Die Unschuld der Breivikisten

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Menschen – sofern es sich nicht um gefühllose Psychopathen handelt – sind keine Roboter. Sie haben einen Kernbereich an Loyalitäten, Überzeugungen, Verbundenheiten, Gefühlen, die ihnen heilig sind und die zum innersten Kern ihrer Persönlichkeit zählen, beispielsweise familiäre, religiöse oder patriotische. Versuche, sie ihnen abzuerziehen, ob zum Zwecke der Schaffung eines „Neuen Menschen“ oder einfach nur, um vermeintlich „Frieden“ zu schaffen, sind zum Scheitern verurteilt und führten, wo immer sie unternommen wurden, zu noch wesentlich mehr Unfrieden und Hass. Was der frühe John Lennon in seinem Musikstück „Imagine“ umschrieb, entpuppt sich immer und immer wieder als Albtraum – der späte John Lennon begriff dies selbst und wurde zum hingebungsvollen Familienvater, Reagan-Anhänger und Evolutionsleugner. Und weil Menschen diese starken Verbundenheiten und Gefühle kennen, haben die meisten von ihnen irgendwo eine Schmerzgrenze, ab der sie eine gezielte und absichtliche Herabwürdigung derselben als eine Herabwürdigung ihrer selbst begreifen und entsprechend reagieren.

Deshalb wird es immer wieder passieren, dass das Lästern über einen Verstorbenen auf dessen Beerdigung, ein spontaner NPD-Aufmarsch auf St.Pauli oder abschätzige Bemerkungen über die Ehefrau oder Mutter seines Mitmenschen fliegende Fäuste nach sich ziehen und Gerichte dem Täter dafür sogar noch mildernde Umstände zubilligen würden.

Wenn es allerdings um die Art und Weise geht, wie ein Gemeinwesen mit Menschen umgehen soll, denen es an elementaren Umgangsformen fehlt und die gezielte Provokation als wesentlichen Lebensinhalt betrachten, herrschen weltweit unterschiedliche Auffassungen. In Europa, wo Grundrechte und Freiheiten traditionell eher als vom Staat in seiner Güte und Großzügigkeit zugebilligte Gnadenrechte betrachtet werden, kommt es auf die gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse an, ob eine Meinungsäußerung staatliche Sanktionen nach sich zieht oder nicht. Staaten, die eine offizielle Staatsreligion kennen oder sich einer bestimmten Weltanschauung verschrieben haben, kennen zum Teil sehr scharfe Gesetze, um diese vor Anfechtungen zu schützen.

Die USA hingegen begreifen die grundlegenden Freiheiten der Bürger, zu denen nach Auffassung ihrer Gründerväter unter anderem die Glaubens-, aber auch die Meinungsäußerungsfreiheit gehören, als gottgegeben, weshalb der von Menschen gemachte Staat kein Recht habe, sie zu beschränken. Das hat zur Konsequenz, dass es dort keine staatlichen Sanktionen gibt, wenn Nazis an Holocaust-Gedenktagen die Überlebenden verhöhnen oder die Westboro-Kirche Soldatenbegräbnisse stört, um sich für den Tod von GIs zu bedanken.

Die amerikanische Zivilgesellschaft hat dennoch oder vielleicht gerade deshalb kreative und effiziente Wege gefunden, Extremisten und Hassgruppen dieser Art immer wieder auf die Parade zu regnen. [1]

Wie es aussieht, trauten die Al-Qaida-Sympathisanten in Libyen und Ägypten den amerikanischen Muslimen nicht zu, in diesem Sinne angemessen auf einen billigen und widerlichen Hassfilm über den Propheten Muhammad zu reagieren, der mehr über das Gossenniveau seiner Macher aussagt als über die – wie George W. Bush es einst zu formulieren pflegte und wie es parteiübergreifend alle vernünftigen Kräfte in den USA sehen  – „ehrwürdige Religion des Islam“.

