Für PEGIDA, gegen PEGIDA oder weder/noch?

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Bildquelle: Caruso Pinguin | CC BY-NC 2.0 | 01.12.2014 PEGIDA und Gegendemo Rassismus Demaskieren in Dresden

In den sozialen Netzwerken ist es ein bisschen so wie in der verblichenen DDR. Nicht nur, dass man bes-tens gescannt wird – die STASI wäre über so viele (freiwillig gegebene) Informationen dankbar gewesen. Die Devise „Sag mir, wo Du stehst“ könnte ebenso über Facebook & Co stehen. Für oder gegen das Welthandelsabkommen? Für oder gegen Fracking oder Helene Fischer? Für oder gegen Menschen, die dafür oder dagegen sind? Da „entfreundet“ man sich ja inzwischen, wenn die Facebook-Gemeinschaft nicht mehr homogen ist. Und natürlich auch in diesen Tagen für oder gegen PEGIDA? Jene Gruppierung mit dem sperrigen Namen „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. „Sag mir, wo Du stehst und welchen Weg Du gehst?“ Entweder/oder, oder weder/noch? Weder noch. Denn ich werde mich weder zu den einen noch zu den anderen bekennen. Allein deshalb, weil mir die ständige Polarisierung gehörig auf die Nerven geht.

Warum geht PEGIDA auf die Straße?

Nein, ich glaube nicht, dass das Abendland gerettet werden muss. Schon gar nicht auf der Straße in Dresden oder anderswo. Ja, ich bin Patriot. Ja, ich bin Europäer. Aber nein, ich glaube nicht, dass Europa oder Deutschland islamisiert werden. Was soll das überhaupt bedeuten? Aus der Geschichte kennen wir den Begriff der Christianisierung. Also die Überwindung des heidnischen Glaubens unserer Vorfahren. Christentum wie Islam sind Religionen, die ihre Vorstellungen zu verbreiten suchen. Dass wir in Deutsch-land vor einem religiösen Paradigmenwechsel stehen, wäre mir allerdings nicht aufgefallen. Höchstens vor einem solchen, der die Abwesenheit des Metaphysischen zum Inhalt hat. Oder noch genauer: Den christlichen Kirchen laufen die Mitglieder weg. Insbesondere der Protestantismus stellt sich mir als reli-giös entkernt da. Deshalb interessieren sich offenbar immer weniger Menschen, die Halt im Glauben suchen, für eine Kirche, die sich nicht mehr für ihr Uranliegen zu interessieren scheint.

Keine Islamisierung in Sicht

Mit Pauschalierungen ist so eine Sache. So auch hier. Denn gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass auf der anderen Seite nicht Wenige für die Suche nach dem Glauben einiges investieren. Ich kenne gläubige Protestanten, Katholiken, aber ebenso Menschen, die einen anderen Weg für sich gefunden haben. Da-runter Muslime. Unter diesen wiederum scheint es solche zu geben, die sich bereits vom Glauben ent-fernt haben. Um es kurz zu machen: Ich kann eine Gesellschaft in Deutschland ausmachen, die sich im Umbruch befindet. Traditionelle Glaubensinstitutionen werden infrage gestellt. Die Suche nach dem Sinn des Lebens ist damit nicht gelöst und geht weiter. Aber eine Islamisierung, wie sie im Namen der PEGIDA suggeriert wird: Wo soll die stattfinden? Wenn die 17 500 Demonstranten sich für das Abendland ein-setzen wollen und ihren christlichen Glauben leben, dann wird ihnen das nicht verwehrt. Statt auf der Straße zu sein, hätte sich das zum Beispiel in Gottesdiensten vor und nach dem Weihnachtsfest manifes-tieren können.

