Eine muslimische Weihnachtsgeschichte

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Bildquelle: A Gude | CC BY-SA 2.0 | Quran manuscript 12th centry

Es kam eines Tages ein Mädchen zu uns.

Eines Tages ein Mädchen.

16 Jahre alt, ein großes Mädchen, eine junge Frau kam in unsere konservative Straße, die Sitten, Gebräuche und Traditionen achteten.

In der blütenden Jahreszeit ihres Lebens, in einer Ära ihres Lebens, wo sie weder einen Herbst noch ein fallendes Blatt vom Frühlingsbaum sah, kam sie an mit einem Baby in ihren Armen, welches jedes Sonnenlicht in seinen Schatten stellen konnte.
So süß, dass es sogar den größten Tyrannen zum Lächeln bringen könnte.
Wie ein ängstliches Reh, wie eine große Schwester, die die Schuld ihrer kleinen Schwester übernommen hat, kam sie mit langsamen Schritten, mit einem Blick unter der Dominanz der Erdanziehungskraft nach unten gesenkt, am Straßenanfang an.

Es war aus ihrer Mimik eine Scham zu lesen. Die Scham eines Mädchens, welches ohne Erlaubnis seiner Eltern zu seinem Geliebten flüchtete, jedoch wegen Schlägen, Unterdrückungen zurück ins Elternhaus zurückkehrte.

Sie kam am Tage der Kirmes vor die Tore unserer Moschee.
Sie kam, um unser Essen, unser Trinken, unser Rauchen in unserem Magen zu verderben. Sie kam, um all unsere Werte, Sitten, Tabus von Grund auf umzuwälzen.

Die erste Frage war schon parat in all den Köpfen:

„Von wem hat dieses junge Mädchen diesen Bastard gezeugt?“

Wie ein erster Regentropfen berührte diese Frage unsere Gehirne, wie der Apfel Newtons fiel die Frage auf unsere Köpfe.

Die Frauen, die sich jeden Freitag unter sich versammelten mit dem Vorwand, die Sure Yasin zu rezitieren, jedoch die Zeit danach dazu nutzten, ihre Aufgabe der üblen Nachrede über abwesende Kandidaten zu erfüllen, zeigten ihre Ablehnung mit einem symbolischen Spucken auf das junge Mädchen.

Die Männer, die am Wochenende ihre Frauen mit bulgarischen, rumänischen, russischen Frauen betrogen, zogen so abartig an ihren Zigaretten, dass der ehrlichste Mensch vor ihnen sich fühlte wie Pharao, der beim Ertrinken ist, weil er das Rote Meer unterschätzt hatte.

Der Lebensmittelhändler wackelte traumatisch mit dem Kopf, der ansonsten seinen Kunden verfaulten Käse, stinkende Oliven verkaufte.

Wessen Kind?

Die ersten Worte kamen aus dem Munde des großen Bruders unserer Community:

„Was ist das, meine Tochter, wem gehört das Kind?“

Schweigen.

Man hörte nur das schnelle Ein- und Ausatmen des jungen Mädchens. Wenn sich jemand in ihre Nähe getraut hätte, würde er auf jeden Fall auch ihr Herz mit bloßem Ohr pumpen hören. Die Angst war in ihrem Hals zusammengeknotet, all ihre gesammelten Träume flogen wie ein schneller Adler in andere Länder und Welten.

Sie entscheidete sich für das Schweigen.

Doch sie hörten.
Sie hörten, was sie hören wollten, denn Schweigen bedeutete Eingestehen. Die Menschen, die zur jeden Katastrophe in ihrer Seele in Feststimmung, in ihrer Mimik mit Krokodilstränen rannten, hörten auch dies.

Ein Geständnis, worüber man am nächsten Freitag mit den Frauen nach dem Koranlesen diskutieren konnte. Ein Skandal, welches man im türkischen Cafe in Abwesenheit des Vaters der unglücklichen, jungen Frau kritisieren konnte. Eine interessante Geschichte, die der Friseur seinen Kunden bei der Rasur erzählen konnte.

Eine „Wir-hatten-es-schon-geahnt“-Luft übernahm die Atmosphäre bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Eine „Wir-wussten-dass-das-Mädchen-nicht-in-Ordnung-ist“- Luft wurde von den Menschen ein und-ausgeatmet.

Als diese Luft ihre Flagge vor uns gehisst hatte, kam die zweite Frage:

„Wer ist der Vater dieses Bastardes?“

Die Frage wurde wieder vom großen Bruder der Community gestellt.

Unerhörte Taten saugen einem das letzte Tröpfchen Luft weg

Das Mädchen hörte dann auch auf, schnell zu atmen. Ihre Lungen bekamen womöglich keinen Sauerstoff. Ihr Herz schlug auch nicht mehr, ihre Haare wurden auch weiß wie das Kind am jüngsten Tag.

„Du hast etwas Unerhörtes getan!“, konnte man aus den hinteren Reihen hören. „Dein Vater war kein schlechter Mann, deine Mutter war keine Frau ohne Keuschheit.“, sagte der Besitzer des türkischen Cafes, der immer mal seinen Kunden mehr Rechnung stellte als sie tranken.

Das schweigende Mädchen war in einem Redefasten. Kein Laut, keine Antwort, kein Satz, kein Wort, kein Buchstabe kam aus ihrem Munde.
Als sie versuchte, das Kind in der Wiege den Menschen zu zeigen, damit es mit den Menschen dort spricht, ließen sie es nicht zu.

Diesmal ließen sie es nicht zu.
Sie befiehlen dem Mädchen, den Ort ihrer Werte, Normen und Tabus zu verlassen mit ihrem unehelichem Kind.

Und Maria ging mit dem Baby in ihrem Arm in Richtung des Dattelbaumes.
„Egal Mutter, Gott genügt uns, er ist der beste Vertrauenshelfer.“, sagte Jesus tröstend zu seiner Mutter.

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Jahrgang 1987, Student der Soziologie und der islamischen Religionswissenschaft.

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