Aus heiterem Himmel (DIB-Fortsetzungsroman Teil V)

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Ich fuhr eine Zeitlang weiter und sang vor mich hin, ohne auf die Uhr zu schauen. Eine Weile musste ich schon gefahren sein, denn ich sah bereits die Rocky Mountains. Sie schauten mir vertraut entgegen. Sie überwältigten mich jedes Mal. Ihre überragende Gestalt erregte Aufregung und Abenteuerlust in mir. Ihre schneebedeckten Spitzen ließen mich träumen. Es war überwältigend schön. Sie waren starr wie der Tod und doch strahlten sie mehr Leben aus als die gesamte Menschheit. Die gewaltige Größe ihrer Spitzen strahlte eine voluminöse Macht aus. Die wunderschöne schwarze Farbe ihrer Felsen faszinierte mich. Sie hatten eine bezaubernde Wirkung. Hier war ich mit ihnen eins. Nur sie und ich. Keine Menschen, keine schädlichen Umwelteinflüsse. Nur die reine, frische Luft, die mir den Anschein verlieh, sie würde meine Haut säubern wie ein Bambuspeeling und mein ganzes Inneres von den Gesundheit gefährdenden Stoffen befreien.

Weit hinter den Bergen roch ich sauberes Wasser, was mir das Gefühl der Frische verlieh. Ich atmete die reine Luft ein und meine Lungen füllten sich mit diesem natürlichen Duft. Wie Moschus in den fernen Ländern! Wie in Ägypten. Da würde ich auch noch mal hinkommen.

Wie oft war ich hier schon rausgefahren, um mich abzureagieren? Ich wusste es nicht genau.

Der Fuß an dem Gaspedal drückte wie von Zauberhand durch bis zum Boden und das Auto wurde schneller. Mir war egal, wie alt mein Auto war oder was für seltsame Geräusche es beim Beschleunigen von sich gab. Es war mein treuer Freund. Überall war es an meiner Seite. Für nichts in der Welt würde ich es verkaufen.

Ich fuhr durch auf der sandigen Straße und malte mir meine Zukunft aus. Ich würde nach Richmond Hill studieren gehen und alles war in greifbarer Nähe. Und bei all diesen Erlebnissen würde ich Munirah dabei haben. Sie war die reinste Seele überhaupt. Von allen Seiten umschloss sie Wärme und Licht.

„Aaaaaaaaah! Juuuuuhhuuuu!“

Mein Traum schien sich vor meinen Augen zu erfüllen. So lange hatte ich darauf gewartet und nun war es fast soweit. Zwei Tage noch und wir würden uns in unseren neuen Lebensabschnitt stürzen. Was erwartete uns? Wie waren die Menschen dort? Wem würde ich dort begegnen?

Die Macht des Schicksals

So viele Fragen, die ich bald beantworten können würde. Würden sie positiv oder negativ sein? Mir war es egal. Ich wollte alles auf mich einwirken lassen, ganz gleich was kam. Nur wusste ich damals nicht, was auf mich zukommen würde. Aber um nichts auf der Welt würde ich diese Erfahrungen, die ich in unmittelbarer Zukunft machen sollte, eintauschen wollen. Ich bereute keine meiner Entscheidungen und tue es immer noch nicht.

Für all die Erlebnisse danke ich meinem geschriebenen Schicksal….

Manchmal denke ich, das Ganze war sowieso unausweichlich, es hätte mich irgendwie auf irgendeine andere Art und Weise getroffen. Toronto, Richmond Hill oder sonst eine andere Stadt, alle waren sie dort in der Nähe und ich wollte nur dort studieren. Nirgendwo anders wollte ich hin.

Also stand alles bereits fest, lange bevor ich mich entschieden hatte. Stand es schon 100 Jahre oder doch 50000 Jahre fest?

Hätte ich mit Tony nicht vorher Schluss gemacht, würde ich es sicherlich tun, sobald mir diese Schicksalsschläge widerfahren wären.

Während ich so dahinfuhr und die CD den zweiten Durchlauf startete, bemerkte ich die rot blinkende Tankleuchte. Langsam musste ich eine Tankstelle aufsuchen. Ich hoffte, es würde bald eine in Sicht sein.

Aber mein Mustang würde mich nicht im Stich lassen. Er spürte mich in Not und wusste sich dementsprechend zu verhalten. Ich ließ das Gaspedal langsam los, denn dann würde er weniger Sprit fressen, und überließ mich dem Schicksal.

Rechts und links war nichts weiter zu sehen als der breite Highway und die Berge umklammerten mich von beiden Seiten. Es begann langsam zu dämmern. Ich drehte die Musik etwas leiser und hielt mein Handy in Griffbereitschaft. Für jede Situation war ich gewappnet. Sollte ich auf der Strecke liegen bleiben, müsste ich den Pannendienst anrufen. Meine Eltern wären nicht begeistert von dem Bild.

