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Herr Prof. Dr. med. Joachim Gardemann M.san. im Flüchtlingslager Al Azraq (Copyright by Joachim Gardemann)

Im Februar diesen Jahres nahm ich an der Veranstaltung „Speisen für Waisen“ von Islamic Relief in Münster teil. Dort lernte ich Herrn Prof. Dr. med. Joachim Gardemann M.san. kennen. Ein Mann, der sich seit „zwei Jahrzehnten“ für das Deutsche Rote Kreuz in Krisengebieten engagiert. Während der Präsentation in Münster fand ich es besonders schön, wie er das Logo vom internationalen Roten Kreuz darstellte, nämlich, dass das Kreuz und der Halbmond auf dem Logo nebeneinander zu sehen sind. Ein Zeichen des Zusammenhalts! Im Vortrag an dem genannten Tag hat es mein Interesse mit diesem Mann zu sprechen nur gereizt und nicht vollständig befriedigt. Ich wollte mehr wissen und hören, und das auch aus dem Grund, damit wir uns ein wenig in die Lage der Menschen in Krisengebieten hineinversetzen können, damit wir sehen was wir selbst haben und das Gefühl für das Helfen mehr verinnerlichen können. Vielleicht könnt Ihr ja auch genauso fühlen wie ich, als ich diese Zeilen las…

Als Sie mit vor Ort in Syrien waren, haben Sie Flüchtlinge medizinisch behandelt. Wie war das für Sie auf der emotionalen Ebene?

Im Juni und Juli 2014 habe ich als Kinderarzt im Hospital des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes im jordanischen Flüchtlingslager Al Azraq nahe der Grenze zu Syrien gearbeitet. Seit 20 Jahren bin ich mittlerweile in Flüchtlingslagern bei Naturkatastrophen und Kriegen tätig, aber die Erfahrung hat mich nicht unempfindlicher gemacht. Das Leid eines jeden einzelnen Menschen berührt mich immer sehr.

Hat es lange gedauert bis Sie sich psychisch erholt haben?

Mittlerweile habe ich ganz gut gelernt, zwischen den Auslandseinsätzen und meinem normalen Leben hier in Deutschland umzuschalten. Ich hatte ja auch gar nicht so viel Zeit, denn von Oktober bis Dezember 2014 war ich schon wieder unterwegs, diesmal in Kenema in Sierra Leone als Leiter einer Ebola—Klinik.

Welche Art Menschen konnten Sie dort kennenlernen?

In Al Azraq habe ich sehr viele Menschen aus Jordanien und Syrien kennen gelernt, entweder als Kolleginnen / Kollegen oder als Bewohner des Lagers oder als Patienten unseres Hospitals dort.

Fanden Sie, dass die Menschen dort glücklicher sein können, evtl. mehr lächelten als die Menschen in Deutschland?

Ich bin jedes Mal beeindruckt von der Freundlichkeit und sogar Fröhlichkeit der Menschen trotz ihrer schweren Notlagen, besonders ist mir das auch wieder zuletzt während meiner Arbeit in Sierra Leone aufgefallen, wo die Menschen trotz tausendfacher Ebolafälle ihre Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit nicht eingebüßt hatten.

Wie empfinden Sie selbst, wenn Sie unsere Gesellschaft vergleichen (auf der emotionalen Ebene)?

Bei all unserem materiellen Wohlstand hier fällt mir immer wieder die emotionale Armut der Menschen auf, die in ihren Tragetaschen zwar unglaublichen Reichtum nach Hause tragen, dabei aber ein Gesicht machen, als seien sie die bedauernswertesten Kreaturen auf der Erde.

Sie strahlen so viel Liebe aus, haben Sie es oft im Alltag mit kaltherzigen Menschen zu tun bzw. empfinden Sie es so?

Ich empfinde Mitleid mit den Menschen, denen der Lack ihres Autos wichtiger ist als ihre Mitmenschen. Ein Auto kann man nicht umarmen, ein Auto wird einem in der Not keinen Zuspruch geben können.

Haben Sie hier in Deutschland auch Kontakt zu Flüchtlingen? Wenn ja, auf welche Art und Weise?

