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Was ist der Westen und was ist der Osten? Was ist der Orient bzw. Okzident? Von den Unterschieden hören wir ständig. Aber: Gibt es auch Gemeinsamkeiten?
Weiß der Westen diese Fragen zu beantworten und umgekehrt? Wie ist das Interesse für einander? Gibt es überhaupt etwas wie „Interesse füreinander“? Diese und weitere Fragen könnte man stellen – bzw. gleich einen ganzen Katalog Fragen erstellen. An dieser Stelle mögen sie ausreichen. Wenn die beiden Kontrahenten, welche angesprochen wurden, diese Fragen womöglich sogar mit einem „jein“ beantworten könnten, würde darauf eine weitere wichtige Frage folgen: Wo anfangen?
Die Beantwortung dieser Frage nach dem Beginn, oder viel wichtiger der historischen Fokussierung ist elementar, um die Form des Aufeinandertreffens richtig zu gestalten bzw. auch zu verstehen.
Wir müssen die Psyche und die Methode des Aufeinandertreffens genau analysieren. Welche Dynamik ist sie bereit anzunehmen? Welches zeitliche Verständnis begleitet unser Denken? Beim Blick auf das Aufeinandertreffen, bzw. Einandertreffen, sticht ein wichtiger Aspekt hervor, nämlich die Unwissenheit, ja darin sind die beiden Kontrahenten gleich, die unendliche Unwissenheit!

Die Kraft der Vernunft

Auch Goethe hat wissenschaftsfeindliche Ideologie gekannt, und hat diese verurteilt. Diese legt Goethe dem Teufel, verkörpert durch die Figur des Mephisto in den Mund:

„Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft… So hab ich Dich schon unbedingt.“

Gibt es im Westen ein wissenschaftliches Verständnis von Osten bzw. gibt es im Osten ein wissenschaftliches Verständnis von Westen? Kennen die beiden einander? Weiß der Osten über das Christentum und der Kultur wissenschaftlich zu berichten oder umgekehrt? Ich glaube kaum! Andernfalls würde nach mehr als Vierzig Jahre Gastarbeiter Einwanderung niemand mehr mit großen Augen fragen:

„Wie, du feierst kein Weihnachten?!“.

Selbstverständlich ist der Westen nicht nur Christentum oder der Osten lediglich Islam. Trotzdem wird immer vom Umgang des Westens mit dem Islam, und dem Umgang des Ostens mit dem Christentum gesprochen. Nach Al Andalus wird noch immer vom Aufeinandertreffen zwischen Islam und den westlichen Werten gesprochen. Doch selbst das ist nicht das Problem. Vielmehr klingt dies wie die übliche Leier. Es ist doch so, dass wir statt eines richtig fundierten Wissens voneinander, von einem westlichen bzw. östlichen „Imaginären“ sprechen sollten.

Das Imaginäre als Schlüssel zur Erkenntnis

Das Imaginäre stellt eine Ansammlung von Bildern dar, welche sich eine Kultur von sich oder einer anderen Kultur macht. Demzufolge lässt sich Folgendes feststellen: es gibt ein deutsches, amerikanisches, englisches Imaginäres hinsichtlich des Islams, so auch ein türkisches, iranisches sowie ägyptisches Imaginäres vom Westen. Gut, aber was nun? Es bedarf einer wissenschaftlichen Analyse des Imaginären sowohl die Wahrnehmung des Selbst als auch die Wahrnehmung des Anderen muss kritisch und wissenschaftlich begleitet werden.

Tatsächlich – Ideen können Berge versetzen – aber, auch falsche Ideen. Jede falsche Idee sowie das Fundament einer falschen Idee leitet die Debatte und ermöglicht je nach der Ausrichtung eine nüchterne oder auf Konfrontation angelegte Annäherung der Kulturen. Leider fehlt es beiden Seiten an einer kritischen Haltung – nicht etwa an der anderen, sondern an der eigenen Kultur! Der Raum der wechselseitigen Wahrnehmung wird daher zum Schauplatz der Konfrontationen, die auch noch durch die falschen Annahmen bzw. Ideen überempfindlich geworden sind.

