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An diesem Ort sollten keine Menschen leben! Das grelle gelbe Licht in der Turnhalle blendet seine Augen, er schaut beim Gehen nach unten. Er berührt mit seinen Fingern sanft die hellen Holzwände, hinter denen sich Schlafplätze für bis zu zehn Flüchtlinge befinden. Sein Atem ist laut. Er versucht es zu unterdrücken, doch die Turnhalle wurde schon seit einiger Zeit nicht mehr gelüftet. Der Gestank nach muffeligem Holz und ungewaschener Kleidung hat sich in der ganzen Halle verbreitet. Aus jeder Ecke ertönen Stimmen, Babygeschrei und laute Diskussionen in den unterschiedlichsten Sprachen.

Der gelbe Boden hat sich langsam dunkelbraun gefärbt, an der Wand hängen die Verhaltensregeln auf weißem Papier: „No Drugs, no Alkohol, no Prostitution.“ Als er die Turnhalle verlässt, geht er an Toiletten vorbei, deren Türen geöffnet sind. Es fehlt teilweise an Toilettenpapier und Seife. Der Flur ist ebenfalls grell beleuchtet, die Wände sind mit Graffiti beschmiert. Es gibt keine Fenster, an einigen Ecken sind Bänke mit Tischen aufgestellt: ein Freizeitort für Flüchtlinge. Er ist vor zwei Monaten in die Turnhalle gezogen. Eine Notunterkunft, die sein Leben prägen sollte.

So wenige Möglichkeiten, Bücher zu lesen

„Ich mag keine lauten Orte. Ich bevorzuge die Stille“, sagt Sam. Er ist ein junger Mann, der vor einigen Monaten aus Syrien geflüchtet ist. Er hat schwarze Haare, hellgrüne Augen und trägt eine große schwarze Brille. In Syrien hat er Geschichte und Rechtwissenschaften studiert, brach jedoch sein Studium ab, als der Krieg ausbrach. „Ich wollte nicht in den Krieg ziehen. Ich kann keine Menschen töten.“ So floh er zunächst in die Türkei, wo ihn ein Freund aufnahm, den er durch seine vielen Reisen kennengelernt hatte.

Ein Visum nach Deutschland bekam er durch seinen Bruder, der schon seit einigen Jahren in Deutschland lebte: „Es war ein faszinierendes Gefühl, als ich meinen Bruder nach vielen Jahren wiedersah.“ In Syrien lebte er mit seinen Eltern und seinen drei älteren Brüdern in einem großen Haus in Aleppo. Neben dem Studium reiste er viel mit seinen Freunden und las sehr gerne Bücher. Friedrich Nietzsche gehört zu seinen Lieblingsautoren, deren Werke er vor seiner Ankunft las. Doch seine Lieblingsbeschäftigung wurde ihm schnell genommen, denn man schickte ihn in insgesamt sieben Notunterkünfte, in denen er nur schwer Freunde finden konnte: „Meine einzigen Freunde kenne ich aus der Bar!“

Die Bar als Ausbruchsort aus dem tristen Alltag der Flüchtlinge

Die Sonne ist untergegangen und vor der Bar „Nordpol“ an der Münsterstraße sammeln sich überwiegend männliche Flüchtlinge. Es wird getrunken und geredet – in den unterschiedlichsten Sprachen. Die Eingangstür ist mit Stickern aller Art beklebt, es ertönt Musik, die jedoch von den Stimmen übertönt wird. Drinnen ist es voll! Jeder Sitzplatz und Stehplatz ist besetzt. Neben den Flüchtlingen, die von der „Refugee Welcome Gruppe“ eingeladen wurden, finden sich ehrenamtliche junge Leute, die den Flüchtlingen eine Anlaufstelle für Beratung und Austausch bieten. Es gibt Waffeln, Bier und jede Menge anderer Getränke. Sam sitzt an der Theke. Er redet auf Englisch mit einem deutschen Freund, den er in der Bar kennengelernt hat. Sein Getränk hält er fest in seiner

Hand. Er hat seine Mütze und seine Jacke nicht ausgezogen. Ab und zu lächelt er, schaut verwirrt in die Menge und redet dann weiter. Sam mag keine lauten Orte, doch die Abende in der Bar sind eine Flucht in ein normales Leben. Eine Flucht vor der Turnhalle.

