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Meine Einschulung und die Freude auf den roten Schlips

„Wir hatten gestern Chak chak bei meiner Oma gegessen. Hmmm war das lecker“ „Aber was ist Chak chak? Ich kenne das nicht?“ „Kennst du nicht chak chak? Das sind doch süße Teigbällchen in Öl gebraten und mit Honig übergossen, sie sind so süß, dass du die Augen zusammenkneifen musst.“ „Ne, kenn ich nicht?!?“

Ich dachte mir „Komisch wieso kennt sie das denn nicht. Das verstehe ich nicht! Meine Mutter macht das doch auch immer zu besonderen Anlässen.“

Ich fragte meine Mutter „Mama, was ist denn heute für ein Fest, dass alle sich hier versammeln?“ „Heute ist Zuckerfest.“ Darauf stellte ich keine Fragen mehr, da ich dachte, das Zuckerfest ist ein Tag, an dem viel Süßes gegessen wird. Es waren Dinge, die ich so nicht kannte. Ich habe sie flüchtig aufgefangen und danach wieder verdrängt, weil in Russland Religion zu der Zeit etwas Verbotenes war. Was war schon Religion? Pioniere und Kommunismus, das war wichtig.

„Guck mal, wie deine ältere Schwester auf dem Foto in der Schule mit dem roten Schlips glänzt. Und dann noch die Brosche mit Lenin an ihrer Brust. Ja, sie ist ein Pionier und das will ich auch mal werden, wenn ich in die Schule gehe“, dachte ich mir insgeheim.

Und dann kam die Zeit der Einschulung. „Aber wo bleiben denn die ganzen roten Schlipse? Wieso dürfen wir sie nicht mehr tragen? Toll, jetzt hab ich mich die ganze Zeit darauf gefreut und jetzt das… Was nun? Was für ein Ziel denn jetzt?“, schoss mir durch den Kopf.

Was ist Allah?

Ich ging in die Küche, weil ich annahm, meinen Opa Tee schlürfen zu hören und dabei genüsslich Brote mit Butter und Zucker zu genießen. Nein, er war doch nicht da. Moment mal, was für ein Datum hatten wir überhaupt? Die Tür stand weit offen wie immer und da hing ein Heftchen, was vorher nicht da war. Ich konnte schon ein bisschen lesen und da fiel nur das Wort „Allah“ in meine Augen. „Aber was ist das: Allah?“, fragte ich mich.

„Das habe ich nirgendwo gehört und es kommt mir auch so fremd vor.“ Nach mehreren Stunden fragte ich meine Mutter „Mama, was ist Allah?“ Darauf antwortete sie schlicht und knapp „Das ist Gott.“ Wieder fragte ich nicht weiter nach und tappte im Dunkeln.

„Wie soll man das verstehen? Gott. Gott ist doch Gott und nicht Allah. Gibt es etwa noch einen Gott? Aber es gibt doch nur einen Gott. Wieso sollte man zu Gott auf einmal Allah sagen? Das ist doch nicht das Gleiche. Suchen sich die Leute etwa aus wie sie Gott nennen dürfen. Und wenn diese Leute nicht aus Russland kommen, wieso steht es dann auf Russisch geschrieben?“, sprach ich zu meinem Unterbewusstsein.

Schon wieder setzte mein Opa einen komischen Hut auf, der gar keine Hutränder hatte. Wo wollte er denn hin? Vorher sprach er noch mit Schakir (seinem besten Freund) in so einer komischen Sprache und mein Hobby war es ihn nachzumachen. Komischerweise lachte er dabei nicht, wie sonst. Warum?

„Mama wohin geht Opa?“, fragte ich wieder neugierig.

„In die Moschee.“ entgegnete mir meine Mutter.