Bitte, es braucht keiner den Hut zu nehmen und kopfschüttelnd die am meisten zitierte und falscheste Erfindung von sich geben, welche das Versetzen von Bergen ins Reich des Unmöglichen katapultiert:

„Es hat keinen Sinn – es wird sich eh nichts ändern“.

Es soll kein allzu pessimistisches Bild gekennzeichnet werden. Selbstverständlich gibt es auch den guten Willen, aber unsere Aufgabe ist sehr schwer. Denn auch der gute Wille und der gute Glaube können ein tragisches Ende haben. Und diese Tatsache lässt sich nicht nur beim Terror des Robespierre feststellen. Die Gefahr des Fanatismus, und die umso dringlichere Pflicht, sich ihm entschieden entgegenzustellen, lehrt uns die Geschichte. Auch in Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit können die abscheulichsten Gräueltaten begangen werden. An der Stelle kann wieder gefragt werden, wie vorgehen? Ich denke, dass wir eine wissenschaftliche Auseinandersetzung brauchen, welche von ethischen regulativen Prinzipien inspirierte Gesellschaftskritik sein muss. Hierfür genügt der Imperativ der allgemeinanerkannten Menschenrechte.

Das schwierige Geschäft der Wahrheitssuche

Gleichwohl sollten wir mit der Analyse der Mentalität unserer Protagonisten fortfahren. Schon der große Philosoph Popper wusste zu sagen, dass im Interesse der Wahrheitssuche und der Befreiung vom Irrtum die Erziehung darauf abzielen muss, eigene Ideen und die bekämpften Ideen kritisch zu analysieren.

Denn wie gesagt: Falsche Ideen bzw. Annahmen können Verheerendes bewirken. Hierzu genügt der Blick in die Welt der Wissenschaften. Die gegenseitige Wahrnehmung ist von ideologischen Trennlinien geprägt, so wird der Islam getrennt von der Kultur und dem Denken Europas betrachtet. Wobei festgehalten werden muss, auch im Osten ist die Situation nicht anders. Dort ist ebenfalls, abgesehen von wirtschaftlichen engen Kooperationen, wenig vom Aufeinander zugehen zu spüren. Der Westen gilt nach wie vor in den Kategorien Freund-Feind bzw. „der Ungläubige“.

Diese Tatsache könnte so stehen gelassen werden, wenn sie uns nicht daran hindern würde, in Menschenwürde zu leben sowie die Welt zu verstehen. Bereits Goethe verwies darauf, dass die Kenntnis über die Welt, gleichzeitig die Kenntnis des Orients und Okzidents voraussetze. Es ist, als würde man Vorgänge an Synapsen verstehen wollen, ohne die chemischen Vorgänge hinzuziehen. Eine Synapse mag ohne Ionen existieren, aber nicht funktionieren bzw. einen Sinn haben! Wir können weiterhin über den Islam diskutieren, ohne ihn hinzuzuziehen, uns an der Oberfläche bewegen ohne tiefer zu tauchen – aber dann werden wir genauso viel wie im letzten Jahrzehnt erreichen – nämlich nichts.

Die geistige Tradition des Islam

Der Islam hat eine reichhaltige Kultur und Denken hervorgebracht, so reicht der Blick auf al-Kindi (ca. 800-870), al-Farabi (ca. 870-950), Ibn Sina (980-1037), al-Gazali (1058-1111), Ibn Baggah (Gest. 1139). Das sind lediglich ein paar wenige Namen, welche im Wirken vor allem eines bewiesen, nämlich dass der Islam imstande war, eine Zivilisation hervorzubringen. Der Mystiker Attar (gest. 1230) behandelt im ‚Rat der Vögel‘ den schwierigen Weg der Seele zu sich selbst: Tausende Vögel machen sich zu ihrem Herrn Simurgh auf. Nur 30 kommen an, um dann zu erkennen, dass der Simurgh ihr eigenes Selbst ist. Lediglich diese Abhandlung zeigt die Gemeinsamkeiten sowie Untrennbarkeit der beiden Protagonisten. Wir kennen Ähnliches aus der antiken Philosophie. Wie das Christentum, so setzt sich auch der Islam mit der antiken Philosophie auseinander und lässt eine blühende philosophische Kultur entstehen.

