Showing 1 of 1

An einem Donnerstagabend entschloss ich mich spontan, einem Vortrag von Dr. Ali Özgür Özdil zu lauschen. Ich wollte mich einfach mal in die Menge stürzen und schauen, welche Art Menschen mir begegnen würden. Der Vortrag fand in der Kirchengemeinde Heilig Kreuz in Castrop-Rauxel statt. Erwartet hatte ich eine kleine gemütliche Runde. Doch als ich eintraf, fand ich mich in einer proppenvollen Gemeindehalle wieder. Ich war sehr überrascht! Alles gespannte, mit Neugier und Angst zugleich, erfüllte Gesichter. Überwiegend jedoch Rentner. Darunter vereinzelt Muslime.

Das Thema war „islamischer Staat“ (IS) (‏الدولة الإسلامية‎, ad-Daula al-islāmiyya, Abkürzung: ‏داعش)‎

„Die Machtbasis des IS bildet eine Gruppe von ehemaligen Offizieren der irakischen Armee. Ihren Ursprung hat der IS im irakischen Widerstand und kämpft im syrischen Bürgerkrieg gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad, aber zugleich auch gegen die Freie Syrische Armee, sowie gegen die kurdische Minderheit im Norden des Landes. Nach militärischer Eroberung eines zusammenhängenden Gebiets im Nordwesten des Irak und im Osten Syriens riefen seine Anhänger am 29. Juni 2014 einen als Kalifat bezeichneten Staat aus.“

„Was ist das Kalifat?“, „Ist es gefährlich?“, „Ist es eine Bedrohung für uns?“ – das sah ich in den fragenden Augen der Gäste. Alles gerechtfertigte Fragen, wenn man die Nachrichten hierzulande mitverfolgt, in diesem Fall in Bezug auf den IS. Auch die Muslime selbst haben vor solchen Gräueltaten, Angst. Das ist nur menschlich. Diese Angst betrifft uns alle.

Als ich vor Kurzem auf Facebook das Video von Jürgen Todenhöfer im Interview mit einem IS-Kämpfer sah, wurde mir auch schlecht, sodass ich schon Bilder im Kopf hatte, dass die IS nach Deutschland kommt und auch die Muslime selbst unter die „Lupe“ nimmt, die Menschen abschlachtet usw. Allerdings frage ich mich, wie es möglich gewesen ist, dass ein IS-Kämpfer sich bereit erklärte sich so hinzustellen und offen zu sprechen?

Zurück zum Vortrag: Ich kassierte kritische Blicke hier und da. Einige Besucher drehten sich weg. Aber andererseits begegnete ich auch vielen interessierten Blicken. Ich nahm den erstbesten Platz ein, da ich mich schon ein wenig beobachtet, unwohl aber auch gleichzeitig gelassen fühlte. Ja, die Kombination funktioniert auch irgendwie.

Vorurteilsbehaftete Fragen

Der Vortrag begann mit einer geschichtlichen Einleitung. Ich empfand das Ganze teilweise schwierig, da sehr viele Zwischenfragen kamen, unter anderem hat sich ein älterer Herr für die Meinung des Referenten zum Buch von Hamed Abdel-Samad „Der islamische Faschismus“ interessiert. Mein Kommentar dazu möchte ich Euch ersparen. Ganz viele typische vorurteilsbehaftete Fragen, wie „Was hat der Vers ‘Tötet sie, wo immer ihr sie findet’ zu bedeuten?“

Dabei wird bei solcher Kritik immer der Kontext ganz außer Acht gelassen. Das ist die Kunst des Wortverdrehens, wie die IS es auch für sich ausnutzt. Aus dem offenen Brief an die Kämpfer und Anhänger des selbsternannten „Islamischen Staates“, welcher von über 120 Gelehrten unterzeichnet worden ist, geht hervor, dass der Islam die Taten dieser Menschen strikt ablehnt. Das sehen wir auch in folgenden Koransuren:

(Sure 4:171) يَا أَهْلَ الْكِتَابِ لا تَغْلُواْ فِي دِينِكُمْ „O ihr Schriftbesitzer! Treibt es mit eurer Religion nicht zu weit!“

„Helft einander zur Güte und Gottesfurcht, aber helft einander nicht zur Sünde und feindseligem Vorgehen, und fürchtet Allah! Allah ist streng im Bestrafen.“ (5:2) : ويقول ابن عَبَّاسٍ: قَالَ رَسُولُ اللَّهِ يَا أَيُّهَا النَّاسُ! إِيّاكُمْ وَالْغُلُوَّ فَإِنَّمَا أَهْلَكَ مَنْ كَانَ قَبْلَكُمُ الْغُلُوُّ

Und einige Hadithe (Aussprüche) unseres Propheten a.s.m.:

