„Das Kopftuch ist eine Lebenseinstellung“

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Tatjana Rogalski

Integrationsbloggerin Tatjana Rogalski

Dass ausgerechnet der Islam etwas zu einem emanzipierten Frauenbild beitragen könnte, erscheint vielen mehr als abwegig. Gilt doch gerade er in westlichen Ländern als einer der letzten Bastionen vermeintlicher Unterdrückung und Entwürdigung von Frauen. Khola Maryam Hübsch wehrt sich gegen diese in ihren Augen falsche und verkürzte Sicht auf den Islam. Klug hält sie unserer Gesellschaft einen Spiegel vor: Wie frei und gleichberechtigt sind Frauen in unserer sexualisierten Gesellschaft wirklich? Kann das Tragen eines Kopftuches – wenn es freiwillig geschieht – nicht gerade ein Zeichen für weibliche Emanzipation und Freiheit sein? Und könnte sich ein modernes islamisches Frauenbild nicht auch positiv auf das Verhältnis der Geschlechter und das Gelingen von Partnerschaften auswirken? Ein scharfsinniges und streitbares Buch, das gängige Klischees infrage stellt und neue Perspektiven auf den Islam eröffnet. (BUCH: UNTER DEM SCHLEIER DIE FREIHEIT)

Nachdem ich das Buch „Unter dem Schleier die Freiheit“ in Null-Komma-Nichts verschlungen habe, musste ich natürlich mit dieser inspirierenden Person sprechen, um die bereichernde Trance noch weiter in mich aufsaugen zu können.

Nun zu den Fragen:

Wie ist die Idee zu dem oben genannten Buch entstanden?

Ich wollte zuerst allgemein etwas zum Islam schreiben, weil ich die Berichterstattung verfolgt habe, welche sehr einseitig und stereotyp ist. Ich hatte das Bedürfnis, den Islam, wie ich ihn erlebe, auch darzustellen und ich erlebe diese Religion als sehr, sehr bereichernd für mein Leben. Es waren mehrere Themen, die ich abhandeln wollte, also das Thema „Umgang mit Andersgläubigen“, „Toleranz“, „Aufklärung“ sowie „Gewalt“. Eigentlich all das, was in den Medien für Gedanken sorgt. Und ich habe angefangen mit dem Thema „Frau im Islam“, weil das auch ein sehr zentrales Thema ist. Es ist aber so viel geworden, sodass ich gemerkt habe, ich kann gar nicht alle Themen aufarbeiten. Somit habe mich nur für das Thema „Frau im Islam“ entschieden, unter anderem auch die Kopftuchdebatte. Damit habe ich begonnen und dabei ist es dann auch geblieben.

Wie kam es zu Deiner Überzeugung über das Kopftuch?

Es war eine längere Entscheidungsfindung und es hat mit dem persönlichen Glauben zu tun, welcher sich weiterentwickelt hat. Zentral war es aus Liebe zu Allah heraus und dem Bedürfnis, ihm näher zu sein, das Gebot im Quran zu befolgen, meinen Glauben auch nach außen hin auszudrücken. Es war auch neben den emotionalen, religiösen Gründen, eben auch dieser Aspekt, dass ich die rationalen Gründe dafür nachvollziehen konnte. Ich habe sehr viel beobachtet, was in der Gesellschaft los ist und auch zu den Liebesbeziehungen, wie sie wahrgenommen werden, wie die Rolle der Frau ist. Es sind all diese Dinge, wo ich gemerkt habe, da fehlen bestimmte Rahmenbedingungen, damit Liebe auch gedeihen und funktionieren kann. Das Kopftuch ist eine Lebenseinstellung, wie man dem anderen Geschlecht gegenüber begegnet. Es ist ein respektvoller Umgang miteinander, die Persönlichkeit sollte im Vordergrund stehen, dass man mit den Reizen, wie der Quran formuliert, in der Öffentlichkeit sparsam umgehen sollte und dass alles auch einen bestimmten Raum hat. Der öffentliche Raum sollte möglichst reizarm bleiben, damit der Zusammenhalt der eigenen Familie, der Ehe damit auch gedeihen kann. Die erste Motivation war allerdings die Liebe zu Gott, weil ich es auch als ein Gebot des Qurans verstanden habe und der zweite Aspekt kam dann erst später dazu, aus Lebenserfahrung heraus.

