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Emilio stand nachdenklich im Treppenhaus und blickte nach oben. Schon beim Hinsehen schmerzten ihm die Knie und seine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Trotzdem stieg er mühselig die ersten vier Stufen hinauf. In jüngeren Jahren wäre er voller Elan nach oben gehuscht. Nun war er 86. An der fünften Stufe musste er verschnaufen. Noch einmal versuchte er das Bein zu heben, aber es war schwer wie ein Sack Kieselsteine. Traurig setzte Emilio sich auf die Stufe und schaute die wenigen geschafften Stufen hinab zu seiner kleinen Wohnung, dann wieder nach oben. Er hörte seine Enkelkinder spielen, hörte wie seine Tochter Sahra zwischen Küche und Esszimmer hin und her lief und wie ihr Mann Ahmad im Flur staubsaugte. Emilio kam sich furchtbar einsam vor.

„Opa!“ hörte er plötzlich eine vertraute Stimme. Es war Yasmin, die gerade vom Supermarkt um die Ecke zurückkam. Sie trug eine Tüte voller Gurken und Tomaten und eine Papiertüte voller Brötchen. „versuchst du wieder die Treppe hochzusteigen? Du weißt doch das es zu viele sind. Ich bring dir später dein Essen runter.“
„Ja, ja“ seufzte Emilio, „ich weiß.“

Yasmin setzte sich zu ihren Großvater auf die Treppe und tätschelte mitfühlend sein Knie. „Ich finde es auch doof“ Sagte sie, „gerade jetzt im Ramadan.“

„Mach dir nichts draus mein Schatz“, Emilio zog sich vorsichtig hoch und bewegte sich wieder zurück zu seiner Wohnung, „bei den vielen Gästen ist es wahrscheinlich sowieso zu laut.“ Überzeugend klang er nicht.
Die nächsten zwei Tage blieb Emilio einfach in seiner Wohnung. Es war furchtbar laut im Treppenhaus. Was die wohl schon wieder machten? Wahrscheinlich war schon wieder etwas kaputt, dachte er. Sahra kam öfters herunter um nach ihm zu sehen und Yasmina brachte ihm immer pünktlich zum Fastenbrechen ein liebevoll zurechtgemachtes Essen. Aber wann immer er allein in seinem Sessel saß schloss er die Augen und horchte. Er hörte das Trippeln der Kinder, er hörte Lachen und Stimmen die sich unterhielten. Am dritten Tag hörte er plötzlich Stille. Emilio horchte angespannt, aber es war kein Piep zu hören. War er jetzt auch noch taub?
„Opa“

„Komm schon Opa!“

Als Emilio zur Tür schaute standen sie alle da. Sahra, Yasmina, Ahmad und die kleinen. Alle standen da und strahlten ihn an.
„Komm“ sagte Sahra, „wir haben heute oben für dich gedeckt.“
„Oben?“ sagte Emilio ungläubig, „wie soll ich denn da hochkommen? Will Ahmad mich etwa huckepack tragen?“

„Komm schon Opa!“ riefen die kleinen, durcheinander „es ist eine Überraschung!“
Yasmina nahm ihn bei der Hand und zog ihn aus dem Sessel. Gemeinsam liefen sie ins Treppenhaus. Emilio sah sofort dass etwas anders war. Ein seltsamer Stuhl mit Knöpfen war an einer Art Schienen befestigt, die bis nach oben die Treppe hinaufreichten. „Ein Treppenlift“ sagte Ahmad, „na los, probiere ihn aus!“
Strahlend setzte Emilio sich auf den Stuhl. Seine Augen füllten sich mit Freudentränen. An diesem Abend würde er nicht einsam sein. Und das machte ihn überglücklich.

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