Freiheit beginnt im Kopf

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Bildquelle: Tomasz Sienicki | CC BY 3.0 | Wikimedia Commons

Integrationsblogger

Was sucht ein Kanake in kleinbürgerlichen, hübschen, süßen Gassen, die beschmückt sind mit eleganten, nostalgischen Häusern, jedes einzelne wie ein Schauplatz eines alten deutschen Gedichts? Nichts oder alles. Alles oder nichts. Nicht wenig, aber auch nicht viel. Einfach, locker, lässig dem Bach entlang, wo sich keine Fische reintrauen. Ein Wasser, das fließt, neben statischen Dekorationen, dessen Ideen Gott persönlich in das Bewusstsein des Adamssohnes eingepflanzt hat, um die losen Landschaften mit eigener Kraft verschönern zu dürfen. Ein Weggenosse fehlt mir, während ich mir das ganze halbmenschliche, vollgöttliche Wunder der Pflastersteine anschaue. Mitternacht ist seit geraumer Zeit vorbei, die Luft frisch, mild, mit einer dünnen Jacke auf dem Buckel nicht nur erträglich, gar wohltuend für die Seele, die die Einsamkeit mit seinen eigenen, tausenden, absurden Gedanken teilt. Die Metaphysik hat zugeschlagen. Die losen Sterne am dunklen Himmel, ohne die Abdeckung der Wolken, die losgerannt sind, um eine andere Landschaft, mit einem anderen Wunder der Natur, dem Regen zu beschmücken und andere Nachtwandler auf die gleichen Gedanken mit einer etwas anderen Methode zu führen.

Einsamkeit in der Tiefe des Gestanks

„Es lebe die Einsamkeit“, will ich in die tiefe, dunkle Nacht schreien, doch ich entscheide mich diesen Schrei zu schreiben, denn die Schreienden riechen mir zu sehr nach Politik und die Politik, welch ekelhafter Gestank in meine Nase eingeführt wird, allein schon beim Ananderreihen dieser Buchstaben, verdeckt die Nacht mit dem Tumult der Lüge, mit dem Unglauben, vor dem wir immer wieder in unserer Kindheit gewarnt worden sind. Deswegen will ich jedem einzelnen, den ich auf der Straße begegne, jedem einzelnen Freunde, jedem einzelnen verlassenen Straßenhund ins Gesicht schreien: „Es lebe die Politikverdrossenheit!“, denn ich weiß, dass die Dichter, die die Minnenlieder komponiert haben, höher stehen als die Politiker, die die Gesetze verabschiedet haben. Und diese Aussage ist universell. Gleichgültig ob beschnitten oder unbeschnitten. Mit oder ohne Bierbauch. Mediterran oder skandinavisch. Die Mystik nimmt die einzelnen Flüsse in dem großen Ozean auf, während die Lebenden ihre eigenen Flüsse als Stolz gegen die anderen Flüsse tragen.

Nicht alles ist so wie es auf dem ersten Blick scheint

Ich laufe weiter. Ich sehe einen Schatten. Ein Isis-Kämpfer kommt mir entgegen. Er hat einen langen Bart, ein elegantes Schwert, wie der des 13. Kriegers, den Antonio Banderas perfekt gespielt hatte. Seine langen Haare schwimmen mit dem Wind durch die wunderlichen Gassen einer deutschen Kleinstadt. Ich laufe ihm entgegen und sehe ihn mit ruhigen Augen an. Er holt aus seiner Tasche eine kleine Uhr raus und hält sie mir in die Augen. Ich sehe arabische Schriftzeichen, Zahlen.

„Deine Stunde ist gekommen!“, flüstert er mir vertraut ins Ohr. Ich halte ihn nicht für den Todesengel, wie ihn andere, die ihn um diese Uhrzeit, unter diesen Umständen, gesehen hätten.

„Warum?“, frage ich ihn und er weiß ganz genau, dass ich damit seine geballte Mordlust meine.

„Es gibt keine guten Menschen.“, sagt er mit rauher Stimme. Wir unterhalten uns auf einer mir unbekannten Sprache. Weder Deutsch, noch Arabisch. Eine Sprache, die wir alle kennen, jedoch nicht sprechen können.

„Es gibt auch keine schlechten Menschen!“, erwidere ich ihn.

„Doch, alle, die nicht diesen heiligen Bart tragen, sind schlecht!“. Er massiert seinen langen, ungekürzten Bart.

