Arbeitskräftemangel: Wer nicht mitdenkt, bleibt auf der Strecke

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Wuppertal ist menschenleer. Die Geschäfte verwaist, die Wohnungen aufgegeben. Niemand fährt mehr Schwebebahn oder füttert die Tiere im Wuppertaler Zoo. 350 000 Menschen – alle verschwunden.

Ähnlich ist auch die Realität auf dem deutschen Arbeitsmarkt. In diesem Jahr gehen 1,1 Millionen Menschen des Jahrgangs 1950 in Rente. Ersetzt werden sie durch den Jahrgang 1995, der jetzt erste Berufserfahrungen sammelt. Doch der umfasst nur 765 000 Menschen.

Es gibt alleine in diesem Jahr eine Lücke von 365 000 potenziellen Arbeitnehmern, die nicht gefüllt werden kann. Größer als die gesamte Einwohnerzahl von Wuppertal.

Und das ist erst der Anfang. Seit 40 Jahren werden in Deutschland weniger Kinder geboren als alte Menschen sterben. Das rächt sich jetzt.

Von nun an verlieren wir jedes Jahr eine Großstadt an Arbeitskräften:Kassel, Münster, Bonn, Bielefeld, Wuppertal, Bochum, Duisburg, Nürnberg, Hannover, Leipzig, Dresden, Bremen, Essen, Dortmund undDüsseldorf:Stellen Sie sich all diese Städte als menschenleere Ruinen vor – und sie verstehen, wie viele Arbeitskräfte unserem Land in den nächsten zehn Jahren verlorengehen.

Bis 2025 verlassen 6,5 Millionen Arbeitnehmer ihre Schreibtische und Werkbänke. Jeder sechste Arbeitsplatz kann in zehn Jahren nicht mehr besetzt werden, hat die Bundesagentur für Arbeit errechnet. Und machen Sie sich keine Illusionen: Dies ist keine Vorhersage, die auf Vermutungen aufbaut.

Denn wie viele Menschen in Rente gehen und wie viele neue Arbeitskräfte verfügbar sind, ist genau bekannt. Wer 2025 seinen ersten Job antritt, ist bereits geboren – oder eben nicht.

Was wir heute als Fachkräftemangel erleben sind nur die ersten Kiesel der anrollenden Lawine. Ein Blick in die Krankenpflege zeigt die Zukunft aller Branchen: Schon heute fehlen 30 000 Pflegekräfte. Diese Lücke wird in wenigen Jahren auf weit über 100 000 steigen. Denn die 6,5 Millionen zusätzlichen Rentner wollen versorgt werden.

37 000 Jobs sind in der IT-Branche offen. Den 27 000 arbeitslosen Ingenieuren stehen 54000 offene Stellen gegenüber. All das ist nur die erste Brise des heranziehenden Sturms.

Warum das Praktikaunwesen?

Wenn wir nicht mehr Arbeitskräfte gewinnen, wird unsere Wirtschaft an Kraft verlieren – genau zu jenem  Zeitpunkt, an dem wir mehr Geld benötigen, um all die Alten zu versorgen. Dann werden die Verteilungskämpfe zwischen Jung und Alt unser Land zerreißen.

Bleibt eine Frage: Wenn das alles wahr ist, warum steigen dann die Löhne nicht? Warum müssen sich so viele junge Leute mit Praktika und befristeten Stellen begnügen?

Die Antwort: Trägheit.

Die Entscheidungsträger in den Personalabteilungen erkennen das Problem. Sie sehen, dass Positionen immer länger unbesetzt bleiben. Aber dann handeln sie so, als ob sich nichts geändert hätte.

Mit Gimmicks wie Social Media versuchen sie die gleichen Auswahlprozesse wie in der Vergangenheit durchzuführen. Doch die Spielregeln haben sich geändert:

In der Industriegesellschaft mussten Bewerber möglichst exakt in eine Schablone passen. Das machte Sinn, denn die meisten Jobs waren standardisierte Aufgaben, die immer wiederholt wurden. Henry Ford hat das „Model T“ nicht aus einer Laune heraus nur in Schwarz angeboten. Schwarz ist die Farbe, die am schnellsten trocknet. Je identischer alle Arbeiter, desto größer die Produktion.Doch die Industriegesellschaft der alten Tage ist tot.

Heute fertigen Maschinen individualisierte Produkte. In wenigen Jahren werden 3D-Drucker die „Massenproduktion“ durch persönliche Designs für jeden einzelnen Kunden ersetzen.

