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15.08.2008. Es ist Freitag. Ich fahre meinen Rechner runter und mache mich auf den Weg nach Hause. Ich habe es eilig. Die Straßen sind leer und ich rase trotzdem. Auf dem Weg durch die Botanik sehe ich ein Schild und da steht „Allah“. Hä? Wie? Ich schaue noch mal hin. Ups! Da steht 70. Es irritiert mich ein bisschen, denn mein Hirn spielt mir anscheinend schon einen Streich. Also fahre ich vorsichtig weiter. Angekommen, erwische ich den erstbesten Parkplatz vor der Tür, steige aus und renne schnell nach Hause, damit ich die Gebetswaschung vollziehen und schnell ein Kopftuch in meine Tasche werfen kann. So! Jetzt aber los zu meiner besten Freundin. Wir wollen in die Moschee. Mein erstes Mal. Ich bin völlig kirre, aufgeregt und meine Hände schwitzen. Auf der Fahrt zu ihr, höre ich ganz leise Sami Yusuf. Ich möchte mich entspannen bzw. ich versuche es.

Die Vorbereitungen und der Weg zur Moschee

Ich klingle an der Tür und sie macht mit einem strahlenden Grinsen die Tür auf. Wir begrüßen uns wie immer mit einem fetten Schmatzer auf die Wange, laufen die Treppe hoch und ziehen uns zurück in ihr Zimmer, damit wir die Kopftücher vernünftig umbinden können und machen uns dann auf den Weg in die Moschee.

Die Moschee ist ungefähr 10 km entfernt. Also fahren wir hin. Ich bin völlig durch den Wind und sitze am Steuer. Die Fahrt verläuft mit schwitzenden Händen am Lenkrad. Ich bin übervorsichtig. Schließlich will ich noch ankommen und das Glaubensbekenntnis aussprechen. Die Aufregung steigt mit jeder Sekunde. Wie verhalte ich mich da? Ich habe absolut keinen Plan. Meine Freundin versucht mir die Ruhe zu geben. Ich parke in der Nähe der Moschee.

Die ersten Schritte

Ich mache langsam die Tür auf und setze den linken Fuß auf den warmen Beton. Es war warm. Vielleicht so wie jetzt. Vorsichtig bewege ich mein rechtes Bein in Richtung Tür, setze den Fuß auf den Boden und steige aus. Mein erster Schritt auf dem Weg in die Moschee, wo ich so Gott will gleich die Schahada aufsagen werde. Ein Schritt nach dem anderen folgt. Mein Kopftuch ist weiß und es ist mir egal, ob mich die Leute angucken.

Meine Schritte sind trotz der Aufregung ruhig, obwohl ich innerlich vor Aufregung platze. Ich wollte mir die Aufregung nicht anmerken lassen. Als ob die ganze Welt über mein vorhaben Bescheid weiß, auf mich mit dem Finger zeigt und sagt: „Haha, die Alte da im weißen Kopftuch sagt gleich die Schahada auf. Ist die irre?!“ „Okay, jetzt krieg dich wieder ein!“, denke ich mir. „Kopfkino vom feinsten.“ Und da sind wir: Vor dem Eingang der Moschee. Die 2 Imame und der Vater meiner Freundin warten schon auf uns.

Bismillah und setze einen Fuß nach dem anderen

Ich ziehe die Schuhe aus und stelle sie ab. „Okay, also jetzt rein mit dir und Bismillah!“, dachte ich mir. Die Aufregung steigert sich weiter und weiter. Wir gehen in den Frauenbereich und machen es uns gemütlich. Meine Freundin zeigt mir die Bücher, die Gebetsketten , die Teppiche und die Qibla (Gebetsrichtung). Wir unterhalten uns, doch ich habe nur noch diesen einen Moment vor Augen. Ein überragendes Gefühl steigt in mir hoch. Ich kann es kaum erwarten, dass sie rüberkommen. Ich kann es kaum erwarten den Gebetsruf das erste mal in der Moschee zu hören und nicht nur aus Youtube. Meine Freundin erzählt irgend etwas und ich versuche mich auf ihre Worte zu konzentrieren. Ich sage „Ja, ja, ja“ und versuche ihr zu folgen.

