Free at last… (DIB-Fortsetzungsroman Teil IV)

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„Er ist … er ist einfach ein Vollidiot. Ich kann ihn nicht ausstehen. Er ist schlimmer als ich, wenn es um Kleidung geht. Er schaut sich stundenlang im Spiegel an. Seine Frisur muss perfekt sitzen. Sein Auto muss immer glänzen. Keiner darf ein besseres haben. Er ist so großkotzig und angeberisch. Manchmal hatte ich das Gefühl, er freut sich nicht, wenn ich mich hübsch mache, sondert beneidet mich.“

Er schaute mich einige Sekunden lang verwundert an und brach dann in schallendes Gelächter aus. Jetzt war ich verwirrt. Eigentlich hatte ich eine andere Reaktion erwartet. Wenigstens einen wütenden Blick. Aber nichts! Er konnte sich nicht einkriegen vor Lachen. Hatte ich was Falsches gesagt? Ich war ratlos.

Langsam fing er sich wieder.

„Emily, das habe ich mir überhaupt nicht gedacht. War es von Anfang an so?“ Die Erleichterung, dass mir nichts passiert war, stand ihm auf der Stirn geschrieben. Deswegen wahrscheinlich auch das Gelächter.

„Oh mein Gott, hab ich dir das Gefühl gegeben ich wäre wütend, wenn du dich nicht mit ihm verstehst? Wenn es so ist, dann liegst du falsch. Ich dachte nur, das wäre eine gute Idee, nichts weiter. Ich wollte nicht darauf beharren. Es tut mir Leid.“

Ich guckte ihn mit großen Augen an. Das lief ja besser als ich erwartet hatte. Nun hatte ich ein Problem weniger.

„Manchmal hatte ich schon das Gefühl, er legt zu viel auf, aber dann dachte ich, ich bilde mir das nur ein. Weißt du, ich kenne seinen Vater seit 20 Jahren und ich konnte mir nicht im Traum vorstellen, dass sein Sohn…“ Wieder brach er in Gelächter aus. „Tut mir Leid, aber es ist einfach zum Schießen. Sein Sohn der Waschlappen.“

„Ich glaube das ist der falsche Begriff, Pa. Volltrottel trifft es eher.“ Sein Lachen schien unaufhörlich und schließlich stimmte ich mit ein.

Noch zwei Tage zum Packen

In unserem Gelächter bekamen wir gar nicht mit, dass meine Mutter ins Zimmer gekommen war, uns nun beobachtete und sich fragte, was sie verpasst hatte.

„Hallo, ihr beiden! Was gibt’s denn so Lustiges?“ sagte sie mit ihrer reizenden mütterlichen Stimme, die Arbeitstaschen noch in der Hand haltend. Sie war Kosmetikerin. Jetzt musste ich mir vorstellen, wie meine Mutter Tony über das passende Make-up zu seinem pfirsichfarbenen Teint beriet.

Meine Mutter war klein und zierlich, ihre braunen Haare trug sie kurz und glatt. Sie hatte eine kleine Stupsnase und große, beinahe schwarze Augen. Ein paar Sommersprossen unterstrichen ihr herzförmiges Gesicht.

Meine braunen Haare, das Stupsnäschen, die Gesichtsform und die Haare hatte ich von ihr geerbt, meine glatte Schneewittchenhaut und die Größe jedoch von meinen Vater. Ich war nicht zu groß, eher durchschnittlich, aber größer als meine Mutter.

„Hallo, Ma! Ich …“ setzte ich an, da unterbrach mich mein Vater.

„Emily, überlass das mir. Den Spaß lasse ich mir nicht entgehen. Außerdem musst du noch packen. Was meinst du, wie lange würde Tony dafür brauchen?“ Sein Gesicht war schon puterrot und seine Lippen zusammengepresst, damit ihm kein Lachen entweichen konnte.

Es freute mich, dass das Ende mit dem Egozentriker meinem Vater so einen Spaß bereitet hatte. Hoffentlich würde bei meiner Mutter die gleiche Wirkung einsetzen. Er ließ mich aus seiner Umarmung frei und ging hinüber zu meiner Mutter, die immer noch diese Szene zu deuten versuchte. Sie gingen gemeinsam hinaus, während ich mich zu meinem sorgenvollen Schrank begab.

