Ich kann Gott danken, hier in Deutschland zu sein

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Wenn ich mal anfange, mich mit einem Thema zu beschäftigen, das mich brennend interessiert, dann klebe ich daran wie eingetrockneter Sekundenkleber an den Fingerspitzen, bis alle Fragen, die mir im Kopf schweben, beantwortet wurden. So ist es auch mit dem Land Palästina, dem Volk selbst, und auch der Mentalität der Menschen.

Dadurch kam ich auf die Idee, den palästinensischen Sänger und Entertainer Issam Bayan zu interviewen, auf welchen ich durch einen banalen Klick auf Facebook gestoßen bin.

Issam Bayan besuchte mit vier Jahren die Schule des Islamischen Kulturvereins in Bochum und lernte über Jahre hinweg, um die arabische Sprache zu beherrschen sowie die Religion an sich, den Islam. Während er bereits auf vielen kleinen Veranstaltungen gesungen hatte, nahm er – nach einem Angebot eines syrischen Freundes – an einem Tajweed-Kurs (Quran-Rezitation) teil. Das Singen hat er dabei nicht vernachlässigt und singt bis heute auf vielen Veranstaltungen mit seiner Band Al-Bayan.

Fühlst Du Dich als Deutscher oder Palästinenser und warum?

Ich fühle mich mehr deutsch, weil ich hier geboren bin und hier lebe. Trotzdem fühle ich mich emotional sehr gebunden an mein Heimatland. Nicht nur wegen meiner Wurzeln, sondern auch wegen der Religion.

Wo fühlst Du Dich zu Hause?

Früher habe ich Deutschland als meine absolute Heimat gesehen. Mittlerweile nicht mehr. Ich möchte lieber in einem Land leben, wo die Menschen einfach gestrickt sind und mehr Warmherzigkeit und Lässigkeit im Alltag ausleben. Es sind große Unterschiede zwischen Deutschland und z. B. der Türkei oder auch Palästina. Nach meinem Empfinden sind die Menschen insbesondere im Gazastreifen besonders warmherzig und das ist das, was mir fehlt. Wir laufen in Deutschland nur den „Träumen“ wie Geld, Haus usw. hinterher. Grob gesagt den weltlichen Dingen. Das ist einfach das System hier, was die Menschen dazu treibt, so zu leben. Im Gegensatz dazu möchte ich für mich das Leben an sich auskosten. Da zählen für mich persönlich andere Werte. Es sind die kleinen alltäglichen Dinge im Leben, die das Leben erst lebenswert machen.

Inwieweit lebt Deine Familie die Tradition aus? Brichst Du mit der Tradition?

Es kommt darauf an mit wem man gerade zu tun hat. Habe ich gerade mit meinen deutschen Kollegen zu tun, so verhalte ich mich entsprechend, genauso im Umgang mit Arabern ist man dann natürlich eher „arabisch“. Feingefühl ist angesagt.

Liebst Du die palästinensische Küche? Welches Gericht besonders?

Wir essen viel palästinensisch. Zum Frühstück wird gerne Thymian, Olivenöl (Das Olivenöl aus Palästina ist für mich das Beste), Oliven, Hummus oder Foul (Saubohnen oder Kichererbsen in Sesamsoße) gegessen.

Maqluba, Knäfa (türk. Künefe) sind ein paar meiner Lieblingsgerichte. Knäfa kommt eigentlich ursprünglich aus dem arabischen Raum, besonders in Jordanien ist es sehr verbreitet. Dort gibt es sehr viele Restaurants, die sich ausschließlich darauf spezialisieren. Knäfa findet man dort an jeder Ecke, wie z. B. Döner hier in Deutschland. Oder auch Mansaf (Yoghurt mit Reis, Fleisch, unter dem Reis ist Brot oder auch mit Pistazien, manchmal mit Kartoffel oder auch mit Blumenkohl).

Zur deutschen Küche: definitiv Pommes, aber sind Pommes wirklich Deutsch? Pommes gibt es ja eigentlich überall. 🙂

Ich esse überwiegend orientalisch, sei es marokkanisch, türkisch oder auch tunesisch.

Wie definierst Du für Dich Integration? Empfindest Du Dich als integriert?

Da beziehe ich mich auf Erdoğan: Integrieren „ja“, assimilieren „nein“.

