Das Kopftuch ist eine Festplatte

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Die Zeitungen haben schon viele Artikel über das Thema „Kopftuch“ drucken müssen und ja, das Thema hat sich allmählich in alle Köpfe eingefressen, wie ein hartnäckiger Computervirus, ein Trojaner oder Spamware. Es nervt und nervt und nervt. Bla, bla, bla… Kopftuch hier, Kopftuch da.

„Achtung, Ihr PC ist infiziert, mit dem Kopftuch!“
Uuuuuuuuuuuh! Das KOPFTUCH oder noch schlimmer: der HIJAAAAAAAAB!

Da sind sie dann plötzlich; 10 aufdringliche Meldungen auf einen Schlag! Mehrere Fenster öffnen sich gleichzeitig auf dem Bildschirm! Ein Virus der ganz gefährlichen Sorte. Aber leider verschwindet das Problem der Benachteiligung nicht, wenn wir einfach aufhören darüber zu berichten. Es muss endlich eine radikale Lösung her. Die Festplatte wird formatiert. Anders geht es nicht. Sorry!

Das Bewerbungsgespräch mit dem Kopftuch

Kopftuchträgerinnen klopfen an viele Türen und bewerben sich bei vielen Unternehmen. Mit großer Wahrscheinlichkeit kriegen sie auch viele Absagen. Die Erklärung lautet dann, dass die Stelle anderweitig besetzt wurde, aber das läge nicht an den Qualifikationen der Bewerberin. Oder aber die Qualifikationen der Bewerberin passen angeblich nicht für die inserierte Stelle. Das sind nur ein paar Beispiele. Im Projekt (Hijab – Job – Social Experiment – Discrimination at workplace?) von Issam Bayan sind noch ein paar mehr zu finden.

Doch schieben wir Kopftuchträgerinnen uns mit solch einer Bezeichnung nicht selbst in eine Schublade? Wir setzen unbewusst den Fokus auf unser Kopftuch, wenn wir beleidigt sind und oft gerade deshalb nicht anerkannt werden oder uns denken, dass es so ist. Dabei ist das Kopftuch doch mittlerweile Normalität in Deutschland, oder?

Das Kopftuch ist so normal wie Humus. Die Angst muss weg

Seien wir doch ehrlich: Das Kopftuch ist aus Deutschland nicht mehr wegzudenken. Es ist so normal wie das Abendbrot oder auch das türkische Fladenbrot, welches mittlerweile in jedem Supermarkt zu kaufen gibt, so normal wie türkischer Bayramtee, Humus und Co. Und all das ist auch nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Das wollen wir auch gar nicht. Dafür schmeckt es alles viel zu gut! Warum also überträgt sich diese Normalität nicht auf das Berufswesen?

Wenn wir selbst diese Angst in uns hegen, dass wir aufgrund des Kopftuchs nicht eingestellt werden, projizieren wir diese Angst auch auf unser Gegenüber. Auch im Vorstellungsgespräch. So wie unsere schlechte Laune sich auf unsere Mitmenschen überträgt, so übertragen sich auch die Angst und die negative Einstellung. Der Gesprächspartner fühlt dass etwas nicht stimmt. Die Angst ist es, die uns oft scheitern lässt. Aber es ist eine unsinnige Angst. Wir müssen keine Angst vor Menschen haben.

Wir sollten unser Kopftuch als eine Normalität und nicht als eine Besonderheit sehen, denn genau das ist es auch. Wenn wir einen Job deshalb nicht kriegen, war das vielleicht nicht besser so? Ist dieser Job, den wir uns sehnlichst wünschen, vielleicht doch nicht das Beste für uns? Wollen wir wirklich für jemanden arbeiten, der sich von Vorurteilen leiten lässt? Sicher ist es frustrierend und auch traurig. Sicher ist es in dem Moment auch schwer zu akzeptieren. Doch schließt sich eine Tür, öffnet sich eine andere. Ich weiß es ist leicht dahin gesagt, aber ich mache es mir gerne leicht. Warum also auch nicht hiermit?

Mein Kopftuch war top Thema im Betrieb

Als ich den Entschluss gefasst habe das Kopftuch anzulegen, war mir bewusst, dass ich auf viele Konfrontationen stoßen würde. Sei es bei der Arbeit, oder aber auch privat. Dem war auch so. Es hat für sehr viele Gespräche und sehr viel Getuschel gesorgt. Top Thema im Betrieb! Doch ich habe mir immer wieder eingeredet „Es ist nichts Besonderes. Es ist nur ein Tuch. Sonst nichts. Du bist du und die Menschen schätzen dich so wie du bist.“ Ich habe viele Gespräche mit KollegInnen führen müssen, denn der „Schock“ saß tief. Viel Unverständnis und „Mitleid“, allerdings auch sehr viel Unterstützung von Kolleginnen, wofür ich sehr dankbar bin und was ich sehr schätze.

An dieser Stelle, an meine deutschen, nichtmuslimischen Kolleginnen: Danke!

Mit viel Geduld und Aufklärungsgesprächen, oder einfach nur das Vermitteln der inneren Ruhe, bin ich für meine Mitmenschen wieder die Alte. Nur eben mit einer kleinen Veränderung. Dieselbe Person wie vorher, die im Rahmen eines Selbstfindungstrips nun bei sich selbst vollkommen angekommen ist. Warum ist es wichtig dass sie bei sich selbst angekommen ist? Weil die Menschen es fühlen und das gibt ihnen die Ruhe, um zu erkennen, dass doch nichts Schlimmes dahinter steckt. Unser Verständnis für ihre Angst, glättet mit einer gewissen Leichtigkeit die Wogen.

