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Wenn alte Kampfbegriffe wieder ausgegraben werden

Der unkritische und inflationäre Gebrauch von Kampfbegriffen ist seit Jahren groß in Mode. So wird vor allem in den Medien seit Jahren das Schlagwort Faschismus verwendet, um die Ansichten bestimmter Personen oder Personengruppen als faschistisch, sprich als  undemokratisch und gewaltbereit zu entlarven und zu delegitimieren. Als Beispiele seien hier die Ausdrücke Linksfaschismus oder Ökofaschismus genannt. Und auch die Rede vom Islamofaschismus ist keineswegs neu. Der Begriff wurde bereits in den 1990er Jahren und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vor allem in den USA ausgiebig diskutiert und gilt bis heute in der Wissenschaft wie in den Medien als höchst umstritten. Dass er sich jedoch bis heute – unterstützt von einer geschickten Medienkampagne – hervorragend dazu eignet, altbekannte Ressentiments wieder aufzuwärmen und polemisch-emotionale Debatten zu provozieren, beweist Hamed Abdel-Samads neues Buch „Der islamische Faschismus“.

Eine seriöse Analyse angeblich faschistischer Elemente des Islam(ismus) Fehlanzeige!

Hierin erhebt der Autor den vollmundigen Anspruch, eine wissenschaftliche Analyse mutmaßlich faschistischer Aspekte des Islam zu liefern. Mit dieser Schrift hat sich der Autor wieder in den Fokus der deutschen Mainstream-Medien katapultiert. Das Werk erweist sich bei näherer Betrachtung allerdings weit eher als einseitige Streitschrift gegen den (politischen) Islam, die kaum wissenschaftlichen Standards genügt. Statt einer seriösen historischen wie politischen Analyse liefert Hamed Abdel-Samad ein Pamphlet gegen den Islam.

„Ein wichtiges Buch, das dem Autor eine Todesfatwa einbrachte“. Mit dieser plakativen Aussage wird das seit Anfang April 2014 erschienene Buch des Politologen und Islamkritikers Hamed Abdel-Samad auf dem Einband beworben. Dessen äußerst provokante Thesen proklamieren eindeutige Parallelen zwischen dem modernen Islamismus und dem italienischen Faschismus, bzw. dem Nationalsozialismus. Der Autor geht jedoch noch weit darüber hinaus und behauptet, faschistoides Gedankengut fände sich bei weitem nicht nur im modernen Islamismus. Vielmehr liegt der Faschismus Abdel-Samads Argumentation zufolge bereits in der Urgeschichte des Islam selbst begründet, denn dieser verlange von seinen Anhängern unbedingten Gehorsam und strebe nach der Weltherrschaft. Und da diese faschistoide Geisteshaltung im Islam dominanter sei als andere religiöse Aspekte, müsse man von Islamofaschismus sprechen. Abdel-Samad geht sogar noch weiter: Ein moderater Islam, der mit demokratisch-rechtsstaatlichen Grundsätzen vereinbar wäre, existiert für ihn nicht.

Bereits im Sommer 2013 hatte der Autor in Kairo einen Vortrag gehalten, bei dem er diese These vertrat. Ein einflussreicher islamischer Geistlicher rief daraufhin in einer Fatwa zum Mord an Abdel-Samad auf. Wenn ein Autor aufgrund seiner Aussagen mit dem Tode bedroht wird, gibt es daran selbstverständlich nichts zu verharmlosen. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren (besonders in den zahlreichen Interviews, die der Autor seit Erscheinen seines Buches gegeben hat), dass Hamed Abdel-Samad die immer wieder von ihm erwähnte Todesfatwa beinahe als eine Art Auszeichnung empfindet und diese als einen Beleg für die Qualität und Richtigkeit seiner Thesen ausgibt.

Abdel-Samads These: Der Islam selbst ist faschistisch

Hamed Abdel-Samad wähnt sich auf einer wichtigen Mission. In kämpferisch-trotziger Heldenpose beschwört er im Buch seine Leser, er werde sogar unter Lebensgefahr weitermachen mit seinen Vorträgen zum Thema Islam und Faschismus. Und je heftiger Muslime seinen Thesen widersprechen, so Abdel-Samad, umso mehr werde damit auch unweigerlich „die Maske des vermeintlich moderaten Islam, der sich angeblich mit Demokratie vereinbaren lasse, verrutschen.“ Solche Aussagen lassen tief blicken.

