Ich geh doch nicht für immer (DIB-Fortsetzungsroman Teil VII)

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Als ich morgens aufwachte, die Augen noch zugepresst, hatte ich einen Druck auf meinem Gesicht und mein Mund war zugedrückt. Ich geriet in Panik! Wollte mich jemand im Schlaf umbringen und hatte vergessen, den Gegenstand zu beseitigen, als er scheiterte? Gänsehaut bildete sich auf meinen unbedeckten Armen.

Erschrocken fuhr ich auf und hörte einen Gegenstand laut auf den Boden knallen. Ich schaute hinunter und musste feststellen, dass es das Buch war, das auf meinem Gesicht lag. Mit neunhundert Seiten wiegte es schon einiges. Ich musste über mich selbst und meine unbegründete Angst lachen.

Langsam richtete ich mich auf, zog meinen Jogginganzug an und stolperte mit halb geschlossenen Augen hinunter in die Küche. Unsere Küche war nicht besonders groß. Die hölzerne Kücheneinrichtung hatte den ganzen Raum eingenommen. Meine Mutter bereitete bereits mein Lieblingsfrühstück zu, Spiegelei mit Spinat, ein Toast und als krönenden Abschluss Waffeln mit Vanilleeis und frischen Erdbeeren. Ziemlich kalorienreich für ein Frühstück, aber dies war mein letzter ganzer Tag in Wibaux und da schadeten ein paar Extrakalorien nicht.

„Morgen, Mum! Das riecht aber lecker. Hmmm!“ sagte ich, während ich mich neben ihr zum Herd gesellte und die Augen beim Beschnüffeln verschloss. Sie lächelte zufrieden, legte mir ihre rechte Hand auf die Wange und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

„Ich möchte, dass du uns gut in Erinnerung behältst.“ Ihre Augen wurden nass und eine Träne lief über ihre Wange. Um es zu verbergen, drehte sie sich hastig um. Doch ganz schaffte sie es nicht, denn ich hielt sie fest und drehte sie zu mir, sodass sie mich anschauen musste.

„Mum, ich geh doch nicht für immer weg. Wir werden uns doch sehen und ihr werdet mich besuchen kommen. In den Ferien komm ich nach Hause“, tröstete ich sie.

„Ich weiß, Schätzchen! Es fällt mir nur so schwer, dich gehen zu lassen. Du bist nun erwachsen und gehst eigene Wege. Gestern warst du noch ein kleines Mädchen.“ Ihre Tränen nahmen bereits freien Lauf.

Oh je…

Ich merkte gar nicht, dass meine Wangen ebenfalls nass waren.

Mein Vater kam zum rechten Moment rein und verstand die Szene sofort, aber er überspielte es, um nicht noch mehr Gefühle zu entfachen.

Das letzte gemeinsame Frühstück für längere Zeit

„Was gibt’s zum Frühstück?“, fragte er ablenkend und schaute meiner Mutter neugierig über die Schulter auf den Herd. „Ah, Emilys Lieblingsfrühstück. Schon klar.“ Er zwinkerte mir zu und nahm dann uns beide in die Arme.

„Na, ihr beiden. Das werden wir doch überstehen, oder? Kein Grund, Tränen zu vergießen. Also ehrlich, ich dachte, ich lebe hier mit zwei starken Frauen zusammen. Anscheinend habe ich mich getäuscht.“ Er runzelte die Stirn, schob die Lippen vor und wartete auf unsere Gegenargumente. Doch es blieb still und er gab auf.

Der Tisch war schon gedeckt, wir brauchten nur noch das Essen zu servieren. Meine Mutter bestand darauf, alles selbst herzurichten. Also ließen wir sie es tun und nahmen unseren Platz am kleinen Holztisch am Fenster ein.

Das Essen ließ nicht lange auf sich warten. Mit einem breiten Lächeln servierte sie es und nahm dann ebenfalls Platz.

„Also lasst es euch schmecken“, sagte sie und forderte uns mit einer Handbewegung auf, uns zu bedienen. Ich füllte meinen Teller mit Spiegelei und machte mich darüber her. Heute schien es besonders gut zu schmecken. Vielleicht, weil mir klar war, dass ich mein Lieblingsfrühstück so nicht so bald wieder essen würde.

Ich beschloss, die Stimmung etwas aufzulockern und fragte: „Also, Mum, wie hast du gestern reagiert?“

Sobald ich die Worte ausgesprochen hatte, bereute ich es schon wieder. Was, wenn meine Mutter nicht wie mein Vater reagiert hatte und das Thema vermeiden wollte? Oder mich damit kurz vor der Abreise nicht aufregen wollte? Doch jetzt war es so oder so zu spät.

Sie kaute ihren Bissen schnell zu Ende, um mir antworten zu können.

Ein Rückblick auf die Probleme, die hinter uns liegen

„Ach das“, sagte sie erstaunt. „Nun, ich bin der gleichen Meinung wie dein Vater. Ich hatte natürlich nicht erwartet, dass er so einer ist, aber wenn du es sagst, dann glaube ich dir und akzeptiere deine Entscheidung. Du sollst freie Wahl haben und dich nicht zu etwas verpflichtet fühlen, nur weil die Browns unsere guten Freunde sind. Ich bin mir sicher, du wirst die zu dir passende Hälfte früher oder später finden. Jemanden, den du aufrichtig liebst und von dem du überzeugt bist, mit ihm den Rest deines Lebens zu verbringen, so wie dein Vater und ich.“ Sie lächelte ihn liebevoll an und streichelte seine Wange.

Oh ja, jemanden aufrichtig lieben für den Rest meines Lebens. Sicher! Wie sollte das gehen, bitte schön, wenn die Liebe gar nicht real war? Aber das behielt ich lieber für mich. Stattdessen lächelte ich sie verlegen an und sagte: „Wir werden sehen. Ich hab’s nicht eilig.“ Ich nahm einen weiteren Bissen vom Spiegelei. Beide lachten herzhaft über meine Bemerkung und waren nur zu froh über den Satz „Ich hab’s nicht eilig“…

„Ach, Emily, hast du denn schon eine Lösung für dein Problem gefunden?“ fragte mich mein Vater, lachte ein schiefes Lächeln und zeigte mit seinen Augen in Richtung Zimmer. Mit meinem Problem meinte er den Schrank. Ich machte einen gequälten Gesichtsausdruck und seufzte beim Kauen.

„Ich bin ratlos. Ich hab überlegt, den Rest später zu holen, aber falls ich was dringend brauchen sollte, bin ich aufgeschmissen.“

„Frauen und ihre Angewohnheiten. Ich denke, wenn du ein paar Pullover weniger hast, wirst du es überleben.“

„Überleben schon, aber ich müsste dann zum Psychotherapeuten, um meine Depressionen loszuwerden“, sagte ich spöttisch.

So übertrieben war es auch wieder nicht. Es hielt sich einigermaßen in Grenzen. Schließlich hatte ich seit ganzen zwei Monaten nicht mehr eingekauft. In gewisser Weise war das beinahe ein Weltrekord für mich. Ich hatte Glück, als Aushilfe in der Firma, wo mein Vater angestellt war, gelegentlich arbeiten zu können.

Wir lachten noch ein wenig über meine Sucht für Klamotten und räumten dann gemeinsam den Tisch ab.

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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