„Was ist das denn jetzt schon wieder? Moschee? Ist es irgend so ein Treffpunkt, wo sich ältere Menschen treffen. Da können sie sich endlich in ihrer komischen Sprache unterhalten. Und jeder versteht jeden?“ rätselte ich herum. Am nächsten Tag lief ich schnell nach der Schule nach Hause. Mein Opa stand wie ein Denkmal am Fenster (wie üblich) und wartete auf mich. Mein Vater und meine Mutter saßen im Wohnzimmer, da redete Opa wieder in dieser komischen Sprache und ich machte ihn wieder nach. Mein Vater und mein Opa schauten mich an und fragten mich “Bist du Russin oder Tatarin?“ und ich sagte mit klarer Entschlossenheit „Tatarin.“

Aber warum fühlte ich mich mehr als Tatarin? War es diese Geborgen- und Warmherzigkeit, dieses Wohlfühlen und vor allem Chak chak? Ja, deswegen habe ich mich damals als Tatarin gefühlt ohne zu wissen, was der tiefere Grund dieser Zuneigung war.

Die Aussiedlung nach Deutschland

1994 das Jahr der Entscheidung. Die Aussiedlung nach Deutschland. Wir siedelten nach „Europa“ aus, wie spannend. Es war mir ab dem Zeitpunkt alles egal, aber wirklich alles. Neue Menschen, neue Umgebung, neue Verwandte, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte und die ich nicht kannte. Menschen, die auch ausgesiedelt waren wie wir, aber ich fühlte mich ganz und gar nicht wie sie.

Ich musste für mich feststellen, dass ich wieder nach Hause zu meinem Opa und der komischen Sprache wollte, wo ich mich wohlfühlte…

3 . Klasse, evangelisches Religionsunterricht: Jeden Montag gingen wir in die Kirche. „Man ist das langweilig. Was bringt mir das? Dieses Gesinge: Danke für diesen Guten Morgen, danke für diesen neuen Tag, danke für alle Freud und Sorgen, die ich sehr gern mag“, fragte ich mich. „Ja, danke aber wem danken? Okay, da ist ein Jesus an dem Kreuz. Aber Jesus können wir doch nicht dafür danken, er war doch genauso ein Mensch wie wir alle, nur dass er Wunder vollbrachte und Menschen dazu brachte, an Gott zu glauben.

Ach, endlich haben wir Deutsch, da kann ich mit Naoual bisschen quatschen, mit der verstehe ich mich super.“

Nachmittags gingen wir mit Naoual spazieren, wir kauften eine Tüte Zwiebelringe. Ich riss voller Vorfreude die Tüte auf und sie sagte „Ich muss noch 10 Minuten warten.“ „Wieso warten, auf was warten?“, entgegnete ich ihr neugierig

„Ich faste, wir haben Ramadan, das ist im Islam der heilige Monat.“

„Achso, okay.“ sagte ich und zuckte mit den Schultern.

Wieder fragte ich nicht weiter nach und hegte keine tieferen Gedanken.

„Wieso verstehen sich meine Cousinen mit ihr nicht so gut wie ich?“, habe ich mich gefragt und kam nie zu einer Lösung.

Einschulung ins Gymnasium

Meine Cousine, meine neue beste Freundin Dascha und da gab es noch die Sarah aus Ägypten. Ägypten ist ein schönes, spannendes Land. Wenn ich nur an die Pharaonen denke und die ganzen Altertümlichkeiten…einfach faszinierend. Komischerweise aß sie beim gemeinsamen Klassenfrühstück keine Salami, sie durfte nicht. „Aber wer hat ihr das denn verboten? Das verstehe ich nicht?

Na ja.“ und wieder zuckte ich mit den Schultern bei den Gedanken. „Es ist die westliche Welt, hier lebt man anders als in Russland. Alle gehen raus, Party, Disco, yeah…“, war mein Lebensmotto. Auch ich war total verwirrt, war ständig unterwegs. Hausaufgaben, nach draußen, schlafen, Schule, Hausaufgaben, nach draußen… Oder wir saßen bei Dascha im Zimmer und plauderten. Mein Augenmerk richtete sich auf diese Bilder von der orthodoxischen Kirche. Ich fragte sie, was das wäre und sie gab mir zu Antwort: „Alle in Russland sind orthodox.“

„Na ja ich komme ja auch aus Russland, dann muss ich wohl auch orthodox sein. Man muss doch an Gott glauben, okay dann eben orthodox“, habe ich mir gedacht und zuckte wieder mit den Schultern. Ich las und lernte. Nichts half mir. Im evangelischen Unterricht, lauschte ich den ganzen Geschichten über den Berg Sinai und Moses und wie Jesus viele Menschen geheilt hat, aber da fehlte doch was? Was war es bloß? Ich glaubte an Gott, ja! Aber irgend etwas fehlte.

