Alltagsrassismus und Kopftuch; Symbol der Fremdheit?

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Juli 2013: Ein junges Mädchen, ungefähr 16 Jahre alt, liegt bewusstlos auf dem Boden. Ihre Beine zucken. Es könnte ein epileptischer Anfall sein. Das bewusstlose junge Mädchen könnte an Erbrochenem oder Schleim im Hals ersticken. Eine lebensgefährliche Situation. Es ist vom weitem ersichtlich, dass sie Hilfe braucht.

Dana Minhas erkennt die Gefahr und kommt herbeigeeilt. Sie bittet einen Passanten, einen unauffälligen Mann Mitte 50, einen Notarzt anzurufen. Auf ihre Frage erwidert der Passant: „Für so einen dreckigen Kopftuchträger mach`  ich gar nichts“.

Oktober 2010: Ein Arzt in Wächtersbach (Mainz-Kinzig-Kreis) definiert „seine“ Spielregeln. Er hängt in seiner Praxis ein Plakat auf, indem er die Regeln auflistet. Neben dem „Kopftuchverbot“ verweigert er auch noch die Behandlung von Großfamilien oder Personen mit schlechten Deutschkenntnissen.

1 Juli 2009: Eine schreckliche Bluttat schockt Deutschland. Oder besser gesagt, es schockt diejenigen, die es mitbekommen.

Marwa Al-Sherbini wird an einem Dresdner Spielplatz als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpft. Daraufhin kommt es zu einem Strafverfahren, in dem sie als Zeugin geladen wird. In der Berufungsverhandlung am 1. Juli 2009 wird sie mit 18 Messerstichen im Landgericht Dresden ermordet. Motiv: Fremdenhass, differenzierter betrachtet: Hass gegenüber muslimischen (kopftuchtragenden) Frauen.

Die Tragödie geht weiter. Marwas Ehemann will seiner Frau helfen. Erfolglos. Er wird von dem Täter getroffen und erleidet 3 Messerstiche. Der hinzukommende Polizeibeamte verwechselt ihn mit dem Täter und verletzt ihm mit einem Schuss in die Hüfte lebensgefährlich. Ein Skandal, worüber in den deutschen Medien wenig berichtet wurde.

Was nach dem skandalösen Akt passierte? Marwa starb noch im Gerichtssaal. In einem Ort, wo man eigentlich am sichersten sein sollte, vor den Augen der Richter, Staats- und Rechtsanwälte. Der Mörder Alex Wiens wurde wegen Mordes zur Höchststrafe verurteilt. Der verwitwete Zellforscher und sein Sohn wanderten aus. Er arbeitet seither an einem Universitätsinstitut in England.

Das Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung gegen Gerichtspräsidenten und Richter wurden eingestellt, auch das Verfahren gegen den Bundespolizisten, der den Opferangehörigen als vermeintlichen Täter angeschossen hatte.

Alltagsrassismus und Diskriminierung

Eine muslimische (kopftuchtragende), berufstätige Akademikerin wird im Gerichtsaal ermordet. Warum? Weil sie sich die Beleidigungen nicht gefallen ließ und – obwohl sie selbst keine Anzeige erstattete, ihrer Bürgerpflicht nachkam, als geladene Zeugin vor Gericht auszusagen. Ihr aufrichtiges und ihre Verbundenheit zu westlichen Vorstellungen offenbarendes Verhalten hat sie das Leben gekostet. Hätte sie diese Anschuldigungen hingenommen und nicht reagiert, so wie es auch „sarrazinisch“ Denkende von einer kopftuchtragenden Frau erwarten würden, wäre es nicht mal sicher, ob es nicht trotzdem zu einem Rechtsstreit – und somit auch zu der Ermordung gekommen wäre.