Hattest Du anfangs Schwierigkeiten mit der Umgebung bzw. Deiner Umwelt?

Ich habe mit dem Kopftuchtragen in der Mittelstufe angefangen. Ich hatte das Gefühl auch, dass ich viele Freunde verlieren würde, aber ich hatte die Angst davor verloren, weil ich mir einfach gedacht habe, die Freunde, die ich dadurch verlieren würde, sind es nicht wert, als Freunde bezeichnet zu werden, wenn sie wegen einer oberflächlichen Veränderung die Freundschaft aufgeben. Es ist natürlich auch so, dass das Kopftuch am Anfang für Spannungen sorgt, aber ich hatte das Gefühl, dass es von den echten Freunden akzeptiert wurde und das eigentliche Problem meine inneren Ängste waren. Es gibt an Schulen bestimmte Kreise, die sogenannten „coolen Cliquen“, die mit solch einer Art Kleidungsstück nichts anfangen können, aber dann soll es auch so sein. Das ist auch in Ordnung. Letztendlich waren die Freunde, die ich dann behalten habe, die Freunde fürs Leben, mit denen ich auch heute noch Kontakt habe. Der zentrale Gedanke ist: „Ich muss keine Angst vor Menschen haben“. Die Anerkennung anderer Menschen ist nicht wesentlich, sondern ich muss mit mir selbst im Reinen sein und die Beziehung zu Allah ist das Zentrale. Es nützt auch gar nichts, sich auf Menschen zu verlassen, weil diese immer sehr unterschiedlich reagieren können und die eigentliche Motivation sollte von innen heraus sein und nicht aufgrund einer Bewertung Anderer.

Inwieweit gab Dir Deine Familie Halt bei der Durchsetzung Deines Entschlusses?

Die Familie hat natürlich einen Rahmen geboten. Wir konnten über Religion immer und offen sprechen. Aber letztendlich war es ein eigener Kampf. Es ist eine eigene Geschichte, ein eigener Weg, den man gehen muss. Meine Eltern haben mich in dieser Hinsicht natürlich selbst entscheiden lassen und haben sich relativ neutral verhalten. Wenn man in der Öffentlichkeit unterwegs ist, ist man auf sich allein gestellt. Deshalb ist es auch wichtig, dass es eine innere Überzeugung, Stärke und Selbstbewusstsein ist, die einen auch dazu befähigt, das Vorhaben durchzusetzen. Dadurch habe ich mich frei gemacht von den Äußerungen anderer, von der Bewertung anderer und das war ein Weg, den ich innerlich gegangen bin und irgendwann hat sich das äußerlich durch das Kopftuch bemerkbar gemacht. Was mir meine Familie mitgegeben hat, ist das Lebendige zu Hause, dass Gott lebendig ist, dass die Beziehung zu Gott eine lebendige ist und dass Gebete erhört werden. Sie haben es mir vorgelebt. Die Entscheidung zum Kopftuch war ein Annäherungsprozess an Gott. Ich habe in dieser Zeit auch viel gebetet und mir gedacht, auch wenn ich alle Freunde verliere, ich habe doch den besten Freund und zwar Allah. Das ist eben die Beziehung des Menschen zum Schöpfer.

Meinst Du, Du wärst genauso mit der Entscheidung umgegangen, wenn Du keine Unterstützung von Deiner Familie hättest bzw. wenn Deine Eltern dagegen gewesen wären?

In dem Fall, wenn die Eltern nicht religiös sind und aus diesem Grunde die Entscheidung nicht nachvollziehen können, ist es denke ich von Bedeutung, welche Entwicklung man als Person durchlebt. Wenn man selbst dennoch nicht so sehr von der Einstellung der Eltern beeinflusst ist, und eine gewisse Erfahrung gemacht hat mit Allah, dann gibt es einem so viel Stärke, dass es dann auch nicht aufhält, wenn die Eltern keine Rückendeckung geben. Das merkt man dann auch bei Frauen, die zum Islam finden. Es ist eher ein innerer Prozess. Es ist gar nicht so stark abhängig davon, ob die Eltern es gut finden oder nicht. Es ist natürlich einfacher, wenn man irgendwie in einer entsprechenden sozialen Community unterwegs ist, wo viele Frauen die gleiche Überzeugung hegen und dabei auch die betroffene Person in ihrer Entscheidung unterstützen. Es vereinfacht das Ganze. Letztendlich ist es dennoch eine innere Entscheidung für jede Frau.

