Die schwierige Sache mit dem Nationalbewusstsein

0

Bildquelle: Public Viewing by wandersmann | pixelio.de

In Deutschland ist es schwer, die Mitte zu finden. Entweder mag man sich nicht oder die anderen sind gleich blöd. Bei der Fußball-WM kann man das wieder beobachten.

Sportereignisse sind offenbar prädestiniert für eine patriotische Selbstfindung, für Debatten über Identität und Nationalbewusstsein. Das hat in Deutschland Tradition. Es mag am tief begründeten Schock nach 1945 gelegen haben, dass uns Deutschen der nationale Rausch abhanden gekommen ist. Verständlicherweise. Die Verbrechen in deutschem Namen waren so groß, dass sie die Vorstellungskraft überstiegen. Das Volk der Dichter und Denker als Schöpfer von Konzentrationslagern und Massenvernichtung: Da war das Verhältnis zur Fahne gebrochen. Und doch bestand die Sehnsucht nach Identifikation. Als die Fußball-Underdogs um Sepp Herberger 1954 den Titel holten, da war das „Deutschland, Deutschland über alles“ auf den Lippen. Vor den Fernsehgeräten in den Kneipen knuffte man sich in die Rippen: „Wir sind wieder da.“ Fußball ist der Sport schlechthin in Deutschland. Die Identifikation über eine erfolgreiche Mannschaft ist naheliegend.

Aber Fußballweltmeister wird man nicht im Abo. Und statt auf die Identifikation konzentrierte man sich in beiden Teilen Deutschlands auf den Wiederaufbau und den wirtschaftlichen Erfolg. „Wenn wir schon nicht den Krieg gewonnen haben, dann bauen wir eben die meisten Autos“. Die Beziehung zum eigenen Land blieb stets ungeklärt. Der Gewinn der zweiten Fußballweltmeisterschaft ging beinahe unter neben dem dritten Titel mit Kaiser Franz. Wenn man blasse Präsidenten hat, die man noch nicht mal wählen kann, so wenigstens Fußballkönige und Kaiser. Die Wiedervereinigung war vollzogen und ich rieb mir das erste Mal die Augen, als ich damals Schwarzrotgold geschminkte Menschen sah, die in der Innenstadt Göttingens ausgelassen feierten. Man fragte sich, woher plötzlich die ganzen Fahnen herkamen. Seitdem sind Ausbrüche nationalen Überschwangs an der Tagesordnung. Sogar, wenn Handball gespielt wird.

Deutsche Extreme

Es mag das deutsche Wesen sein, wenn es denn so etwas gibt: Die Übertreibung ist bei uns immer inklusive. Inzwischen tut’s nicht mehr allein ein stilles Fähnchen. Man behängt sich mit Girlanden, stopft schwarz-rot-goldene Strümpfe über das deutsche Fetischobjekt, das Auto und, Jan Rübel hat das in einem lesenswerten Essay auf den Punkt gebracht, übertreibt. In jede Richtung. Auf der einen Seite stehen die gnatzigen Achtundsechziger und Sozialisten, die jede deutsche Fahne als Angriff auf ihre mentale Mitte sehen. Sie lassen keine Situation aus und wünschen in ihrem Gutmenschentaumel stets den gegnerischen Mannschaften das Beste. Beispielhaft steht der ewiggestrige designierte Rostocker Sozialsenator Steffen Bockhan von der LINKEN. Zum ersten Spiel der Deutschen hatte er getwittert: „Hauptsache #schland verliert“. Und nach dem Spiel resignierte der ehemalige Bundestagsabgeordnete: „Wie hoch Portugal gewinnt, wäre mir egal gewesen. Aber dieser glücksbesoffene Nationalismus… Ich schweige besser ;)“.

Auf der anderen Seite steht das, was Rübel schreibt: Diese überkandidelte Häme gegen andere Mannschaften und Spieler. Als müsste man seinen ganzen Frust der Welt daran abarbeiten, dass Lionel Messi, der beste Spieler der Welt, blass aussah. Womöglich, weil kein deutscher Spieler gewählt worden ist? Dem Fernsehreporter, der den ersten Auftritt von Schiedsrichter Dr. Felix Brüch kommentierte, hätte man am liebsten das Mikro abgedreht. Nach den Schiedsrichterskandalen der vorangegangenen Spiele  wurde er nicht müde, in penetrantester Art und Weise zu betonen, dass so etwas dem „deutschen Referee Dr. Felix Brüch natürlich nicht passieren würde.“ Da ist der ganze Diederich Hessling, der den Hut servil vor Kaiser und akademischer Obrigkeit zieht – sogar vor Dr. Felix Brüch.

Der Weg in die Mitte

Dabei wäre dieser Jubel, diese Identifikation ein Schlüssel für ein neues Verhältnis der Menschen in Deutschland zu sich selbst. Ein Anfang nach dem Schock der Nachkriegszeit. Viele Einwanderer haben ein gutes Verhältnis zu diesem Land und gemeinsam könnte man sich darüber verständigen, wie dieses zerrissene Land aussehen könnte. Im Radio lief vor ein paar Tagen ein Bericht über die Bemühungen, in Niedersachsen eine neue Willkommenskultur zu verwirklichen. Da wurde dann erklärt, was es für die Deutschen so schwierig mache, sich an die Neubürger zu gewöhnen: Die hielten sich nämlich nicht an die Mülltrennung. Und da müsse man aufeinander zugehen. Die Deutschen sollten es den Einwanderern erklären, was wichtig für sie sei. Diese Realsatire zeigt das ganze Dilemma. Wenn es nichts anderes gibt, das man hierzulande umsetzen möchte, muss man sich nicht wundern, dass der deutsche Staat an Bindekräften verliert.

Da steht jemand mit dem Deutschlandfähnchen in der Hand. Und wenn man fragt, was wichtig für ihn ist, kommt die Mülltrennung. Da zeigt sich das ganze ewig gestrige deutsche Spießertum, das heute grün ist. Es hat Schwierigkeiten mit sich selbst und neigt deswegen zuweilen immer auch dazu, wenn es mit einem durchbrennt, gleich andere Nationen runtermachen zu müssen. Beim Fußball kann man’s ja mal tun. Stattdessen könnte man einfach mal locker bleiben. Mitleiden, freuen – in Sieg und Niederlage. Wenn es gut geht, muss man nicht gleich in nationalem Taumel versinken, auf Kosten anderer. Wenn es nicht läuft, müssen die Spieler nicht gleich verdammt werden. Vielleicht braucht es ja noch etwas, bis wir uns einpendeln.

Kommentare

Kommentare

Share.

About Author

Andreas Molau

Ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Deutsch, Geschichte und Politik in Göttingen und war acht Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule. Als Publizist und Politiker arbeitete er viele Jahre im extrem rechten Milieu. Im Juli 2012 stieg er aus dieser Szene aus. Seitdem engagiert sich Molau in Sachen Extremismusprävention bei Seminaren, Vorträgen und in Aufsätzen. Heute ist er selbstständig für das Textbüro dat medienhus tätig.

Comments are closed.

Die Integrationsblogger