Es sollte nicht schmerzen, ein Kind zu sein

0
Foto: Remko Tanis / Flickr.com

Es sollte nicht schmerzen, ein Kind zu sein. In welchem Teil der Welt auch immer. Ein Kind sollte ein Recht auf Bildung, auf eine Erziehung in einem sicheren Umfeld und auf Selbstverwirklichung garantiert bekommen. Das ist auch der Normalfall, den wir von Deutschland zu kennen meinen.

Es schwillt einem aber der Hals an, wenn man sich die aktuellen Statistiken vergegenwärtigt. Nach Angaben der UNO-Sonderbeauftragten Marta Santos Pais leiden zwischen 500 Millionen und 1,5 Milliarden Kinder weltweit unter Gewalt. Das ist die Dunkelziffer.

Generell ist dieses Thema ein Schandfleck für die Menschheit. Wegen seiner Unansehnlichkeit wird es unter den Tisch gekehrt und soweit es geht aus der Öffentlichkeit verbannt. Die Blase darf auch nicht zum Platzen gebracht werden, denn in diesem Fall würde der Schmutz, der aus ihr austritt, die Menschheit atemlos werden lassen.

Es ist eine abstoßende Metapher, die hier ausgesucht wurde, aber gewiss treffend: Denn Gewalt gegen Kinder ist etwas, worüber wir als Weltmenschen weder sehen noch hören wollen. Als Tabuthema wird nicht einmal in populistischen Medien darüber berichtet oder etwas dagegen unternommen. Als normaler Bürger schämt man sich fast dafür, wenn man Videos, Bilder und Erfahrungen darüber teilt. Die geläufige Begründung dafür klingt fast zynisch: Man möchte die Menschen nicht Gewaltbildern aussetzen und ihre Psyche vor Gewalt schützen.

Das Ironische an diesem Gedanken ist: Man redet hier von zweierlei Kindern – einmal von dem Kind, das vor dem Fernseher sitzt und vor der Gewalt im Flimmerkasten geschützt werden soll. Ein zweites Kind dagegen erfährt die Gewalt auf dem Bildschirm. Und zwar hautnah.

Der Wert einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie sie mit ihren Kindern umgeht

Das erste Kind sitzt vor dem Fernsehen und schaut sich stundenlang ununterbrochen actionreiche Hollywoodfilme mit großer Begeisterung an. Zumeist sitzen die Eltern mit Popcorn daneben im Sessel und schauen mit. Somit lernt dieses Kind schon im jungen Alter, Gewalt als Normalität zu begreifen, im Ernstfall seine Ohren zu verschließen, wegzuschauen, zu schweigen und gar nichts zu unternehmen. Genau das, was das egozentrisch-gewinnorientierte System möchte, in dem es von Vorteil sein kann, die Augen zu schließen und nichts zu sagen.

Im Vergleich zu Erwachsenen haben Kinder eine besondere Eigenschaft: Sie sind wie nasser Beton. Alles, was darauf fällt, hinterlässt eine Spur.  Gewalt hinterlässt tiefe Narben beim Kind. Es schädigt sein Selbstwertgefühl, macht ihn zu einem pessimistischen Menschen, der hoffnungslos in die Zukunft blickt. Kinder erleben nichts so scharf und bitter wie die Ungerechtigkeit. Kinder sind speziell, denn sie spielen Gefühle niemals vor. Gleichermaßen ehrlich ist ihre Träne. Denn wenn sie weinen, heißt das immer: „Es tat mir weh. Ich bin traurig.“

Diese Kinder sind selten in der Lage, positive Beziehungen mit anderen Menschen zu schließen, sie sind menschenscheu und eher Depressionen ausgesetzt.  Durch ihre Erfahrung mit Menschen, die in monströser Weise mit ihnen umgegangen sind, sind sie schwer in die Gesellschaft integrierbar und somit auch in Zukunft eine Belastung für ihre Umgebung. Kinder mit solchen Erfahrungen sind selbstmordgefährdeter und gewaltbereiter als Kinder, die keine Gewalt erlebten. 

Das ist die Seite des Kindes, aber natürlich ist auch die schlagende Hand untersuchenswert. Denn eine Hand, die gegen ein Kind ohne Erbarmen zuschlägt, gehört einem Mensch ohne Herz; d.h. einem Menschen mit 100 % Gewaltpotenzial, der aufgrund seiner vollständigen Blindheit für Gut und Böse eine ständig präsente Gefahr für seine Mitmenschen ist.

Auf youtube gibt es ein Video aus China, das auf besonders widerwärtige Weise zeigt, wie weit die Brutalisierung und Verrohung gerade gegenüber den Schwächsten mancherorts schon gediehen sind. Wir verzichten darauf, es zu verlinken. Es zeigt ein enormes Maß an Brutalität, mit der ein Mann auf einen Jungen eischlägt.

