Divide et impera – Teile und herrsche

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Unter diesem Motto wurden schon viele Völkergemeinschaften gespalten und aufeinander gehetzt. Während die Kontrahenten mit sich selbst beschäftigt waren, konnten die Spalter ihre politischen Absichten in Ruhe weiter verfolgen. Getreu dem Grundsatz, man gebe den Kindern Spielzeug und arbeite im Haushalt weiter.

Die geografische Lage der Türkei als Bindeglied zwischen Europa, Asien und Arabien mit seinen verschiedenen Klimazonen war und ist seit jeher wirtschaftlich von enormer Bedeutung gewesen für die Industriestaaten, deren Handelsrouten über die Türkei verliefen und verlaufen.

Das an drei Kontinente angrenzende Territorium, auf dem ca. 50 Volksgruppen leben, lässt die soziokulturelle Vielfalt, die auf türkischem Boden lebt, erahnen.

„Divide et impera“ – Teile und herrsche. Immer wenn es schwierig wird, an die Ressourcen und Handelsrouten eines Volkes zu gelangen, bietet sich seit jeher dieses Prinzip an, um die ohnehin schon überquellenden Taschen von einigen Wenigen weiter zu füllen.

Die Ergebnisse der erfolgreichen Spaltung des multiethnischen türkischen Volkes in zig Lager lässt sich allein bei einem oberflächlichen Blick auf Istanbuls Straßen beobachten. Es gibt von jeder Gesinnung zig Gruppierungen, die sich minimal unterscheiden und nur schwer einander nähern können, selbst wenn sie gemeinsame Grundgesinnungen teilen.

Zu diesen religiösen Gruppen gehören zum Beispiel die sunnitischen Muslime als die bei weitem größte, und die Aleviten. Unter den Aleviten gibt es Gruppierungen, die mit anti-türkischen, kurdischen Vereinigungen kooperieren und somit auch gegen den türkischen Staat sind. Einige Gruppierungen erkennen den Islam und den Koran an, andere distanzieren sich vehement von diesen.

Die über 50jährige Migrationsgeschichte der Türken in Deutschland blieb nie unberührt von der politischen Entwicklung der Türkei. Die ethnische wie religiöse Diversität dieser Menschen wanderte im Zuge der Arbeitermigration der 1960er und 1970er Jahre und später im Zuge der politischen Flüchtlinge der 1980er und 1990er Jahre mit nach Deutschland ein.

In Deutschland wurde in den letzten Jahrzehnten mit rassistischen Gewalttaten u.a. in Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und  ganz zu Schweigen in Dresden an Marwa-El-Sherbini sowie vom NSU-Komplott, aber auch durch das demonstrative, öffentliche Schweigen zu diesen Gräueltaten ein rassistischer Unterton salonfähig. Einerseits erkannte die Regierung, dass der demografische Wandel im Land die ehemaligen Migranten zu einer ökonomischen und nicht mehr auszugrenzenden wertvollen Größe gemacht hatte. So bemüht man sich derzeit überall im Lande um deren Wählergunst.

Andererseits bestärkten Aussagen wie „Multikulti ist gescheitert“, die  Sarazzin- und Buschkowskysympathien und die eindeutige Diffamierung der Muslime seitens der Kanzlerin im gerade diskutierten Beschneidungsthema die ausgrenzende und diskriminierende Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Einwanderern.

Nun stieg Bundesinnenminister Friedrich mit auf den Zug und plante eine Plakataktion, um angeblich „radikale“ muslimische Jugendliche zu entlarven. Die nähere Definition von radikal wurde bewusst ausgespart. Diese Aktion wurde von den muslimischen Verbänden, die in einer „Sicherheitspartnerschaft“ mit dem Innenministerium kooperierten, aufs Schärfste verurteilt. Die Verbände beendeten offiziell ihren Dialog mit dem Innenministerium.

Friedrich Küppersbusch äußert sich in der taz wie folgt:

„….Das sind Plakate, die gefehlt haben, als der kleine Joseph Ratzinger sich der Hitlerjugend anschloss. Der deutsch-islamische Blog ,dawa‘ montiert die Mordverdächtige Beate Zschäpe ein, das „MiGazin“ den blindgelockten Hans-Peter Friedrich selbst. Und für die Idee, Familienangehörige mögen beim Ministerium anrufen, um ihre Kinder anzuschwärzen, sehe ich einen langjährigen Urheberrechtsstreit zwischen Stasi und Gestapo voraus. Kurz: die ablehnenden Reaktionen sind so programmiert und erwartbar, dass man es für Absicht halten muss. Oder Friedrich für einen guten zweiten Sieger im Intelligenzvergleich mit einer Teppichfliese.    ….

