Der Gezi-Konflikt – mit deutschen Augen gesehen

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christianrunkelNicht immer steht deutscher Chauvinismus hinter kritischen Anmerkungen zur Politik Erdoğans. Oft ist es die Sorge vor einer polarisierten politischen Kultur.

Meine deutschtürkischen Freunde sind gekränkt, und ich kann sie verstehen. Das stolze Land ihrer Väter, das nach einer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung weltweit als „Tigerstaat“ angesehen wurde, hat einige Tage lang bedenklich geschwankt.

Nun geht die Türkei zwar wieder einigermaßen gerade, aber irgendwie scheint eine Narbe übriggeblieben zu sein. Die Währung erholt sich nicht richtig und schwankt bei fast YTL 2,60 für den Euro (10% schlechter als im Mai, fast 20% schlechter als im Vorjahr), die Auslandsschulden wachsen aufgrund ungesund hoher Importüberschüsse, die Rating-Agenturen, die das Land in der letzten Zeit mit guten Noten verwöhnt haben, warten möglicherweise nur auf eine Gelegenheit, um den Trend wieder rückgängig zu machen.

 

Von einem Virus befallen?

Von Deutschland aus sieht es aus, als ob sich das Land einen Virus eingefangen hätte, den Virus des inneren Unfriedens. Es begann Ende Mai, als Menschen auf die Straße gingen, um sich für den Erhalt einiger Bäume im Gezi-Park einzusetzen, und auf harte Polizeigewalt stießen. Danach gingen Türken zu Tausenden, wenn man einigen Berichten glauben kann sogar zu Hunderttausenden auf die Straße und machten ihrem allgemeinen Unmut mit den herrschenden Verhältnissen auf vielfältige Weise Luft. Ganze Straßenzüge erzeugten einen höllischen Lärm, indem man auf Töpfe und Pfannen trommelte und auf seinen Unwillen aufmerksam machte.

Von Deutschland aus musste das alles verwundern. Am meisten verwunderte die Reaktion des Ministerpräsidenten Erdoğan. Er ging in keiner Weise auf die Anliegen der protestierenden Menschen ein, sondern erklärte sie pauschal zu Gaunern. Viele wurden eingesperrt, hinter den Kulissen rollten Köpfe, in Ungnade gefallene Personen, besonders in den Medien, verloren zu Hunderten ihren Job.

 

„Die oder wir“

Erdoğan sieht in seinen politischen Gegnern das anhaltende Wirken von alten Machtstrukturen und Denkweisen. Wörtlich sagt er über sie:

„Glaubt mir, sie wollten uns in unserem eigenen Land, das wir von unseren Vorgängern und von Märtyrern geerbt haben, als Fremde leben lassen. Sie haben jahrelang unsere Werte erniedrigt. Sie haben unseren Glauben verachtet, unsere Entscheidungen, Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen ignoriert. Indem sie die Demokratie als ein Privileg nur für sich selbst angesehen haben, wollten sie uns beleidigen, indem sie uns Hirten, Bauern und Schafe nannten. Das ist ihr einziges Ziel.“

Dies sagte er in einer Videobotschaft an deutsche Türken, die sich mit ihm solidarisierten, am 7. Juli in Düsseldorf. Er sagte es als ein „schwarzer“ Türke über seine „weißen“ Landgenossen.

Wenn man Erdoğan folgt, und viele meiner Freunde tun es offenbar, dann gibt es in der Türkei nur die Alternative „die oder wir“. Das ist für Deutsche befremdlich, weil sie es aus ihrer eigenen Heimat ganz anders kennen. Hier haben es etwa die früher bis 65% der Wählerschaft stellenden CSU-Anhänger, die seit Jahrzehnten in Bayern die Regierung bilden, niemals erreicht, den in Bayern lebenden SPD-Anhängern das Gefühl zu geben, ihre Entscheidungen, Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen blieben unberücksichtigt. Bei uns verfolgt die Regierung vielfach auch die Ziele der Opposition, der Streit geht in der Regel nur um die jeweiligen Mittel.

Deshalb heißt es bei uns eher „die  u n d  wir“. Wir genießen einen Frieden, den manche türkischen Freunde bislang wohl für die Friedhofsruhe einer alt gewordenen Gesellschaft gehalten haben. Aber dieser Frieden bedeutet mehr, er erwächst aus einer anderen Mentalität.

Nun könnte man das alles trotzdem nur als regionale Unterschiede ansehen, die sich eben in dem einen Land so und in dem anderen Land so ergeben. Ich persönlich kann das aus einem bestimmten Grund nicht: Ich komme aus einer permanenten Auseinandersetzung mit vielen meiner deutschen Nachbarn, denen gegenüber ich leidenschaftlich die Funktionsfähigkeit einer islamischen Demokratie verteidigt habe. Das war nicht immer leicht. Es gibt viele Vorurteile gegen die Möglichkeit der Muslime, eine eigene, funktionsfähige Demokratie zu bilden. Und nun droht plötzlich eine politische Lage, in der die Kritiker mit ihren Vorurteilen Recht bekommen.

