Das Ende eines Lebensabschnitts (DIB-Fortsetzungsroman Teil I)

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Ich stand vor meinem überfüllten Schrank, der in jedem Moment vor Überfüllung zusammenzuklappen schien, und überlegte, wie ich es schaffen sollte, all meine Klamotten nach Richmond Hill zu befördern. Währenddessen wippte ich mit dem linken Fuß auf dem hölzernen Boden ungeduldig hoch und runter.

In Richmond Hill begann mein Studium der Ägyptologie. Ich liebte Ägyptologie. Vielleicht würde ich mehrere Male hin- und herfliegen müssen oder auch für das Übergepäck Unsummen zahlen müssen, aber darüber konnte ich mir noch später Gedanken machen. Jetzt musste ich mich entscheiden.

Sollte ich die Beziehung zu meinem Freund, Tony Brown, weiterführen oder sollte ich sie beenden? Tony war der Traum jedes Mädchens in meinem Alter: groß, blond, blauäugig, gut gebaut, witzig und immer schön gestylt. Dachte ich jedenfalls! Oder hatte versucht, es zu denken…

Seine Familie war wohlhabend und beliebt. Außerdem waren meine Eltern von ihm begeistert. Er wusste es, mit Erwachsenen umzugehen. Also tolle Aussichten für eine Zukunft mit ihm, wenn man nur an das Praktische dachte, wie ich es tat zu dem Zeitpunkt. Denn Liebe war für mich nur ein Mythos. Ich glaubte nicht an die wahre Liebe. Die gab es nur in Filmen. Meine beste Freundin Munirah war da anderer Meinung. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass jede von uns sie finden würde. Ich ließ sie einfach träumen, irgendwann würde sie schon aufwachen und sich selbst überzeugen…

Heute Abend wollte ich es ihm sagen, es sei denn, ich entschloss mich dazu, mich von ihm zu trennen. Denn länger wollte ich ihn nicht im Dunkeln tappen lassen. Mein Inneres schrie mir zu, dass wir nicht zusammengehörten. Ich war eher der ruhige Typ und er war ständig unterwegs, wollte immer was unternehmen, wobei ich mich am liebsten in meinen Büchern vergrub. Bücher waren meine große Leidenschaft, nach Ägyptologie, Klamotten und Schuhen. Heute weiß ich, dass Materialismus nichts nützt und nur ins Verderben führt.

Selam Munirah!

Ich hatte mich an der Universität von Toronto beworben, weil dort auch das Museum mit der großen ägyptischen Ausstellung war. Leider wurde ich dort, ebenso wie Munirah, nicht angenommen. Stattdessen hatte es uns nach Richmond Hill verschlagen. Ungefähr 100 Kilometer von Toronto entfernt. Damit war ich auch ganz zufrieden. Dort würden wir uns eine Wohnung teilen. Darauf freute ich mich sehr. Aber vorher hatte ich noch viel zu erledigen.

Da klingelte auch schon das Telefon. Ich riss mich von meinen Gedanken los und ging hinüber zum Nachttisch, um den Hörer abzuheben. „Selam Munirah!“. Munirah ist Muslimin. Ihr Vater ist Palästinenser und ihre Mutter Amerikanerin. Sie haben sich in Palästina kennengelernt. Ihre Mutter war dort als ehrenamtliche Ärztin unterwegs. Ihr Vater bestand darauf, in Palästina zu bleiben, doch ihre Mutter hatte nicht nachgelassen und somit sind sie dann doch nach Amerika gekommen. Munirah wurde als Baby von den Amerikanern neugierig betrachtet, weil Mischehen damals eine Seltenheit waren. Sie haben regelrecht in den Kinderwagen gestarrt. Ich fand es immer süß, wie ihr Vater sich in seinen Erzählungen immer noch darüber aufregte.

