„Die Hizmet-Bewegung macht ihre Sache gut“ 1. Teil

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Die Hizmet-Bewegung [1] ist relativ jung und in den letzten Jahren in Deutschland schnell gewachsen. Bis vor wenigen Jahren gab es hierzulande zunächst nur hizmetnahe Bildungseinrichtungen. Diese wurden mit der Zeit immer arbeitsteiliger und differenzierter, so dass sich einige zu Schulen in freier Trägerschaft weiterentwickelten. Das macht die Bewegung komplex und für die Gesellschaft schwer fassbar.

Dr. Rainer Herrmann hat als erster deutscher Journalist den Hoca-Efendi (verehrten Lehrer) Fethullah Gülen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) interviewt und in seiner Kolumne über das Thema geschrieben. Diese Offenheit sollte einen Signalcharakter haben.

Noch gibt es wenige wissenschaftliche Studien über die Bewegung, deren Initiator Gülen ist. Eine davon stammt aus den USA und wurde kürzlich auch in Deutschland unter dem Namen „Die Gülenbewegung – Eine empirische Studie“ publiziert.  Die Autorin heißt Helen Rose Ebaugh und ist Professorin für Religionssoziologie und Erforschung der Weltreligionen an der University of Houston. Wir in der DIB-Redaktion haben dies zum Anlass genommen und ein Interview mit ihr geführt:

DIB-Resul Özcelik

In einer Ihrer Buchvorlesungen in Deutschland haben Sie gesagt, die Rolle der Frau in der Bewegung müsse neu definiert werden. Wie stellen Sie sich so eine Definition vor? [2]

In einer Reihe von Staaten, in denen die Gülen-Bewegung aktiv ist – inklusive der Vereinigten Staaten –, ist das Gesicht der Bewegung in der Öffentlichkeit männlich. Selten sitzt eine Frau in einem Vorstand einer Gülen-nahen Organisation, selten ist eine Frau „Zeremonienmeisterin“ in einer öffentlichen Funktion, selten sind Frauen in Spitzenpositionen usw.

Auch wenn Frauen mittlerweile sehr häufig höhere Bildungsgrade erwerben, etwa Ärztinnen, Anwältinnen, Akademikerinnen werden, gibt das keinen Impuls in Richtung Gendergleichheit, solange sie nicht auch formale Spitzenpositionen innerhalb der Organisationen einnehmen. Zu sagen, die Männer innerhalb der Bewegung wüssten den Beitrag der Frauen zu schätzen und dass dies nur daran liegen würde, dass sie eben zu Hause sind, um auf Kinder und Haushalt zu achten, oder das gleiche Argument von wegen „die Frauen geben die Werte in erster Linie an die Kinder weiter“, lässt sich nicht in Gendergleichheit übersetzen. Ich denke, sobald die jüngeren Frauen innerhalb der Bewegung erwachsen werden, werden sie sichtbarere Rollen für sich verlangen und die Sicht auf die eingeschränkten Möglichkeiten für Frauen wird sich graduell ändern. Wie auch immer: Dies kann jüngeren Frauen gewährleistet und erleichtert werden, indem man mehr an öffentlicher Mitwirkung und öffentlichem Engagement für Frauen fördert.

DIB-Saara Welt

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Studie über die Hizmet-Bewegung zu erstellen? Hat man Sie aufgesucht oder kam die Idee von Ihnen, und Sie haben von sich aus Kontakt mit der Bewegung aufgenommen?

Die Tatsache, dass ich Doktorats-Studenten hatte, die zu der Bewegung gehörten und Teil eines interreligiösen Ausflugs in die Türkei waren, der von der Gülen-Bewegung gesponsort wurde, hat für mich als Soziologin Fragen aufgeworfen. Ich hatte von selbst Interesse an der Bewegung entwickelt und sobald ich dies mitgeteilt hatte, wurde es durch die Mitglieder selbst verstärkt. 

DIB-Saara Welt

Haben Sie vorher schon eine Beziehung zur islamischen Community (irgend einer) gehabt? Welches Islambild hatten Sie vor dieser Studie gehabt? Haben Sie durch diese Studie vielleicht ihr Bild zu der islamischen Gesellschaft modifiziert?