Allein die Gestaltung des Buchcovers ist geschickt gewählt: Der Hintergrund in neutralem Weiß, sachlich und nüchtern, ja regelrecht unschuldig wirkend. In Grün die Schrift „Der islamische Faschismus“ (Anmerkung: Grün gilt als die Farbe des Islam!) und direkt darunter zwei sich kreuzende Säbel. Ein Bild, das sich sofort einprägt und eine klare Botschaft liefert: Islam=Faschismus=Gewalt. Eine Botschaft, die auch das schlichteste Gemüt versteht.

Wie nun begründet der Autor in seinem Buch diese markige These? Vermag seine Argumentation zu überzeugen? An manchen Stellen teilweise, im Großen und Ganzen nicht.

Die Argumentation des Autors ist allein deswegen schon kaum als wissenschaftlich, sondern eher als einseitig und voreingenommen, zu bezeichnen, weil er Fakten, die seine Aussagen in Frage stellen würden, gar nicht erst erwähnt, geschweige denn diskutiert. Statt einer ausgewogenen theologischen, politischen und historischen Analyse des Islam(ismus) und dessen Zusammenhang mit dem Faschismus zu liefern, konstruiert der Autor angebliche Belege für eine Wesensgleichheit von Islamismus und Faschismus.

Gott: der erste faschistische Führer der Geschichte?

Bedauerlich ist, dass bereits mehrere Begriffsdefinitionen des Autors von vornherein schwammig bleiben. Weder differenziert er zwischen ideologisch-politischem und religiösem Faschismus noch nimmt er eine ausreichende Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus vor. Was den Islamismus anbelangt, scheint sich Hamed Abdel-Samad unsicher zu sein. Oder offenbart sich hier lediglich die Angst vor der eigenen Courage? An manchen Stellen in seinem Buch unterscheidet er klar zwischen Islam und Islamismus, allein schon, indem er das Wort „Islamismus“ überhaupt verwendet. Immer wieder hebt er allerdings jede Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus auf. Er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Islam selbst als Religion seiner Ansicht nach genuin faschistisch ist. Mehr noch: Alle monotheistischen Religionen gelten Hamed Abdel-Samad ihrem Grundwesen nach als faschistoid. Abdel-Samad setzt Gott mit einem politischen Führer gleich. Der Gott der Bibel, des Koran und der Thora ist in seinen Augen der erste Diktator der Menschheitsgeschichte. Ja bereits in der bloßen Idee eines Schöpfergottes erblickt der Autor den Ursprung der religiösen Diktatur, die wiederum das Vorbild für alle anderen (politischen) Diktaturen sei. Faschismus, so Hamed Abdel-Samad, sei schließlich eng mit dem Monotheismus verwandt. Salopp formuliert: Gott selbst ist ein faschistischer Führer. Und was für das Juden- und Christentum gilt, zeige sich umso deutlicher im Islam: „Sehr wichtig ist das muslimische Gottesbild. Das ist ein Vorbild für die faschistoiden Herrschaftsstrukturen“, behauptet der Autor.

Existieren Gemeinsamkeiten zwischen Faschismus und Islamismus? Und ob!

Dabei ist Hamed Abdel-Samad durchaus zuzustimmen, wenn er eine gemeinsame Schnittmenge zwischen dem Islamismus und dem Faschismus aufzeigt: Beide Ideologien wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit, beide sind auch teilweise aus dem Gefühl einer tatsächlich erlebten oder fantasierten Niederlage und Demütigung hervorgegangen. In beiden berauscht man sich an einem ebenso simplen wie aggressiven Freund-Feindschema und fordert die Vernichtung aller Feinde und Gegner. Faschistische wie islamistische Gruppierungen sind strikt hierarchisch organisiert, sie verehren einen charismatischen Führer und ihre Anhänger empfinden sich anderen Menschen und Kulturen gegenüber überlegen. Beide Ideologien weisen eindeutig totalitäre Strukturen auf. Hinzu kommen: blinder Gehorsam, Unterwerfung, Opferbereitschaft, zudem eine unverhohlene Aggressivität und Militanz. Überdies wohnt beiden unverkennbar ein imperialistisches Streben inne. Auch die von Abdel-Samad festgestellte „krude Mischung aus Ohnmacht und Allmachtsglaube“ findet sich sowohl im damaligen Faschismus als auch im modernen Islamismus. Gut herausgearbeitet ist ebenso der überbordende Antisemitismus, der in weiten Teilen der islamischen Welt eine auffallend starke Ausprägung zeigt.