Und keine PEGIDA-risierung

Nein, und ich glaube auch nicht, dass wir vor einer PEGIDA-risierung Angst haben müssen. In Dresden gingen 17 500 Menschen für die PEGIDA auf die Straße. In München 11 000 dagegen. Und nein, ich glaube nicht, dass sich gesellschaftliche Konflikte lösen lassen, wenn man Mauern hochzieht. Anders-denkende muss man nicht als Mischpoke bezeichnen. Man muss auch nicht, wie der Onkel Doktor, weise mit dem Kopf schütteln und sagen, man nehme die Ängste ernst. Es geht nicht um Ängste und die Besei-tigung von Krankheiten. Und es geht auch nicht darum, dass man genug dummes Zeug mitschneiden kann, wenn man sich in eine Menge von Tausenden von Demonstranten begibt. Das wird bei Schwarzen, Roten, Grünen und PEGIDAS gleichermaßen funktionieren. Was wir brauchen, ist nicht Exklusion, son-dern Integration. Die Menschen bei den PEGIDA-Demonstrationen gehen für ganz bestimmte Zielset-zungen auf die Straße. Denen kann man zustimmen, oder man kann sie ablehnen. Das Grundgesetz ga-rantiert Versammlungsfreiheit und ich habe es nie begriffen, warum man dafür auf die Straße geht, da-mit jemandem dieses Recht genommen werden soll. Ich kann für oder gegen eine Haltung, Meinung sein. Dafür sollte es in einer Demokratie Formen der Mitbeteiligung geben, um diese zu realisieren. Und hier liegt viel eher das Problem. Es wird nämlich darum gehen, Demokratie so zu gestalten, dass man sich am Ende wirklich für etwas entscheiden kann.

Mehr Demokratie wagen

Seit Willy Brandt „Mehr Demokratie wagen“ gefordert hat, ist nicht wenig Wasser den Rhein hinunter geflossen. Viel getan hat sich seitdem nicht. Im Gegenteil. Direkte Demokratie ist nicht durchgesetzt worden. Nicht einmal der Bundespräsident wird, wie etwa in Frankreich üblich, von den Bürgern ge-wählt. Die Mitbestimmung ist eher noch schmaler geworden. Die wirklich wichtigen Dinge für das staat-liche Zusammenleben werden in Brüssel ohne Gewaltenteilung und ohne Zutun des Souveräns ausge-kungelt. Hierarchien im Beruf und Schule oder Universität gibt es wie eh und je. Nur sind QMS-Systeme und enge bürokratische Vorgaben den willkürlichen personalen Abhängigkeiten gefolgt. Und nicht ein-mal dort, wo in einer parlamentarischen Demokratie Streit hingehört, findet welcher statt: in den Parla-menten. Die Politiker haben allgemeine und austauschbare Botschaften und in den Parteien spricht man, wie das Volker Pispers einmal festgehalten hat, von einer Kampfkandidatur, wenn mehr als einer antrete. Alles andere wird offenbar als Demokratie empfunden. Es regiert der Konsens statt Meinungsvielfalt.

Für eine offene Gesellschaft

In Ermangelung von klar akzentuierten Wahlbotschaften und Konzepten für die Zukunft in den elemen-taren Fragen gibt es die Entwicklung extremer Politikansätze. Auch politische Vakuen folgen den physika-lischen Gesetzen und werden gefüllt. Das Ergebnis sind u.a. PEGIDA, islamfeindliche Gruppen wie die um PI-News oder religiöse Radikalismen, die einander brauchen. Obwohl sie einander nach außen hin be-kämpfen. Schließlich beteiligen sich die Medien an den Scheinkämpfen und rücken diese in den Fokus statt die Lebensfragen: Altersarmut, Arbeitslosigkeit, Bildung etc. Von welchen Werten unsere Gesell-schaft bestimmt sein, welchen Kurs sie nehmen soll? Fehlanzeige. Da regiert das Wörtchen „alternativ-los“. Statt sich also in für PEGIDA oder Gegen-PEGIDA einzuordnen, möchte ich lieber eine Diskussion Pro-Zukunft führen. Mit allen gesellschaftlichen Gruppen. Ohne Angst, Mauerbau und Ausgrenzung. Weder radikale Islamismen noch radikale Islam-Hasser werden den Weg vorgeben in einer offenen Ge-sellschaft.

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About Author

Andreas Molau

Ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Deutsch, Geschichte und Politik in Göttingen und war acht Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule. Als Publizist und Politiker arbeitete er viele Jahre im extrem rechten Milieu. Im Juli 2012 stieg er aus dieser Szene aus. Seitdem engagiert sich Molau in Sachen Extremismusprävention bei Seminaren, Vorträgen und in Aufsätzen. Heute ist er selbstständig für das Textbüro dat medienhus tätig.

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