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Bevor ich die Frage stelle, ob Präsident Bush nach dem 11. September 2001 ebenfalls „Amazing Grace“ hätte singen sollen, möchte ich  zunächst einmal meinen muslimischen Freunden die Geschichte und die Bedeutung dieses Liedes erklären. Der amerikanische Präsident Obama hat es am 26. Juni auf der Trauerfeier für die Mordopfer von Charleston am Ende seiner Rede gesungen.

Amazing grace, how sweet the sound,

That saved a wretch like me!

I once was lost, but now I am found,

Was blind, but now I see.

Ich füge weitere Strophen unten an. Das Lied hat eine einfache, aus nur fünf Tönen bestehende Melodie und spricht von dem überwältigenden Gefühl einer Rettung durch Gott. Verloren – aber nun gefunden, blind gewesen – und jetzt sehend, eine durch und durch verdorbene Existenz („a wretch“, ein Schurke) – aber jetzt gerettet.

Dieses amerikanische Lied (laut Wikipedia 1748 vom Kapitän eines Sklavenschiffs verfasst, der aus Seenot gerettet wurde und später ein Gegner der Sklaverei wurde) wird auch in deutschen Kirchen gesungen, hier aber meist sehr viel zurückhaltender als in den emotionalen schwarzen Kirchen der Vereinigten Staaten. Ein mir persönlich bekannter Wuppertaler Pfarrer* hat mir einmal gesagt, er wundere sich immer, wenn die Deutschen solche und ähnliche Lieder in Englisch singen. Sie sind in dieser Sprache bereit, sich in sehr viel emotionaleren Worten auszudrücken als im Deutschen.

Botschaft der Versöhnung in einem Klima  der Rassenspannungen

Hätte George Bush dieses Lied nach dem 11. September 2001 ebenfalls anstimmen sollen? Ein verwegener Gedanke! Es ist ja eine versöhnliche Botschaft darin, ein vollständiger Verzicht auf Rache. Obama hat gesagt, der weiße Attentäter hätte einen Rassenkrieg anstiften wollen, aber – God has different ideas – eine göttliche Vorsehung habe das genaue Gegenteil bewirkt, nämlich einen großen Aufruf zur Versöhnung zwischen den nach wie vor unter Spannung stehenden Rassen in den Vereinigten Staaten.

Nun war in Charleston im Unterschied zum Anschlag auf das World Trade Center in 2001 eine genau definierte Gruppe von Menschen betroffen: schwarze Christen, zudem sehr frommen Menschen. In der Regel haben nur die frommen unter den sonntäglichen Kirchgängern außerdem noch die Sitte, sich auch in der Woche zu einem Bibelkreis zu versammeln. Das Attentat auf diese Leute war etwa so, als habe man eine Sohbet-Veranstaltung der Hizmet-Bewegung angegriffen, einen Hauskreis, einen Gesprächskreis gleichgesinnter gläubiger Menschen.

Politische Forderungen – nach Charleston anders formuliert als nach New York

als nach Ganz anders als im New York von 2001 hatten nun aber die Angehörigen der Ermordeten wenige Stunden nach der Tat vor Gericht in einem bewegenden Auftritt dem Täter ins Gesicht erklärt, sie würden ihm seine Tat vergeben.

Ohne diese Vergebung wäre es nicht möglich gewesen, dass nun auch Präsident Obama von grace, von Gnade gesprochen hat.

Solche Voraussetzungen hatte Präsident Bush 2001 selbstverständlich nicht. Er musste reagieren, musste fordern. Nun hat Präsident Obama allerdings ebenfalls gefordert: Er hat die rassistischen Feinde der neun Mordopfer von Charleston aufgefordert, ihre Waffen niederzulegen. Er hat Worte gegen den Hass und gegen die allgemeine Bewaffnung der Bürger in den Vereinigten Staaten gefunden.

Man weiß, dass er hier sehr vorsichtig sein muss, weil es nach wie vor eine breite Grundstimmung in der Bevölkerung gibt, die befürchtet, er wolle das verfassungsmäßige Recht zum Tragen von Waffen infrage stellen. Er hat deutliche Worte zum Einschränkung dieser Freiheit gesprochen und zu einer Annahme der erstaunlichen Gnade hinein in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

Amazing Grace   nach 9/11 nicht singbar, aber nach Charleston wohl

Zum Schluss hat er die Namen der neun Mordopfer noch einmal laut ausgerufen und nach jedem Namen angefügt,  „…hat diese Gnade gefunden“, … found that grace. Er hat die ermordeten Menschen dann der Gnade anbefohlen, die sie jetzt nach Hause bringen wird. Im Lied heißt es grace will lead me home.

Und er hat am Schluss sein ganzes Land dieser Gnade anbefohlen, damit es – und hier hat er eine Pause gemacht und das folgende Wort besonders betont – Vereinigte Staaten von Amerika bleiben.

Alles das hätte Bush nicht sagen können. Aber dass es gesagt werden kann, mitten hinein in eine Welt, in der die Ungnade jeden Tag zu siegen scheint, ist ein Triumph der Hoffnung.

Amazing grace, how sweet the sound,

That saved a wretch like me!

I once was lost, but now I am found,

Was blind, but now I see

‚Twas grace that taught my heart to fear,

And grace my fears relieved;

How precious did that grace appear,

The hour I first believed!

Through many dangers, toils and snares,

I have already come;

‚Twas grace that brought me safe thus far,

And grace will lead me home.

Übersetzung von Nadia Naji und mir:

Oh große Gnade, süß dein Klang
Ein Wrack wie mich befreit!
Verloren einst, gefunden nun
Einst blind nun sehend weit

Mein Herz durch Gnade Angst verspürt
Und Gnade sie vertrieb
Wie kostbar mir die Gnade schien
Als ich mich Gott verschrieb

Gefahren, Ackerei, und Fall
Solch Lebensweg einst ist mein.
Die Gnade, sicher mich geführt,
Geleitet mich einst heim

 

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About Author

Christian Runkel, Jahrgang 1949, lebt und arbeitet als selbständiger Wohnungsverwalter in Remscheid. Er ist verheiratet, hat fünf Kinder und ein Enkelkind und ist aktives Mitglied einer evangelischen Freikirche. Nach einem Bankpraktikum 1971 in Istanbul hat er lebenslang den Kontakt zu Türken in seiner Nähe gesucht und beteiligt sich lebhaft am Austausch zwischen Christen und Muslimen. Seine neuesten Erlebnisse auf einer Wanderung durch Palästina hat er in einem Tagebuch beschrieben, das vor wenigen Tagen bei Amazon erschienen ist.

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