Endlich Licht zu sehen

In meilenweiter Entfernung meinte ich, ein kleines Lichtlein zu sehen. Wenn ich Glück hatte, war es eine Tankstelle. Ich näherte mich schleppend dem Licht entgegen, kniff meine Augen zusammen und zog meinen Kopf in Richtung Vorderscheibe. Das Licht wurde größer und größer und nahm im Schneckentempo die Gestalt einer Tankstelle an. Nun war es nur noch wenige hundert Meter entfernt. Ich schaltete das rechte Blinklicht ein und bog in die Seitenstraße ab, die zur Tankstelle führte. Vor der ersten Zapfsäule hielt ich an, um der Sache ihren schnellen Lauf zu lassen. Ich hatte mich allmählich abreagiert und nun wurde es mir mulmig zumute, ganz allein in der verlassenen Gegend. Bevor ich aus dem Auto ausstieg, schaute ich mich noch mal um, ob auch keine verdächtigen Gestalten rundumher lauerten. Niemand war zu sehen, außer dem Tankwart, der aufmerksam die Nachrichten verfolgte. Also stieg ich aus, ging um das Auto herum und zapfte mein Auto an die Säule an. Genug Geld hatte ich glücklicherweise mit. Ich hatte nicht gedacht, dass es mich soweit treiben würde, aber da ich mich auf mich selber nicht verlassen konnte, hatte ich immer genügend Taschengeld bei mir.

Die Liter schienen sich bei der Beförderung aus der Zapfsäule in meinen Tank Zeit zu nehmen. Ich hatte das Gefühl, dass ich bereits Stunden da stand, als er endlich voll war. Ich schloss den Deckel, beförderte den Zapfhahn in die Ausgangssituation und lief zur Kasse, hinein in den kleinen Tankstellenkiosk. Der Tankwart schien mich nicht zu bemerken, denn als ich die Tür aufschlug und das Windspiel klingelte, hörte er es nicht oder tat so, denn er rührte sich nicht von der Stelle. Ich schritt hinüber zur Kasse und meine Augen fielen auf den Fernseher, hoch oben in der Ecke des Raumes über der Kasse.

„Zweiter unbegreiflicher Mord in dieser Woche. Der Täter scheint kein Muster zu haben, denn die Opfer haben nichts Gemeinsames“, hörte ich die Reporterin sagen.

„Was ist denn da los?“ fragte ich den Mann an der Kasse, der ein dreckiges kariertes Hemd, einen Dreitagebart und verwaschene Jeans trug. Seine weißen Haare ließen ihn weise aussehen, aber ich wollte mich nicht dazu verleiten lassen, davon auszugehen, dass es stimmte. Man durfte sich auf nichts verlassen.

Ich räusperte mich, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Erschrocken riss er seinen Blick vom Fernseher los und starrte mich wie versteinert an. Anscheinend hatte er mich tatsächlich nicht bemerkt, da er so vertieft in die Geschehnisse auf der Welt war.

Der sorgenvolle Blick

„Oh, entschuldigen Sie, Miss. Ich habe sie nicht kommen sehen. Es passieren so viele grausame Dinge auf der Welt und wir können nichts dagegen unternehmen. Traurig, aber wahr!“ Er war wirklich traurig, denn er machte einen gequälten Gesichtsausdruck, als ob er mit den Menschen mit litt.

„Aber was ist denn da passiert?“, fragte ich ihn neugierig und gab ihm das Geld für das Benzin.

„Es sind bereits zwei Tote diese Woche in Toronto aufgefunden worden. Keine Anzeichen auf einen Serienmord. Die Nachrichten sagen, es waren zwei verschiedene, aber wenn sie mich fragen, sage ich, das war ein und derselbe. Er hatte es wahrscheinlich eilig, sodass er in einer Woche bereits zwei umbringt. Es kann aber auch sein, dass ich mich täusche. Lassen Sie sich nicht beirren von einem alten Mann.“

Er schenkte mir ein weises Lächeln, währenddessen er das Wechselgeld abzählte und es mir in die Hand drückte.

„Passen Sie auf sich auf, Miss. So ganz alleine unterwegs. Was hat sie bloß in diese Gegend getrieben, Sie junges Ding? Ich hoffe, Sie haben es nicht weit.“

Sein besorgter Blick entging mir nicht. Musste er mir solch eine Angst einjagen, nur weil er gerade in mieser Stimmung war? Ich nahm das Wechselgeld und begab mich in Richtung Tür.

„Auf Wiedersehen!“, schrie ich, während ich hinauseilte.

Schleunigst lief ich zu meinem Auto, stieg ein, versperrte alle Türen von innen, ließ den Motor aufheulen und gab Gas, sodass die Reifen quietschten und den Staub hinter sich aufwirbeln ließen.

Ich drehte mich nochmal zum Licht um, das aus dem Fenster schien. Der Tankwart sah mir mit seinem besorgten Blick nach und das machte mich umso nervöser. Es war nicht das erste Mal, dass ich raus gefahren war, aber so übel vor Angst wurde mir zuvor noch nie.

Weitere Folgen von Emily Moon und Munirah Gholam

Dieser Beitrag erschien auch bei tatjana-rogalski.de

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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