Die Lehren des Korans werden mithilfe von Logik und Metaphysik zu einer wissenschaftlichen Theologie ausgebaut. In der politischen Philosophie ist man von Platons Gedanken der Philosophenherrschaft fasziniert. Durch die geistige Offenheit gelangt man zu Erkenntnissen und während selbst die wichtigeren christlichen Bibliotheken nicht viel mehr als einige tausend Bücher besitzen, soll die des Kalifen von Cordoba schon im 10. Jahrhundert mehr als 100000 Bände umfasst haben. Vor vielen Jahrhunderten studierte man Theorien bis aufs Detail, selbst wenn diese weit weg von der eigenen Kultur zu sein schienen – denn die Erkenntnis, dass philosophisches Denken nicht in Kulturen unterscheidet bzw. sich kategorisieren lässt, war damals weiter verbreitet und praktisch angewandt, als es heute der Fall ist. Es wurde nicht lediglich der Moment analysiert und als Reaktion auf diese gedacht – damals wurde die Krankheit analysiert, nicht nur ihre Symptome. Leider zeigt der Blick auf die heutige islamische Welt, dass diese Errungenschaften verloren gegangen zu sein scheinen. Der geistliche Zustand der islamischen Welt ist geprägt von einer geistlichen Armut…

Und wie ist es im Westen?

Wie ist der Zustand im Westen? Hierbei möchte ich zwischen dem christlichen Westen und dem laizistischen oder säkularen Westen unterscheiden. Die Anfänge gehen auf Sokrates zurück, erfahren schließlich eine Blütezeit in Athen, bis in die Spätantike. Jede Betrachtung des Westens macht deutlich, dass der Osten und der Westen ständig im Kontakt sind, so auch der östliche Ursprung des Westens:

„(…)Zur Entstehung des Westens war mehr erforderlich als der Monotheismus, aber ohne ist der Westen nicht zu erklären. Der westliche Monotheismus ist östlichen Ursprungs.Er ist das Ergebnis einer Kulturrevolution, die sich im Ägypten des 14. Jahrhunderts vor Christus unter dem König Amenophis IV. vollzog“.

Keineswegs kann hier eine lückenlose Erzählung der Geschichte des Westens betrieben werden. Sie ist so reich und vielfältig, sodass man ihr nicht gerecht werden würde: Der Hellenismus, das Mittelalter, der Renaissance und Humanismus, Rationalismus, die Zeit der Aufklärung, Schopenhauer bis Marx. Existenzphilosophie, Phänomenologie sowie Hermeneutik. Auch die weitere Intensivierung der Betrachtung auf den Westen lässt den Betrachter aufhorchen. Die Zeit der 68er Jahre ist noch von turbulenten geistigen Auseinandersetzungen beherrscht und schließlich passiert auch im Westen das, was im Osten schon seit etwa 300 Jahren passiert ist. Nämlich der geistige Stillstand.

Die Postmoderne lässt die Philosophie, die Religion, die Geisteswissenschaften ja sogar den Menschen überflüssig werden. Die Schattenseite des Überflusses ist sogar der überflüssige Mensch. Auf den Überfluss machte bereits Hannah Arendt aufmerksam und warnte vor einem Stillstand des Menschen. Der Blick auf das Funktionieren der modernen Wirtschaft, bestätigt Arendt. Die Logik der postmodernen Wirtschaft verlangt die Beseitigung jedes Heiligtums und auch der jedweden Kontemplation. Denn alle weltlichen Dinge müssen in einem beschleunigten Tempo erscheinen und verschwinden:

„(…)sie würde sofort zum Stillstand kommen, wenn Menschen anfangen würden, Dinge in Gebrauch zu nehmen, sie zu respektieren und den ihnen innewohnenden Bestand zu erhalten(…)“

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Ali Aldudak

Geboren 1976. Ich lebe seit 1990 in Deutschland und habe drei Kinder. Ich lese gerne und beschäftige mich gerne mit Politik/Geschichte/Soziologie/Theologie/Philosophie

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