Nachts im dunklen Zimmer

Nach einer Weile kommen sie rüber. Die 2 Imame und der Vater meiner Freundin. Auf den kleinen Tischen breitet der Vater Getränke und Gebäck aus. Wir setzen uns hin, mein Herz schlägt mir bis zum Hals und die Pulsader pulsiert. Ich prüfe trotzdem zum wiederholten Mal, ob das Kopftuch auch richtig sitzt. Alles muss perfekt sein, für den einen Moment. „Mache ich es jetzt tatsächlich? Hier? Offiziell? Was passiert danach? Wie geht das Leben weiter? Was verändert sich?“ Ich bin dermaßen aufgeregt, obwohl ich zuvor schon mehrere Male für mich im Dunkeln die Schahada bereits gesprochen habe. Ich saß nachts in meinem Zimmer, als meine Eltern schliefen und habe sie von einem Zettel, der auf meinem Computertisch lag, abgelesen. Ich hatte Angst, dass sie mich erwischten und wartete das Knirschen der Schlafzimmertür ab. Wenn ich heute daran zurückdenke, ist es total bescheuert und ich muss darüber lachen. Aber damals hatte ich Angst. Angst vor Unverständnis, Ärger und Problemen.

Und obwohl ich das Glaubensbekenntnis mehrere Male bereits aufgesagt habe, wollte es unbedingt mit einer Zeremonie, auch wenn in einer kleinen Runde. Es war mir wichtig.

Das Glaubensbekenntnis (Schahada)

Der Imam begrüßt uns und stellt sich kurz vor.

„Zuerst einmal möchte ich dich noch kurz über die 5 Säulen des Islams aufklären, was du sicher eh schon weißt.“, sagt der Imam und klärt mich nochmal auf.

„Ich würde noch gerne wissen, wie es dazu kam, dass du konvertieren möchtest?“, fragt er weiter.

Ich erzähle ihm insbesondere über mein Opa, seinen Hut ohne Ränder und die komische Sprache, bei der ich mich so wohl fühlte; die tatarische Sprache.

Der Raum ist überfüllt mit einer spirituellen Gefühlswelt und ich spürte einfach nur Freude und Erleichterung in der Luft. Ich sitze tatsächlich in der Moschee und spreche gleich die Schahada. Hallo? ICH! Geht’s noch? Alta du wirst jetzt Muslima. Zu krass!

„Gut, dann kommen wir zu der Schahada und der Bedeutung dieser.“ Er erklärt mir das Glaubensbekenntnis, fragt mich, ob ich dafür bereit wäre, was ich bejahe. Er spricht sie vor und ich spreche es ihm nach:

„Eshedu en la ilahe illAllah, ve eshedu enne Muhammeden abduhu ve rasuluh”
„Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Allah gibt und ich bezeuge, dass Mohammed der  Diener und Gesandte Allahs ist.“

Obwohl ich sie bereits in und auswendig kann, kann ich in dem Moment nur nachsagen, da ich einfach zu aufgeregt bin. Nach dem Aufsagen, spüre ich eine Erleichterung und ein befreiendes Gefühl. Die Aufregung lässt langsam nach und ich fühle mich wohl.

Diesen Moment besiegeln wir mit ein paar Keksen.

Als die Imame und der Vater im Gebetsraum verschwinden, habe ich das erste Gebet in der Moschee vor mir. Ich höre den Gebetsruf und atme tief ein. Ich bin gerührt und muss weinen. Ich fühle diesen Ruf durch jede Zelle meines Körpers. Wir sind nur zu zweit und es ist eine leichte, beruhigende Stille. Eine Stille des Friedens, die ich nicht mehr missen möchte.

Dieser Artikel erschien auch bei tatjana-rogalski.de

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About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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