Hamed Abdel-Samad diskutiert hierbei jedoch nicht nur diese Gemeinsamkeiten, sondern er erblickt in selbigen einen Beleg für die Wesensgleichheit von Islamismus und Faschismus. Abdel-Samad bereitet es eigenen Angaben zufolge auch keine Schwierigkeiten, „Strukturen und Kernaussagen des vergleichsweise jungen Faschismus auf eine weit über 1400 Jahre alte Religion zu übertragen“, denn der Autor erkennt im Faschismus des 20. Jahrhunderts beileibe keine ausschließlich politische Bewegung, sondern eine politische Religion. Und schon stimmt die Gleichung.

Islamismus und Faschismus sind nicht wesensgleich

Widersprüche in seinen Aussagen kann der Autor freilich nicht entdecken. Dabei sind die Unterschiede zwischen dem Faschismus und dem religiös-politischen Fundamentalismus doch unübersehbar. Der historische Faschismus glorifizierte den Nationalstaat und fußte auf der These der Überlegenheit einer Herrenrasse. Faschistische Bewegungen waren darüber hinaus noch nie wirklich religiös geprägt (eher religionsfeindlich), obwohl durchaus religiöses oder pseudoreligiöses Vokabular verwendet wurde. Und besonders im Nationalsozialismus (weniger im italienischen Faschismus) gerierte sich der Faschismus vor allem als eine ausgesprochen biologistisch ausgerichtete Ideologie. Zu nennen sind hier u.a. das Konzept der Rassereinheit, bzw. das der Herrenrasse, die anderen mutmaßlich minderwertigen Rassen und Völkern überlegen sei. Eine Überzeugung, die dem Islamismus bis heute fremd ist, denn dieser zeichnet sich weit weniger durch derlei herkömmlichen Nationalismus und Rassismus aus. Die sehr wohl auch im Islamismus vorhandenen Überlegenheitsphantasien basieren zumeist eher auf bloßer Zugehörigkeit zur globalen Umma. Diese ist aber nicht, wie im Faschismus, genetisch begründet, sondern rein religiös.

Der Islamismus ist kein mit dem Faschismus gleichsetzbarer nationalistisch-völkisch-biologistischer Totalitarismus, sondern er zielt auf die Errichtung einer (mehr oder weniger universalen) autoritären Theokratie ab. Eine von biologistisch begründetem Rassewahn und übersteigertem Nationalismus geprägte Staatsideologie wie der Faschismus lässt sich eben nur in manchen Aspekten mit einem totalitären, religiös-fundierten und mit ansatzweise universellem Anspruch versehenen Glaubenssystemwie dem Islamismus vergleichen. Sie undifferenziert gleichzusetzen ist eher ein medienwirksamer Taschenspielertrick.

Und wie absurd mutet es da erst an, gleich eine komplette Weltreligion mit dem Faschismus gleichzusetzen? Dass es in der islamischen Welt seit dem 20. Jahrhundert faschistische Bewegungen gibt, daran besteht kein Zweifel. Längst bekannt. Längst in epischer Breite diskutiert. Wie so oft im Buch, so vermisst der Leser auch hier wenigstens die Erwähnung unterschiedlicher Faschismus- und Islamismustheorien, geschweige denn eine halbwegs differenzierte Beschreibung der unterschiedlichen Formen dieses Faschismus, bzw. Nationalismus, beispielsweise des Kemalismus, Baathismus und Nasserismus. Und eine enge Nähe dieser Bewegungen zum Islamismus zu suggerieren, wäre auch hier komplett irreführend. Aber nichts davon wird in Abdel-Samads Buch überhaupt erwähnt.

Alles faschistisch, irgendwie…

Der Einfachheit halber greift Hamed Abdel-Samad daher in die Trickkiste der Geschichtsklitterung, indem er (geo)politische, soziale, säkulare und religiöse Zusammenhänge ausblendet. Er verweist lediglich auf die Muslimbrüder in Ägypten und den „schiitischen Faschismus“ im Iran und unternimmt keinen weiteren Versuch, das weite Spektrum des politischen Islam, bzw. das des Islamismus ausführlicher zu beschreiben oder die Geschichte des Islamismus eingehender zu untersuchten. Lieber greift er zu demagogischen Schlagworten und schürt Emotionen: Für ihn ist der politische Islam weltweit ganz einfach Faschismus. Punkt.

