Gegenseitige „Toleranz und Akzeptanz“

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Dr. des. ERCAN KARAKOYUN ist Vorstandsvorsitzender des Forum für Interkulturellen Dialog e.V. (www.dialog-berlin.de). In unserem Interview macht Karakoyun die Schwierigkeiten der Integration der Türken deutlich. Dies sei nur durch gegenseitige „Toleranz und Akzeptanz“ möglich.

Herr Karakoyun, was glauben Sie, sind die wesentlichen Ursachen der Integrationsprobleme von türkischen Migranten in Deutschland?

In den amtlichen Dokumenten wird dieser nunmehr knapp 60 Jahre andauernde Vorgang in der Anfangszeit mit dem Begriff „Gastarbeiter“ umschrieben, wodurch der vorübergehende Aufenthalt betont wurde. Der rechtliche Begriff „Ausländer“ dagegen wies auf die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes hin. In den letzten Jahren setzte sich die Verwendung des Begriffs „Migrant“ durch, der je nach Ausgangs- und Zielland als „Emigrant“ oder „Immigrant“ verwendet werden konnte. Der Ausdruck „Migrant“ hat inzwischen eine weite Verbreitung gefunden. Darunter fallen auch Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft.

Statistisch steht fest, dass die türkischen Migranten nach den Deutschen die größte ethnische Gruppe des Landes darstellen. Jeder zweite der aus den klassischen Arbeitnehmerentsendeländern (Italien, Griechenland, Jugoslawien, Spanien etc.) aufgenommenen Migranten ist türkischer Abstammung.

Entscheidungsträger in Deutschland haben vor der Realität der Migration und ihren Folgen lange ihre Augen verschlossen. Das Entwerfen einer sozialen und wirtschaftlichen Integrationspolitik hat nicht stattgefunden. Die als Alternative in einem engen Rahmen vorgenommenen rechtlichen Verbesserungen blieben begrenzt. Diese rechtlichen Fortschritte haben allerdings in einer von den Entscheidungsträgern nicht vorausgesehenen Art und Weise bewirkt, dass türkische Migranten sich langsam einer Integration annäherten, so dass sich daraus die Notwendigkeit ergab, weitere Schritte zu vollziehen. Dies betrifft z.B. die o.g. Begrifflichkeiten.

Auf die Frage, was die Hauptursachen sind, kann es keine pauschale Antwort geben. In vielen Fällen gibt es keine Schwierigkeiten im Zusammenleben der Menschen, wobei ich zugleich erwähnen möchte, dass es schwierig ist von „den“ Deutschen und „den“ Türken zu reden, schließlich gibt es auch innerhalb dieser Gruppen große Differenzen. Wenn wir das zur Kenntnis nehmen, ist es auch einfacher, über die vorhandenen Problembereiche zu sprechen. Diese haben etwas zu tun mit der hohen Arbeitslosigkeit, der Bildungssituation, patriarchalischen Rollenbildern, wechselseitigen Vorurteilen und dass gerade in unseren Städten sich die Lebenswelten der Menschen leider zu selten überschneiden.

Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptgrund der schlechten Integrationsfähigkeit der Türken (im Hinblick auf die neue Integrationsstudie). Weswegen, meinen Sie, nehmen die Türken in der aktuellen Integrationsstudie nur den letzten platz ein?

Ich zweifle sehr an der Aussagekraft dieser Studie. Sie übersieht die Entwicklungen der letzten Jahre. Die Struktur der türkischen Bevölkerung in Deutschland hat sich in den Jahren seit der Schließung der deutsch-türkischen Verträge über die Aufnahme von Arbeitern bis heute in tief greifender Weise verändert. Die tür-kische Bevölkerung setzt sich in ihrer allgemeinen Form nun nicht mehr nur aus Männern zusammen, sondern aus Familien mit ihren in Deutschland geborenen Kindern. Die türkischen Migranten weisen im Allgemeinen und verglichen mit den anderen Migrantengruppen ein jüngeres Durchschnittsalter und eine längere Verweildauer auf. Das durchschnittliche Alter der Türken beträgt 35, ihre durchschnittliche Verweildauer 20 Jahre. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass neugeborene türkische Kinder direkt deutsche Staatsbürger sind und deswegen in die Statistiken nicht eingehen. Neben der Verweildauer weisen auch die Geburtsstatistiken darauf hin, dass die türkischen Migranten ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden sind. Heute sind 1.000.000 türkischstämmige Migranten in Deutschland geboren und aufgewachsen.

Ein weiteres Beispiel für den Willen zur Niederlassung und zur Besserung der Situation ist die steigende Zahl der türkisch-deutschen Eheschließungen. Von 1960-2004 wurden zwischen Türken und Deutschen ca. 110.000 Ehen geschlossen, aus denen insgesamt 130.000 Kinder her-vorgingen.

