Ein friedliches Miteinander oder doch ein Kampf der Kulturen?

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In Ihrem zweiten Buch ging es ja nicht um das Thema Kopftuch, sondern um das Thema Kampf der Kulturen, die ja eine Gegendarstellung zu Huntigton´s These *„Kampf der Kulturen“ darstellen sollte. Wieso und von welchen Akteuren wird ein solcher Kampf der Kulturen beschworen?

*engl. The Clash of Civilizations (…)

Eine Gegendarstellung zu Huntington konnte und wollte ich nicht leisten. Aber in der Öffentlichkeit war der „Kampf der Kulturen“ zu einer Redewendung geworden, die suggerierte, es sei unausweichlich, dass die islamische und die westliche Kultur aneinandergerieten. Dabei entdeckten rechte und konservative Kreise in Deutschland Begriffe wie „Christliches Abendland“ wieder. Es wurde eine Konfrontation zwischen Islam und Christentum herbeigeredet. Das wäre das Gegenprogramm zu dem katholischen Vorhaben, das das Zweite Vatikanische Konzil definiert: „Da es jedoch im Laufe der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“ Das ist nach wie vor die Leitlinie des Heiligen Stuhls.

Da das Buch in einem kirchlichen Verlag erschien, waren meine primäre Zielgruppe die, die sich von diesem Gegenprogramm angesprochen fühlten: Menschen, die aus konservativer Gesinnung heraus Vorurteile gegenüber dem Islam annahmen. Ich versuchte also erstens zu zeigen, dass das in der Öffentlichkeit vermittelte Bild vom Islam ungerecht ist, und zweitens, dass die Konfrontation von bestimmten westlichen Kräften gesucht wird, um geostrategische Ziele zu erreichen und die eigene Gesellschaft stärker zu kontrollieren.

Was können Muslime und Christen tun, damit es nicht zu einem Kampf, sondern einem friedlichen Zusammenleben beider Seiten kommt, wenn es das nicht schon gibt?

Muslime und Christen müssen sich hüten vor einer simplifizierten Lesart des Korans, die ihnen manche als Beweis für ihre Position vorlegen. Denn auf beiden Seiten gibt es Leute, die den Koran als einen Steinbruch benutzen. Aus den herausgesprengten Steinen werden Wurfgeschosse und Faustkeile gegen die anderen. Diese Steinbruch-Exegese mit aggressiver Absicht verkürzt den breiten Strom der islamischen Orthodoxie und Spiritualität auf eine gefährliche Weise. Es macht immer großen Eindruck, wenn einer mit großer Geste erklärt, er habe den Koran gelesen. Dann reiht er Zitat an Zitat. Aber diese Zitate sind eben sehr oft aus dem Zusammenhang gerissen. Sie berücksichtigen nicht die Situation der Herabsendung, die Feinheiten der Sprache und der Interpretation, denn sie verfolgen ja nicht die Absicht, den Koran zu verstehen, sondern ihn zu etwas zu benutzen.

Sie haben nur vom Koran gesprochen, nicht von der Bibel. War das Absicht?

Ja. Die Bibel ist früher entstanden. Sie eignet sich in dieser Schlacht erstens nicht als Waffe, weil sie von ihrer Entstehungszeit her keine Muslime und keinen Islam kennt; und zweitens nicht, weil viele Christen, die so tun, als sei der Koran nur wahabitisch zu verstehen, auch die Bibel wortwörtlich verstehen. Wenn ein Christ aber glaubt, die Bibel sei wörtlich von Gott eingegeben, dann kann er dem Islam wegen vieler Stellen im Koran keinen Vorwurf mehr machen, denn vergleichbare Stellen gibt es auch im Alten Testament. Als eine Muslima einem katholischen Islamhasser einmal dies entgegnete, versuchte er auszuweichen, indem er trotzig sagte, das Alte Testament gelte für ihn nicht. Das aber ist eine Häresie.

Wie verstehen Sie die Bibel und wo sehen Sie darin Anhaltspunkte für ein friedliches Miteinander?

Die Bibel wurde von Menschen geschrieben. Es waren aber gläubige Menschen und insofern waren sie inspiriert vom Geist Gottes. Deshalb sind beim Verständnis der Bibel zwei Aspekte wichtig: erstens, dass Gott durch diese Menschen zu uns spricht, und zweitens, dass diese Menschen als Kinder ihrer Zeit und mit ihren literarischen Ausdrucksmitteln schreiben. Das ist das katholische Verständnis der Heiligen Schrift. Und noch etwas ist wichtig: Gott hat sich zuerst dem Volk Israel offenbart. Davon berichtet das Alte Testament. Das Neue Testament berichtet aber davon, wie Gott selbst in Jesus Christus zu den Menschen gesprochen und an ihnen gehandelt hat. Und in gewisser Weise ist die Fortsetzung dieser Situation die Kirche. Die Kirche sieht sich begleitet vom Heiligen Geist als Gemeinschaft Jesu Christi an. Sie ist also eine lebendige Gemeinschaft mit Gott – und  nicht eine Gemeinschaft, die ein Buch mit Gottes Wort gefunden hat (wie es manche amerikanischen Sekten verstehen).