Seit meiner Tätigkeit als Kinderarzt bei der Stadt Münster zwischen 1989 und 1997 kenne ich viele Einrichtungen und Organisationen der Flüchtlingshilfe in Münster und halte den Kontakt mit ihnen. Meine Arbeit als Kinderarzt für Flüchtlinge in Münster hat mich damals erst zur internationalen Flüchtlingshilfe gebracht.

Was sagen Sie der Flüchtlingskatastrophe? Was sagen Sie zu der Flüchtlingspolitik in Deutschland?

Neben der Menschlichkeit ist die Unparteilichkeit der wichtigste humanitäre Grundsatz. Demzufolge haben wir allen Mitmenschen in Not immer und bedingungslos zu helfen ohne zu fragen, wie sie in die Notlage geraten sind. Wir haben also die Verpflichtung und natürlich auch die Möglichkeit, den Menschen Hilfe zu gewähren. Mindestens ein Zehntel der Menschen in Jordanien sind offiziell registrierte Flüchtlinge, wahrscheinlich ist die Zahl erheblich größer. Auf Deutschland übertragen wäre das eine Flüchtlingszahl von über 8 Millionen, die wir aufnehmen könnten, wenn wir so viel wie Jordanien leisten würden!

Sehen Sie Deutschland als mitschuldig an der Lage der jeweiligen Länder, die davon betroffen sind?

Vor, während und nach meinen Auslandseinsätzen befasse ich mich immer sehr intensiv mit den historischen und politischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Notsituationen. In Jordanien habe ich gelernt, dass im Ersten Weltkrieg das Deutsche Reich mit Max von Oppenheim versucht hat, die islamische Welt gegen die Kolonialmächte England und Frankreich aufzuwiegeln, daher wird Max von Oppenheim dort heute noch als „Abu Dschihad“, als „Vater des Dschihad“ bezeichnet. Die Gegenreaktion der Engländer war die Entsendung von Lawrence (später „Lawrence von Arabien“), der die arabischen Stämme zum Aufstand gegen das Osmanische Reich ermuntert hat. Im Gegenzug wurde den arabischen Stämmen die politische Freiheit versprochen. Der Versailler Vertrag allerdings betrog die Araber, denn die Kolonialmächte teilten das osmanische Gebiet in Einzelstaaten auf, die bis heute Bestand haben. Die Konflikte im Nahen Osten sind bis heute geprägt von diesen historischen Ereignissen.

Was sagen Sie dazu, dass in den Medien propagiert wird, dass Deutschland Verantwortung für den Holocaust übernehmen müsse? Wird es in Ihren Augen nicht hochgepuscht, um vom aktuellen Leid abzulenken, auch das Leid der Palästinenser zum Beispiel? (Anmerkung: Ich möchte das historische Geschehen und die Grausamkeit nicht herunterspielen.)

Als Deutscher, der 1955 geboren wurde, trage ich zwar keine persönliche Schuld, aber ich habe immer eine ganz besondere persönliche Verantwortung, an das Geschehene zu erinnern und dafür zu sorgen, dass sich solche Schrecklichkeiten niemals wiederholen.

Was sagen Sie zum Feindbild Islam?

Judentum, Christentum und Islam entspringen einer gemeinsamen Wurzel, das habe ich in ganz vielen Gesprächen mit Priestern in Deutschland, mit Rabbis bei gemeinsamen Aktionen mit der israelischen Hilfsgesellschaft vom Roten Davidschild, mit Imamen in Jordanien und im Sudan und mit Mullahs im Iran gelernt. Wir sind Brüder und Schwestern.

Wie haben Sie die Muslime kennengelernt?

Als gastfreundlich und weltoffen.

Was sagen Sie zu dem Begriff „Integration in Deutschland“?

Wir haben ja erst vor gut zehn bis fünfzehn Jahren begonnen, uns als Einwanderungsland zu begreifen. Die Migration ist immer in der Geschichte der Menschheit eine große Chance und Bereicherung gewesen. Die Menschen haben sich immer nur dort weiterentwickelt, wo es Wanderungsbewegungen gab. In der Pädagogik weicht der Begriff der Integration ja zunehmend dem Begriff der Inklusion. Das heißt, zukünftig muss es ganz selbstverständlich sein, in einer Gesellschaft mit vielen verschiedenen Wurzeln gemeinsam zu leben. Das ist eine große Chance und es wird eine große Freude für alle sein.

Danke Herr Gardemann. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg!

Dieser Artikel erschien auch bei www.integrated-happiness.de

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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