Ein wichtiger Faktor, der den sozialen Wandel der türkischen Migranten beeinflusst hat, ist der schnelle Wandel auf wirtschaftlichem Gebiet in den 90er Jahren. Das wirtschaftliche Verhalten, das sich in den ersten Jahren der Migration in erster Linie auf das Sparen konzentrierte, damit das Ersparte in der Türkei in nutzbringender Art angelegt werden konnten, hat sich parallel zu einer Änderung in den Familienstrukturen auf den Konsum ausgerichtet.

Ein weiteres Anzeichen für eine dauerhafte Niederlassung in Deutschland ist das gestiegene Interesse am Erwerb von Grundbesitz.

Das Unternehmertum ist unter den Türken in Deutschland seit vielen Jahren zu einer Lebensform geworden, die sich rasch weiterentwickelt hat. Türkische Unternehmer haben sich in fast allen Sektoren etabliert und sich neben einer Beschäftigung mit klassischen Bereichen auch modernen Wirtschaftszweigen zugewandt.

Während heutzutage auf der einen Seite die türkischstämmigen Migranten in allen Bereichen der Gesellschaft Fuß gefasst haben (freiberufliche Tätigkeiten, Akademiker, Politiker, öffentlicher und privater Sektor etc.), lassen sich auf der anderen Seite Arbeitslosigkeit und Misserfolge in der Ausbildung nachweisen. Die Rechnung für die Arbeitslosigkeit in Deutschland wird in der Mehrzahl aller Fälle von den türkischen Migranten beglichen. 31% der türkischstämmigen Bevölkerung kämpft mit der Arbeitslosigkeit.

Was denken sie, als der Vorsitzender der FID Berlin, sind die Lösungen für eine bessere Integration und was unternimmt ihr Verein für die Integration der Türken in Deutschland?

Spätestens seit Anfang der 90er Jahre ist das Zusammenleben von Migranten und der deutschen Aufnahmegesellschaft wieder ins öffentliche Interesse gerückt. Damit stehen die unterschiedlichen Formen der Einglie-derung von Migranten in Deutschland wieder zur Debatte. Verließ man sich bisher auf ein kontinuierlich sich verbesserndes oder zumindest wechselseitig unproble-matisches Zusammenleben zwischen Gruppen unterschiedlicher Herkunft und lieb-äugelte vielleicht sogar mit einer multi-kulturellen Gesellschaft, so weisen die letz-ten Entwicklungen darauf hin, dass es mit dem Zusammenwachsen offenbar nicht so einfach ist. Vor diesem Hintergrund disku-tiert FID BERLIN e.V. mit Multiplikatoren über Politik, Wirtschaft, Kultur, Kunst, Religion u.v.m. Dazu laden wir hochkarätige Experten ein, mit denen wir zentrale Themen unserer Gesellschaft analysieren und diskutieren.

Die Unkenntnis des Anderen ist meiner Meinung nach einer der Hauptgründe für die Polarisierung der Gesellschaft. Jeder Mensch sollte in einer demokratischen Gesellschaft in seiner Eigenart akzeptiert werden. Doch wie soll man jemanden akzeptieren den man nicht kennt? Das gegenseitige Kennenlernen ist daher von enormer Bedeutung. Dies funktioniert am besten durch interkulturelle Dialoge und Veranstaltungen. Der Art des Dialoges sind dabei keinerlei Grenzen gesetzt. Er kann im Sport, in der Freizeit, am Arbeitsplatz genauso stattfinden wie in der Schule, im Kindergarten oder ganz einfach im Gespräch mit dem Nachbarn. Ich glaube, dass dabei die individuelle Dialog- und Aufnahmebereitschaft der Dialogpartner von entscheidender Bedeutung sind; denn das Individuum kann immer nur die Kultur vertreten, in der es lebt und von der es überzeugt und geprägt ist. Im Vordergrund bei allen Dialogen sollten Toleranz, Akzeptanz und Verständnis stehen.

Forum für Interkulturellen Dialog e.V. (FID e.V.) www.dialog-berlin.de

Das Interview führte Fatih Cicek.


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About Author

Studiert Wirtschaftswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Derzeit engagiert er sich an verschiedenen Projekten und Institutionen. Dazu gehören politische Hochschularbeit oder auch ehrenamtliches Engagement in diversen Netzwerken und NROs. Er schreibt als freier Autor für verschiedene Publikationen.

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  1. Ihr Kommentar enthielt externe Links, die mit dem obigen Artikel weniger zu tun hatten. Desweiteren hatte Ihr Kommentar keine Relevanz zum obigen Artikel. D. Red.

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