Während der letzten 20 Jahre hatte ich Soziologie der Weltreligionen an der Universität von Houston gelehrt, wodurch ich mit der Geschichte, den Lehren und den Praktiken des Islam vertraut war. Außerdem hatte ich in den späten 90er-Jahren eine Forschungsarbeit über Migrantencommunities in Houston durchgeführt und ein Teil davon bestand darin, eine Moschee in der Stadt zu studieren. Aus diesem Grund waren mir islamische Gruppen schon geläufig, bevor ich die Gülen-Bewegung kennen lernte. Als ich die Bewegung untersuchte, wurde mein Wissen über die Vielfältigkeit der Gruppen innerhalb des Islam  und wie sehr Praktiken eingebettet sind in die Kulturen und Gesellschaften, aus denen eine Gruppe kommt. 

DIB-Saara Welt

Wen wollen Sie insbesondere mit ihrer Studie ansprechen? Was wünschen Sie sich von den Lesern ihrer Studie, die die islamische Community und auch die Hizmet-Bewegung nicht kennen, nachdem sie Ihre Studie gelesen haben?

Ich hoffe, es gelingt mir, hervorzuheben, wie groß die Vielfalt der Ausdrucksformen innerhalb des Islam ist und damit der in den USA seit dem 11.September verbreiteten Meinung entgegenzuwirken, alle Muslime wären Terroristen. Mir ist es ein großes Anliegen, über eine islamische Gruppierung zu schreiben, die Terrorismus ablehnt und Frieden sowie Toleranz fördert.

DIB-Resul Özcelik

Auf die Frage in der Zaman Zeitung: „Wie war Ihr Blick auf den Islam vor dem 11. September?“, haben Sie folgendes geantwortet:

„Vor den Angriffen lehrte ich Religionssoziologie. Während der Angriffe befand ich mich gerade in einer Vorlesung. Ich sagte zu meinen Studierenden: „Seht euch diese Angriffe gut an, denn die Welt wird nicht mehr so sein, wie sie einmal war. Macht euch auch bewusst, dass manche von nun an die Muslime beschuldigen werden. Doch dieser Angriff repräsentiert nicht alle Muslime.“ Zu Beginn liefert Ihr Buch eine kurze Zusammenfassung der Geschichte der Türkei.“

DIB-Saara Welt: Wie kommen Sie zu diesen Erkenntnissen?

Ich bin eine empirisch arbeitende Soziologin, die Schlussfolgerungen auf solide empirische Daten gründet. Deshalb gründen sich meine Erkenntnisse auf Feldforschung in der Türkei selbst und auf Interviews, die ich sowohl mit Mitgliedern als auch mit Kritikern der Bewegung geführt habe. Mein Ziel war es, so objektiv wie nur möglich in meinen Beschreibungen und Schlussfolgerungen zu sein.

Hier geht es zum 2. Teil

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Übersetzt von Christian Rogler

1 Hizmet Bewegung

 „Die von Fethullah Gülens Überzeugung inspirierte friedliche  ‚Bürger‘-Gesellschaft, die auch als Gülen-Bewegung oder Hizmet-Bewegung  (Aussprache: Hismet, Übersetzung: Dienst am Menschen)  bekannt ist,  wobei sich zu dieser Bewegung zugehörig fühlende Menschen einfach nur  die Bezeichnung ‚Hizmet‘ verwenden,…“

2 Die Rolle der Frauen in der Hizmet-Bewegung

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About Author

ist Gründer und Chefblogger der Integrationsblogger und wurde 1977 in der berühmt berüchtigten Dortmunder Nordstadt als jüngster Sohn einer türkischen Familie geboren. Von hier aus unternahm er eine Reise mit ungewöhnlichen Stationen: Er war Sohn, Schüler, Breakdancer, Kickboxer, Kaufmann, leitende Positionen in der Bildungsbranche und hat als PR-Mitarbeiter für ein Schulzentrum mit Gymnasium und Realschule gearbeitet. Er ist stolzer Familienvater und hat drei Töchter.

Diesen Blog gründete ich ursprünglich für mich selbst. Nach einiger Zeit erschien mir die Darstellung nur einer Perspektive dann aber doch etwas zu einfältig, so dass ich andere Autoren einlud, ihre Geschichten zu erzählen. Der Name „Integrationsblogger“ assoziiert die aktuellen Debatten – was ist da spannender, als ein Blog der die bunte Vielfalt seiner Autoren, ihrer verschiedenen Positionen und Erfahrungen widerspiegelt? Unsere Autorenschaft ist multikulturell und multireligiös aufgestellt, wir haben jüdische, christliche, muslimische sowie deutsche und türkische Federn unter uns, doch hat jeder eine individuelle Geschichte, Perspektive und Sichtweise. Ich wünsche den Lesern viel Spaß beim Verfolgen, Verweilen und Stöbern auf unserem Blog und würde mich über Anregungen und Kritik freuen..!

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