Das Wort Integration wird oft missverstanden. Man muss nicht seine Wurzeln oder auch Religion vergessen, um in Deutschland leben zu können. Menschen verschiedener Herkünfte und Glaubensrichtungen sollten miteinander friedvoll leben und voneinander lernen können. Unter den Bedingungen einer Assimilierung lernt man die Andersartigkeit, die schönen Farben der verschieden Kulturen nicht kennen. Deutsche Identität habe ich ja schon, da ich in Deutschland geboren bin. Man kommt sich manchmal fremd vor, weil die Gesellschaft einen dazu zwingt, das zu tun, was sie von ihm erwarten. Die Andersartigkeit sollte akzeptiert werden, ob es jetzt eine Mütze, ein Kopftuch oder ein Bart ist.

Es ist aber eher die Politik und die Medien, die die deutsche Bevölkerung beeinflussen, sodass die Andersartigkeit nicht akzeptiert wird und nicht die Menschen. Das Ziel sollte doch sein, das Zusammenleben aller Menschen und die Vielfalt dieser in Deutschland zu integrieren. Das kann nur von Vorteil sein voneinander zu lernen und die verschiedenen Kulturen in die eigene Kultur mit zu integrieren. Natürlich kann man nicht alles mitaufnehmen, aber ein Teil wäre schon wünschenswert. So gesehen dürfte ich dann nicht mal Arabisch sprechen in der Öffentlichkeit. Allerdings muss ich hinzufügen, wenn ich mit einem Kollegen draußen unterwegs bin und wir beide die deutsche Sprache beherrschen, sollten wir diese auch sprechen, allein aus Respekt unseren Mitmenschen gegenüber, damit der Dritte, der das Gespräch mitbekommt, nicht traurig wird und nicht das Gefühl bekommt, dass gerade über ihn gesprochen wird. Das ist auch die Lehre des Islams. Alles andere wäre rücksichtslos.

Ich bin der Meinung, dass unsere Generation (damit sind unsere deutschen Mitmenschen gemeint) unsere Andersartigkeit besser versteht, da sie mit uns aufwachsen. Früher hatten die Menschen nicht so viele Berührungspunkte mit anderen Kulturen. Heutzutage hat jeder Deutsche einen muslimischen Freund oder Bekannten und deshalb ist die Möglichkeit geboten, sich auszutauschen. Die Erziehung und die Haltung der Eltern spielen natürlich auch eine große Rolle. Es kommt darauf an, wie die Werte einem Kind übermittelt wurden oder werden. Wenn die Eltern dem Kind von vornherein beibringen, andere Nationalitäten, Kulturen und Herkünfte zu respektieren und akzeptieren, dann wird das Kind es mit großer Wahrscheinlichkeit auch tun. Andersherum genauso. Das sollte man aber nicht pauschalisieren. Es sind viele Aspekte, die mit in die Denkweise jedes einzelnen mit einfließen. Das ist für mich Integration.

Inwieweit ist die palästinensische Bevölkerung in Deutschland integriert? Was ist Dein Empfinden? Kannst Du das beurteilen?

Die Palästinenser sind sehr palästinensisch und patriotisch. Allerdings sind viele eher deutsch als palästinensisch, auch wenn sie nicht hier geboren sind. Ich bekomme das Gefühl vermittelt, dass viele Palästinenser in Deutschland den Islam nicht praktizieren. Sie sind sehr kultiviert, wissen von der palästinensischen Kultur sehr viel, teilweise auch mehr als ich. Ich bin da auch etwas gespalten, weil meine Familie aus Jordanien kommt, deshalb bin ich auch nie wirklich in Palästina gewesen, sondern in Jordanien. Es gibt sehr viele Leute, die nicht aus Palästina kommen, sondern aus Jordanien, Syrien und Libanon. Sie beherrschen noch die Sprache und kennen sich sehr gut in der palästinensischen Küche aus. Ich nehme auch an, dass viele sich assimiliert haben. Leider. In Palästina ist die Mehrheit sehr religiös. Im Endeffekt kann ich das so konkret nicht beurteilen, denn was in den Herzen ist, weiß nur Gott.

Wie vereinbarst Du Deine islamische Lebensweise mit Deutschland? Hast Du da Schwierigkeiten im Alltag?

Nein, überhaupt nicht. Man muss mit Dingen im Alltag locker umgehen und diese nicht erschweren. Einfach so sein wie man ist, dann wird man auch akzeptiert und respektiert. Andersherum gilt das natürlich genauso.