„O ihr Menschen“ Hütet euch vor Extremismus, denn die, die vor euch waren, sind deswegen untergegangen, weil sie übertrieben haben.“ (Überliefert bei Ahmad ibn Hanbal, Ibn Mâdjah und an-Nasâʼi)

„Hilf deinem Bruder, ob er Unrecht begeht oder unter Unrecht leidet!“ Einer fragte: „Oh Gesandter Allahs, diesem helfen wir, wenn er unter Unrecht leidet. Aber wie können wir ihm helfen, wenn er selbst Unrecht begeht?“ Der Prophet erwiderte: „Indem du seine Hände mit der Tatkraft vom Unrecht abhältst!“ (Buhari)

Und das sind nur einige von vielen Beispielen der Barmherzigkeit Allahs und der Milde im Islam. Das spiegelt sich wie oben auch in den Hadithen (Aussprüchen) unseres Propheten a.s.m wieder.

Viel negative Energie in der Luft

Die Fragerunde sprengte den Zeitrahmen, denn es gab Fragen wie Sand am Meer auch zu den oben genannten Versen. Wir hätten die Nacht durchmachen können. Viel negative Energie und Kritik war in der Luft. Sowohl der Moderator als auch der Referent hatten jedoch die Situation sehr gut im Griff und steuerten die Diskussion in eine angenehme Atmosphäre.

Die enorme Menge der Fragen zeigt, dass die Menschen sich sehr interessieren und aufgeklärt werden möchten. Es wird auch deutlich, dass die Gesellschaft zu sehr von den hiesigen Medien geprägt ist, und die Lügenberichte über den Islam sich so in die Köpfe eingebrannt haben, sodass die Menschen es nur mit sehr viel Mühe aus den Köpfen kriegen können. Solche Aufklärungsveranstaltungen müssten öfter veranstaltet werden. Die Menschen sollten sich mehr trauen aufeinander zuzugehen. Menschen im mittleren Alter und Rentner sollten mehr einbezogen werden.

Mit einem Vortrag ist es nicht getan. Das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Menschen müssen sich untereinander mischen und das täglich. Erst durch Erfahrungen und durch den Umgang miteinander, können Vorurteile abgebaut werden.

Jüngere Gesellschaft aufgeklärter

Nach Abschluss des Vortrages kam ich mit einer pensionierten Lehrerin, die mit Asylbewerbern ehrenamtlich arbeitet, ins Gespräch. Ihrer Meinung nach ist die Gesellschaftsgruppe, die an dem Vortrag teilgenommen hat, im Rückstand. Aber die jüngere Generation hätte da eher mehr Umgang mit Muslimen und sei somit mehr aufgeklärt.

Als ich da saß und das Geschehen auf mich einwirken ließ, war es ein wenig erschreckend und erfreulich zugleich, dass viele Teilnehmer so abgeneigt und gleichzeitig interessiert waren, andererseits sehr tolerant und sich für das Miteinander einsetzten, sodass ich auch Aussagen wie „Der Araber war sowieso sogar noch viel netter als viele Deutsche in der ganzen Umgebung“ zu hören bekam. Damit möchte ich nur ausdrücken, dass es sehr viele tolle Menschen gibt, unabhängig von ihrer Herkunft.

Andererseits habe ich auch Angst, dass sich dieser Hass tatsächlich so schürt, dass die Medien es schaffen uns zu spalten, dass die Menschen nicht zuhören wollen, sich in ihrem Loch verkriechen und nicht hören wollen, uns nicht glauben möchten was wir sagen, weil das Feindbild zu fest sitzt. Persönlich habe ich eher positive Erfahrungen und das immer mehr und mehr. Gott sei Dank! Bilden wir uns nur ein, dass es schlimmer wird oder wird es auch gleichzeitig besser?

Es ist wie mit dem Reich und Arm, so ist es auch mit dem Hass und der Liebe. Hassliebe gibt es allerdings auch, sie hassen und sind aber gleichzeitig extrem interessiert. Feststeht, es muss mehr, sehr viel mehr Kommunikation gefördert werden. Nur so können wir wieder „Wir“ werden. Auch wenn wir müde davon sind immer und immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten. Und auch wenn sich unsere Lage verschlechtert hat und in anderen Hinsichten wiederum verbessert, sollten wir die Lage zu unserem Vorteil ausnutzen, denn „gewiss mit der Erschwernis kommt die Erleichterung“ (94:6)

Quelle:

Präsentation von Dr. Ali Özgür Özdil

Dieser Artikel wurde zuerst in der Islamischen Zeitung veröffentlicht und ist auch bei www.tatjana-rogalski.de zu lesen.

0%
0%
Awesome

Kommentare

Kommentare

Share.

About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

Comments are closed.

Die Integrationsblogger