Ich wusste, dass sie es am Telefon war, da sie es kaum abwarten konnte, meine Entscheidung zu hören und sie war natürlich die Erste, der ich es mitteilen wollte. Ihr Wunsch war, dass ich Tony in den Wind schoss, da er ihrer Meinung nach ein eingebildeter Egozentriker war. Das wagte sie allerdings nicht zu sagen, denn verletzten wollte sie mich nicht. Ich las es nur zwischen den Zeilen…

Sie war viel zu vorsichtig und fürsorglich, was manche Sachen anging oder besser gesagt, was überhaupt alles anging. „Woher wusstest du, dass ich es bin?“ fragte sie mit ihrer piepsigen Stimme. „Ich hörte es an dem neugierigen Klingeln.“ Sie war und ist einfach die strahlende Sonne in Person. Ihre Ausstrahlung hat etwas Magisches. Ich konnte es nicht erklären. Es war mir unbegreiflich, aber greifbar. In ihrer Nähe fühlte ich mich immer wohl und aufgehoben.

Mit Papis SLK…

„Ha ha. Und hast du dich entschieden?“ Typisch Munirah, konnte es nicht abwarten bis ich das Thema selbst anschlug. „Ich weiß nicht. Ich hab hier weitaus größere Probleme. Wie sollen mein ganzer Schrank plus die hundert Paar Schuhe in zwei Koffer passen?“ fragte ich sarkastisch.

„Oh Emily, komm schon. Spann mich nicht auf die Folter!“ Ich sah das Bild ihrer sich verdrehenden braunen Augen hinter ihrer eckigen Brille, während ihr zarter Zeigefinger in ihrer dunklen lockigen Mähne spielte, bildlich vor mir. „Ja, ja schon gut.“ Ich liebte es, sie zu ärgern.

„Ich denke, das ist das Beste, wenn jeder von uns seinen eigenen Weg geht, obwohl praktisch alles zusammenpasst. Außerdem hat er vor, nach New York zu gehen und ich nach Richmond Hill. Irgendwie ging er mir auch die letzte Zeit auf die Nerven, mit seinem silbernen Mercedes SLK und den ganzen Tussis, die ihn ständig beglotzten. Fiel es mir nicht auf oder war er immer so prahlerisch?“

„Er war schon immer so ein Angeber, das kannst du mir glauben. Den SLK kann ich nicht mehr sehen. Seht her, was mein reicher Papi mir gekauft hat“, antwortete mir Munirah mit einer Wallung von Vorfreude. Munirah war sehr anständig und hielt nichts von vorehelichen Beziehungen, was ich damals nicht nachvollziehen konnte. „Also, so deutlich brauchst du nicht zu werden. Schon kapiert!“.

„Ich wollte dich nicht beleidigen, sondern nur den Tatsachen ins Gesicht sehen. Tut mir Leid!“ Die Sorge, dass sie mich vielleicht verletzt haben könnte, drang durch den Hörer hindurch.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, ich weiß es doch selbst. Und du bist praktisch aus dir herausgeplatzt, nach einem Jahr des Durchhaltens. Wir hören uns dann später. Er holt mich in einer Stunde ab. Er wollte mich zwar zum Essen ausführen, aber ich mach es möglichst kurz. Bis dann.“ sagte ich und legte den Hörer auf, ohne dass sie sich verabschieden konnte. Die Freude über meine Entscheidung war deutlich aus ihr herauszuhören.

Ich schaute noch kurz meinen Schrank an und seufzte. Irgendwas musste mir bis zum Umzug noch einfallen. Dann wechselte ich meine geliebte Jogginghose und T-Shirt gegen eine schlichte Jeans und meinen weißen Cashmere-Pulli, zupfte meine dunkelbraunen taillenlange Haare zurecht, schminkte die Wimpern, trug etwas Lipgloss auf und ging hinüber zu meiner grauen Couch, die am Fenster stand und auch als Bett diente, setzte mich hin, drehte mich zum Fenster und wartete, bis das Hupen des SLK ertönte. Nach einer Weile war er dann da. Ich hörte schon die laute Musik krachen. Musste er immer so übertreiben? Schwerhörig war er, meinem Wissen nach, nicht. Wenn ich daran zurückdenke, kräuseln sich mir die Nackenhaare, da ich solch eine Art von Musik nicht mehr höre.

Weitere Folgen von Emily Moon und Munirah Gholam

Dieser Roman erschien auch bei tatjana-rogalski.de

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About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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