Nie habe ich zur Kenntnis genommen, dass die christliche Kirche Jesus als Gott sieht oder Sohn Gottes, für mich völlig verwirrend. Das verdrängte ich oder es rauschte wahrscheinlich an mir vorbei. Als ich zum ersten Mal hörte „Gott Jesus“, traf mich schlagartig der Schock. „Wie kann das denn sein? Das geht doch nicht, Gott ist im Himmel und guckt auf uns herunter. Jesus ist doch derjenige, der gesagt hat: „Glaubt an Gott und nur an Gott allein, stellt ihm Nichts zur Seite.“ Das fragte ich mich. Nun verstand ich nichts mehr. Fragen wie “Was ist denn das Richtige?“, schwebten durch meinen Kopf. Meine Cousine freute sich so, dass sie in Russland getauft wurde. Das konnte ich nicht mit mir vereinbaren. Für mich gab es nur einen Gott und zwar einen für alle. Gott kann doch nicht gesagt haben „Sucht euch aus, entweder müsst ihr so oder so glauben. Jeder kann frei wählen.“

Der 11. September

„Das geht doch nicht. Gott sagt doch nicht in einer Religion, dass die Menschen an ihn glauben sollen und in einer anderen nicht. Da kann doch etwas nicht stimmen? Ich komme nicht drauf, wo ist der Haken?“, dachte ich mir. Und dann kam noch die Geschichte mit dem 11. September dazu. „Also das kann ja auch nicht sein, dass es richtig ist, einfach Menschen umzubringen?!? Wie kann man denn an das Glauben“, habe ich mich gefragt und immer noch weiter gerätselt, was denn jetzt das Wahre ist. Es war so ein Wirrwarr von Gedanken, ich wusste nicht mehr wohin. Christentum konnte ich nicht für mich entdecken und Islam war so mit Gewalt gefüllt in meinen Augen. „Das kann es doch nicht sein. Es muss doch eine Religion geben, die nur all die schönen Dinge besagt?!?“

Und dann kam ich ins Berufsgrundschuljahr. Keine Ahnung von der Welt, vom Leben und dem Ziel. Ich habe einfach nur so dahingelebt. Dann lernte ich einige türkische Schüler kennen, wir verstanden uns zwar und dann doch wieder nicht. Einst hatte mir jemand das Lied mit dem Titel „Allah vergib mir“ vorgespielt und da ich das nur in dem Moment nur hörte, dachte ich tatsächlich, das wäre ein junger Mann, der seine Geliebte um Verzeihung bittet. Ha ha! Ein schwerer Kampf kam auf mich zu, ohne dass ich was geahnt hatte. In meinem Kopf fing es an zu kochen. Da sind die netten türkischen Kollegen, die so an ihrem Glauben festhalten. Aber dann gibt es da welche, die sich nicht korrekt verhalten haben. Einst hörte ich mal einen Spruch über meinen Kleidungsstil. Da dachte ich nur „der ist doch nicht ganz dicht“ und trotzdem hat mich etwas im Inneren dazu getrieben über diese Äußerung nachzudenken. Aber wieso?