Wie haben Deine Freunde damals auf Deinen Entschluss reagiert?

Es fing an, wichtig zu werden, welche Marke man trägt, welches Make-up. Das sind genau die Phasen, wo das zentral wurde, wo die Mädchen sich anfangen zu schminken, quasi das äußere Erscheinungsbild wichtig wurde. Wenn man in dieser Phase mit dem Kopftuch ankommt, wird man dann einfach als „uncool“ und „uninteressant für die Jungs“ abgestempelt. Man ist dann so gesehen außen vor und nicht mehr mittendrin. In gewissen Cliquen, zu denen ich auch Zugang hatte, mich dann aber selbst soweit verändert hatte, sodass ich für sie uninteressant wurde und sie für mich uninteressant wurden, sind die Freundschaften auseinandergegangen. Also es ist dann schon so, dass man mit dem Kopftuch anders wahrgenommen wird. Aber mit anderen war das gar kein Problem.

Hattest Du negative Erfahrungen (rassistische Angriffe)?

Es ist oft subtil und man kann nicht wirklich sagen, liegt es jetzt am Kopftuch, an dem ausländischen Hintergrund oder ist diese Person generell immer unfreundlich. Vor allem nach dem 11. September habe ich gemerkt oder auch wenn Debatten gegen den Islam geführt werden, speziell über das Kopftuch, dann kriegt man schon Sprüche zu hören und das ganz direkt abwertend über das Kopftuch. Es wird immer am Kopftuch festgemacht, denn es macht einen als Muslimin erkennbar und ohne das Kopftuch würde man überhaupt gar nicht merken, dass ich muslimisch bin. Erst durch das Kopftuch musste ich feststellen, dass solche diskriminierenden Aussagen fallen. Man muss auch gewisse Blicke ertragen, wenn man irgendwo in den Geschäften unterwegs ist oder allgemein in der Öffentlichkeit. Wenn man in ein Geschäft reingeht, werden die anderen direkt freundlicher behandelt als man selbst. Aber mittlerweile ist es in der Innenstadt so, dass viel arabische Kundschaft vorhanden ist und man somit sogar als erste und freundlich bedient wird. Aber im Großen und Ganzen ist es so, dass man mit Vorurteilen konfrontiert wird. Die Leute denken, dass man die Sprache nicht so gut spricht, obwohl man schon deutlich gesprochen hat. Das gehört zum Alltag, aber das nehme ich gar nicht mehr so wahr. Das ist für mich einfach nur Hintergrundrauschen.

Wie hast Du Dich bei negativen Erfahrungen weiter motiviert?

Wenn man so einen blöden Spruch hört, dann ärgert man sich oft hinterher, dass man nicht schlagfertig genug war. Es zieht die Laune kurz runter, aber ich bin zum Ergebnis gekommen, dass man solche Bemerkungen der Person nicht übel nehmen sollte, sondern für diese beten sollte, dass diese negativen Gefühle sich auflösen und einfach denken: „Diese Person weiß es nicht besser. Sie hat halt den Hass und den Groll gegenüber den Muslimen. Vielleicht hat sie auch etwas Negatives erfahren.“ Ich denke, es ist einfach besser sich von diesem Hass nicht anstecken zu lassen, indem man dann auch noch selber mit Feindschaft und aggressiven Sprüchen antwortet, was den anderen auch wieder verletzen könnte. Man sollte einfach ruhig, freundlich und gelassen bleiben. Man sollte einfach das Negative ins Positive verwandeln.

Hattest Du Phasen, wo Du dachtest, Du würdest es nicht schaffen und wolltest einfach alles hinschmeißen?