Mein Appell alle Musliminnen

Liebe Schwester, diese Ängste, die Du hegst verderben Dir alles. Diese Ängste, dass Du wegen des Kopftuchs abgewiesen wirst, sind das Erste, was Du überwinden musst, damit Du akzeptiert wirst. Und zwar nicht als „die Kopftuchträgerin“ sondern als Du selbst. Dein Kopftuch definiert nicht wer Du bist, es unterstreicht es nur. Stell Dir vor, der Hijab umgibt Dich mit einer Leichtigkeit von innen nach außen. Verbanne die Angst aus Deinem Kopf und denke nur an Deine Qualitäten und Qualifikationen, denn diese sind es doch, die wirklich zählen und das müssen wir nicht noch extra betonen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. In dem wir uns selbst so auf das Thema Kopftuch fixieren und reduzieren, spielt uns unser Unterbewusstsein einen Streich. Es sendet in unsere ganze Umwelt das Signal aus „Ich trage das Kopftuch und das ist normal, dass ich dadurch Probleme kriege.“ NEIN!

Sei Selbstbewusst!

Ich möchte hier keine Standpauke halten, sondern einfach nur Mut machen. Und solange man diese Angst oder Verunsicherung in sich hegt, wird man auch nichts oder nur sehr mühselig etwas erreichen. Wie oft hörte ich Geschichten von Frauen, die diese Ängste nicht haben und auch ganz normal arbeiten gehen? Das ist das Ausschlaggebende. Ich hatte auch diese Ängste und solange dieser Prozess in mir selbst nicht ausgereift war, veränderte sich nichts in meiner Umgebung und nichts an mir selbst. Auch wenn Du es nicht sofort überwinden kannst, so wisse, dass niemand außer Dir und Deinem Schöpfer Dein Inneres kennt. Täusche diese Angst einfach weg, auch wenn Du es nur für Dich tust. Irgendwann wird es Dein schlummerndes Unterbewusstsein verstehen, abspeichern und das Signal an all die Mitmenschen, die Dich umgeben, aussenden. Du hast es drauf! Mit ein wenig Übung meisterst Du das, wenn Du es Dir sehnlichst wünscht. Das weiß ich! Deshalb mache Dir selbst Mut und vertraue auf Deinen Schöpfer und natürlich auf Dein Selbstbewusstsein. Und wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Eine bessere, inschaAllah 🙂

Der Beitrag erschien auch bei www.tatjana-rogalski.de und hijabisch.de

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About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

5 Kommentare

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  2. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    Hallo Törtchen,

    freut mich, dass der Artikel gefällt. Ich hoffe dadurch konnte ich auch Menschen zum Nachdenken anregen.

    Alles Gute 🙂

    Mahdiya Tatjana

  3. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    Wa aleykumu salam liebe Nuriyya,

    sehr gern geschehen. Es freut mich auch sehr, dass es Dir Mut gemacht hat. Ich würde Dir raten, setze Dich selbst nicht unter Druck. Alles kommt mit der Zeit inschaAllah. Wenn Du für Dich das wirklich möchtest, dann versuch es einfach, auch wenn es nur für einen Tag oder eine Stunde ist. Abschrecken sollte Dich nichts. Es ist eher ein innerer Prozess, den jede Muslima durchläuft, bis sie dann wirklich nicht mehr interessiert was die Menschen von ihr denken. Natürlich sollte man seine Mitmenschen trotzdem nicht ignorieren usw. Ich denke Du weißt schon wie ich das meine. Schau mal, es ist wichtig, dass Du weißt was Du möchtest und dass Du Du sein solltest und niemand anders. Das was Deine Persönlichkeit ist und werden möchte, das zählt. Es zählt nicht, ob es jemandem gefällt oder nicht. Die Hauptsache ist, dass Du selbst mit Dir zufrieden und glücklich bist. Dann interessiert auch die Meinung anderer nicht. Ich wünsche Dir alles Gute für Deine Zukunft und dass Du Dein Ziel erreichst, inschaAllah.

    Liebe Grüße und wassalam 🙂

    Mahdiya Tatjana

  4. As-Salamu alaykum,

    danke für diesen Artikel Mahdiya.

    Ich kämpfe innerlich seit mehreren Wochen, ja sogar Monaten mit mir, weil ich einerseits das Kopftuch tragen möchte und andererseits immer wieder aus Angst davor zurück schrecke.

    Jetzt hat sich bei mir eine Tür geöffnet, durch die ich nur gehen kann, wenn ich ein Kopftuch trage. Einen Tag wäre es nur, aber selbst das macht mir in gewisser Weise Angst.

    Dein Artikel hat mir jetzt doch wieder Mut zugesprochen. Wie es manchmal so spielt, kam er genau in dem Zeitpunkt auf meinen Bildschirm, in dem ich schon fast die geöffnete Tür wieder schließen wollte.

    Aber ich lasse sie auf. Ich versuche es. Es wird eine neue Erfahrung für mich, aber in shaa allah öffnen sich dadurch weitere Türen, von denen ich vorher nie etwas geahnt habe.

    Danke für Deine Portion Mut, die Du mir geschickt hast 🙂

    Lieber Gruß und Wa alaykumus Salam,
    Nuriyya

  5. Sehr schöner Artikel! Leider werden heute die menschen nicht so genommen wie sie sind. Alle müssen sich einer „norm“ anpassen. Für alles gibt es komischerweise „normen“ ich finde jeder sollte mal darüber nachdenken! !!!

Die Integrationsblogger