Einigkeit und Recht und Freiheit

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Bildquelle: Peter Potrowl | CC-BY-SA-3.0 | Die Sehitlik-Moschee via Wikimedia Commons

Passt der Islam zu Deutschland?

Zu Tränen gerührt war ich, als ich aus Berlin die Übertragung der Mahnwache zum Gedenken der Opfer des Pariser Terroranschlags verfolgte. Zum einen, weil ich ein wenig stolz darauf bin, dass der Zentralrat der Muslime das Event zusammengestellt hat. Ich finde es toll, dass die Leute, die uns Muslime hier in Deutschland vertreten, selbst die Initiative ergriffen haben. um ein klares Zeichen zu setzen: Wir wollen mit den Terroristen nichts zu tun haben. Zum anderen war ich gerührt, dass sich aus der Politik und aus den verschiedenen Glaubensgemeinden so viele solidarisch hinzugesellt hatten. Die Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ war Balsam für meine Seele. Nicht weil ich mir eine „Islamisierung des Abendlands“ wünsche, was auch immer das heißen mag, sondern weil es mir das Gefühl vermittelt, hier dazugehören zu dürfen. Und das ist schön. Denn gerade wenn Deutschland sich offenherzig, tolerant und solidarisch zeigt, bin ich stolz, Deutsche zu sein.

Dennoch lässt mich die Frage nicht mehr los, die doch so vielen auf der Seele liegt. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung meinen 61% der Deutschen, dass der Islam eher nicht kompatible mit so genannten „westlichen Werten“ ist. Auch manche Muslime hier betrachten ab und an „den Westen und seine Werte“ eher kritisch. Fragt man sie aber, warum sie das meinen, sind es nicht etwa Meinungsfreiheit, Demokratie oder Menschenrechte, die kritisch betrachtet werden, sondern die sexuelle Freizügigkeit in den Medien oder der manchmal eher hohe Alkoholkonsum. Nun ja. Man muss ja nicht immer alles toll finden. Aber reicht diese Kritik, um den Islam an sich komplett als inkompatible abzustempeln? Wie sieht es aus mit den Werten, die wirklich wichtig sind? Wie steht der Islam zur Meinungsfreiheit? Zur Religionsfreiheit? Zur Demokratie und zu Menschenrechten?

Der Prophet handelte genau entgegengesetzt zu ISIS

Als der Prophet Mohammed nach jahrelangem Exil aus Mekka die Heilige Stadt eroberte, hatte er eine Entscheidung zu treffen. Die Machthaber der Stadt waren umzingelt. Widerstand wäre Zwecklos gewesen. Und viele, gerade unter den Muslimen, erwarteten Vergeltung. Sie hatten schwer gelitten unter der Herrschaft von Mekka. Wurden systematisch verfolgt, gefoltert und getötet. In der kriegerischen Welt der damaligen Zeit lag es auf der Hand, dass nun ein Massaker folgen würde.

„Was soll ich mit euch machen?“,

fragte der Prophet die Herrscher von Mekka.

Und weil sie wussten, dass sie selbst Schreckliches getan hatten sagten sie:

„Wir können nur auf Barmherzigkeit hoffen.“

Keiner hätte damals den Muslimen übel genommen, wenn sie Rache ausgeübt hätten. Doch der Prophet traf eine andere Endscheidung: Vergebung. Und an jenem Tag verkündete er sein nun geltendes Recht für Mekka: Ein jeder soll glauben dürfen, was er will, solange er es niemanden aufzwingt. Wie ein roter Faden zieht sich dies durch die Islamische Glaubensphilosophie. Man kann und darf einem Menschen seinen Glauben nicht aufzwingen. Aber wurde der Islam nicht mit dem Schwert verbreitet?

Tatsächlich bauten die Muslime damals ein massives Imperium auf. Das war damals auch notwendig, denn zwischen den verbleibenden römischen Reich, den Byzantinern, dem persischen Reich, und der damals noch mächtigen Jemenitischen Dynastie wäre ein kleines Muslimisches Land in Kürze zu Schutt und Asche geworden. Neue Religionen waren nicht gern gesehen, und diese hier positionierte sich ausgerechnet auf der heiß begehrten Handelsstraße zwischen Osten und Westen. Ohne eine große Präsenz hätten die Muslime nicht lange überlebt. Mit der Verbreitung ihres Glaubens hatte das aber wenig zu tun. Das „Zwangskonvertieren“ das sich viele heute vorstellen, und das manche Terroristen heute praktizieren, war damals streng verboten. Andersgläubige zahlten eine Steuer. Diese war aber nicht als „Strafe“ gedacht, sondern dafür, dass ihre muslimischen Mitbürger, die ja aus religiösen Gründen eine Vermögensteuer zahlen mussten, sich nicht benachteiligt sahen. Denn die Sozialleistungen des damaligen Kalifats galten für alle Bürger. Sozialleistungen? Mehr dazu später.