Die abscheulichsten Gedanken kamen in meinen Kopf, aber trotz dessen hingen meine Gedanken daran. War das die Liebe zu Gott, die mein Gewissen nicht losließ, die Rechtleitung Allahs oder beides? Ich führte hin und wieder Gespräche mit Bekannten über den Islam. Ich habe ein paar Sätze gehört und dann überkam es mich, ich konnte nicht mehr hören, was mein Gesprächspartner von sich gab. Ich wollte ihm den Mund zukleben und mein Kopf begann auf eine überdimensionale Größe anzuschwellen. Ich konnte es nicht mehr hören. Im Großen und Ganzen habe ich natürlich ein paar Dinge in meinem Kopf behalten und da dachte ich darüber nach. „Es ist doch richtig, dass es nur einen Gott gibt, es klingt doch logisch, dass der Prophet Mohammed (Allahs Friede und Segen auf ihm) den Menschen versucht hat beizubringen, dass es nur ein Gott gibt und jederzeit hilfsbereit und freundlich war. Es kann doch nichts Falsches daran sein?“

Dann traf ich mich wieder mal mit meiner Freundin Olga, wir haben geredet und geredet. Es überkam mich der Wunsch mich ihr anzuvertrauen, also sagte ich ihr: „Weißt du, manchmal denke ich, Islam ist die richtige Religion“, daraufhin reagierte sie panisch. Also ließ ich es sein. Ich ging nicht mehr in die Disco, weil ich mich dort einfach nicht mehr wohlfühlte und so distanzierten sich alle von mir nach und nach, weil ich nicht den gleichen Interessen nachging wie sie. Manchmal wurde ich mit mir selber nicht fertig, ich konnte diesen aufblähenden Kopf nicht ertragen und zurück in die alte Lebensweise wollte ich auch nicht. Wohin dann? Irgendeinen Weg musste es doch geben. Dann dachte ich mir am Abend vor meiner Führerscheinprüfung: „Versuche doch einfach einmal zu beten.“ Dafür nahm ich den kleinen Koran, den ich geschenkt bekommen hatte, in die Hand und sprach zu Allah. Nach diesem Augenblick wusste ich, dass es die Religion für mich ist. Es drang eine Stimme in meinen Kopf, die ich weiß, dass es nicht mein Unterbewusstsein war, sondern etwas Anderes… Es sagte mir die abscheulichsten Schimpfwörter über Gott / Allah, die ich nicht zu schreiben wage und dass in einem widerlichen Unterton. Ich hab innerlich geschrien: „Lass mich in Ruhe.“ Doch die Stimme wollte einfach nicht aufhören, sie redete immer weiter und weiter…

Die Führerscheinprüfung bestand ich mit Bravour. Meine Ausbildung stand vor der Tür und ich war im Kampf mit mir selbst. „Wie gehe ich es an?“, fragte ich mich. Also lud ich mir die Lieder von Sami Yusuf, Yusuf Islam und Ammar 114 runter. Jeden Morgen, als ich ins Auto stieg, hörte ich diese Lieder und rang mit mir selbst. Pro und Contra für und gegen den Islam. Fest stand für mich, ich muss es verinnerlichen und sehen was es wirklich ist: der Islam.

Jeden Morgen aufgeladen mit den negativen Gedanken über den Islam fuhr ich zur Arbeit. Ich hörte die Lieder und ekelte mich vor dieser Religion, doch ich konnte nicht akzeptieren, dass es etwas Widerliches sein soll. Ein halbes Jahr über ertrug ich diesen Zustand.

An einem Tag stieg ich ins Auto und machte mir Gedanken, was ich gerne Essen würde. Ich hatte vor, Hähnchen mit Reis und Salat zuzubereiten. Plötzlich in dem Moment merkte ich, dass mein Kopf frei war von dem negativen Denken und ich lauschte wie gewohnt den Liedern. Ein inneres Licht überflutete mich und ich fühlte mich leicht und befreit. Tränen liefen mir über die Wangen. In diesem Moment verstand ich, dass ich meine Religion gefunden hatte. Es war nichts Gefährliches mehr. Ich fühlte nur noch Liebe, Wärme und Barmherzigkeit. Alhamdulillah!

Die Texte von Ammar 114 lehrten mich und vermittelten mir die Wärme und das Verständnis. Der Gesang von Sami Yusuf und Yusuf Islam inspirierten mich auf spiritueller Ebene.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Nuriyya und auch bei www.tatjana-rogalski.de zu lesen.

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About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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