Ein Wink des Schicksals? (DIB-Fortsetzungsroman Teil VI)

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Was war bloß mit mir los? Jeden Tag starben irgendwo auf der Welt Menschen. Das war der Alltag. Natürlich taten sie mir alle Leid, aber was sollte ich schon ausrichten können, wenn es darum geht, es zu verhindern?

Sobald ich von solchen Ereignissen in den Nachrichten erfuhr, wurde ich depressiv. Die Ungerechtigkeit auf der Welt war nicht zu stoppen. Die Menschenrechte werden mit den Füßen getreten. Sei es Ägypten, Syrien, Palästina oder auch die Ukraine. Wir Bürger waren dagegen machtlos. Nun hatte es zwei weitere Opfer in Toronto erwischt.

Das Gesicht des toten Mädchens, das ich vorhin gesehen hatte, schwebte vor meinen Augen. Ich konnte sie nicht aus meinem Gedächtnis verbannen. Sie war wie eingemeißelt.

So schnell es ging, fuhr ich in Richtung Wibaux. Jetzt wollte ich nur noch nach Hause und in mein Zimmer. Zurück in die Normalität. Solange es noch ging.

Wahrscheinlich machte ich mir unbewusst Sorgen, da die Tat in Toronto begangen worden war. Ich würde dort bald in der Nähe sein und befürchtete im Hinterkopf, dass der Täter mir über den Weg lief. Ich schauderte.

Woher sollte man wissen, ob jemand ein Mörder sei oder gar Serienkiller? Manche sahen ganz normal aus. Sie verliehen keinen unheimlichen Eindruck. Höchstwahrscheinlich dachten es die Opfer auch. Vermutlich waren sie auch so dumm wie ich und sind nachts an Orten gewesen, an denen sie nicht sein sollten. Ganz allein.

Die ganze Rückfahrt über spekulierte ich über Mörder und Killer und kam zu dem Entschluss, in Zukunft solche Situationen zu meiden.

Die Scheinwerfer meines Wagens beleuchteten das Stadtschild von Wibaux. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Ich war endlich angekommen und in Sicherheit. ..

Die Rückfahrt kam mir viel länger vor als die Hinfahrt. Langsam ließ mein Fuß das Gaspedal los. Jetzt konnte ich entspannen, denn das Schlimmste war hinter mir. Wie gewöhnlich waren die Straßen nachts leer, als ob die ganze Bevölkerung ausgerottet worden wäre. Doch das war normal für Wibaux.

Erleichternde Heimkehr

Unser Haus kam zum Vorschein. Das kleine weiße Häuschen links am Ende der Straße. Es war schon etwas renovierungsbedürftig, aber meine Eltern hielten es noch für akzeptabel. „Ein paar Jahre halten wir noch so aus“ antwortete immer mein Vater auf meine erfolglosen Überredungsversuche, das Haus endlich zu streichen.

Ich bog links in die Auffahrt ein und ließ den Motor laufen, während ich kurz nach Luft schnappte, um die Aufregung abzuschütteln. Dann drehte ich den Zündschlüssel um und der Motor erstarb für diesen Tag.

Mein Kram, der normalerweise in meiner Handtasche verstaut war, lag nun verstreut auf dem Beifahrersitz. Als ich nach meinem Handy und Geld für Benzin suchte, hatte ich während der Fahrt in meiner Tasche rumgewühlt.

Schnell sammelte ich das Zeug auf, packte es in meine weiße Ledertasche, zog den Reißverschluss zu und danach den Schlüssel aus dem Zündloch, warf mir die Tasche über die Schulter, stieg hinaus und knallte die Tür hinter mir zu.

Obwohl mein Auto schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, hatte es trotzdem eine Zentralverriegelung. Ich betätigte den Knopf dafür und schloss damit meinen treuen Freund ab.

Auf dem Weg zur Haustür schlenderte ich über die Wiese und hielt den Hausschlüssel bereit.