Islamisches und heutiges Kriegsrecht im Wesentlichen deckungsgleich

Für die Islamische Armee galten strenge Kriegsregeln: Es durften keine Zivilisten und keine Geistlichen getötet werden. Auch Tiere durften nur für den Eigengebrauch geschlachtet, aber nicht sinnlos abgeschlachtet werden, eine Kriegstaktik, die damals weit verbreitet war. Es durften keine Bäume gefällt oder verbrannt und keine Brunnen zugeschüttet werden. Kriegsgefangene mussten mit Würde behandelt und durften nur so lange festgehalten werden, wie sie eine Bedrohung darstellten. Städte, die es galt, zu erobern, mussten drei Tage vorher informiert und über ihre Rechte aufgeklärt werden. Familienbesitz durfte nicht enteignet werden. Kirchen und Synagogen durften nicht beschädigt werden und mussten ihren Glaubensanhängern weiterhin zur Verfügung stehen. Natürlich gab es dennoch blutige Schlachten, und mit Sicherheit gab es auch Beispiele, in denen sich nicht alle an die Regeln hielten. In zumindest einem dokumentierten Beispiel wurde damals ein Kommandant aufgefordert, mit seiner Truppe umgehend die neu besetzte Stadt wieder zu verlassen, weil er sich nicht an die Regel der Drei-Tages-Warnung gehalten hatte. Dass Regeln manchmal missachtet werden, ist heute auch im westlichen Militär auch nicht anders. Immerhin ist auch in unserem heutigen Kriegsrecht verboten, die Zivilbevölkerung zu misshandeln oder gar anzugreifen. Höre ich da ein „Abu Ghuraib“ oder das Brummen einer Drohne? Das Islamische Kriegsrecht entspricht eigentlich den Regeln der Genfer Konvention. Zumindest hier passen die westlichen Werte der heutigen Zeit besser zum Islam als die wahnsinnigen Machenschaften der Terrororganisationen. Nahezu alle Terroranschläge waren bislang eine einzige Reihe von Missachtungen des Islamischen Kriegsrechts.

Spanische Historiker konnten in Bezug auf die islamische Besatzung Spaniens keine Hinweise auf Zwangskonvertierungen finden. Trotzdem konvertierten die Spanier damals in Massen. Das lag, so vermutet man heute, an der neuen Rechtslage des Landes, die sich besonders für die einfache Bevölkerung bezahlt machte. Die Bauern, die bis dahin nur für einen Hungerlohn die Ländereien der adligen Oberschicht bestellen durften, bekamen erstmals eigenes Land zugeschrieben, welches sie für sich selbst bestellen durften. Sie zahlten eine Steuer auf den Ertrag. Auch stand ihnen erstmals offiziell medizinische Versorgung zu, und sie durften erstmals Lesen und Schreiben lernen – Fertigkeiten, die sich anzueignen bis dahin für das einfache Volk verboten war.

„Scharia“ heißt nur „Gesetz“ – dieses richtet sich nach dem Aufenthaltsort

So kommen wir zurück auf die Sozialleistungen des frühislamischen Staats. Die Islamische Vermögensteuer (auf Arabisch „Zakah“) war ausschließlich dazu bestimmt, gegen Armut vorzugehen und der breiten Bevölkerung ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Der Staat übernahm die Verantwortung für Recht und Ordnung, aber auch dafür, dass gerade die Schwachen versorgt wurden. Es gab Sozialgeld für Arbeitslose und eine Art Rente für sozialschwache Senioren. Es gab Initiativen zur Alphabetisierung der Bevölkerung und staatliche Krankenhäuser. Später gab es auch die ersten Universitäten, in denen nicht nur männliche, sondern auch weibliche Wissenschaftler ihre Beiträge zu einer besseren Gesellschaft leisteten. Im Grunde genommen haben wir heute in Deutschland ein ähnliches Sozialsystem wie damals das Islamische Reich. Jeder hat ein Recht auf Bildung, Würde und medizinische Versorgung. Und wenn es jemandem schlecht geht, greifen wir ihm gemeinsam unter die Arme.