Ich weiß von Bekannten, dass sie manchmal vor dieser Entscheidung stehen „Nehme ich jetzt den Praktikumsplatz, den ich unbedingt brauche und ziehe das Kopftuch ab oder bleibe ich mir treu?“. Sie stehen in einer schwierigen Situation. Da muss dann jeder für sich schauen, wie er damit umgeht. Oft gibt es dann doch noch Möglichkeiten, die sich eröffnen. Ich finde es auch immer schwierig, wenn man zu schnell aufgibt. Wenn man sich zu schnell unter Druck setzen lässt, weil man ein bestimmtes Jobangebot aufgrund des Kopftuchs nicht bekommt. Dadurch wird es aber nicht besser. Das Problem ist ja dann weiterhin da. Die rassistische Haltung in der Gesellschaft ist verankert und sie geht ja auch nicht dadurch weg, wenn wir jetzt einfach die Kopftücher ablegen. Wir müssten da auch mehr Standhaftigkeit zeigen und mit dem Kopftuch versuchen, die Meinung der anderen zu verändern. Ich persönlich stand nicht vor so einer Entscheidung. Ich hatte noch nie die Notwendigkeit, dass ich keine andere Alternative gehabt hätte. Ich hab auch immer gedacht, es ist mir lieber, mir selber treu zu bleiben als dann so einen faulen Kompromiss einzugehen.

Hat es Dich runtergezogen, falls jemand, der Dir nahestand, damit nicht umgehen konnte?

Also die Leute, die mich kennen, kennen mich ja als Person. Da steht die Persönlichkeit im Vordergrund und die äußeren Veränderungen sind nicht so zentral. Ich war auch relativ jung damals und hatte dieses Problem auch nicht. Wenn man von bestimmten Personen in eine Schublade gesteckt wird, dann können diese Vorurteile ebenfalls nur durch persönlichen Kontakt aufgebrochen werden. Ich denke, es ist immer zu lösen, wenn man wirklich in Kommunikation bleibt.

Was sagst Du zu dem Begriff Mipster (Kombination aus muslimisch und Hipster)?

Dieses Thema habe ich auch in meinem Buch behandelt. Ich würde es nicht verurteilen wollen. Viele sehen darin eine Kombination zwischen West und Ost. Das kann schon schön sein, dieser gelassene Umgang und diese Brücke zwischen zwei Kulturen zu sein und sich zu vereinen, wie viele Jugendliche das tun. Aber wenn der innere Kern des Islams nicht ausgefüllt wird und plötzlich dann mit dem Kopftuch gespielt wird, dass es plötzlich nur noch ein Modeaccessoire ist und die Philosophie, die dahinter steht, torpediert wird und man sich entgegengesetzt verhält, dann ist das Kopftuch von vornherein traditionell und kulturell zu sehen. Das Kopftuch hat dann nichts mehr mit der Religiosität zu tun, sondern vielleicht mehr ein Ausdruck einer generellen Identität. Man kann natürlich die westliche Kunst in sich aufnehmen und in sich vereinen, aber wenn man anfängt, den kapitalistischen und antifeministischen Denkstrukturen zu folgen, und das machen die Mipsters teilweise, finde ich, dann ist das schon problematisch.

Was hältst Du von der Repräsentation in Form von diversen Fotos der Hijab-Fashionistas in Facebook, Instagram &. Co.?

Grundsätzlich sehe ich darin kein Problem, sich modisch und trotzdem islamisch zu kleiden. Man sollte allerdings dabei nicht vergessen, dass die Philosophie, die hinter dem Hijab (deutsch: Kopftuch) steht, eine gewisse Zurückhaltung signalisieren sollte. Diese Zurückhaltung und Demut gilt allerdings auch generell für beide Geschlechter. Gerade für die Frau gilt, nicht besonders mit ihren Reizen zu spielen und nicht die Blicke auf sich zu lenken. Im privaten Bereich ist es natürlich in Ordnung. In der Öffentlichkeit ist der Sinn des Hijabs nicht nur auf das Kopftuch, sondern auf die gesamte Kleidung und das äußere Erscheinen gemünzt, dass es eine gewisse Zurückhaltung ausstrahlt. Wenn man jetzt allzu stylish, mit zu viel Make-up auf die Straße geht, dann möchte man ja genau das Gegenteil erreichen. Man möchte die Anerkennung der anderen erreichen und die Blicke der anderen auf sich ziehen. Dann stellt sich halt die Frage: Warum? Es ist ein Widerspruch in sich. Der Hijab bedeutet auch, dass man eine gewisse Form seiner Eitelkeit opfert und die überwindet. Es ist auch nicht so, dass der Islam gegen Schönheit wäre. Allah ist schön und liebt die Schönheit, heißt es in einer Überlieferung. Die Frage ist: Wo setzt man Schönheit ein? Wie platziert man sie? Muss man damit öffentlich hausieren gehen? Deswegen denke ich schon, dass es in Ordnung ist, wenn man sich modisch kleidet, gepflegt erscheint und einen gewissen Style hat, aber nicht allzu aufdringlich wirkt. Und das ist so die Kunst, da den Mittelweg zu finden. Diese Fashion-Blogs gehen teilweise ins Extreme. Das kann man für sich privat ausleben, aber wenn man in die Öffentlichkeit geht, weiß ich nicht, ob es dann noch der Philosophie gerecht wird.