„Dann bin ich auch schlecht?“, frage ich ihn mit ironischer Stimme mit wenig Begeisterung, da er meine einsame Nacht mit seinem koboldhaftigen Aussagen zu einem Ort der menschlichen Konversation  verwandelt, was ich gar nicht toleriere.

„Ich philosophiere nicht rum. Ich handle einfach!“

„Dann bringen wir es hinter uns. Töte mich mit deinem Dhulfikar, dem zweiköpfigen Schwert Alis. Gebe der Menschheit die Gerechtigkeit, die im Blut meiner Halsschlagader versteckt ist!“

„Ich werde dich im Namen Gottes köpfen!“, sagt er zu mir.

„Nein, töte mich im Namen des Barmherzigen und des Allerbarmers, damit das Paradoxon perfekt wird!“

Er holt sein Schwert aus, doch sein eigener Schatten verwandelt sich in einen Augapfel, der ihn das Schwert aus der Hand nimmt, ihn zu Boden schmeißt und ihm auf einer uns allen unbekannten Sprache mitteilt, dass er im Unrecht ist. Die Uhr steckt sein eigener Schatten, inzwischen ein Augapfel, in seine eigene Tasche und entschuldigt sich bei mir aufgrund der nächtlichen Störung.

Was ist das Geheimnis?

Ich akzeptiere die Entschuldigung und laufe weiter. Ich schaue mir den Mond an, der nur ein Bruchteil des ganzen Universums ist. „Was ist dein Geheimnis, oh, Nacht und all die anderen Himmelskörper? Bestimmt nicht die Zeit oder sonst etwas Vergängliches. Sind wir nur eines dieser Würmer, die ans Ende eines Blattes kommen und den Ast als unendliches Phänomen sehen, wo wir doch keinerlei Chance haben mit dem nackten Auge die anderen Äste zu sehen, geschweige den Baumstamm oder gar die Wurzel des Ganzen? Sind wir denn nur irgendwelche Tiere, die es geschafft haben, bisschen zu denken und einen Gottesbegriff entworfen haben, der in dieser Unendlichkeit des Himmels gar keinen Widerruf findet, oder hat Gott nur seinem Liebling die Möglichkeit gegeben, diese faszinierende Wunder zu sehen und dankbar zu sein. Aufgrund meiner Erziehung tendiere ich zur zweiten Theorie. Ich schaue mir den Bach an und dann wieder den dunklen Himmel.

Wir müssen wieder atmen können

Nichts hat in meinem Bewusstsein eine Bedeutung. Jede Art der Definition verliert seinen Wert, jede Wissenschaft erscheint mir wie eine Plastikfolie in der himmelblauen Karibik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Respekt, Rechts, Links, säkular, konservativ. Jeder Begriff, für die andere Menschen ihr Leben opfern, fällt den Bach herunter. Ideale, Ideologien, Präsidenten, Naher Osten. All dies sind nichts weiter als virtuelle Spielfiguren in der Nacht. Respekt, Toleranz, Menschlichkeit. Ein Haufen Wörter, die es verdient haben, in der Müllhalde verbrannt zu werden. Alles muss verbrannt werden, damit wir wieder standfest mit dem Geruch der Erde atmen können. Es sind nicht nur die Betonklötze, die uns die Luft wegnehmen. Zeitungen, Akademiker, wissenschaftliche Rezensionen. Alles ein Haufen. Nichts weiter als ein Haufen abgenutzter Winterreifen, die nicht mehr benutzt werden dürfen. Die Erde muss gerochen werden. Der Sand und das Wunder. Das Schicksal muss man einatmen können wie der Fisch seine Kiemen zum Einsatz bringt. Schicksal. Welch ein geheimnisvolles Wort. Kein Wort, sondern eine Büchse der Pandora, an die sich keiner richtig getraut hat, weil man damit beschäftigt war, diese in seinem Lebensweg mitzuschleppen.

Ich hole mir eine Zigarette raus. Mir fehlt ein Feuerzeug, doch zum Glück habe ich Streichhölzer einstecken. Sie sind viel romantischer. Die Zigarette beinhaltet die Nostalgie, die Lust an die Vergangenheit zu gehen, um die Gegenwart zu verstehen. Streichhölzer sind schön. Immer wieder schön. Ich zünde meine Zigarette beim ersten Versuch an und ziehe heftig daran, sodass ich mich selbst in der Nacht verliere und als Teil dieses ganzen Wunders fühle. Die Sterne, der Mond, der Bach, die Häuser, meine Zigarette und ich sind die Beweise, Zeugen einer großen Art und Weise Gottes Herrschaft auf diesem blauen Planeten.