Die betroffenen Verbände bestreiten, die Plakate zuvor gesehen zu haben. Ich finde es nicht schade, denn solange es keine, Kinderschutzpartnerschaft‘ mit der katholischen Kirche gibt, muss sich auch sonst keiner qua Titel diskriminieren lassen.  …“

Einerseits streichelt man die ehemaligen Migranten, andererseits gibt man den alten, neuen Rassisten, die sich Islamkritiker nennen, Futter und bestärkt sie. Divide et impera.

Nach anhaltender, beinahe durchgehender heftigster Kritik über die Plakatkampagne des Innenministeriums, las man am 30.August 2012 verblüfft die Schlagzeile: „AABF begrüßt die Plakataktion ,Vermisst‘ des BMI“.

Die Alevitische Gemeinde Deutschlands (AABF) sah dies als Möglichkeit, den muslimischen (zum größten Teil sunnitischen) Verbänden einen Denkzettel zu verpassen. Da muslimisch sein unpopulär ist, wurde die Gunst der Stunde genutzt. Die AABF distanzierten sich von ihren sunnitisch-muslimischen Mitbürgern, und ein Teil der Gemeinde gründete mit der CDU den Christlich-Alevitischen-Freundeskreis.

Die unsägliche Plakataktion des Bundesinnenministeriums als Stigmatisierungs- und Spaltungskampagne, trägt zu weiteren Ressentiments gegenüber Muslimen, bzw. dunkelhaarigen Menschen in der breiten Mittelschicht bei. Vier herzlich lächelnde junge Menschen werden ohne weiteres als radikal betitelt. Eine der Modells trägt ein Kopftuch. Wie soll ein Otto-Normal-Deutscher nun das Prädikat radikal einstufen? Vor allem, wie soll dieser Otto-Normal-Bio-Deutsche seine genauso nett lächelnden dunkelhaarigen Nachbarn einordnen, die vielleicht nicht weniger radikal sind? Eine nicht greifbare Gefahr wird suggeriert, hinter der alles Mögliche stecken könnte. Gleichzeitig fliegen wieder einmal in den Köpfen die Flugzeuge in die Tower…

Wie kann eine derartige Hetzkampagne des Schredderministeriums unterstützt werden?

Teile und herrsche. Die Alevitische Gemeinde Deutschlands schlägt sich auf die anti-muslimische Seite der Plakatproduzenten, stellt sich somit gegen beinahe alle muslimischen Verbände in der Republik und versucht gegen diese zu rebellieren.

Die AABF erklärt der (sunnitisch-muslimisch gesinnten) AKP-Regierung Erdogans zusammen mit anarchistisch kurdischen Organisationen wie der Yek-Kom, deren Mitglieder während der Proteste am 08.09.2012 in Mannheim mehrere Polizisten gewaltsam attackiert und verletzt hatten, offen den Kampf.

Medienberichten zufolge wird am Mittwoch, den 31.10.2012, Premierminister Recep Tayyip Erdogan in Berlin von Bundeskanzlerin Merkel empfangen werden.

Der Generalsekretär der AABF, Ali Dogan, ruft bundesweit zur Massendemonstration am selbigen Tag nach Berlin auf. Wieso Ali Dogan nicht die Schredderaktionen der NSU-Akten als Anlass zum Anzetteln einer Großdemonstration nimmt, ist eine berechtigte Frage.

Ich hoffe, dass den AABF-Mitglieder das nächste Mal, wenn sie als „dreckiger Moslem“ beschimpft werden, ohne dass ihnen die Chance gegeben wird, sich zu äußern, dass sie „mit dem Koran und den übrigen Muslimen nichts zu tun haben wollen“ – ich hoffe, in diesem Moment wird den Mitgliedern der Alevitischen Gemeinde Deutschlands klar, dass sie sich mit der Unterstützung der Plakatkampagne ins eigene Fleisch geschnitten haben.

Mit weit geöffneten Augen und Herzen einen Konsens zu suchen und zu finden, spalterische Absichten zu erkennen, kann der einzig mögliche Weg zu einem friedvollen gemeinsamen Leben in Deutschland sein.

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About Author

Die Autorin studierte Technische Redaktion an der Fachhochschule Hannover. Sie ist gelernte Versicherungskauffrau. Als Redakteurin und Editorin gestaltet sie die türkisch-deutsche Regionalzeitschrift Mokka führend mit. Aus ihrer zweisprachigen Sendung „SELAM Hannover“ grüßt sie Dienstag abends die interessierten Radio-Hörer der Region Hannover. Als freie Korrespondentin arbeitet sie zudem beim Bürgersender Radio leinehertz106.5. Leidenschaft für Politik und Marketing sind die Antriebsfeder für ihre journalistische Arbeit. Sie ist eine Hannoveraner Türkin.

7 Kommentare

  1. Wo leben wir denn? In der kemalistischen Türkei von 1990s?

    Ist es ein Verbrechen ein Gülen-Anhänger zu sein oder was?

    Das muss ein Verband (AABF) beantworten, der mit Händen und Füßen einen Diktator (Assad) unterstützt.

