Es rettet uns kein ferner Führer…

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Ähnlich wie auch Merve Gül bereits in ihrem letzten Artikel beschrieben hat, sind wir als Community in Deutschland selber schuld an den Missständen, die uns täglich plagen!

Sind WIR wirklich so dumm, nicht zu erkennen, dass es den Mördern Mundlos und Böhnhardt ziemlich egal war, ob ihre Opfer nun zur Cemaat-Gemeinde oder zu Milli Görüş gehörten!? Das es den Mördern Mundlos und Böhnhardt ziemlich egal war, ob es sich bei ihren Opfern um Kemalisten handelt oder Neo-Osmanen … sie wurden kaltblütig ermordet, EINZIG weil sie Türken/Türkischstämmige waren oder für welche gehalten wurden …

Es hätte JEDEN VON UNS treffen können!

Unsere Benachteiligung und die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem, wie auch auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, sind keine Verschwörungstheorien oder Gejammer, sondern empirisch belegbare Tatsachen.

Während andere nun versuchen, zu argumentieren, dass es unmöglich sei, eine Gemeinschaft zu bilden und man Wege zur Institutionalisierung von Konfliktlösungsmechanismen finden müsse, halte ich die Zementierung unserer Teilung für falsch.

Ja, es ist richtig, dass wir lernen müssen, miteinander zivilisiert zu streiten.

Ja, es ist sicherlich für viele wichtig, den Kontakt in die Türkei zu halten und seine Wurzel stets aufs Neue zu befeuchten, damit diese nicht trocknet. Dennoch…  Nein! Es ist falsch, an dem Ort, wo sich der Lebensmittelpunkt befindet, derart ignorant und geteilt zu agieren, dass wir am Ende als Community stets die Verlierer sind!

Hat sich mal jemand von den mit Herzblut für ihre jeweilige Gemeinschaft Kämpfenden mal gefragt, warum ihre eigene Zukunft, die Zukunft ihrer/unserer Kinder und der Menschen, die wir lieben oder einfach nur mögen, derart wertlos für euch zu sein scheint? So unbedeutend, dass die Befehle eines Predigers aus Pennsylvania, die Befehle verschiedener Führer aus Ankara oder aus Silivri wichtiger für Euch sind, als Euer eigen Fleisch und Blut?!

Wir marschieren auf – aber nur, wenn der Befehl aus Ankara kommt

Habt ihr Euch mal bewusst gemacht, dass sich KEINER dieser „Führer“, von Perinçek über Kılıçdaroğlu, von Gülen bis Erdoğan, auch nur im Geringsten um Euch und Eure existenziellen Probleme in Deutschland kümmert? Ihr handelt wie Marionetten, die lediglich auf ihre jeweiligen Strippenzieher reagieren…

Ist Euch mal aufgefallen, dass WIR binnen weniger Tage medienwirksam Aktionen und Proteste organisieren können und Tausende spektakulär auf die Straßen stürmen lassen, jedoch NUR DANN, wenn eine solche Aktion aus dem Ausland befohlen wird (Hükümet-Istifa-Demos/Milli Iradeye Saygi usf.)!?

Geht es um uns, die in Deutschland existierenden Türken/-innen und Türkischstämmigen, finden wir unbegreiflicherweise keine 100 Türkischstämmige/Türken/-innen, die für ihre Rechte demonstrieren!? Wenn WIR ermordet (NSU-Skandal), belogen und betrogen (SPD-Doppelpass), beleidigt und erniedrigt (Sarrazin-Debatte), negativ etikettiert (Medien, Ex-Innenminister Friedrich etc.) oder benachteiligt (Stichworte: Chancengleichheit und soziale Ungerechtigkeit) werden, dann reagieren WIR… gar nicht!

Wir bestätigen uns lediglich gegenseitig, wie scheiße alles ist, schnaufen ein: „Watt willste machen?!“ … und erdulden das Unrecht weiter geneigten Hauptes! Während das „System Deutschland“ unsere Jugend verarscht und sie ihrer Zukunft beraubt, starren wir konzentriert in unsere türkischen TV-Sender, schauen türkische Soaps, lesen nur türkische Tageszeitungen und unterstützen mit unserem Desinteresse jene Gruppen in Deutschland, die GEGEN uns sind?!