Geradezu peinlich wirkt dann Hamed Abdel-Samads Versuch, die Geschichte des politischen Islam auf die Geschichte des Islam insgesamt zurück zu projizieren. Ein Versuch, bei dem er erneut äußerst selektiv vorgeht und nur „Fakten“ nennt, die seine gewagte These stützen. Den Beweis dafür, dass der Islam von Grund auf faschistisch ist, meint Abdel-Samad ausgerechnet in der Erzählung gefunden zu haben, in der Abraham sowohl in der Bibel als auch im Koran von Gott beauftragt wird seinen Sohn zu opfern. Hier zeigen sich für Abdel-Samad zwei zentrale Aspekte des Faschismus: „Bedingungsloser Gehorsam und Opferbereitschaft bis zum Äußersten.“ In nur wenigen Sätzen schlägt er dann einen geradezu lächerlichen Salto hin zu Goebbels Rede im Berliner Sportpalast 1943: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Schön, wenn man sich die Welt so einfach machen kann. Alles faschistisch, irgendwie. Und leider ein weiterer Beweis dafür, dass es dem Autor gar nicht auf eine wissenschaftlich seriöse Analyse der Gewalt des Islamismus ankommt. Dem Autor geht es um moralische Zuschreibungen und grobe Vereinfachungen: Islam gleich Islamismus gleich Faschismus.

Gibt es bei Abdel-Samad statt billiger Polemik auch Lösungsansätze? Mitnichten!

Welche Lösungen schlägt der Autor überhaupt vor? Eigentlich keine. Eine Lösung ist auch kaum möglich, denn wenn faschistische Strukturen in der islamischen Welt hauptsächlich auf dem Islam selbst basieren, was wäre die einzig denkbare Konsequenz? Die von Abdel-Samad geforderte Säkularisierung der Gesellschaft würde schwerlich genügen. In Interviews hat Abdel-Samad bereits bestritten, dass es überhaupt eine brauchbare Lösung des Problems geben könnte, denn er hält den Islam für nicht reformierbar. Der Islam wolle seiner Ansicht nach „die Gesellschaft von oben dominieren, die Gesetze bestimmen und die Herrschaftsstrukturen vorgeben. Das alles lässt sich mit einer modernen Demokratie nicht vereinbaren.“ Einen „moderaten Islam“ will Abdel-Samad nicht akzeptieren. „Ich halte ihn für irreführend. Wenn ein Islamist an die Macht kommt, hat er nur ein Ziel: Er will die islamische Gesellschaftsordnung durchsetzen, die Scharia einführen und später die Welt erobern. Das ist Islamismus.“

Dieser Logik folgend, bliebe Muslimen nur eine Möglichkeit: Sie müssten ihrer Religion abschwören. Hat nicht genau dies schon u.a. der Rechtspopulist Michael Stürzenberger auf der Internet-Hetzseite Politically Incorrect (PI) gefordert? Wen wundert es da, dass Abdel-Samad für seine Thesen von Rechtspopulisten stürmisch gefeiert wird.

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About Author

Jahrgang 1969, Historikerin und Autorin, lebt in der Nähe von Mannheim. Interessenschwerpunkte: Konflikt-und Gewaltforschung, Geschichte, Politik, Christentum/Islam, Religion und Religionskritik

1 Kommentar

  1. Philippa Durst on

    Sie müssten wissen, dass H Abdel-Samad diesen Titel absichtlich provokativ versteht und nicht i-tüpftlerisch akribisch wissenschaftlich untermauern will. Mit einer solchen Vorgehensweise wird das Problem Islam und Islamismus weiterhin schneller wachsen als die Lösungsmöglichkeiten. Es geht ums Aufmerksammachen, nicht ums Rechthaben nach Buchstaben und politisch korrekten Sätzen. Religion ist nicht gleich Religion. Alle Weltreligionen verstehen das friedliche Erreichen des individuellen Seelenheils als Ziel. Nur der Islam nicht. Er oktroiert allen eine kollektive Vernichtung des „Ungaubens“, ob sie wollen oder nicht, und droht den Nichtkonformen mit Gewalt und Tod. Da aber Religion nur durch das oberste Ziel der Gewaltlosigkeit und des Respekts der Andersgläubigen definiert sein kann, ist sie mit keiner anderen Staatsform als der des totalitären „Gottes“staates vereinbar. Das sind Tatsachen, aber der deutsche Leser schaudert eher vor dem in aller Munde beheimateten Wort Faschismus zurück.

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