Und wie sieht es mit den Menschenrechten aus? Was ist mit der Scharia? Das, was heute unter den Namen „Scharia“ läuft, ist von Land zu Land unterschiedlich. Das liegt vor allem daran, dass es kein offizielles Islamisches Gesetzbuch gibt. Der Koran selbst enthält keine Paragraphen und Listen von Straftaten und wie diese zu bestrafen sind. Das Gesetz ist also in jedem Fall Sache der Auslegung des jeweiligen Staates. Und diese ist meist von der Kultur des Landes geprägt, und lehnt sich an alte Texte an, die das Rechtsverständnis der Vergangenheit darlegen. Das alte Rechtsverständnis basierte wiederum auf die gängigen Praxen der damaligen Zeit. Würde ich im Mittelalter einem Straftäter mit „fünf Monate Haft auf Bewährung“ kommen, so würde dieser mich auslachen. Aber die Zeiten haben sich geändert, und somit auch die zu unserer Zeit passenden Gesetze. Der Koran bietet Ansätze über die jeweiligen Rechte der Bevölkerung, aber ihn der Situation endsprechend anzuwenden ist Aufgabe der Gelehrten der jeweiligen Zeit. Selbst das Wort „Scharia“ selbst bedeutet nichts anderes als „Gesetz“. Somit hält sich auch Deutschland an seine „Scharia“, also an das hier geltende Gesetz, und an dieses müssen sich natürlich auch alle deutschen Muslime halten.

Deutschland setzt islamische Werte vielfach besser um als islamische Länder

Das deutsche Gesetz ist im Übrigen nicht so unislamisch, wie manch einer glauben mag. Zum Beispiel dürfen Mädchen nicht zwangsverheiratet werden, man darf sich nicht in die Privatsphäre anderer einmischen und Tierquälerei ist ein Unding. Umweltschutz hingegen ist eine Verpflichtung, denn Allah hat uns die Erde nicht geschenkt. Sie ist uns anvertraut. Wenn man von Alkohol, Schweinebraten und Bikini-Medien mal absieht, ist Deutschland islamischer als die meisten „Islamischen“ Länder.

Ja, aber dann wäre da noch die Demokratie. In politischen Fragen ließ der Prophet über Entscheidungen meist abstimmen. Es gibt genug Beispiele, in denen sich die Bevölkerung aktiv beteiligte. Die ersten Kalifen wurden „demokratisch“ gewählt. Das, was heute die Parteien sind, waren damals die Stammesältesten der jeweils vertretenen Stämme. Es war vielleicht nicht genau dasselbe System wie heute, aber das Staatsoberhaupt wurde gewählt. Und die Bevölkerung durfte Kritik üben und konstruktiv mitwirken. Demokratie ist nicht unislamisch. Sie ist fair. Und sie spiegelt ein System wider, das die meisten Muslime sich auch heute für ihre ehemaligen Heimatländer wünschen.

Für mich steht fest, dass die angeblich „westlichen“ Werte, die dieses Land so positiv prägen, mit meinen Glauben nicht nur kompatibel sind, sondern diesen sogar reflektieren. Natürlich ist nicht alles perfekt. Aber welches Land ist schon perfekt? Wichtig ist doch, dass wir gemeinsam daran arbeiten das es immer besser wird. Für alle, die hier leben, in Einigkeit, und Recht, und Freiheit.

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About Author

wurde 1978 als Mischlingskind einer deutschen Mutter und eines arabischen Vaters geboren. So lernte sie schon früh den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Sie studierte Anglistik und Sprachwissenschaft und ist ausgebildete English-Lehrerin. In Dubai arbeitete sie als freiberufliche Journalistin und Drehbuchautorin. Heute ist sie Mutter, und schreibt ehrenamtlich für die deutschmuslimische Bildungsplattform, Grünebanane.de. Außerdem wirkte sie als Radiojournalistin für die Integrationskampagne „Perspektive Ausbildung“ mit, und unterrichtet einen Islamkurs für Nichtmuslime, dessen Ziel es ist Brücken zwischen den Kulturen zu bauen.

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