Entsendung von Verbandsfunktionären ist kontraproduktiv

Es beginnt doch bereits damit, dass so ziemlich jeder türkischstämmige Mensch alle Verschwörungstheorien der letzten 100 Jahre auswendig aufzählen kann, jeden türkischen Präsidenten mit den zugehörigen Daten benennen kann und die Dogmen Atatürks auswendig runterbetet, jedoch keine Ahnung hat, wer der Bürgermeister der Stadt ist, in welcher er/sie lebt?!

Ein weiteres Problem ist die Versendung von Menschen aus dem Ausland nach Deutschland – durch die Verbände. Das ist nicht nur absurd, sondern geradezu Sabotage! Wie sollen Menschen, die keine Ahnung von Deutschland haben, teils nicht einmal richtig Deutsch sprechen können, uns effizient vertreten?! Indem sie uns bei Talkshows meist unvorbereitet und in schlechtem Deutsch blamieren?!

Diese Personen führen unsere Verbände an und sobald die deutsche Politik pfeift, rennen sie sofort los, um dem Wunsch zu entsprechen und tolle Bilder für die Medien abzugeben. Selbstverständlich nutzt man diese Möglichkeiten für ein Handshake-Foto, etwa mit dem Bundespräsidenten. Dann kann man später mit diesem Bild angeben und sich wichtig fühlen!

Um uns zu vertreten und unsere Sorgen adäquat zu übermitteln, wäre es auch wichtig, unsere Sorgen zu kennen…! Seit Ihr mal von den Verbänden/Vereinen/Gruppen, denen Ihr angehört, gefragt worden, was Euch plagt? Was Eure Sorgen sind und wo der Schuh drückt?! Wäre mir nicht bekannt! Die Kommunikation ist meist eine Einbahnstraße und findet nur in eine Richtung, von oben nach unten in hierarchisch organisierten Gemeinschaften statt – um es auf den Punkt zu bringen!

Manche Dinge gehen uns alle an – nur weil wir Türken sind

Wir sind nicht nur so freundlich, uns in Deutschland nach vorne zu beugen, damit unsere Unterdrückung leichter vonstattengehen kann, wir sind sogar so übertrieben nett, dass wir die Vaseline aus der eigenen Tasche bezahlt und gekauft haben, damit es nicht so wehtut!

Wenn WIR nicht imstande sind, uns als Schicksalsgemeinschaft – vollkommen unabhängig von der eigenen Ideologie oder dem eigenen Glauben – zu begreifen und nicht imstande sind, zumindest temporär zusammenarbeiten zu können, um für UNSERE Rechte und UNSERE Zukunft einzustehen, dann sollten wir ehrlicherweise auch damit aufhören, ständig mit dem Finger auf die deutsche Politik zu zeigen, ohne zu bemerken, dass zeitgleich drei Finger auf UNS zeigen!

Wacht endlich auf!

WIR sind schuld an unserer Misere!

WIR haben die Macht, unsere Zukunft aktiv zu gestalten!

WIR entscheiden, ob uns eine bessere oder schlechtere Zukunft in Deutschland erwartet!

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About Author

Mustafa Esmer, Jg. 1976, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Darüber hinaus ist er als freiberuflicher Journalist tätig.

2 Kommentare

  1. ERSOY, Sive on

    Hallo sehr geehrter Herr Mustafa Esmer,

    auf Ihren Artikel bin ich via facebook (Deutsch Türkische Akademiker, wo ich auch seit ca. 1 Woche dabei bin) gestoßen. Ich bin hoch erfreut festzustellen, dass ich mit meinem Gedankengut doch nicht alleine bin. Jeden Satz den Sie geschrieben haben, kann ich aus einer 21 jährigen Berufserfahrung in der Integration von Migration als Resümee UNTERSCHREIBEN. Ich könnte darüber dicke Bücher schreiben. Sie schrieben in einem Kommentar Ihres Beitrages (in DTA) von „Migranten-Selbstorganisationen“ in Wuppertal. Eins von diesen 2012 erfassten 150 Vereinen habe sogar ich gegründet (2007)… mit diesen von Ihnen, in Ihrem Artikel analysierten Problem (dem Desinteresse eigene Interessen wahrnehmen und vertreten) entgegen zu wirken, war ich eine Geschäftsführerin, die den Antrieb von seinen Mitgliedern suchte. Einerseits kam nichts (trotz jahrelanger Vorarbeit) von meinen „Leuten“, andererseits sind Projektmittel durch die politische Entwicklung (Migration rückt faktisch aus dem Blickfeld der Politik) rar und die wenigen Mittel fast unerreichbar geworden. Ich hatte auch „deutsche Kollegen“ am Bord, die dann das Schiff verließen, als eben die Arbeit der Integration von Migranten seine Popularität verlor. Das ist sehr frustrierend und ich bin aus „Resignation“ zum „Schweiger“ geworden, was ich nie werden wollte.