Zwei Tage hatte ich noch Zeit, um eine annähernd akzeptable Lösung zu finden, aber jetzt war mir nicht nach Packen. Ich wollte einfach nur raus und die Freiheit aus mir herausschreien. Also nahm ich meine Autoschlüssel vom Nachttisch und meine Handtasche, die daneben lag und eilte zur Tür. Das Leben begann jetzt und nichts stand im Wege. Ich lief durch den Flur, die Treppen hinunter zu der weißen Ausgangstür. Meine Eltern starrten mich fragend aus der Küche im Erdgeschoss an.

„Ich mach nur eine kleine Tour. Abends bin ich zurück“, schrie ich ihnen entgegen. Jetzt spürte ich, dass die richtige Entscheidung gefallen war. Ich füllte mich wie losgelöst von einer unerträglichen Last. Einer in meinem Alter unnötigen Last.

Ich öffnete die Tür und lief auf meinen schwarzen alten Mustang zu. Ich wollte nur weg und die Freiheit fühlen. Schreien. Mich abreagieren. Nie mehr würde ich diese eingebildeten Sätze hören. Nie mehr das überpflegte Gesicht sehen. Und das war meine Entscheidung.

Ich ließ den alten Motor aufheulen, kurbelte die Fenster runter, legte den Rückwärtsgang ein, fuhr auf die Straße hinaus, legte den ersten Gang ein und fuhr los. Wohin, wusste ich noch nicht. Ich fuhr einfach geradeaus, warf meine alte Rock-CD an und begann mitzubrüllen.

Weite Straße und blauer Himmel

Draußen war es warm. Ich ließ all die kleinen Häuser von Wibaux an mir vorbeiflitzen. Bald würde ich sie auch nicht mehr sehen. Diese Freude konnte ich nicht beschreiben. Leben erwachte in mir. Jetzt würde ich tun und lassen können, was ich für richtig hielte und nicht was andere für mich als richtig gelten ließen.

Wibaux war im Nu hinter mir. Ich beschleunigte und der Motor protestierte, aber in dem Moment war es mir gleich. Der warme Wind durchforstete mein Haar. Ich sah ins Weite. Kein einziges Auto weit und breit war zu sehen. Nur ich, die weite Straße, der blaue Himmel über meinem Dach, die pochende Sonne an meinem Armaturenbrett und meiner rechten Hand, die ich aus dem Fenster streckte und meine dröhnende Musik. Diesen Moment wollte ich genießen…

„Uh, babydon’tyouknow a suffer? Uuh, babycanyouhear me moan?” sang ich lauthals und trommelte mit den Fingern gegen das Lenkrad im Takt der Musik.

Gut, dass mich keiner hören konnte, aber in diesem Moment war es für mich sowieso nicht von großer Bedeutung. So konnte ich abschalten. Ich dachte an Nichts in diesem rauschenden Moment. .

„I thought I was a fool for no one. Uuuh baby, I am a fool for you. You’re a queen of a superficial. Uuuuh!”

Ich lachte vor mich hin. Es war ein befreiendes Lachen. All die Sorgen fielen vor mir ab wie Felsbrocken.

Ich streckte meine Hände aus und ließ dem Moment seine Wirkung. Diese alten Lieder ließen mich in meine eigene Welt entfliehen. Keine Sorgen, kein Stress, kein Kummer, nur Harmonie und Freiheit.

Diesen Moment konnte mir keiner nehmen. Ich hatte meine eigene Therapie geschaffen. Andere mussten zum Psychotherapeuten gehen, um ihre Probleme zu behandeln. Ich hörte Rock und damit waren alle Probleme aus der Welt geschaffen. Wozu unnötig Geld verschwenden, wenn man damit stattdessen ein paar schöne Schuhe kaufen konnte?

Weitere Folgen von Emily Moon und Munirah Gholam

Dieser Artikel erschien auch bei tatjana-rogalski.de 

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About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt.
Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert.
„Wenn Du nicht fliegen kannst, renne,
Wenn Du nicht rennen kannst, gehe,
Wenn Du nicht gehen kannst, krieche.
Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen.“ (Martin Luther King)
Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung!
Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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