 

Die Zukunft der islamischen Demokratie

Um es gleich zu sagen: Ich halte an der Möglichkeit der islamischen Demokratie uneingeschränkt fest. Ich glaube sogar, dass diese Möglichkeit nicht nur für die Türkei, sondern auch weiterhin für Ägypten besteht, wo es ja ähnliche Proteste gab, dort wohl in einem Maße, welche die Stabilität des Landes tief erschüttert und das Militär zum Eingreifen bewegt hat.

Ich glaube allerdings, dass für eine zukunftsfähige Demokratie andere Führer als Erdoğan und Mursi nach vorne gebracht werden müssen. Ich lese aus innertürkischen Berichten, dass viele Menschen dort die Gegensätze zwischen den verfeindeten Lagern ganz anders sehen als Erdoğan. Demnach haben hier junge Leute protestiert, die durchaus positiv zu Erdoğan und seinen Reformen stehen, weil sie davon profitiert haben. Aber sie kennen die alten Gegensätze zwischen weißen Türken und schwarzen Türken nicht mehr und können sich selbst auch nicht mehr als „weiß“ oder „schwarz“ einordnen. Sie wollen in einer Welt leben, bei der sich so wie bei uns im Westen die Religion weitestgehend in den Hintergrund verzogen hat. Sie kennen diese Welt aus dem Internet, dem Fernsehen und vielfach auch durch eigene Anschauung. Die gegenwärtigen Führer der AKP versperren ihnen aber nach ihrem Eindruck die Türen zu dieser Welt.

Was tun meine türkischen Freunde hier in Deutschland? Viele von ihnen machen durch ihre Einträge auf Facebook deutlich, dass sie die Proteste im Gezi-Park für so etwas halten wie eine Parallele zu Stuttgart 21. Sie posten Bilder von brutal vorgehenden deutschen Polizisten, weisen auf Alkoholverbote in Köln und anderswo hin und sagen: Im Prinzip ist dort alles genauso wie hier. Es ist alles nur halb so schlimm. Für Ägypten fordern sie einen Rückzug des Militärs und in der Konsequenz das Recht für Mursi, seine breiten Volksschichten widerstrebende Politik uneingeschränkt fortsetzen zu dürfen, zumindest für eine Wahlperiode.

 

Eine „Islamisch-Demokratische Union“ wie die CDU

Eigenartigerweise folgen viele von meinen Freunden gleichzeitig dem milden, friedensstiftenden Philosophen Fethullah Gülen, der meines Erachtens mit seinen auf Versöhnung bedachten Botschaften eine differenzierte Haltung gegenüber der türkischen Führung hat. Meiner Meinung nach sollten meine Freunde seinem Beispiel folgen und aus der Bewegung der Gülen-Anhänger heraus, der man mittlerweile überwiegend den schönen Namen „Hizmet-Bewegung“ (Dienstbewegung) gibt, eine politische Richtung begründen, welche die Mitte zwischen den verfeindeten Gruppen bilden könnte.

Meine Hoffnung war es bisher, dass sich die AKP Erdoğans als eine türkische CDU erweist, die nur das „C“ gegen das „I“ austauscht, islamisch-demokratische Union sozusagen, „IDU“. Nach meinem Eindruck scheitert die AKP aber an ihrem intoleranten Autoritätsverständnis. Deshalb muss eine Gülen-IDU her. Sie muss es schaffen, dass man in seinem eigenen Herzen das Bild von „die und wir“ aufgibt und zusammen damit einen Haufen von Verschwörungstheorien, für die es in der Türkei von alters her unendlich viele Quellen gibt. Sie muss den politischen Gegner durch eine neue Kultur des Vertrauens gewinnen.

Ich freue mich, dass über die vielen Gespräche der letzten Jahre in meinem Lebensumkreis das gegenseitige Vertrauen soweit gewachsen ist, dass ich meinen deutschtürkischen Freunden auch schon einmal etwas Unbequemes sagen kann – so wie heute an dieser Stelle. Ich hoffe, es ist zusammen mit vielen anderen Gedanken und Wünschen von Freunden der Türkei im In- und Ausland insgesamt hilfreich.

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About Author

Christian Runkel, Jahrgang 1949, lebt und arbeitet als selbständiger Wohnungsverwalter in Remscheid. Er ist verheiratet, hat fünf Kinder und ein Enkelkind und ist aktives Mitglied einer evangelischen Freikirche. Nach einem Bankpraktikum 1971 in Istanbul hat er lebenslang den Kontakt zu Türken in seiner Nähe gesucht und beteiligt sich lebhaft am Austausch zwischen Christen und Muslimen. Seine neuesten Erlebnisse auf einer Wanderung durch Palästina hat er in einem Tagebuch beschrieben, das vor wenigen Tagen bei Amazon erschienen ist.

1 Kommentar

  1. Herr Runkel, es sollten mehr Menschen wie Sie in den deutschen Medien schreiben, die nicht provozieren, verleumden und sogar lügen. Solche entspannten Analysen braucht das Land.

    Und ich kann Sie beruhigen, die Türkei ist krisenerprobt. Jahrzehntelang haben wir dem Terror getrotzt und einen größtmöglichen Frieden bewahrt. Ein paar Proteste werden die Türkei nicht auseinander bringen. Ich würde außerdem Proteste von Randale unterscheiden. Menschen die Autos und Geschäfte anzünden sind nicht an demok. Protesten interessiert und beschädigen das Image der normalen Bürger, welche ihre Rechte an einer Demo wahrnehmen.

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