Wissen ohne Kreativität ist fruchtlos

Tot ist auch die Wissensgesellschaft. Reine Information gibt es heute im Überfluss. Sie ist ein Rohstoff –und entsprechend billig. Wer vor Jahren noch mit analytischem Denken punkten konnte, sieht sich heute auf dem Abstellgleis. Denn analytisches Denken heißt, Ursache und Wirkung zu denken. Prozesse in einzelne Schritte zerlegen zu können. Wer kann das besonders gut? Computer.

Juristen sind hochintelligente Menschen. Doch Einstiegsjobs, die nur analytisches Denken und Recherche erfordern, werden in Indien erledigt.
Wir erleben den Anfang der Kreativgesellschaft. Analytisches Denken bleibt wertvoll – ist aber für sich alleine nicht ausreichend. Heutige Kunden erwarten individuelle Lösungen und persönliche Ansprechpartner.

Wer in Zukunft beruflich erfolgreich sein will, muss deshalb Neues erschaffen können. Es nützt nichts, die Faxmaschine zu perfektionieren, wenn heute alle E-Mail nutzen. Kreatives Denken lässt sich nicht ersetzen: Hier wird Wert geschaffen. Und damit sichere Arbeitsplätze.

Der zweite Bereich mit großer Zukunft: Menschliche Beziehungen. Wer – zum Beispiel – alle Arbeitslosen in die Altenpflege pressen will, unterschätzt die Herausforderungen dieses Berufes. Denn neben immensen Fachwissen und körperlicher Geschicklichkeit brauchen Pflegekräfte vor allem Empathie – und gleichzeitig die Fähigkeit, diese Gefühle am Ende des Arbeitstages auf der Station zu lassen. Das kann man nicht lernen. Dazu braucht man Talent.

Individuelle Lösungen gefragt

Wie gut Ihre persönlichen Berufsaussichten sind, können Sie leicht testen: Lässt sich Ihre Arbeit in einzelne Schritte zerlegen, die immer wiederholt werden? Dann werden Sie es schwer haben. Ein Computer oder Arbeitskräfte in Indien werden immer billiger sein als Sie.

Wenn Sie in ihrem Job jedoch nicht nur analytisch denken, sondern auch täglich individuelle Lösungen finden müssen: Dann stehen die Chancen gut, dass ihre Arbeitskraft immer wertvoller wird. Gleiches gilt, wenn ihre Leistung für den Arbeitgeber im Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen besteht.

Wenn Kreativität und die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, zum Asset werden – dann müssen Personalabteilungen nach anderen Bewerbern suchen als in der Industriegesellschaft. Sie brauchen niemanden, der in die Schablone passt, sondern: Individualität.

Zu viele Personalabteilungen sind unfähig, diese geistige Wende zu vollziehen. Sie schaden ihrem Unternehmen jeden Tag. Ein Beispiel aus meiner Praxis als Personalberater:

Eine Kandidatin von mir hatte ihren Bachelor in Afrika gemacht und ihren Master in Großbritannien. Die Personalabteilung lehnte die Kandidatin ab. Die Sachbearbeiterin kenne die afrikanische Universität nicht und könne daher deren Qualität nicht beurteilen. Man gehe lieber auf Nummer sicher und suche jemanden mit deutschem Abschluss.Die britische Universität, an der meine Kandidatin ihren Master gemacht hatte,war Cambridge…

Diese geistige Fixierung auf die Auswahlprozesse der Vergangenheit erklärt die Diskrepanz zwischen realem Fachkräftemangel und irrationalem Verhalten von Arbeitgebern.

Doch keine Sorge: Der Schmerz wird von Jahr zu Jahr größer. Irgendwann lernen die Personalabteilungen. Jene Firmen, die sich zu langsam verändern, werden vom Markt verschwinden.

Gewinnen wird, wer über den Tellerrand blickt

Profitieren werden Unternehmen, die sich jetzt für einzigartige Kandidaten öffnen. Die Frauen, Ältere, Einwanderer als wertvolle Ressourcen schätzen – gerade WEIL sie Individuen mit ganz eigenen Erfahrungen sind.

Mittelständische Unternehmen haben hier eine große Gelegenheit: Wer sich jetzt öffnet, kann selbst von großen Konzernen Top-Kandidaten abwerben.

Ich habe zum Beispiel gerade eine Beraterin von Kienbaum eingestellt. Wie habe ich sie für unsere kleine Personalberatung gewonnen? Ganz einfach: Nach Auslandserfahrung in Singapur und kürzlich erfolgter Heirat wollten andere Unternehmen sie nicht haben. Anfang 30 war das „Risiko“ des Kinderkriegens zu groß.