Wie viel Hijab-Fashion ist Deiner Meinung nach „okay“?

Ich denke, solange man der Philosophie und dem Wesen, was hinter dem Hijab steht, noch gerecht bleibt, gepflegt erscheint, seinen eigenen gewissen Stil hat, dann ist es in Ordnung. Aber zu laut zu schreien und zu sehr nach Aufmerksamkeit zu rufen durch seine Kleidung, ist widersprüchlich. Es sollte die Beziehung zum eigenen Mann in den Vordergrund gerückt werden und nicht die Aufmerksamkeit Außenstehender gewonnen.

Ist es Deiner Meinung nach verkehrt, den Hijab in Form z. B. eines Turbans zu tragen?

Es ist weniger zentral, ob man da konkrete Vorgaben macht, auch diese kann man formulieren. Es geht mehr um die Geisteshaltung. Wenn ich jetzt einen Turban trage und mich damit besser, schöner finde, dann sollte man sich auch ein wenig selbstkritisch hinterfragen. Es ist ja nicht der Sinn des Hijabs, ob ich damit besser aussehe oder mir optisch mehr gefalle oder auch Anerkennung anderer kriege. Es ist schon eine gewisse Überwindung, den Hijab zu tragen und es ist auch ein Eitelkeitsaspekt. Man kann auch formal gewisse Dinge einhalten, und durch diese Einhaltung sich auch schon mal ertappen, dass man diese Regeln aufbrechen möchte, dann zeigt es, dass es wieder mit Eitelkeit zu tun hat. Es ist schon wichtig, dass der obere Bereich bedeckt ist, dass die Kleidung locker und weit ist, dass sie nicht figurbetont ist, die Haare bedeckt sind, man nicht zu stark geschminkt ist. Das sind schon so die Grundregeln, die dazugehören. Im Einzelnen sollte man sich schon im Spiegel anschauen und sich überlegen, ob man diesen Grundregeln gerecht wird. Im Quran heißt es, das schönste Kleid ist das Kleid der Frömmigkeit. Daran erkennt man eigentlich selbst, ob es um die innere geistige Einstellung geht oder doch um etwas anderes. Ich glaube auch, wir Frauen neigen dazu, immer mehr Abstriche zu machen, sodass die Kleidung immer enger wird, die Kleider kürzer, das Tuch wird immer schöner gebunden und immer hübscher drapiert, dann schminkt man sich noch stark. Das ist halt ein Widerspruch.

Beim Turban möchte ich nicht sagen, dass er falsch ist oder nicht. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich für mich denke, dass es schon anders aufgenommen wird, wenn man ein Tuch umwickelt. Es hat eine andere Wirkung. Es strahlt noch mehr Zurückhaltung aus. Der Turban ist meistens schöner.

War es leicht, das Kopftuch mit Deinem Berufsleben zu vereinbaren?

Es ist schon schwierig. Man weiß nicht, ob man nicht zum Vorstellungsgespräch gerufen wurde, weil man ein Bewerbungsfoto hatte oder nicht. Ich denke, generell ist es heutzutage noch schwierig, mit dem Kopftuch eine gute Arbeitsstelle zu finden. Der ausländische Nachname, der nach einem Migrationshintergrund klingt, reicht schon aus, dass man weniger zu Gesprächen eingeladen wird. Mit dem Kopftuch wird man oft als nicht weltoffen, konservativ und streng eingestuft. Und das wirkt sich dann natürlich negativ im Beruf aus.