Ich bin hineingenommen in diese göttliche Gemeinschaft, insofern ich ein Liebender bin. Das ist der tiefste theologische und spirituelle Grund für die friedliche Haltung des Christseins. Die lässt sich natürlich herleiten von der Heiligen Schrift und lässt sich ausfalten von der Lehre der Kirche, aber diese Gelehrtheit kann scheitern, kann auf die schiefe Bahn geraten, wenn sie ihren Grund vergisst. Dazu ein Beispiel: Als sich Papst Johannes Paul II. mit prophetischen Worten gegen den Angriff auf den Irak aussprach, Anfang 2003, fuhr ein bekannter Katholik aus den USA nach Rom und hielt dort eine Rede, mit der er versuchte, diesen Krieg theologisch zu rechtfertigen. So brillant dieser katholische Intellektuelle sein mochte, er war von der Haltung des Liebenden abgekommen (für ihn zählte letztlich nur US-Patriotismus) und hatte sich ziemlich respektlos gegenüber dem Heiligen Vater verhalten, der für die Katholiken der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden ist.

Die Nutznießer im Kampf der Kulturen: Wenn sich Zwei streiten freut sich der Dritte… © Rainer Sturm/pixelio.de

Wer könnte ein Interesse daran haben, dass es einen Kampf der Kulturen gibt, und wie wird er geschürt?

Der Kampf „westliche versus islamische Kultur“ hat eine Geschichte. Man kann sich sicher auch Munition aus uralten Geschichten holen, aus den Kreuzzügen (11. bis 13. Jh.) oder den Türken vor Wien (1683). Und das geschieht ja auch. Aber das ist Rhetorik, auf die ich noch zu sprechen komme.

Zunächst hat im Bewusstsein der Menschen das eine Nachwirkung, was in den letzten hundert Jahren geschehen ist, mit der eigenen Familie oder dem Dorf, aus dem man kommt. Und das ist wohl für die meisten Muslime eine Kolonialgeschichte oder zumindest eine, in der westliche Großmächte eine dominante bis kriegerische Rolle spielen. Umgekehrt haben und hatten die Kolonialherren bzw. Westmächte auch Truppen in den meisten muslimischen Ländern, was wiederum Teil unzähliger Familiengeschichten ist.

Dieses kollektive Bewusstsein wurde aber nicht sich selbst überlassen. Die jeweilige Herrschaft muss sich legitimieren. Sie muss den eigenen Leuten einflüstern, was ihren Interessen dient. In diesen manipulativen Prozessen ist die Religion ein erstklassiges Werkzeug, zynisch gesprochen. Wenn es gelingt, die Religion der anderen als primitiv und gefährlich darzustellen, erwecke ich bei den eigenen Leuten das Bewusstsein, dass diese Typen in Zaum gehalten und scharf kontrolliert werden müssen. Umso besser, wenn es in der Religion der anderen Spinner gibt, die bei den Leuten gut ankommen oder mit Waffen umgehen können. Die kann man erstens als Beweis brauchen und zweitens in geeignete Bahnen lenken. Die eigene Religion ist nur dann ein praktikables Herrschaftsinstrument, wenn ich sie kontrollieren kann. Sonst wendet sie sich am Ende gegen meine Herrschaft.

Der Westen hat die Methoden der Steuerung des kollektiven Bewusstseins erforscht und gezielt eingesetzt. Der Klassiker dafür ist Edward Bernays‘ Buch „Propaganda“, 1928  in New York erschienen. Und in dieser Propaganda kann auch eine tendenziöse Geschichtsdarstellung von Nutzen sein, aus der man rhetorische Schlagwörter gewinnt. „Die waren schon immer so, da muss man sich nur einmal XY anschauen.“ Nicht nur politische Medien, sondern auch die Unterhaltungsindustrie flankieren diese Stimmungsmache.

Das hinter dieser konfrontativen Propaganda stehende Interesse ist vor allem geostrategischer Natur. Bestimmte Regionen sind wegen ihrer Rohstoffe interessant oder wegen der Nähe zu rohstoffreichen Regionen. Andere Gebiete eignen sich als Militärstützpunkte zur Sicherung der Rohstoffe oder zur Umzingelung des Feindes. Auch die Rolle finanz- oder wirtschaftspolitischen Kalküls darf nicht unterschätzt werden. In strategischen Schachzügen werden Diktatoren gestützt oder gestürzt, Revolutionen angezettelt oder verhindert, Terroristen aufgebaut oder eliminiert. Und das alles wird hochstilisiert zu hehren Kämpfen für Freiheit und Demokratie, gegen die orientalischen Finsterlinge.

Das klingt nicht so, als könnte man viel dagegen tun …

Einerseits gibt es Signale „von ganz oben“, die man vorsichtig so interpretieren kann, dass eine fortwährende Verschärfung des Konfliktbewusstseins auch nicht erwünscht ist. Denken Sie an Obamas Rede in Kairo 2009. Kritisch betrachtet könnte man sagen, er handle auch nicht anders als sein Vorgänger, halte nur freundlichere Reden. Das ist richtig, aber im Bewusstsein der Menschen im Westen bewirkt es etwas Positives, wenn der US-Präsident den Islam als große Zivilisation lobt und für ein neues Verhältnis des Westens zur muslimischen Welt wirbt.

Und jeder einzelne ist angesichts solcher Äußerungen gerufen, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen: Jede Meldung in den Medien, jeden Film, jeden Clip, jedes Videospiel kritisch zu betrachten; sich mit anderen darüber auszutauschen, sich zu vernetzen. Der Hintergrund sollte immer der Wille zum Guten, die Frage nach dem Willen Gottes und die vernünftige Betrachtung der Dinge sein.

Hier das Interview im Überblick:

1. Zusammenleben von Christen und Muslimen in der Pluralen Gesellschaft

2. Ein friedliches Miteinander oder doch ein Kampf der Kulturen?

3. Erfahrungen des Zusammenlebens: Ein Stimmungsbild aus Deutschland

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