Einstweilen tauchen viele weitere Fragen rund um die Aggressionen gegen die US-Botschaften in Kairo und Benghasi, die in der Ermordung von vier amerikanischen Staatsangehörigen endeten, darunter des Botschafters in Libyen, Christopher Stevens, der sich wie kaum ein anderer für eine Zukunft der libyschen Muslime in Frieden und Freiheit eingesetzt hatte. [2]

Auch wenn die Attacken auf die Botschaften nicht – wie anfangs vermutet – spontan, sondern möglicherweise von langer Hand geplant waren, haben die Urheber der „Unschuld der Muslime“ den Terroristen zumindest jene passende propagandistische Begründung für ihre Untaten geliefert, die sie von alleine kaum gefunden hätten.

Darüber hinaus tauchen Fragen auf über die Identität bzw. die Existenz der Person des „Sam Becile“, der angeblich amerikanisch-israelischer Doppelstaatsbürger sein soll und „100 Juden“ mobilisiert haben will, um für die Produktion des Hassfilms zu spenden.

Wie „Welt online“ berichtet und Angaben unabhängiger Journalisten, wonach dieser „Sam Becile“ den Angaben der Schauspieler zufolge arabisch gesprochen haben soll, zumindest nicht widerlegen, könnte es sich bei diesem in Wahrheit um einen in den USA lebenden koptischen Christen handeln, der mit dem bereits zuvor durch Anstachelung von Hass gegen Muslime aufgefallenen Prediger Terry Jones gemeinsame Sache gemacht haben soll. Sollte auf diesem Wege gleichzeitig auch Antisemitismus geschürt werden – möglicherweise um die Fantasien von Endzeitchristen anzustacheln, die „Armageddon“ herbeisehen, um die von ihnen vorhergesagte Bekehrung aller Juden zum Christentum zu erreichen? [3]

Wie auch immer – Präsident Obama, Herausforderer Romney und alle führenden Kommentatoren haben Recht: Auch ein derartig widerwärtiges Machwerk rechtfertigt nicht einmal annähernd die Übergriffe, die in Ägypten, in Libyen und mittlerweile auch im Jemen stattfanden und immer noch stattfinden. Die USA haben das Recht und die Pflicht, mit den Regierungen und notfalls auch auf eigene Faust die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Und sie sind berechtigt und verpflichtet, notfalls mit Waffengewalt ihre Botschaften und das dort beschäftigte Personal zu verteidigen.

Dennoch sind die geistigen Brandstifter aus den Reihen der so genannten „Islamkritiker“, die hinter dem Film stehen, die beim Anblick der Leiche des Botschafters die Sektkorken knallen ließen, weil sie endlich wieder einen Anlass gefunden haben, nicht weniger als 1,3 Milliarden Menschen die Kollektivschuld für die Verbrechen einiger Hundert Extremisten zuzuschanzen, für das, was geschehen ist, mitverantwortlich.

Ihnen war von vornherein klar, dass Terrorgruppen ihre Provokationen zum Anlass nehmen würden, aufgehetzte, ungebildete und gewaltbereite Personen zu Ausschreitungen anzustacheln und sie nahmen das nicht nur in Kauf, sondern bezweckten es sogar.

Und sie ziehen es vor, sich in der Etappe zu verschanzen und statt der eigenen die Köpfe unbeteiligter Amerikaner hinzuhalten – offenbar verstehen die Hobby-Tempelritter, ihr (Maul-)“Heldentum“ bei Bedarf an Dritte zu delegieren.

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1 Mississippi town figures out simple, effective way to stop Westboro Baptist Church funeral protest

2 Mord an amerikanischem Botschafter in Bengasi: Karikaturenstreit 2.0?

3 Attacke auf US-Botschaft war professionell vorbereitet

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About Author

Jg. 1973, ist allein erziehender Vater, freiberuflicher Lektor, Lerncoach und Kommunikationsdienstleister. In diesem Rahmen ist er unter anderem Redakteur beim „Deutsch-Türkischen Journal“, Betreuer der Wirtschaftsblogs „Wirtschaft Global“ und der „Blickpunkt“-Reihe aus dem Hause der ADMG Publishing Ltd. (Saigon). Er lebt in Bernburg/Saale.

1 Kommentar

  1. und was ist mit der Unschuld der Leser?

    So viele schöne verschachtelte Sätze. Der Autor hat alles in seiner Macht getan, damit der Text dem Verständnis entfernt bleibt.

    Da kann nicht mal ein Spiegelartikel herhalten.

    Hut ab!

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