Was ist Deine Meinung dazu, dass viele Frauen durch das Berufsleben dazu gedrängt werden, das Kopftuch nicht zu tragen, obwohl sie es sich sehnlichst wünschen?

Diese Fälle gibt es häufig. Das ist eigentlich eine Verletzung bestimmter Rechte, die eine Frau hat. Recht auf Religionsfreiheit ist das eine, aber auch Recht auf Autonomie, auf Selbstverwirklichung, dass man sich frei für einen Beruf entscheiden darf. Ebenfalls ist es eine Diskriminierung, aufgrund des Geschlechts, denn es betrifft ja nur die Frau, wenn sie sich entscheiden soll zwischen ihrer Religion und ihrem Beruf und vor diese Entscheidung werden sie ja letztendlich gestellt. Es widerspricht zentralen Grundwerten, die wir haben: Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, aber auch der Freiheit, einen Beruf ausüben zu können. Das ist problematisch. Diese Kopftuchverbotsgesetze sollten abgeschafft werden. Das ist ein Widerspruch zu unserem Grundgesetz. Ich denke, es ist eine Frage der Zeit, bis es kommen wird.

Wie würdest Du diese Frauen trotzdem dazu motivieren oder was würdest Du ihnen mit auf den Weg geben?

Man sollte sich immer fragen: Was ist die erste Priorität?

Man sollte an dieser Stelle in sich gehen. Natürlich ist der Beruf auch wichtig, aber letztendlich denke ich, dass Allah allmächtig ist und er kann Wege und Möglichkeiten eröffnen, von denen wir denken, nur zu träumen zu können. Man ist nicht abhängig von einzelnen Personen, die sich gegen einen entscheiden, sondern es bedeutet, man sollte immer versuchen, andere Möglichkeiten und Wege zu suchen und da auch auf Allah vertrauen und auch Hilfe im Gebet suchen. Manchmal weiß man auch erst durch das Gebet, ob es ein richtiger oder fauler Kompromiss ist. Man sollte nicht so schnell einknicken, sondern eine gewisse Standhaftigkeit an den Tag legen. Im Endeffekt ist es für uns eine Prüfung. Man sollte es auch als eine Entwicklungsmöglichkeit in der Liebe zu Gott sehen, denn die ist viel wichtiger. Ich habe es auch schon oft erlebt, dass, wenn Menschen sehr stark auf Allah vertraut haben, sich dann auf einmal ganz neue Perspektiven eröffnet haben, dass Menschen in höheren Positionen, die sich gegen sie entschieden haben, auf einmal ersetzt wurden. Daran merkt man, dass man sich nicht abhängig von Menschen machen sollte, sondern von Allah.

Wie siehst Du dabei die konvertierten Frauen, die häufig von ihrer Familie abgelehnt werden, falls sie diesen Entschluss fassen bzw. wie würdest Du ihnen empfehlen, mit der Kritik umzugehen?

Ja, das ist natürlich nicht leicht und am Anfang kann auch ein harter Bruch entstehen.

Die Erfahrung zeigt, dass es sich oft legt. Da muss man mit sehr viel Geduld und Gebet herangehen. Über die Jahre hinweg normalisiert es sich. Es ist immer die erste ablehnende Reaktion der Eltern, weil sie glauben, es ist nur eine Phase der Tochter und es wird sich wieder legen, wenn wir ganz deutlich machen, dass wir das nicht gut finden und sie auffordern, ihre Entscheidung zu überdenken. Aber wenn die Eltern merken, es ist nicht nur eine Phase, sondern eine ernste Überzeugung, die dahinter steht und die Tochter entwickelt sich zum Guten und sie sehen das auch, dann ist es oft so, dass sich die anfängliche Ablehnung legt. Da ist es auch ganz hilfreich, ein Gespräch zu suchen und auch selbst das Positive vorleben.

Bist Du der Ansicht, dass verheiratete Frauen höchstwahrscheinlich durch die Unterstützung ihres Mannes es leichter bei der Durchsetzung haben als Unverheiratete?

