Der Westen schweigt zur Pinochetisierung Ägyptens

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Foto: Takver / Flickr.com

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Obwohl die Muslimbruderschaft stets zum gewaltfreien Protest aufgerufen hat, schlägt die Putschregierung mit brutaler Gewalt die Proteste nieder.

Während der ersten Übergriffe der ägyptischen Armee war ich in meinem Dorf in Gümüşhane/Türkei. Ich dachte, ich würde diesen Artikel mit euch erst Ende des Monats teilen können, wenn ich wieder in Istanbul bin. Aber wie es geschah, kam es, dass ich heute in die Stadt musste und mich in einen Internetsalon retten konnte.

Es war ein reichlich deprimierendes Gefühl, die ganzen Geschehnisse aus dem Fernsehen zu verfolgen, aber keinen Anteil daran zu haben, mit der europäischen Zivilisation das zu teilen, was dieses Geschehen in mir auslöst. Ich rede vom Angriff des ägyptischen Militärs auf die Proteste der ägyptischen Bürger. Die Angriffe zeigten sich als eine Attacke auf das zivile Leben selbst.

150 Tote und über 7000 Verletzte wurden von der Ihvan angegeben, während die staatlichen Quellen lediglich von 3 Toten und über 30 Verletzten sprachen. Im Moment bewegt sich die Anzahl der Toten anderen Angaben zufolge schon bei 600. Die Presse wurde vom Adewiyye- und Tahrir-Platz verbannt, wobei das Militär von der Luft aus gezielt mit Scharfschützen aus Hubschraubern auf die Presse und die Protestierenden geschossen haben soll.

Nach Berichten von TRT zufolge, hat das Militär alle Wege nach Kairo geschlossen, damit Massen, die an den Protesten teilnehmen wollten, daran gehindert werden konnten. In allen anderen 23 Provinzen Ägyptens, in denen große Massen sich zum Protest versammelten, wurde dieser vom Militär aufgelöst und die Presse nicht auf die Plätze gelassen und somit der Möglichkeit beraubt, die Welt über die Vorfälle zu informieren. Das Sahra-Hospital am Adewiyye Platz hat inmitten der Angriffe dazu aufgerufen, die Barrikaden für die Krankenwagen zu öffnen, da man die Verletzten nicht auf dem Platz behandeln könne.

Um 14:25 Mitteleuropäischer Zeit berichtete der Journalist Muhammed Medeni aus Alexandria im türkischen Sender TRT. Auch in Alexandria, der größten Stadt nach Kairo, sollen die Soldaten begonnen haben, mit scharfer Munition und mit Gasbomben auf die Demonstranten zu schießen. „Das Militär hat die Wege barrikadiert und die Gewalt erhöht, aber die Leute strömen immer den Protesten zu.“ Als man ihn nach der Anzahl der Protestierenden fragte, sprach er von 10 000, wobei im Moment keine genaue Zahl angegeben werden könne.

Wo bleibt der Aufschrei?

International gesehen ist es eine große Enttäuschung, dass weder die Arabischen Emirate noch die Vorreiterfiguren der Demokratie, USA, UNO oder EU, im Angesicht des Massakers noch keinen Ton der Verurteilung von sich gegeben haben und immer noch nicht geben.

Interessant ist es dabei, die Geschehnisse von Anfang an einmal durch zu evaluieren: Wären die Putschisten vor der Revolution festgenommen worden, würden sie heute wegen des Verbrechens des Staatsverrats vor uns stehen. Diese Personen sind aber jetzt nach der Revolution Ministerpräsident und Präsident von Ägypten. Der demokratisch mit 51% Stimmen der Bevölkerung gewählte Ministerpräsident Mursi ist von einem Tag auf den anderen ein Gefangener, dessen Gesundheitssituation heute immer noch ungeklärt ist und die Bürger, die ihn an der Wahlurne gewählt haben, von Bürgern zu potenziellen Terroristen geworden. Auch in vielen deutschen Medien redet man hier von „Islamisten“, die nach dem Verständnis des deutschen Durchschnittsbürgers muslimische Terroristen sein sollen.

In diesen Phasen war es sehr bemerkenswert, dass die Muslimbruderschaft von Tunis bis hin nach Ägypten den ganzen arabischen Frühling hindurch nicht zur Waffe gegriffen hat. Dr. Ahmet Uysal von der Marmara Universität in Istanbul verglich die Situation Ägyptens mit Algerien, wo in ähnlichen Umständen 100 000 Menschen getötet wurden. Für ein großes Land wie Ägypten könne diese Zahl sich auf bis zu 300 000 steigen.

Er führte außerdem einen wichtigen Punkt an, nämlich dass die friedlichen Proteste der Muslimbrüder vom ägyptischen Militär oder ausländischen Mächten leicht ausgebeutet werden kann und sagte: „Die Muslimbrüder sind eine Gruppe, die immer bei ihren Protestaufrufen die Menschen dazu aufriefen, auf die Straße zu kommen, aber friedlich.“ Was im Moment geschieht, ist, dass in einem Land, dessen Demokratie verdunkelt wurde, die Menschen auch auf der Straße zum Schweigen gezwungen werden. Die Situation und das Blut, das vergossen wurde, sind unumkehrbar, aber das rasant sinkende Vertrauen gegenüber dem Demokratieverständnis des schweigenden Westen ist so unwiderruflich wie nie zuvor.

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Feyzanur Soysal- Abiturientin im angehenden Doppeljahrgang, aktiv in der Jugendpolitik ihrer Stadt, schreibt und spricht über Menschen in der Frebellion. Lebt nach dem Prinzip den morgigen Tag ein Tick besser zu gestalten, als den Gestrigen. Freut sich auf jegliche Resonanz von Seiten ihrer Leser.

1 Kommentar

  1. Will der Westen überhaupt ein islamische Demokratie im Nahen Osten haben? Oder will er vielmehr Marionetten-Herrscher-Cliquen ala Saudistan, VAE, Dubai, Bahrain, Kuwait usw.? Islamische Demokratie bedeutet nämlich auch: Kontrollverlust über Wirtschaft, Kultur und Politik im Nahen Osten. Konsumrückgang für Hollywood, CocaCola … folglich, Menschen emanzipieren sich vom Kulturimperialismus.

    Ägypten ist das beste Beispiel was ich oben beschreibe: Lieber eine Militärdiktatur, als demokratisch gewählte Politiker, die keine Lust mehr auf „Militärhilfen“ (US-Waffen-Sponsoring) haben und vielleicht sogar auf die Idee kämen, eigenständige Politik zu betreiben.

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