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Ich würde gerne eine typische Konvertitengeschichte erzählen. Wie ich dazu kam, warum ich die Wahrheit gesehen und angenommen hätte und der ganze andere Kram, den man bei Personen wie Fatima Grimm, Muhammad Asad oder Murad Wilfried Hoffmann liest. Angeblich soll John Lennon einmal gesagt haben, das Leben sei das, was passiere, während man es plant. Ich bin gut im Phrasendreschen, aber dieses Mal ist der Satz wirklich treffend und auf den Punkt gebracht.

Seit nun gut sechs Jahren bin ich Konvertit und habe das eine oder andere durch. Man könnte es vielleicht wie eine Art Hassliebe bezeichnen. Islam und ich können nicht mit aber auch nicht ohne einander, was komisch klingt in Anbetracht der Tatsache, dass Islam eigentlich nur eine fiktive Idee ist. Aber da genau beginnt die Frage: Was ist eigentlich Islam, was ist er nicht. Wo beginnt er und wo hört er auf, und wer darf nun eigentlich ein Muslim sein?

Mann gegen Mann

Nach all der Zeit, unzählbaren Gesprächen, Gedankengängen und Diskussionen mit mir selbst und anderen, habe ich heute eine ganz andere Idee als noch zu Beginn meiner Zeit als Neuling. Damals war alles relativ klar: Gut vs. Schlecht, Haram vs. Halal, Gott mit mir gegen den Rest der Welt. Blöd nur, wenn die eigene geliebte Familie, in meinem Fall mein Vater, da so gar nicht ins Bild passt. Der ist deutsch, trinkt gerne Wein, isst ab und zu Schwein und ist eher eine Art agnostischer Forscher, wenn er Zeit hat. Achja, und er ist mit einem Mann verheiratet.

Dieses Dilemma bereitete mir als neuem Muslim Kopfschmerzen, obwohl es zuvor für mich eine ganz normale Sache war. In der Grundschule sagte mir mein Vater, er wäre homosexuell. Meine schlichte Antwort: Okay, was ist das? Er: Das bedeutet, dass ein Mann sich nicht in Frauen verliebt, sondern in Männer. Und ich wieder: auch kein Problem.

Ich habe nie wirklich verstanden, was Heteros gegen Homos haben. Sie sind immerhin die einzigen Menschen, bei denen sie keine Angst haben müssen, dass ihnen die Freundin oder der Freund ausgespannt wird. Ja, es könnte so einfach sein, wäre da nicht die abstruse Idee, man suche sich aus, was man für Menschen begehrt.

An dieser Stelle sei ganz klar gesagt, dass es hier nicht um eine Art Ersatzventil geht, wie die Beziehungen unter Häftlingen oder jungen Arabern, die ihre ersten sexuellen Erfahrungen notgedrungen mit Freunden des gleichen Geschlechts erleben. Würde man meinen Vater in einen Paradiesgarten mit 50 Huris, also den Paradiesjungfrauen, setzen, so würde er wahrscheinlich durchdrehen. Man stelle sich nur mal vor, als heterosexueller Mann im Paradies mit 77 jungfräulichen Männern in einen Garten Eden gesetzt zu werden, die alle auf einen scharf sind. Keine besonders attraktive Idee für die Meisten.

„Ich würde es mit dem kategorischen Imperativ begründen“

Warum hatte dieser Punkt nun so einen gewaltigen Einfluss auf meine Sinnsuche im Islam? Ganz einfach: Weil kein Mensch, egal wie gebildet, auch nur im Ansatz eine sinnvolle Erklärung für Lot und das ganze drum herum hatte. Einmal erzählte mir ein Jurist, mittlerweile schon auf der akademischen Karriereleiter hinaufgeklettert und Dozent für Islamisches Recht, man müsse das mit dem kategorischen Imperativ sehen, also wenn alle so handeln würde, dass es schlecht für die Gesamtgesellschaft wäre. Es gäbe also laut ihm keine Kinder mehr, wenn eine Gesellschaft nur aus Schwulen und Lesben bestünde.

Entweder war der werte Herr selber nicht ganz von seiner eigenen Heterosexualität überzeugt oder er verstand und versteht nicht, dass so etwas nie freiwillig passiert. Egal wie sehr man sich auch wünscht „normal“ zu sein, wer gleichgeschlechtliche Partner liebt, wird das ewig tun, bis er stirbt. Es ist eher traurig, dass wir im 21. Jahrhundert immer noch darüber urteilen müssen, wer mit wem schläft und wer wen in der Öffentlichkeit küsst. Und wer als heterosexueller Muslim meint, er lebe seine Sexualität privat, den möchte man doch direkt an seine eigene Hochzeit erinnern, das große feierliche Bekunden der Botschaft: „Ja, wir beide schlafen ab heute Nacht miteinander.“

Wer meint, dass Sexualität im Islam doch nur eine untergeordnete Rolle spiele, der irrt gewaltig. So predigt beispielsweise der Wiener Imam und Starprediger Dr. Adnan Ibrahim in einer seiner „beliebtesten“ Predigten auf Youtube, dass das Berühren, Betasten mit der Hand, Küssen und Riechen aneinander Unzucht wäre. Der Islam, egal in welcher Auslegung, kontrolliert unsere Sexualität bis ins kleinste Detail.

Das ist nachvollziehbar für eine Zeit ohne Verhütungsmittel, aber wirkt heute einfach nur noch lächerlich. Besonders wenn junge Männer und Frauen ihren Trieben einmal restlos erliegen, ein Kind ungewollt in die Welt setzen und dann plötzlich tief gläubige, fromme Menschen werden – meistens jedoch nur einer von beiden – die dann in dem eigenen Fehler eine weltweite Epidemie sehen, anstatt die eigene Verantwortung zu beleuchten, die man hat, wenn man sich auf diese Art und Weise vergnügt. Sex war und ist Verantwortung, ob mit oder ohne heilige Schrift.

Gottes Gnade hat ihre „Grenzen“

Zu Beginn habe ich noch lange weiter diskutiert, mit Bekannten, Freunden und auch vielen Idioten. Irgendwann habe ich es sein gelassen und für mich beschlossen, es einfach zu akzeptieren und dafür einzustehen, dass auch diese Art der Liebe normal sein kann und es auch ist. Sollte Gott allen Ernstes das Volk Lots mal eben im Handumdrehen ausgerottet haben, weil es mitunter Spaß an Sex hatte, dann wäre das einer von vielen „göttlichen“ Genoziden, wobei es doch weniger die Frage ist, was sie so Schlimmes taten, als eher, warum Gott immer wieder die Leute von der Erde treibt, die er selber dort hingesetzt hat.

Denn eines sei doch mal an dieser Stelle klar gesagt: Gott ist der Erschaffer alles Guten UND alles Bösen in dieser Welt. Er erschuf den Teufel, und da nur Er die Macht über alles hat, erschuf Er Schmerzen, Leid, Vergewaltigungen, Genozide, Morde, eben alles was man sich so vorstellen kann als Krimiautor. Warum also viele Muslime ihren Glauben konservieren und nicht mehr hinterfragen, das verstehe ich beim besten Willen nicht mehr…

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About Author

Wittner ist seit 2011 Student der Arabistik und Medienwissenschaft. Sein Fokus liegt dabei auf Rezeption und Wirkung mediale vermittleter Inhalte. Mitunter veröffentlichte die Islamische Zeitungen einige seiner Beiträge.

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