Freude über große Hilfsbereitschaft

„Die Turnhalle ist kein Gefängnis. Die Flüchtlinge können sich frei bewegen“, sagt Herr Hoffmann, Leiter der Notunterkunft. Die Turnhalle wurde Ende November zu einer Notunterkunft umgewandelt. Insgesamt können dort ca. 300 Flüchtlinge aufgenommen werden, wobei noch nicht alle Plätze belegt sind. Die große Turnhalle erinnert an eine Messehalle: Schlafräume wurden durch Stellwände aus Holz erbaut, die jedoch nur ein Minimum an Privatsphäre leisten, da sie nicht bis zur Decke reichen. Jeder Raum hat eine Tür und es können bis zu 10 Personen in einem Raum schlafen: „Familien leben zusammen in einem Raum, ansonsten wird nach Geschlechtern getrennt“, sagt Herr Hoffmann. Er ist davon überzeugt, dass die Mitarbeiter einen guten Job machen, „denn es gibt 24 Stunden einen Wachdienst und den Flüchtlingen wird versucht, durch einen Sozialarbeiter oder durch einen Deutschlehrer zu helfen.“ Besonderes geholfen haben aber die Dortmunder selbst. Denn durch Sachspenden konnte eine kleine Turnhalle mit Klamotten und mit Kinderspielzeugen gefüllt werden: „Wir waren überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Bürger“, erzählt er.

Nichtstun ist für Menschen mit Tatendrang Stress pur

Als ich das erste Mal die Turnhalle betrat, wollte ich sofort raus. Ich habe es den Mitarbeitern gesagt, doch sie erklärten mir, dass ich keine andere Wahl habe.“ Sam redet nicht gerne über die Turnhalle. Er betrachtet nachdenklich seinen Kaffee, legt seine Hände um die Tasse. „Ich töte meine Zeit! Ich habe den ganzen Tag nichts zu tun und kann dort nicht mit den Menschen reden, weil sie entweder kein Englisch verstehen oder nicht die gleichen Interessen haben.“ Er redet gerne über Literatur, Geschichte und philosophiert über das Leben. Dabei werden seine Augen groß, er beginnt leicht zu lächeln: „Ich habe es vermisst, Bücher zu lesen, ein Buch zu öffnen und mich weiterzubilden. Ich kann nicht einfach den ganzen Tag nichts tun. Das bin ich nicht, das ist nicht meine Art.“ Doch andere Möglichkeiten bietet die Turnhalle nicht. Der Deutschlehrer kommt unregelmäßig, Sam flüchtet manchmal in die Innenstadt: „Als Flüchtling ist es nicht leicht.“

Studierende Flüchtlinge haben bessere Chancen auf ein Visum

Dabei ist Sam nicht mal illegal in Deutschland. Für syrische Flüchtlinge gibt es einige wenige Möglichkeiten, ein Visum zu erhalten und nach Deutschland einzureisen. Zu den wenigen Möglichkeiten zählt, dass der jeweilige Flüchtling Student ist oder mindestens ein Familienmitglied in Deutschland hat. Auf Sam treffen beide Kriterien zu, sodass er ein Visum erhalten konnte. „Ich habe schon eine Aufenthaltserlaubnis beantragt. Doch wahrscheinlich wird das noch ein wenig dauern“, sagt Sam und hofft inständig, dass er bald eine bekommt. Insgesamt gab es von 2012 bis 2014 in Deutschland 29 820 Erstanträge syrischer Asylbewerber, wobei man nicht genau sagen kann, wie viele davon legal und illegal sind. Im Vergleich dazu hat die Türkei knapp über eine Million syrischer Flüchtlinge aufgenommen.

Traum von einer Familie und einem normalen Leben

„Ich möchte ein neues Leben beginnen! Glücklich sein.“ Sam möchte wieder studieren, eine Familie gründen und in Deutschland bleiben. Aufgrund der Wehrpflicht, vor der er geflohen ist, kann er nicht zurück nach Syrien: „Ich glaube, dass der Krieg noch lange dauern wird. Aber ich möchte meine

Familie nach Deutschland holen. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, meinen Eltern ein Visum zu besorgen.“ Er schaut dabei nachdenklich in die Luft. Ihm ist bewusst, dass das nicht leicht wird, doch er lächelt dabei. Er träumt von einem normalen Leben, eins mit einer Beschäftigung, eins mit Familie und Freunden. Ein Leben, wie es sich ein junger Mann vorstellt. Total normal eben. Sam Mustafa ist voller Hoffnungen nach Deutschland gekommen, ist vor dem Krieg geflohen, hat sein früheres Leben aufgeben müssen, damit er eine zweite Chance bekommt. Doch um seine anfänglichen Hoffnungen wieder zu gewinnen, muss er erst raus aus der Turnhalle, denn dort tötet er nur seine Zeit.

Reportage über einen jungen Flüchtling, den ich einige Tage im Rahmen meines Studiums begleitete.

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Hatice Kahraman, aus Dortmund, Journalismus Studentin, Bloggerin

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