Natürlich hilft es, wenn man ein Umfeld hat. Freunde, Geschwister, die Eltern oder auch der Ehemann. Es könnten alle möglichen Personen sein, die einen dabei bestärken. Im Wesentlichen ist es sehr wichtig, dass man eine lebendige Beziehung zu Gott hat. Wenn die Beziehung zu Allah sehr lebendig und stark ist, dann kann auch das gesamte Umfeld sehr ablehnend sein, dann wird diese auch die Frau in ihrer Entscheidung bei all den zu überwindenden Hürden stärken und kräftigen.

Möchtest Du zum Schluss Deiner Leserschaft noch etwas sagen?

Man sollte das Thema „Kopftuch“ nicht sehr emotional diskutieren. Man sollte die Frauen, die ein Kopftuch tragen, nicht in eine Schublade stecken. In den Medien ist es ein grundsätzliches Problem, dass das Kopftuch mit der Unterdrückung gleichgesetzt wird und ungleicher Behandlung von Mann und Frau. Das will irgendwie nicht aus den Köpfen raus. Wie auch, wenn hochrangige Politiker immer noch solche Sätze verwenden? Die muslimischen Frauen sollten weiterhin Dialog führen, sich dafür einsetzen und offen bleiben, um sich von diesen Stereotypen zu lösen.

Für dieses äußerst informative und aufschlussreiche Gespräch bedanke ich mich!

Dieser Artikel erschien auch bei www.tatjana-rogalski.de

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

5 Kommentare

  1. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    Hallo,

    nun es mag für Sie absurd klingen, aber wenn man ein Tiefenverständnis für diese Thematik entwickelt, dann ist alles logisch und nachvollziehbar.

  2. Chaim Potok on

    Hallo Freunde,

    also ich weiß ja net so genau, aber so Sätze wie: „Der öffentliche Raum sollte möglichst reizarm bleiben, damit der Zusammenhalt der eigenen Familie, der Ehe damit auch gedeihen kann“ sind doch vollkommen absurd, or is it just me?

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  4. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    Liebe Frau Meier,

    mit Sicherheit ist es schwierig in einer Umgebung, wo der Ausländeranteil gering ist, das Kopftuch zu tragen, da man sogesehen dann selbst ein „Ausländer“ ist. Mein persönlicher Tipp an Sie: Wenn Ihnen das Kopftuch wirklich am Herzen liegt und Sie sich so vollkommen und zufrieden fühlen, dann sollten Sie es tun. Denn die Meinung anderer ist subjektiv. Ihr eigenes Wohlbefinden steht im Vordergrund. Keiner hat zu bestimmen, wie sie sich zu kleiden haben. Die Persönlichkeit sollte im Vordergrund stehen. Ich kenne eine Frau, sie arbeitet in einer Firma mit über 800 angestellten. Dort ist der Ausländeranteil ca. 1 %. Das Kopftuch ist ihr aber extrem wichtig. So hat sich sich einfach eines Tages überwunden und ist mit dem Kopftuch zur Arbeit gegangen. Jeder akzeptiert sie so wie sie ist, weil sie als Person kennen und schätzen. Am Anfang hat es für sehr viel Wirbel gesorgt, aber mittlerweile ist es Normalität. Und so ist es auch mit Ihrem Wohnort. Die Angst ist größer als die Sache selbst. Also, einfach trauen und man selbst sein und nicht das was die Anderen möchten, dass wir sind 😉

  5. Zum Thema „unauffällig“…
    In İstanbul war es logischerweise absolut kein Problem mit Kopftuch herumzulaufen. Ich habe mittlerweile ne beachtliche SAmmlung davon. Hier in unserer ostdeutschen Provinz allerdings würde ich mit Kopftuch stark auffalen und sofort alle BLicke auf mich ziehen, da es hier sowas einfach nicht gibt. Thüringen hat mit 4,1 % den geringsten Ausländeranteil in Deutschland, und die Muslime konzentrieren sich dabei auf die grossen Städte(was für mich schon fast am anderen Ende der Welt ist). So trage ich lieber kein Kopftuch, kleide mich aber unauffällig und habe so meine Ruhe….
    …ich würde sehr gern schneller wieder nach İstanbul gehen als das im Moment möglich ist…

Die Integrationsblogger