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Seit einem Jahr beschäftigt uns die Flüchtlingskrise. Man hat das Gefühl, es dreht sich kaum noch um etwas anderes. Die AfD erstarkt und verzeichnet mittlerweile in einigen Bundesländern Umfrageergebnisse von 15%. Was sind die Gründe? Nur die Flüchtlinge? Oder steckt da auch die eine oder andere „falsche“ Überzeugungsarbeit dahinter?

Ich erinnere mich noch gut an den Sommer 2015, als die ganze Sache Größenordnungen annahm, die sich keiner vorstellen konnte und wollte. In dieser Zeit formierte sich immer mehr Widerstand, Pegida wurde größer und bekam immer mehr Zuspruch und Beteiligung und die AfD setzte zum „Höhenflug“ an. Nun muss man dem ja etwas entgegensetzen, das dachte ich auch, mich stimmte aber befremdlich, welche teilweise abstrusen Erklärungen kreiert wurden, um Pegida, AfD und Co Paroli zu bieten.

Erklärungen, warum wir Flüchtlinge aufnehmen sollten

Die erste Erklärung, warum wir Flüchtlinge aufnehmen sollen und müssen, ließ mich lange nachdenken. Es war vom „Fachkräftemangel“ die Rede. Wir brauchen Zuwanderung, wir brauchen Fachkräfte, damit es uns auch weiterhin gut geht. Nun ja, so im Vorbeigehen gehört, mag man das ja leichtfertig glauben – jedoch nur, wenn man sich nicht differenziert und sachlich damit beschäftigt.

Wir brauchen also Fachkräfte

Sachlich betrachtet stellt sich hier die Frage, wie denn ein syrischer oder irakischer bzw. afghanischer Facharbeiter innerhalb einer nicht all zu langen Zeit einen fehlenden Facharbeiter aus Deutschland ersetzen soll. Da ist nicht nur die Sprachbarriere ein Punkt, der mich nachdenklich stimmte. Ich fragte mich, ob wohl ein eben solcher Angestellter eines bestimmten Berufsstandes eben solche Qualifikationen habe wie ein deutscher Facharbeiter.  Ich fragte mich weiterhin, ob denn da nun wirklich alles Fachkräfte kommen, und wenn ja, warum denn alles Fachkräfte sein können, wenn es doch fliehende, traumatisierte Menschen sind, die schreckliches erlebt haben. Aber das ist eine andere Frage….
Ich warnte seinerzeit, Argumente zu benutzen, von denen gar keiner abschätzen kann, ob sie überhaupt Bestand haben würden und mahnte, dass genau diese Argumentiererei nach hinten losgehen würde, wenn eben doch nicht hunderttausende Fachkräfte sondern eventuell Menschen kommen, die nur eine geringe Bildung haben. Was für ein gefundenes Fressen für Rechtspopulisten! Derzeit landete ich zwecks dieser Warnungen das eine oder andere Mal selbst in der rechten Ecke, wurde beschimpft und diffamiert.

Der überwiegende teil wird zum Sozialfall

Nun traf es leider ein. Nun titelten große Zeitungen im Januar, dass der überwiegende Teil nur geringe Bildung besitzt und wohl zum Hartz 4 Empfänger werden wird. Die großen Konzerne ruderten plötzlich zurück und bis auf einige Praktika und vereinzelten Einstellungen war nichts vom Fachkräfteersatz zu sehen.  Die Flüchtlingsgegner freuten sich und fühlten sich in ihren Ansichten bestätigt. Die Gegenseite konnte nur noch mit der Nazikeule argumentieren, was blieb anderes übrig.

Ja, aber der demografische Wandel

Das zweite Argument, was landauf und landab, selbst von nicht weniger Politikern zu hören war, war der „demografische Wandel“. Wir würden immer älter und wir haben kaum Nachwuchs, der die Rentenkassen füllt. Nun, wie das ein Flüchtlingsstrom machen soll, das ist mir heute noch schleierhaft, aber darum geht es nicht.
Was mir hier und auch bei dem anderen Argument auffiel und vor allem extrem sauer aufstieß, war die sich mir anschließend stellende Frage: Was wäre, wenn wir weder Fachkräftemangel noch demografischen Wandel hätten? Hätten wir dann die Grenzen geschlossen, jeden abgewiesen und gesagt „Sorry, wir haben keinen Platz“? Hätten wir so wie jetzt in der Türkei nur verletzte oder sterbenskranke zur Behandlung aufgenommen und nach Genesung postwendend in den Bombenhagel zurückgeschickt? Ich glaube wohl eher nicht, aber diese Fragen muss man sich stellen, wenn man derart unsinnige und, mit Verlaub, egoistische Argumente benutzt um die Aufnahme von Flüchtlingen zu begründen.

Ja, und warum nehmen wir nun Flüchtlinge auf?

Ehrlich gesagt, was die Politik nun dazu bewogen hat, hunderttausende von Flüchtlingen aufzunehmen, das ist mir heute noch nicht ganz klar. Vielleicht aus Menschlichkeit, vielleicht aber doch wegen dem demografischen Wandel und wegen dem Fachkräftemangel – letztere Varianten allerdings eine ziemlich ekelerregende Vorstellung, obwohl die Schließung der EU Außengrenzen mittlerweile wage in diese Richtung deutet und es nicht allein nur um Menschlichkeit geht.

Für die Zukunft – Mensch sein und menschlich argumentieren!

Für die Zukunft wünsche ich mir von den „Argumenteverteilern“ eine ganze Menge mehr Sachlichkeit und Differenziertheit, denn es kann nicht sein, dass man die Aufnahme von Flüchtlingen mit Argumenten begründet, die wirtschaftlicher und eigennütziger Natur sind. Denn man hat nun gesehen, dass diese unsinnigen Argumente sich größtenteils in Luft aufgelöst haben und unbeabsichtigt zum Prozentekatapult für rechte Parteien geworden sind. Wer noch vor einigen Wochen zögerlich auf dem Weg nach rechts war, der ist jetzt wohl kaum noch für Umkehrbemühungen erreichbar. Leider!

Es hätte von Anfang an heißen müssen:
Wir nehmen Menschen auf, weil Sie vor Bomben, und Terror fliehen, eben, weil wir menschlich sind! Und nichts anderes! PUNKT!

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About Author

Andreas Böckler beschäftigt sich mit den Hintergründen der Entstehung von Hass und Schwarz Weiss Denken und versucht sachlich anhand von für jedermann verständlichen Argumenten für Verständnis und Toleranz zu werben. Aufklärung und unvoreingenommenes Begegnen von Menschen mit diffusen Befürchtungen und Ängsten im Bezug auf Menschen anderer Nationalitäten sind für ihn wichtig. Ausgleich findet er im fotografischen Bereich, vor allem in der Landschaftsfotografie.

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