Ein klein wenig mehr Gastfreundschaft bitte!

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Ein möglicher Dialog in Deutschland 2014

„Vor den Roma und Sinti ist in der Stadt nichts mehr sicher. Da muss man echt aufpassen!“

So muss sich das auch angehört haben, als mein Opa in den 60er Jahren mit seinem Holzkoffer nach Deutschland gekommen ist.

„Damals gab es aber Arbeitsplätze.“

Ähm, ich höre da dauernd etwas von diesem Fachkräftemangel.

„Von uns hat keiner einem anderen wehgetan!“

Man will nun behaupten, dass damals von uns keiner Gewalt ausgeübt hätte.

„Die Anzahl solcher Türken war aber gering!“

Bei fünf „Zigeunern“, die du in der Stadt siehst, schließt du also auf die gesamten Einwanderer aus Südosteuropa?

 – Stille.

„Es geht hier aber um Sicherheit. „

Und du meinst, Deutschland ist sicherer, wenn du alle zurück nach Hause in das Elend schickst?

„Nein, so habe ich das nicht gemeint.“

Ah, ok. Das war also ein „Ich habe ja nichts gegen die Einwanderer aus Südosteuropa, ABER…“?!

Neues Einvernehmen

Zum ersten Mal kommt „der Türke“ in Deutschland in die Lage, sich mit seinem xenophoben deutschen Nachbarn, gegen „Ausländer“ verbünden zu können.

Wir beschweren uns darüber, wie viele Kinder die Südosteuropäer trotz finanzieller Not haben, wie laut sie sind, wie laut sie feiern und dass sie sich nicht an die deutsche Ordnung halten wollen. Sexualstraftaten, ausgeraubte Häuser, Gewalt, Betrug; all das hätten sie mitgebracht. Und während wir dem deutschen Michel dabei helfen, nicht in einer Flut von Vorurteilen zu ertrinken, wodurch nur Angst und Schrecken verbreitet werden, vergessen wir offenbar, welche Auswirkungen unser Verhalten hat.

Wir verhalten uns paradox, wie einige Deutsche, die wir deshalb lange verpönt haben. Wir ziehen eine bestimmte Migrantengruppe einer anderen vor, weil deren Kultur unserer ähnelt, und schließen so Menschen aus. Wir begründen die Auswahl damit, dass diese Kriegsflüchtlinge seien und jene „nur Sozialschmarotzer“ aus EU-Staaten. Brauchen die einen die Sicherheit in Deutschland etwa mehr, die anderen weniger? Und ja, jetzt reden wir mit! Jetzt reden wir tatsächlich auf Augenhöhe mit dem Deutschen. Jetzt entscheiden wir mit, was gut und schlecht für Deutschland ist!

Wir vergessen, wo wir herkommen

Trotzdem läuft vieles kontraproduktiv, weil wir mit dieser neuen Zugehörigkeit scheinbar etwas vergessen: Wir vergessen, wo wir herkommen und womit wir zu kämpfen hatten und haben. Wir vergessen für einen kurzen Moment, wie bitter Diskriminierung schmeckt, weil wir den süßen Augenblick der Zugehörigkeit genießen. Es fühlt sich so gut an, für einen kurzen Moment Täter zu sein, statt dauerhaft nur Opfer. Es fühlt sich so unheimlich gut an, für eine kurze Zeit abheben und von oben auf eine andere Gruppe von Migranten herabschauen zu können. Und ehe wir uns versehen haben, gehören wir zu denen, die wir nie sein wollten:  nämlich zu denjenigen, die sich für etwas Besseres halten. All das nur, weil wir für einen kurzen Moment unsere oder die Herkunft unserer Eltern vergessen haben.

Es kommt die Frage auf, weshalb Deutschland diese Einwanderung überhaupt zulassen würde, wenn wir uns nur selbst damit belasten. Deutschland begrenzt sich nicht allein auf den Staat. Dazu gehört auch die Gesellschaft, der du und ich angehören und für die wir gemeinsam verantwortlich sind. Die Frage ist doch, wie jeder einzelne von uns mithelfen kann, dass auch neue Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Gerade du und ich wissen doch, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben. Weshalb strecken wir also nicht unsere Hände aus? Weshalb setzen wir uns nicht neben den neuen Einwanderer und erklären? Warum ich nun so krass auf den Türken in Deutschland einrede?

Die Macht der Veränderung

Weil nämlich genau dieses Entgegenkommen allen Einwanderern – egal ob Flüchtlingen oder EU-Einwanderern- eine Vision und Perspektive verschaffen kann. Aus dem Gastarbeiter, der sich einst erst einmal im System zu Recht finden mussten, sind heute Manager, Unternehmer, Anwalt, Arzt, Student, Gymnasiast und noch vieles mehr geworden. Trotzdem wird er mit Diskriminierung konfrontiert und bewundernswerter Weise findet er dennoch tagtäglich die Kraft, weiter zu machen und dagegen anzukämpfen.

Ich bitte deshalb um mehr Solidarität und Mithilfe. Wir können nun wieder schmollen, in der Ecke sitzen und sagen: „Wir mussten damals auch alles allein machen! Uns hat keiner geholfen. Deswegen haben wir so lange gebraucht. Uns wird heute nicht einmal geholfen!“ Das mag sein, aber dann sind wir kein Stückchen besser als diejenigen, auf die wir eigentlich so sauer sind. Wir kennen das Gefühl, allein und auf sich selbst gestellt zu sein, niemanden zu haben, der uns hilft. Heute haben wir unsere „Großen“, die unsere „Kleinen“ an der Hand nehmen und ihnen helfen. Aber was machen wir mit denjenigen, die diese „Großen“ noch nicht haben? Wollen wir sie wirklich allein lassen?

Dabei sind wir doch bekanntlich die Volksgruppe mit dem weiten Herz und der Gastfreundschaft. Wir drücken unsere Mitmenschen und schließen sie in unsere Arme. Wir setzen gern alles daran, dass sich jeder wie zu Hause fühlt und nie wieder gehen möchte.

Es ist genau diese Gastfreundschaft, die eine Willkommenskultur ausmacht und deshalb sollten wir sie wieder pflegen!

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About Author

Jahrgang 1992, Studentin der Rechtswissenschaften an der Universität Mannheim, ehemalige Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung, mündige und selbstbewusste Deutsch-Türkin.

2 Kommentare

  1. Respekt! Guter Artikel!
    Aus den Erfahrungen, die man am eigenen Leib erlebte/erlitt, sollte man immer die Erkenntnis ziehen, daß man sich in diejenigen besser hineinversetzen kann, die jetzt in einer ähnlichen Lage sind.
    „Wir vergessen für einen kurzen Moment, wie bitter Diskriminierung schmeckt, weil wir den süßen Augenblick der Zugehörigkeit genießen.“
    „Wir kennen das Gefühl, allein und auf sich selbst gestellt zu sein, niemanden zu haben, der uns hilft.“

    Das betrifft nicht nur Migration. Sondern z.B. auch, wer schon länger arbeitslos war, wer schon hilflos dem Bollwerk Justiz gegenüberstand, wer schon dem arroganten Jugendamt ausgeliefert war, wer schon Mobbing kennenlernen mußte. Nicht die damaligen Gefühle vergessen, sondern mehr Verständnis für Menschen in schwieriger Lage.

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