Für den Jungen auf dem Video werden diese Momente in seinem Leben nicht mehr zurück zu spulen sein. Er wird keine Sekunde dieser Minuten vergessen. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, wie lange eine Sekunde in den Augen des Jungen während dieser grausaumen Minuten gewesen sein muss.

Erschreckender Grad der Verrohung

Über diese Szene gibt es eigentlich so viel zu bereden und zu besprechen, das wir nicht auf alle Aspekte eingehen können: die Gewalt, die Härte des Mannes, der – teils mit einer Hand in den Hosentaschen – auf den Jungen einschlägt wie auf einen Sack Reis, das gruselige Gelächter der Zuschauer, die völlig fehlende Zivilcourage, das Land China, das Regierungssystem dieses Landes, die Unterdrückung der uigurischstämmigen in diesem Land, die Angst des Kindes, besonders seine schrillen Schreie, die im Gehirn eines Menschen normalerweise Tsunamis der Empörung und unbändigen Wut auslösen müssten. Der Junge, der kriecht, in der Hoffnung, dass sein Gegenüber Erbarmen zeigt und nicht noch einmal zuschlägt, plus die Person, die dieses Video aufgenommen hat, als wäre es ein interessantes Schauspiel, und die Person, die vor dem Computer sitzt und sich diese Bilder anschaut, also du und ich.

Um die Situation in diesem Video, also in Xinjiang kurz zu beschreiben: Xinjiang, auch das „Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang“ genannt, wurde mal unter Militäradministration, mal unter direkter Diktatur regiert und gilt aktuell als ein Teil der chinesischen Republik. Das einzige Problem ist, dass die einheimischen Bewohner dieser Region hauptsächlich Turkvölker wie Uiguren, Kasachen, Mongolen, Kirgisen und Tadschiken sind; Völker, die die Unabhängigkeit, die sie sich wünschen, nie bekommen haben. Im Gegenteil stieg durch die Ansiedlung der Han-Chinesen deren Anteil an der Bevölkerung zwischen 1949 bis 1973 von 3,7% auf 38%. Die Einheimischen wehrten sich gegen diese Sinisierung¹, nur ohne Erfolg, da viele Proteste und Aufstände gewaltsam niedergeschlagen wurden. Die Folge: Rassistische Tendenzen in der Bevölkerung, was sich im Alltag so widerspiegelt, wie im Video zu beobachten.

Oder auch Burma, seit einem Jahrhundert eine Kinderermordungsanstalt. 1937 beginnt die Propaganda rassistischer Bewegung, die mehrheitlich buddhistische Bevölkerung gegen die muslimische Rohingya- Minderheit aufzuhetzen.  Zahllose Massaker finden seitdem unter Duldung durch Beamte, Gemeindevorsitzende und buddhistische Mönche im burmesischen Land statt.  Rohingya-Kinder zu verbrennen ist zum Alltag geworden. Der Völkermord wurde in diesem Jahr durch die Einführung einer Zwei-Kinder-Grenze im Staat eingeführt, die nur für die rohingyische Minderheit gilt.

Polizeigewalt in Offenbach

Kommen wir nach Deutschland. Ein erschreckender Vorfall geschah letzte Woche in Offenbach. Muslimische Jugendliche wurden nach einem Moscheebesuch am Abend des 17.07 von der Polizei angehalten und misshandelt. Nach deren Angaben und nach Aussagen von Zeugen sei die Polizei dabei „aggressiv und bedrohlich“ vorgegangen und habe Handschellen und Schlagstöcke eingesetzt, obwohl sich keiner der Jugendlichen zur Wehr gesetzt habe. Auch Pfefferspray soll zum Einsatz gekommen sein.²

Worte, die gesagt werden müssen, gibt es viele. An dieser Stelle möchte ich aufhören und euch aus dem vorher berichteten Schwindelgeflecht, in dem wir uns verlaufen, einen Anstoß für die soziale Wirklichkeit geben.

Liebe Leser, jedes Kind ist frei, von jeglicher Form von Diskriminierung geschützt, hat ein Recht auf Leben, Überleben und Entwicklung, Bildung und freie Meinung. Das ist die Norm.

Lasst uns dafür plädieren.

Nicht mehr nur mit einem Flüstern, sondern mit lauter Stimme.

___________________________________________________

¹Sinisierung: eine gesellschaftliche Kultur sprachlich, kulturell chinesisch zu formen.

[twitter_hashtag hash= „Massaker, Rohingya, Uiguren, Xinjiang“ number= „3“ title=““Tweets für {http://i-blogger.de/es-sollte-nicht-schmerzen-ein-kind-zu-sein/}“]

Kommentare

Kommentare

Share.

About Author

Feyzanur Soysal- Abiturientin im angehenden Doppeljahrgang, aktiv in der Jugendpolitik ihrer Stadt, schreibt und spricht über Menschen in der Frebellion. Lebt nach dem Prinzip den morgigen Tag ein Tick besser zu gestalten, als den Gestrigen. Freut sich auf jegliche Resonanz von Seiten ihrer Leser.

Comments are closed.

Die Integrationsblogger