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Bildquelle: Christian Mayrhofer | CC BY-NC-ND 2.0 | ZERBROCHENE FAMILIE

Ich bin fünf Jahre alt, als meine Mutter mit mir im Winter für Kleidung einkaufen geht. Und dann sehe ich es: ein blaues „Prinzessinnen-Kleid“.

Eigentlich hat meine Mutter, die bereits für mich eingekauf nderen Plan. Sie braucht eine neue Winterjacke, doch sieht das Funkeln in meinen Augen. Ich sage kein Wort, sie liest aus meinen Augen und spricht es aus: „Merve, wir haben kein Geld mehr zum Ausgeben. Du darfst das Kleid anprobieren, aber musst es danach wieder ausziehen. Versprochen?“ Ich nicke kräftig, renne in die Umkleide, ziehe das Kleid an und flitze anschließend vor den Spiegel. Das Kleid ist in diesem Moment das schönste Kleid, das ich jemals an hatte. Ich drehe mich ein paar Mal und frage meine Mutter, ob ich hübsch aussehe. Sie lacht und nickt.

Jetzt ist es an der Zeit, das Kleid auszuziehen. Ich bin ganz mutig. Ich weine nicht, bedanke mich bei meiner Mutter, dass ich es anziehen durfte und ziehe es nun aus. Aber ich bin so traurig. Einfach ganz traurig. Und wie Mütter eben sind fühlen sie es. Ich frage meine Mutter, ob es in Ordnung ist, wenn ich in der Spielecke spielen gehe. Sie sagt ja. Aber in Wirklichkeit verstecke ich mich zwischen einem Kleiderständer und kämpfe mit meinen Tränen. Dann kommt ein altdeutscher Opi, der mich bemerkt, unterhält sich mit mir und tröstet mich. Ich Knopf solle nicht schmollen und traurig sein. Was ich allerdings noch nicht weiß, ist, dass meine Mutter in der Zwischenzeit an der Kasse mit diesem Kleid ist und tatsächlich ihr letztes Geld für mich ausgibt.

Meine Mutter hatte in diesem Winter keine Winterjacke. Ich hingegen hatte ein neues Kleid, das ich übrigens nur einmal an hatte. An Fasching durfte ich dann die Meereskönigin sein und einmal richtig meinen Kindergarten regieren. Seitdem wusste ich auch, dass ich nie wieder eine Prinzessin, sondern wenn, dann eine Königin werden will.

Das Kleid hängt bis heute noch in unserem Schrank im Keller, weil es eben diese besondere Erinnerung an den schönen Tag im Kindergarten trägt. Es hat auch öfter andere Mädchen glücklich gemacht: wieder an Fasching oder auf Hochzeiten.

Wenn die Familie zu Gunsten der Kinder Verzicht übt

Heute fährt mein Vater nach 30 Jahren harter Arbeit nur einen alten VW Polo, schickt seine zwei Kinder an die Uni und versucht das Ganze irgendwie zu finanzieren. Da kommen manche Dinge eben zu kurz und man verzichtet eben mal für die Zukunft der Kinder. Er muss sich oft vor anderen rechtfertigen, stellt sich kritischen Fragen, aber glaubt an uns und unterstützt uns. Man spart an sich selbst, aber nicht an dem Buch für seine Kinder.

Ich weiß nicht, ob ich verwöhnt bin. Ich weiß auch nicht immer, ob meine Eltern alles richtig machen. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das Ganze irgendwann einmal für meine Kinder, wenn ich welche habe, machen würde. Aber wenn ich was weiß, dann ist es, dass ich verdammt viel Glück mit meinen Eltern habe und dafür so dankbar bin, dass ich das gar nicht in Worte fassen kann. Es gibt einige, die genauso viel Glück haben wie ich.

Ohne Unterstützung von zu Hause werfen viele das Handtuch

Aber es gibt eben auch die Kehrseite. Kinder aus finanziell stärkeren oder schwächeren Familien, die weder den mentalen, noch den finanziellen Support ihrer Eltern bekommen. Eltern, die sagen: „Ich hatte auch so wenig und musste mir alles hart erkämpfen. Das müssen meine Kinder auch!“ Studierende, die keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern haben und über Jahre hinweg sich mit dem BAföG Amt hin und her stressen, weil sie nötigen Unterlagen nicht einreichen können. Schüler, die nicht wissen, wo eines ihrer Elternteile ist und mangels derselben Formalitäten nur schwer ihre Ansprüche durchsetzen können.

Junge Leute, die sich abrackern und nachts nicht ruhig schlafen können, wenn sie daran denken, welche finanzielle Last sie für ihre Bildung stemmen müssen und wie sie die Prüfungsphasen überstehen sollen. Menschen, die auf Auslandserfahrungen verzichten, weil sie weder sich selbst noch ihre Eltern finanziell belasten möchten. Junge Menschen, die sich durchs Studium hetzen, weil sie die vorwurfsvolle Frage, wann man endlich fertig sei, nicht mehr hören können. Potenzielle Praktikanten, die eben kein Praktikum absolvieren können, weil der Arbeitgeber schlecht oder nichts bezahlt. Junge Erwachsene und Kinder, die aufgrund dieser Ängste überhaupt nicht studieren.

Es gibt in Deutschland Möglichkeiten, auch diese Hürden zu bewältigen. Keine Frage. Aber mit welchem Mut und mit welcher Kraft, wenn man von nirgendwo unterstützt wird?

Ich bin mir um ehrlich zu sein nicht sicher, ob ich das machen würde, was ich jetzt mache, wenn ich meine Familie nicht hätte.

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About Author

Jahrgang 1992, Studentin der Rechtswissenschaften an der Universität Mannheim, ehemalige Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung, mündige und selbstbewusste Deutsch-Türkin.

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