Ein Jahr später: Polarisierende, abfällige und volksverhetzende Aussagen Sarrazins und die erhebliche Medienaufmerksamkeit machen sein rassistisches Pamphlet zum meistverkauften „Sach“-Buch in gebundener Form seit der Gründung der BRD (1,5 Mio. Exemplare). Dies verdeutlicht die Realität des Alltagsrassismus in Deutschland, der noch in den 80er-Jahren den gewählten Bundeskanzler darüber sinnieren ließ, wie er mindestens die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken loswerden könnte. Vielleicht wird auch aufgrund der „Normalität“ und „Hinnahme“ von Diskriminierung wenig darüber geredet und berichtet. Die Fremdbilder sind eindeutig definiert; der Islam und die „muslimische“ Frau. Das ist auch der Grund, warum so leidenschaftlich über die Symbolik des Kopftuchs diskutiert wird. Eine differenzierte Betrachtung der muslimischen Frauen wird außen vor gelassen. Die Kopftuchdebatte wird somit ein Bestandteil der Integration von Muslimen.

Wie heißt es so schön? – „Bildung ist der Schlüssel zur Integration“. Stimmt! Der Schlüssel zur Integration, aber nicht der Schlüssel zum Schutz vor Diskriminierung, Islamophobie und Fremdenhass. An dieser Stelle haben Politik und Medien die Verantwortung, gegen Fremdenhass, Diskriminierung und rechter Terror konsequent zu handeln.

Modern – emanzipiert vs. rückständig – unterdrückt

Die allenthalben präsente, affirmative Abbildung der unfassbaren Thesen der Islamophoben führt zu einer Verleugnung der steigenden Diskriminierung in Deutschland. Das steigende Bildungsniveau unter den muslimischen Frauen führt dazu, dass sie sich gegen die „Opferrolle“, die ihnen von der Mehrheitsgesellschaft beigemessen wird, stellen.

Viele Frauen mit Kopftuch werden meine Meinung teilen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Stoffstück, was mein Kopf verschleiert, anderen das Denkvermögen und die Ratio verschleiert. Egal ob es aus christlichem oder scheinmuslimischen Mund stammt: Herablassend und populistisch gegen das Kopftuch zu argumentieren, weckt das Interesse der Öffentlichkeit. Die Welt in wilhelminischem Belehrungsdrang am deutschen Wesen in Gestalt der preußisch-militaristischen Untertanengesellschaft genesen lassen zu wollen, mag heute out sein. Gleiches unter dem Banner der „emanzipatorischen“ Überwindung „rückständiger“ Verhaltensweisen veranstalten zu wollen, erscheint hingegen als politisch korrekt. 

Die Beurteilung seitens der angeblichen „Frauenrechtlerinnen“, die eifrig über das Tragen des Kopftuchs diskutieren, aber die Ermordung einer muslimischen Frau aufgrund islamfeindlicher Motive ignorieren, ist jedem selbst überlassen. An Doppelmoral fehlt es niemanden. Nein!

NSU-Morde und die Betroffenheit der Türken

Das aktuell veröffentlichte Ergebnis nach der ersten Umfrage der Initiative „endaX“- ihre Stimme in Deutschland bestätigt meine Empfindungen: 64,5 % der Befragten Türken und Türkinnen fühlen sich von den NSU-Morden stark bis sehr stark betroffen. 67,7% der Befragten geben an, dass die NSU-Morde Einfluss auf ihre private Lebensplanung haben. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich im Zuge der Aufklärung der NSU-Morde vor allem Frauen verunsichert fühlen.

Offene oder verdeckte Diskriminierung; sie haben Folgen für das Leben des Betroffenen. Dabei wäre es an der Zeit, konsequent dagegen zu handeln, Ressentiments abzubauen und die Förderung sozialer und politischer Teilhabe zu gewährleisten. Die Probleme außer Acht zu lassen, zu ignorieren oder gar zu vertuschen ist ein Weg, der uns in Zukunft in enorme Schwierigkeiten bringen wird. Tatsachen sollten aufrichtig thematisiert werden, um bei der Zukunftsgestaltung Deutschlands und bei der Problemlösung mitwirken zu können.

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About Author

Ist Dipl.-Kauffrau und Promotionsstudentin. Bei Union of European Turkish Democrats (UETD) ist sie stellv. Vorsitzende.

1 Kommentar

  1. Traurig traurig was Sie schreiben, man kann es kaum sogar kaum glauben, es ist aber die Realität. Wir haben in Deutschland 2013 immer noch Probleme mit dem Rassismus.

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