  2. Frau Sagir hat es auf den Punkt gebracht. Ich hatte sie vorher nicht gekannt. Respekt!

  3. Saliha Balkan on

    Ich möchte hier doch einiges klären…

    1. Die Redaktion hat diesen Artikel vor der Veröffentlichung überprüft
    2. Der Artikel bezieht sich m. E. hauptsächlich auf die Protestaktion der AABF und nicht auf die Aleviten als Personengruppe
    3. Wenn der Eindruck entstanden ist, dass die Kritik an die Protestaktion gleichgestellt ist mit der Kritik an eine Personengruppe, dann finde ich das persönlich sehr schade
    4. Sämtliche Gerüchte, dass jeder, der hier schreibt, ein/e „Gülen-Anhänger/in“ sei, ist schlicht und einfach falsch.
    5. Die Unterstellung, der Artikel sei rassistisch etc. , bitte ich doch mit Zitaten zu belegen, wo ein Indiz dafür ist. Ich bin als Teil der Redaktion bereit, verletzende oder ausgrenzende Sätze rauszunehmen.

  4. Na ja, es geht ja auch nicht darum, dass Alevitenverbände nicht das Recht hätten, für ihre Anliegen einzutreten und – selbst in so unappetitlicher Gesellschaft wie PKK-Anhängern, Assad-Verstehern oder Islamophoben – auch gegen den gewählten türkischen Ministerpräsidenten zu demonstrieren.
    Es ist aber vor allem die Doppelmoral des AABF-Verbandes, die zu Recht Kopfschütteln hervorruft. In einem Videoaufruf wird Erdogan wortwörtlich als „Unmensch“ tituliert, in einer Pressemappe wirft man ihm vor, seine Vorbehalte gegen Assimilationstendenzen würden eine „Kultur der Parallelgesellschaften“ zum Ziel haben (während die AABF die kriminellen Parallelgesellschaften der PKK in der Türkei gutheißt).
    Und nicht selten haben AABF-Vertreter sich immer und immer wieder an die Islamophoben angebiedert und öffentlich mit Unwahrheiten operiert.

    Bei der „Vermisst“-Kampagne waren übrigens definitiv keine deutschen Namen mit von der Partie. Vor allem war es instinktlos, eine solche Kampagne, die unterschwellig den Eindruck transportierte, Muslime wären besonders anfällig für religiösen Extremismus, ausgerechnet in einer Zeit zu veröffentlichen, da im Untersuchungsausschuss zum NSU immer mehr und immer schlimmere Versäumnisse des Innenministeriums bekannt wurden und immer noch werden. Dass sich die AABF dieser Kampagnen offenbar mit dem einzigen Ziel angeschlossen hatte, sich als der „brave“ Migrantenverband von den „bösen“ anderen abzugrenzen, hat seine Beliebtheit unter den anderen nicht unbedingt in den Himmel wachsen lassen.

  5. Andreas Molau on

    Was hat die Autorin gegen kulturelle und religiöse Diversität? Da ist von Spaltung die Rede, spalterisch. Wenn man auf der einen Seite Assimiliation zurecht ablehnt, kann man den Aleviten nicht auf der anderen Seite vorwerfen, dass sie andere Interessen verfolgen. Wenn sie eine Demonstration gegen Erdogan anmelden (statt dessen steht da anzetteln) müsste das ein legitimies, demokratisches Grundrecht sei. Den Deutschen unterschwellig vorzuwerfen, sie würden rassistische Gewalttaten billigen, ist nicht zutreffend und trägt aus meiner Sicht nicht zur Integration bei. Ich finde so einen Begriff wie Bio-Deutscher diskriminierend. Der Unterton des Beitrages kommt mir so ein bisschen vor wie: Uns darf man nicht kritisieren. Stärkt man Islamkritiker, wenn man auf bestehende Probleme der Integration hinweist? Ich denke, es verhält sich genau umgekehrt. Das gleiche gilt für die Gefahr der Radikalisierung: Will die Autorin sagen, dass es keinen religiösen Extremismus gibt? Ich denke, vor jeder Art von Extremismus – politischem und religiösen – muss gewarnt werden: das gilt für linken und rechten politischen Extremismus, vor christlichem, muslimischen oder anders gearteten religiösem Fanatismus. Was die Bewertung der Plakataktion anlangt – es entzieht sich meiner Kenntnis, ob auch ein deutscher Name dabei ist; natürlich gibt es auch Deutsche ohne Migrationshintergrund, die sich religiösem Extremismus zuwenden. Im Text wird jedoch mit zweierlei Maß gemessen: Die Deutschen halten Rassismus für salonfähig; aber Einwanderer darf man nicht pauschal unter Verdacht stellen. Konsequent und richtig wäre es so gewesen: Die Mehrheit der Deutschen verurteilt rassistische Gewalt und Einwanderer darf man nicht pauschal unter Verdacht stellen.

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