Holocaust: Die Verantwortung tragen, aber wie?

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Ich erinnere mich genau an die Atmosphäre im Geschichtsunterricht, als es um den Holocaust ging. Alle sind still, es herrscht große Anspannung im Raum, kaum jemand traut sich etwas zu fragen. Weder Verständnisfragen, noch kritische Fragen werden gestellt.

Die Angst, nicht die treffenden Worte zu finden und sich eventuell politisch unkorrekt auszudrücken, ist einfach zu groß.

Wir hören alle gespannt zu und es fallen unzählige Male die Sätze: „Das war unglaublich schlimm. Eine Schandtat in der deutschen Geschichte. So etwas Schreckliches darf nie wieder passieren.“ Dass so etwas Schreckliches nicht nur nie wieder in Deutschland, sondern nirgendwo auf der Welt passieren darf, ist uns durch die Erzählungen im Unterricht klar geworden.

Die Schulklingel hatte sich in meinen Ohren nie so befreiend angehört, wie nach diesen Geschichtsstunden. Auch danach haben wir nie wieder mit MitschülerInnen darüber geredet.

Der Verantwortung bewusst werden

Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte war und ist immer noch unangenehm.
Dieses Gefühl weckt in diesem Alter bei jungen Menschen den Eindruck, man wolle ihnen eine Last auf die Schultern legen, anstatt ihnen ihre Verantwortung bewusst zu machen.
Dieses unangenehme Gefühl in uns möchte, dass wir das Kapitel schnell zuschlagen und wieder vergessen. Genau das darf jedoch nicht geschehen. Gerade wir müssen darauf vorbereitet werden, offen, richtig informiert und selbstbewusst über die Geschichte in Deutschland reden zu können.

Die neue Generation muss in der Lage und willig sein, dafür einzustehen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Allerdings wünsche ich mir, dass mir irgendjemand mehr verdeutlicht hätte, wie es zu solch einer Schandtat kommen kann, anstatt mir ständig das Resultat vor Augen zu führen.

Es muss jungen Menschen stärker beigebracht werden, wie das Dritte Reich überhaupt entstehen konnte und vor allem wie einfach so etwas in Zeiten von Unzufriedenheit geht. Ich hätte mir mehr gedankliche Experimente im Unterricht gewünscht, die uns auf erschreckende Weise gezeigt hätten, wie leicht manipulierbar wir sind, wenn wir nicht selbstständig weiterdenken. Ich wünschte, dass mich damals mein Lehrer im Geschichtsunterricht gefragt hätte, wie ich mich fühle und welche Fragen ich mir selbst stelle. Dass jeder im Klassenraum seine Gedanken laut ausgesprochen hätte, nachdem er nun unsere Geschichte kannte.

Stattdessen wurden wir mit diesem Kloß im Hals stehen gelassen. Keiner hat uns jemals wieder versucht zu zeigen, wie wir in Bezug auf unsere Geschichte kommunizieren können.

„Zeugen von Zeugen werden“

Dabei fordert Bundestagspräsident Norbert Lammert unsere Generation dazu auf „Zeugen von Zeugen“ zu werden, indem wir den Überlebenden zuhören, ihre Geschichten nachvollziehen und weitertragen können. Warum das von enormer Bedeutung ist? Ganz einfach, denn sie sind nicht nur die einzigen Überlebenden dieser Gräueltaten, sondern vor allem die Einzigen, die unsere Geschichte selbstbewusst und wahrhaftig kommunizieren. Von Ihnen können wir lernen, wie wir über solch schreckliche Ereignisse reden können. Sie sind es, die uns den Mut machen können, dass wir alles besser machen werden und was wir dafür tun müssen.

Diese Kommunikationsunfähigkeit lähmt uns alle!

An dieser Stelle will auch ich Folgendes gestehen: Ich habe Angst davor, meinen „altdeutschen Kommilitonen“ über seine Eindrücke aus dem Nazideutschland zu fragen. Ich hab Angst davor, ihn zu fragen, was ihm sein Opa aus dem Dritten Reich erzählt hat und wie der das empfunden und erlebt hat. Ich habe Angst davor, ihn durch meine Fragen zu belasten, weil ich denke, dass er damit nicht konfrontiert werden will. Ich habe Angst, dass er durch meine Fragen den Anschein bekommt, ich würde ihn für irgendetwas verantwortlich machen wollen.

Er hat auch Angst. Er hat Angst davor, sich kritisch zu Themen mit Einwanderern oder Missständen in unserer Gesellschaft zu äußern. Er hat Angst davor, dass er nicht die richtigen Worte findet, wenn er etwas über fremde Kulturen, die unser buntes Deutschland heute prägen, wissen will oder eine kritische Frage stellt. Er hat Angst davor, sich zu bestimmten Themen zu äußern, weil er Angst davor hat, dass wir ihm den Nazistempel aufdrücken.

Diese Angst vor Konfrontation und die Unfähigkeit über unsere schrecklichen historischen Ereignisse reden zu können, ist gefährlich. Denn genau diese Angst drängt uns wieder in den historischen Teufelskreis.

Während wir vor lauter Angst in unseren Ecken leben, trinkt der Falsche aus dem Kelch der Helden und spricht all unsere Gedanken aus. Gedanken, die ein hohes Fehlerpotenzial tragen können. Dass jeder von uns mit seinen Gedanken falsch liegen könnte, merken wir nämlich erst im Rahmen einer gesunden Kommunikation. Wie oft kamen wir zur Erkenntnis, dass unsere Gedanken doch nicht so ganz richtig waren, nachdem wir uns mit einem Freund, der eine andere Sichtweise vertritt, austauschten?

Wenn sich aber Tausende von Menschen mit diesem einen solidarisieren, dann sinkt auch die Einsichtsfähigkeit, dass der Gedanke falsch sein könnte.

Die Vergangenheit akzeptieren

Ein weiser Mann sagte einst zu mir: „Wir können die Gegenwart und die Zukunft nur verändern, wenn wir unsere Vergangenheit kennen, annehmen und akzeptieren.“
Deswegen lasst uns über alles gemeinsam reden können, denn nur so können wir die Zukunft ge-meinsam gestalten.

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About Author

Jahrgang 1992, Studentin der Rechtswissenschaften an der Universität Mannheim, ehemalige Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung, mündige und selbstbewusste Deutsch-Türkin.

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