Hattest Du negative rassistische Erfahrungen gemacht? Oder auch positive Erfahrungen auf Deine Herkunft bzw. Religion bezogen?

Ich habe in der Schule einfach aus Spaß meine muslimischen Mitschüler mit dem islamischen Friedensgruß „As-salamu-alaikum“ begrüßt. Mit der Zeit kamen sogar die Lehrer und teilweise auch die deutschen Schüler auf mich zu und haben mich auch mit „As-salamu-alaikum“ begrüßt. Man wünscht ja so gesehen allen Menschen den Frieden, nicht nur den Muslimen unter sich 🙂

Früher wurde ich auch als „Bombenleger“ oder „Steinewerfer“ beschimpft, wenn die Leute mitgekriegt haben, dass ich aus Palästina kam. Wir machen unter Muslimen auch solche Späße. Allerdings kann man es manchmal zweideutig verstehen. Es muss nicht immer negativ sein, aber auch nicht immer positiv. Man sollte über solchen negativen Bemerkungen einfach drüberstehen.

Das Lied „Wallah Mansina“ handelt über Palästina. Kannst Du kurz etwas zum Inhalt sagen?

Wallah Mansina ist ein Trostlied für die Menschen in Palästina.

Sie sollen nicht weinen und nicht traurig sein. Es soll sie ein wenig aufmuntern und ihnen Geduld geben.

Insbesondere ist es den Müttern gewidmet, die ihre Kinder in den Krieg schicken mussten und teilweise auch wussten, dass diese nicht wieder heimkehren werden.

Es wird sogar eine öffentliche Zeremonie für diese jungen Männer veranstaltet, wenn sie verabschiedet werden. Darunter sind auch 18- oder 19-jährige.

Kleinere Gefechte sind heute immer noch in Palästina vorhanden, allerdings wird darüber nicht mehr berichtet. In den letzten Tagen sind wieder einige unschuldige Bürger getötet worden.

Hast Du Familie in Palästina? Wo leben sie und wie geht es ihnen momentan?

In Palästina habe ich persönlich keine Cousinen und Cousins. Mein Vater ist in Dura geboren. Er hat dort noch Cousins und Cousinen sowie Onkels und Tanten. Denen geht es gut, alhamdulillah. Sie kommen allerdings nicht leicht an Medikamente oder ärztliche Behandlung ran. Sie müssen lange warten. Allein, um die Al-Aqsa Moschee zu besuchen,  benötigen sie eine spezielle Genehmigung, eine Art Visum, da die Moschee auf israelischer Seite ist. Es dauert allerdings lange, bis man diese Genehmigung erhält. Es ist einfach eine Unterdrückung des Volkes. Ihnen geht es gut, aber die Umstände könnten besser sein.

In Gaza hat mein Schwager Verwandte. Sie leben in dem anliegenden Viertel von Schujayea, wo das Massaker stattgefunden hat. In diesem Gebiet wurden, wenn ich mich nicht täusche, knapp 12 000 Häuser zerstört. Es waren alles Familienhäuser, in denen mehrere Familien gewohnt haben. So kann man sich ungefähr vorstellen, wie viele nun auf der Straße hausieren.  Der Cousin seines Vaters und dessen Sohn wurden vor zwei Monaten getötet. Mögen sie in Frieden ruhen. Die Häuser der Verwandten meines Schwagers wurden komplett zerstört.

Wie ist Deine Einstellung zu anderen arabischen/muslimischen Ländern in Bezug auf Palästina (politisch/persönlich)?

Sehr gut. Viele sind von Palästina fasziniert und man wird oft von den Menschen wie ein König behandelt. Das habe ich hautnah miterleben dürfen, z. B. dieses Jahr in Marokko. Ich finde es schön, dass so viele Menschen hinter den Palästinensern stehen. Sie wissen was Unrecht und Recht ist.

Ich habe Meinungen gehört, dass es Quatsch sei, zu behaupten, dass der Konflikt Israel/Palästina absichtlich geschaffen wurde, um vom innerjüdischen Konflikt abzulenken. Was ist Deine Meinung dazu?

In Israel leben knapp 2 Mio. Palästinenser. Das ist eine hohe Anzahl, wenn man überlegt, dass in ganz Israel 8 Mio. Menschen leben. Offiziell sind eigentlich 2 Mio. Israelis Palästinenser (Palästinenser, die einen israelischen Pass haben) und diese stehen nicht zu dem Staat. Sie möchten den ganzen Problemen aus dem Weg gehen. Sie leben und arbeiten dort. In Israel geht es ihnen besser, da das Leben in Palästina sich schwierig gestaltet.