Über Bord mit den Klischees

Als ich zum zweiten Zug ansetze, sehe ich einen Nazi entgegenlaufen. Er hat zwar keine Bomba-Jacke an, keine Glatze, dafür aber ein Hitler-Bärtchen. Man könnte ihn auch für einen billigen Nachahmer Charlie Chaplins halten, aber in seinem Blick fehlt jegliche Intelligenz, solch einen Humor zu produzieren oder gar zu verstehen.

„Verpiss dich in deine Höhle, wo du gekommen bist!“, schreit er mich an mit einem Baseballschläger, den er irgendwie in der Hand hält.

„Warum?“, frage ich ihn, wieder mit einer ruhigen, lässigen Stimme und auch er versteht, dass ich damit seinen Rassismus meine.

„Weil du nicht dazugehörst!“, will er mir weißmachen.

Wie soll ich ihm erklären, dass ich vor nicht mehr einer Minute mich zu dem ganz großen Wunder zugehörig fühlte als ich meine Zigarette einsam rauchte?

„Dann schlage mich tot, wenn ich nicht dazugehöre. Du kannst deine Glückseligkeit auf meine Leiche aufbauen. Das wird dir bestimmt gut tun.“
Er rennt auf mich zu, will losschlagen, doch sein Arm bleibt stehen, genau wo der Baseballschläger vor meiner Schläfe steht. Der Bach hat sich zu einer Schlange verwandelt, ihm ins Knie gebissen, sodass die Hand des Nazis gelähmt war. Der Nazi steht da mit entsetzten Augen. Er bewegt sich nicht und fällt wie ein Baum. Die Schlange schleicht zu mir und sagt mir auf einer mir unbekannten Sprache, dass ich meinen Weg weitergehen kann. Sie wird wieder zu Wasser und fließt als Bach neben mir her.

Ich merke beim Weitergehen, dass der Wind meine Zigarette in seine eigene Lunge gezogen und nichts mehr übriggelassen hat.

Freiheit beginnt im Kopf

„Frei sein“, denke ich mir. Freiheit ist erst möglich, wenn ich nicht mehr darüber schreibe. Gerechtigkeit ist nur ein Vorwand bestimmter Menschen, ihre Rachelust an Leuten auszuüben, die sie für die eigene misere Lage verantwortlich machen. Brüderlichkeit? Ich lebe und habe es nicht jedes Mal nötig zu wiederholen, dass meine Mutter meine Mutter ist. Das Wasser fließen lassen. Die Büchse der Pandora öffnen und sehen, was das Wasser für dich vorbereitet hat. Nichts hat eine Bedeutung, kein Wort wird je den Platz eines Atems einnehmen können, den der Mensch zum Leben braucht. Wer leben, wer atmen will, muss sich frei machen von allem, damit sein eigener Fluss, zu dem er gehört, zusammen mit anderen Flüssen im großen Ozean münden kann. Man wird aufgehalten werden, beim Leben. Bei der Suche nach dem Inhalt der Pandoras Büchse, doch solange ich die Nacht als Weggenosse mit mir habe, produziere ich keine Angst gegenüber dem Endlichen, denn das Unendliche wird mich mit all seinen barmherzigen Bächen, Schatten beschützen, auch wenn der Wind ohne mein Wissen manchmal eine Zigarette von mir schnorren wird. Eine kleine Geschichte, in die ich noch andere Gegner einbauen könnte, geht zu Ende. Jeder hat seine eigenen Gegner. Jeder hat seine eigene Gasse. Jeder hat seine eigenen Himmelskörper. Jeder hat sein eigenes Ego, welches er besiegen muss. Jeder Mensch ist schlecht, jeder Mensch ist gut. Jeder Mensch hat die Brutalität des Isis-Kämpfers in sich, jeder Mensch den Rassismus des Nazis in seinem Verstand. Jeder Mensch ist halt Mensch und ab einem bestimmten Zeitpunkt ist es gleichgültig, ob die Menschen gut oder schlecht sind. Es geht einfach um das Leben. Zu atmen ohne zu vergessen, den Geruch des Wassers zu inhalieren. Ohne sich mit dem Tumult zu befassen, der uns nur weitere Gegner produziert, ob in oder außer uns. Eine kleine Spätsommergeschichte geht zu Ende, denn der Herbst beginnt mit all seiner Schönheit, in dem wir wieder Zeugen, Mitspieler eines neuen Wunders sind.

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Jahrgang 1987, Student der Soziologie und der islamischen Religionswissenschaft.

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