Mir nicht. Jetzt habe ich eine wertvolle Mitarbeiterin, die mir am ersten Arbeitstag gleich einen neuen Kunden mitgebracht hat.

Wie werden Sie die Chancen des Fachkräftemangels nutzen?

Der Fachkräftemangel ist die größte Herausforderung unseres Landes. Wie können wir mit sechs Millionen weniger Arbeitnehmern gleichzeitig 6 Millionen Rentner mehr versorgen?Nur, indem wir mehr Frauen beschäftigen, mehr Ältere – und mehr Einwanderer ins Land holen.

Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel eine große Chance: Er zwingt Unternehmen, sich für Individuen zu öffnen und menschlichere Arbeitsplätze zu gestalten. Damit treffen Firmen genau den globalen Trend zu immer individuelleren Produkten – ein perfektes Match zwischen Mitarbeitern und Markt.

 

 

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About Author

Chris Pyak ist Geschäftsführer der Immigrant Spirit GmbH. Die Personalberatung findet und bindet internationale Fachkräfte für deutsche Unternehmen. Ein persönlicher Culture Coach betreut die vermittelten Expatriates im ersten Jahr in Deutschland. Der Coach fungiert als „emotionaler Anker“, hilft bei der Umstellung auf die deutsche Businesskultur, beim Knüpfen sozialer und beruflicher Kontakte sowie bei der Definition persönlicher Ziele für den Deutschlandaufenthalt. Dadurch sinkt die Abbruchquote deutlich. Mehr Infos auf www.immigrantspirit.de

1 Kommentar

  1. saliha balkan on

    was verbirgt sich eigentlich hinter dem sogenannten Fachkräftemangel, nicht doch etwa Studien von Lobbyisten, die uns ein Märchen glaubhaft machen wollen und das mit wissenschaftlicher Untermauerung? Der Herr hier schient schon die Ärmel gekrempelt zu haben um mit dem Problem „umzugehen“. Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen, sich für Individuen zu öffnen? schreiben Sie im letzten Absatz. Ich kann Ihnen nicht folgen….

    „Fachkräftemangel“ – gibt es den überhaupt? fragt Sabine Schiffer in ihrem letzten Artikel.

    „Er ist in aller Munde und allein durch die Anzahl der Wiederholungen des Begriffs glauben viele an seinen Wahrheitsgehalt. Manchmal noch mit direktem Artikel versehen, wird „der Fachkräftemangel“ zu unhinterfragten Realität. Dabei wäre es dringend geboten, seinen Realitätsgehalt und somit seine Existenz zu hinterfragen.

    So sagte der Referent für Konjunkturanalyse und -prognose am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Karl Brenke, 2012 in einem Interview mit Echo-online, dass er die Zahlen vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) für eine falsche Hochrechnung halte. Er stellt den angeblich 110.000 offenen Ingenieursstellen 30.000 selbst berechnete gegenüber und belegte marktanalytisch, dass die Stagnation in der Lohnentwicklung bei Ingenieuren nicht dafür spreche, dass zu wenig Angebot und eine zu hohe Nachfrage vorhanden wäre. Hingegen vermutete er, dass man durch die Öffnung des Arbeitsmarktes für gut Ausgebildete aus Schwellenländern lediglich das Lohnniveau weiter niedrig halten wolle. Dafür spreche auch, dass man das jährliche Mindestgehalt für gut ausgebildete Arbeitsmigranten auf 35.000 Euro festgelegt habe – wohlgemerkt in Berufen, die angeblich nach Arbeitskräften ringen und deshalb rein marktwirtschaftlich gedacht viel höhere Preise/Löhne erzielen müssten.

    Ältere Fachkräfte, die nun arbeitslos sind oder auf Lohnsteigerungen verzichten, weil sie teuer sind und durch den Lohndruck dank der Billigkräfte Konkurrenz auf einem künstlich vergrößerten Anbietermarkt erfahren, beklagen genau diese Entwicklung. Auch im Gesundheitsbereich ist dieser Trend im Zusammenhang mit der Privatisierung von Krankenhäusern und Pflegestätten zu verzeichnen. Gerade in der Pflege ist die Nachfrage besonders hoch, die Löhne steigen aber nicht – sondern es werden aus fernen Ländern Menschen eingeladen, die bereit sind, Tag- und Nachtschichten in Vollzeit + Überstunden für 2400 Euro brutto im monatlich zu leisten. Die Bereitschaft, für diesen Lohn die schwere und qualifizierte Arbeit zu verrichten verhindert, dass die Umlage der Kosten auf alle Bürger ausgeweitet wird. Kranken- und pflegeversicherungspflichtig sind nach wie vor nur ein Bruchteil von Arbeitnehmern. Reformen müssten hier ansetzen, nicht bei der Senkung von Pflegestandards und Zuwendungszeiten.

