D. h. eine bestehende Struktur, in diesem Fall die Diktatur, soll entweder erhalten, verändert oder völlig zerstört werden. Die Frage hier im zweiten Teilschritt wäre: Welche Bedingungen haben zu dieser neuen Struktur geführt? Nun gibt es, wie erwähnt, drei Arten von Konstellationen.

1. Beobachtungskonstellation

In dieser Konstellation nehmen Akteure einander war. Und zwar in Form von Beobachtung. Eine Beobachtungskonstellation liegt vor, wenn mindestens zwei Akteure einander wahrnehmen und bemerken, dass zwischen ihnen eine Intentionsinterferenz besteht, auf die sich beide in ihrem weiteren Handeln einstellen. Diese ist die elementarste von allen drei Konstellationen.

2. Beeinflussungskonstellation

Hiermit kämen wir zur zweiten Konstellation. Hierbei wird nicht nur beobachtet, sondern durch Einsatz der Einflusspotentiale wird eine Strukturveränderung herbeigerufen. Wir sehen das z.B. am Regime in Syrien, wo das Militär gegen das eigene Volk mit äußerster Gewalt vorgeht.

3. Verhandlungskonstellation

Es kommt in einer schrittweisen Annäherung zu einem Konsens. Letztendlich wird in dieser Konstellation eine bindende Vereinbarung getroffen. Das beste Beispiel für diese Konstellation ist der Rücktritt von Husni Mubarak gewesen.

Ein kurzer Rückblick wie alles begonnen hat:

Im Norden Afrikas haben Anfangs die in Tunesien lebenden Menschen sich zu einem Kollektiv mobilisiert. Das Ziel hieß, das Regime von Ben Ali zu stürzen. Hierbei handelt es sich um eine Abweichungsverstärkung, da der Diktator Ben Ali gestürzt werden sollte. Denn durch sie wurde eine Strukturveränderung hervorgerufen, womit die oppositionären Gruppen ja Erfolg hatten. Die Strukturgestaltung fand durch Impression Management (Eindruck hervorrufen), über die Massenmedien und soziale Netzwerke wie Facebook, statt. Dadurch, dass das Handeln der revolutionären Akteure andere Akteure geprägt hat, haben sie ihr Handeln an die revolutionären Akteure und sich selbst angepasst. Durch die Versammlung der Oppositionsgruppen an einen geeigneten Demonstrationsplatz, wo sich das Augenmerk der Massenmedien richten sollte, hatte sich eine Strukturdynamik des „focal points“ entwickelt und somit wurde die Abweichungsverstärkung gefestigt. Diese Dynamik wirkt auf eine Zustandsveränderung der Struktur. Wir halten vor Augen, das dass Ziel der Revolutionäre, die vorhandene Diktatur zu stürzen, ist. Diesem Ziel ist man ein paar Schritte näher gekommen, daher heisst es Verfestigung einer Abweichungsverstärkung.

Nun haben wir gesehen, dass in anderen Staaten wie Ägypten, die Bürger ebenfalls das gleiche wie in Tunesien herbeiführen wollten, was ja auch geschah. Hier haben wir es mit einer Dimension in Beobachtungskonstellationen zu tun, in dem die Akteure ihr Handeln durch andere antizipieren. Wenn auch dies in Tunesien und Lybien erfolgreich war, sehen wir an Syrien, dass es nicht immer um dieselben Voraussetzungen handelt. Denn der Diktator Asad, setzt alle Mittel der Macht ein, um die Struktur zu erhalten. Da es sich hierbei um irrtümliche Antizipationen handelt, erkennt man hier die Strukturdynamik der sich selbst widerlegenden Voraussage. Man ging also in Syrien davon aus, dass eine Revolution die gleichen Erfolge haben würde, wie in Tunesien, Ägypten und Lybien. Jedoch sehen wir in Syrien, dass die Startvoraussetzungen für eine Revolution nicht immer gleich sind.

Bei den erfolgreichen Revolutionen Nordafrikas haben wir erkannt, dass es an zwei Faktoren der kollektiven Mobilisierung gelegen haben könnte. Erstens an den Mobilisierungsnutzen und zweitens an den Mobilisierungskosten. Der Nutzen lag darin, dass sich die Akteure erhofft haben, dass sich durch die Revolution mehr Freiheiten ergeben und durch die Veränderung der Struktur vielleicht die Arbeitsmarkt- und Bildungschancen steigen würde. Um an diesem Nutzen teilzuhaben, gingen genug Akteure demonstrieren. Aufgrund dessen, dass immer mehr Akteure demonstriert haben, fielen auch die Kosten für jeden Akteur geringer aus. Folglich ging jeder Akteur davon aus, dass er nicht derjenige sein wird, der sein Leben dabei verliert.

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Geboren in Berlin, Deutsche mit türkischen Wurzeln, MA-Publizistin mit dem Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit, Erziehungswissenschaftlerin mit dem Nebenfach Psychologie (Abschluss 2010).

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