    Ich gehöre jetzt nicht gerade zu der Zielgruppe, die Ihnen auf Ihren Beitrag die gewünschte Antwort geben kann. Da ich (kurze Biographie) Kind deutscher Mutter, türkischem Vater, in der Türkei geboren, zwei sprachig von Anbeginn an aufgewachsen, dort Lise beendet, mit 18 nach Deutschland gekommen, von den 30 Jahren die ich nun in Deutschland lebe, davon 21 Jahre mit Integrationsarbeit (von Sprachkursleiterin angefangen bis zu berufsvorbereitenden Maßnahmen) verbracht habe, bin ich stets die Brücke gewesen. Aus meiner Perspektive kann ich nur ganz kurz zusammengefast sagen: Für meine „türkischen Landsleute“ geht es primär darum in Deutschland (das gelobte Land) ein besseres Leben zu haben, sprich ganz schnell, ganz viel Geld verdienen, wobei sie sich selbst der Nächste sind und der „andere“ eine Konkurrenz… eine Gemeinschaft werden sie nur dann, wenn sie „Kulturpflege“ betreiben, um die eigene Identität zu wahren. Und das kann ich auch nachvollziehen, da ich es eher als eine Schutzfunktion gegenüber Deutschland betrachte… Was mich zu meinen „deutschen Landsleuten“ bringt. Die sind grundsätzlich unterkühlt (auch untereinander und im Besonderen) Fremden gegenüber. Man wird kritisch und ablehnend betrachtet. Als Fremder ist das eine gefühlte Ablehnung, ob es in der Tat so ist oder nicht, soll mal dahin gestellt sein. Die Erwartungen an Fremde (Sprache, Anpassung in verschiedenen Lebensbereichen) ist stets hoch und auch unerreichbar, kaum denkt man „jetzt aber!“, schon wird der Maßstab höher gesetzt. Denn nun kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus sagen, dass man nie „gut genug“ ist, dass sie immer wieder ein Haar in der Suppe finden. Und das ist auch sehr frustrierend. Durch das sowieso wenig vorhandene Selbstbewusstsein der Fremden und durch die arrogant hochgesteckte Definition der Akzeptanz von „Fremden“ in Deutschland, ist es doch kein Wunder, wenn man sich noch nicht einmal wegen dem Fall NSU formieren kann. So unerwünscht, wie man sich fühlt, will man doch um keinen Fall auffallen. Ich finde das auch nicht gut, aber ich kann nicht leugnen, dass ich dieses Phänomen verstehe.

    So habe ich auf der türkischen Seite durch Training des Verständnisses und zielgerichtete Bildungsarbeit sie versucht an die deutsche Gesellschaft heran zu führen und auf der deutschen Seite durch Aufklärung das Verständnis für „meine Leute“ zu fördern. Heute mache ich in diesem Bereich gar nichts mehr.

    Hätte ich Ihren Artikel vor 10 Jahren gelesen, wäre ich laut „HURRAH“ schreiend aufgesprungen. Und hätte das Gefühl gehabt, dass ich nicht alleine im Wald stehe. Das wäre für mich und meine Arbeit ein enormer Motivationsschub gewesen. Heute bin ich hoch erfreut, dass ich mal jemanden sehe, wenn auch nur im Netz, der sich dieser Thematik annimmt und zudem auch noch das Privileg hat „seine Leute“ anzusprechen. Mit Sicherheit werden Ihre Worte mehr Gehör finden. Denn interessanter Weise sind meine Worte und Bemühungen, da ich halb deutsche bin, nie so eingedrungen. In dem Zusammenhang wurde ich dann auch außen vor gelassen.

    Ich hoffe, dass Sie auf Ihren Artikel eine gute Resonanz bekommen und etwas bewegen können. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg und vor allem sehr viel Seelenkraft (werden Sie brauchen)…

    mit freundlichen Grüßen

    Sive ERSOY

Die Integrationsblogger