    Wer profitiert von der Debatte?

    Das Gerede vom Fachkräftemangel dient den sog. Arbeitgebern und ist in vielen Fällen nichts anderes als Lohndumping. Aber nicht nur Lohnkosten will man offensichtlich einsparen, auch Ausbildungs- und Fortbildungsangebote können durch den Zukauf billiger, gut ausgebildeter Kräfte aus dem Ausland, reduziert werden – alles Kosten, die bei Nichtanfallen die Gewinne der Unternehmen steigern. Hierin könnte ein Teil der Erklärung liegen, warum die Wirtschaft in Deutschland wächst, der Export steigt, aber die Konsumnachfrage stagniert und gleichzeitig das soziale Sicherheitsgefühl abnimmt. Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich nimmt zu, der Mittelstand schmilzt. Diese kurzsichtige Unternehmensstrategie führt zu kurzfristigem wirtschaftlichem Erfolg, bis die Nachfolger in den Aufsichtsratspöstchen die Scherben der ehemals Profitbeteiligten auflesen können. Nachhaltig ist unser Wirtschaften nicht, wie man in der leidigen Diskussion um das Aufschieben einer langfristig gar nicht zu umgehenden Energiewende ebenfalls sehen kann.

    Die zunehmende Technisierung in allen Berufssparten macht es zudem unkalkulierbar, ob in Zukunft überhaupt noch in einem gewohnten Maße bestimmte Berufe gebraucht werden. Caterina Lobenstein schreibt dazu in der Zeit am 14. Oktober 2012: „Keiner weiß, wie viele Ingenieurstellen in Deutschland frei sind […]. Es gibt zwar ein Verzeichnis bei der Agentur für Arbeit, aber das taugt nichts. Denn viele Unternehmer melden ihre freien Stellen nicht, deshalb kann man nur vermuten, wie groß die Nachfrage nach Ingenieuren tatsächlich ist. Auch das Angebot an Personal lässt sich schwer berechnen: Wie viele Ingenieure sind arbeitslos? Wie viele gehen ins Ausland? Wie viele gehen demnächst in Rente? So wird aus der einfachen Rechenaufgabe – Fachkräftenachfrage minus Fachkräfteangebot ist gleich Fachkräftemangel – eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Noch komplizierter wird sie, wenn man wissen will, wie viele Ingenieure nicht jetzt, sondern in zwanzig Jahren fehlen: Werden dann mehr Schulabgänger studieren? Wird es bessere Maschinen geben, sodass man für dieselbe Arbeit weniger Menschen braucht? Werden mehr Frauen einen Beruf ergreifen? Marktwirtschaften verändern sich mit der Zeit. Wie genau die deutsche Wirtschaft in zwanzig Jahren aussieht, kann heute niemand sagen.“

    Der „Schweinezyklus“

    Die hier gemachten Überlegungen ergänzen noch das, was als „Schweinezyklus“ in den Wirtschaftswissenschaften bekannt ist: Erhöhte Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt etwa führt zu entsprechenden Ausbildungsentscheidungen. Wenn nach absolvierter Ausbildung oder Studium, die Arbeitskräfte dann zur Verfügung stehen, kann sich die Nachfrage längst geändert haben. Generationen von Lehrkräften können ein Lied davon singen, dass in bestimmten Phasen der Sättigung auch die bestbenoteten Abschlüsse keine Anstellungsgarantie bedeuteten. Arbeitsämter rieten zu der Zeit fehlender Arbeitsplätze genau die nicht mehr nachgefragten Fächer zu studieren, damit man antizyklisch mit der Ausbildung fertig werde. Erstaunlich, dass in der aktuellen Debatte um einen angeblichen Fachkräftemangel Marktzyklen als Thema so gut wie nicht vorkommen.

    Das Bundesinstitut für Berufsbildung (www.bibb.de) sieht keinen Mangel aufscheinen, jedenfalls nicht bis 2030. Die Forschenden des Instituts sehen gar ein Überangebot an Fachkräften mit Hochschulabschluss auf uns zukommen, die nicht die versprochenen Meriten für ihre Ausbildungsanstrengungen erhalten werden. Wer also einen „Fachkräftemangel“ unhinterfragt beschwört, kann einem Missverständnis aufgesessen sein oder aber gezielt Menschengruppen gegeneinander ausspielen wollen – zum eigenen Nutzen und Profit.“

    http://dtj-online.de/fachkraeftemangel-lohndumping-arbeitsmarkt-17980

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