Während ich die Treppen hochstieg, dachte ich über die heutigen Ereignisse nach. Ich hatte die Beziehung mit Tony beendet und reagierte mich auf einer Fahrt in die Rocky Mountains ab, wobei der Ausflug eine überraschende Wendung nahm. Jetzt musste ich an die Mordfälle in Toronto nachdenken. Wieso musste es unbedingt dort passieren? War das ein Zeichen? Sollte ich doch lieber hier bleiben, bevor noch irgendwas passierte oder der Mörder mir oder Munirah auflauerte? Oder waren es nur stumpfsinnige Gedanken? War man überhaupt auf der Welt irgendwo sicher? Falls mein Schicksal es mir vorschrieb, würde ich es nicht verhindern können. Aber das Schicksal sollte man auch nicht herausfordern.

Ging alles zu schnell?

Ich hoffte, meine Eltern hatten die Nachrichten heute Abend nicht verfolgt, denn dann müsste ich noch ihre Sorgen ertragen. Natürlich würden sie viele schlaflose Nächte haben, zumindest bis eine Weile verstrichen war und die Lage sich beruhigt hatte. Sie machten sich ohnehin viele Sorgen und jetzt musste auch das noch zwei Tage vor meiner Abfahrt geschehen. Sie sollten ihre Zeit genießen und sie nicht mit Sorgen um mich verbringen müssen.

Ich würde ihnen versichern, dass ich auf mich aufpassen würde, aber das würde ihnen nicht genügen.

Das kleine Töchterchen Emily ging ganz allein in die Welt hinaus. Von ihren Augen konnte ich ablesen, dass es alles für sie viel zu schnell ging. Gerade war ich noch ein Kind und jetzt bereits eine erwachsene Frau.

Ich kam im Flur vor dem Schlafzimmer meiner Eltern an und sah, dass sie vorgaben, zu schlafen. Die Nachtleuchte war noch an. Meinem Vater rutschte die runde Brille von dem Nasenbein zur Nasenspitze und ein Buch lag aufgeschlagen auf seiner Brust. Er gab ein imitiertes Schnarchen von sich. Meine Mutter lag mit ihren offenen Haaren an seiner Rechten und umklammerte ihren Mann mit ihrem unbedeckten Arm. Sie hatten es wirklich glaubhaft inszeniert.

Ich ließ mir nichts anmerken und ging weiter, den mintgrün gestrichenen Flur entlang, in mein Zimmer. Zum Packen hatte ich heute keine Lust mehr. Dazu war ich viel zu müde.

Ich hatte ein eigenes Badezimmer. Meine Mutter hatte darauf bestanden, weil ich immer morgens das gemeinsame Bad blockierte.

Der Traum

Die Tür befand sich neben meinem Schrank. Ich ging in mein kleines, eingebautes weißes Bad, nahm meinen Pyjama, was auf dem Wäschekorb zusammengefaltet lag, zog mich um, wusch mir das Gesicht und putzte die Zähne. Nachdem ich fertig war, schaute ich mich im Spiegel an und musste feststellen, dass ich ziemlich erschöpft aussah. Heute blieb wohl die Abendlektüre aus. Wahrscheinlich würde ich dabei das Bild meines Vaters abgeben, nur dass ich tatsächlich schlafen würde. Also knipste ich das Licht aus, begab mich in mein Bett und kuschelte mich in die Decke. Ein paar Minuten später war ich schon eingedöst.

Ich träumte davon, wie ich die Sachen nach Richmond Hill transportierte. Zehn voll gepackte Koffer mit allem möglichen Zeugs schob ich mühsam aneinandergebunden am Flughafen vor mich hin. Munirah tänzelte mit zwei kleinen Koffern leichthin an mir vorbei zum Schalter, an dem wir unsere Flugtickets abholten. Sie war so bescheiden. Das liebte ich an ihr.

Ihre dunklen Locken waren zu einem lockeren Zopf zusammengebunden. Sie schaute mich an und schüttelte den Kopf. Konnte ich denn was dafür, dass ich mich von meinen schönsten Kleidern nicht verabschieden konnte? Dabei hatte ich mir die Mühe gemacht, möglichst wenige mitzunehmen.

Sie nahm unsere Tickets und tänzelte weiter zum Einchecken. Die Stewardess nahm ihr die zwei Koffer ab und scannte diese ein. Nun war ich an der Reihe. Die Flugbegleiterin schaute mich missbilligend an und machte sich an die Arbeit.

Weitere Folgen von Emily Moon und Munirah Gholam

Dieser Beitrag erschien auch bei tatjana-rogalski.de

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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