Zu der o. g. Frage kann ich nicht wirklich etwas sagen. Ich weiß nur, dass die Israelis auch unglücklich sind mit der momentanen Lage. Allein wirtschaftlich gesehen. Die Eskalationen in den letzten Monaten haben viel Hass nicht nur auf die Hamas, sondern auch auf die israelische Regierung geschürt. Sobald die Sirenen losgingen und während der Angriffe stand auch die Wirtschaft in Israel, ganz besonders in der Stadt Tel Aviv, still.

Das hatte natürlich gewaltige wirtschaftliche Einbrüche zur Folge. Auch wenn Israel finanziell gut gepolstert ist, haben insbesondere auch israelische Bürger viel verloren. Das hat die israelischen Binnenkonflikte gefördert, wo viele Bürger auch gegen die Regierung sind. Die israelischen Bürger leben genauso in Angst und haben an Sicherheit verloren. Ich weiß auch, dass viele Israelis für das Zusammenleben mit den Palästinensern sind und nicht dagegen. Die Nationalität, Religion oder andere ethnische Herkunft spielt da meiner Meinung nach keine Rolle. Mensch ist Mensch. Dieser Krieg war ein Fehlgriff in allen Hinsichten. Zionismus bzw. diese Regierung sind für mich der Nationalsozialismus der Neuzeit. Die israelische Regierung sagt zwar, sie wollten die Hamas stoppen, aber die Hamas konnte immer noch schießen und es wurden einfach nur unzählige unschuldige Menschen getötet. Jeder getötete Mensch ist ein toter Mensch zu viel. Ich mache keine Vergleiche, wie viele Menschen auf der israelischen oder palästinensischen Seite getötet worden sind. Beides ist gleich schlimm.

Du studierst Deutsch und Geschichte auf Lehramt. Kannst Du etwas zu der geschickt manipulativen Ausdrucksweise und Zusammenstellung der Nachrichten zu Israel sagen? Einfluss auf die Menschenmasse?

Ich hatte die Möglichkeit, Gespräche mit diversen Parteimitgliedern zu führen. Es ist so, dass sie offiziell nicht sagen dürfen, dass Israel falsch handelt. Sie dürfen Israel nicht kritisieren.

Da möchte ich nur den Fall „Möllemann“ in Erinnerung rufen. Jeder einzelne von uns kann etwas nachdenken und sich fragen, ob der Fallschirmabsturz wirklich ein Unfall war?

Wenn Deutschland auch eine Rolle dabei spielt, dass das Töten beendet werden kann, aber nicht eingreift, ist das nicht ein Widerspruch, dass z. B. Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen werden? Auf einer Seite „helfen“ wir, auf der anderen Seite unterstützen wir das Töten? Wo soll der Sinn sein?

Deutschland hat immer Angst, als antisemitisch abgestempelt zu werden. Die Freundschaft zwischen Deutschland und Israel möchte nicht gestört werden. Die Gelder für die Entschädigung für den Zweiten Weltkrieg, die eigentlich schon 2006 ausgeschöpft waren, werden trotzdem weitergezahlt. Es ist ein Zeichen dafür, dass Deutschland sein Land selbst regiert. Drei bis vier Wochen vor dem Massaker hat Deutschland ein hochmodernes Atom-U-Boot nach Israel geschickt, das ist ein Widerspruch in sich, dass Deutschland gegen Krieg ist, aber parallel Waffen liefert und zwar umsonst.

Dass die Hamas etwas geschwächt wurde, haben sie geschafft.

Im Gazastreifen wurden zum Beispiel auch die größten Gasvorkommen der Welt gefunden. Die Briten haben an Israel Gelder bezahlt, um etwas von diesen Gasvorkommen zu bekommen. Es geht alles einfach nur um Macht, Geld und Gier.

Wohin flüchten die Menschen? Welche Länder? Gibt es viele palästinensische Flüchtlinge in der Türkei?

Die Türkei ist bevorzugt, da die Menschen sehr viel Unterstützung kriegen von diesem Land, oder auch Kanada. Viele wollen auch in den Westen. Ich finde es interessant, dass viele Studenten nur studieren möchten und dann wieder zurück. Unter anderem sind auch sehr viele Ärzte.

Deutschland steht nicht mehr an der Spitze wie damals und auch die USA ist beliebt, soweit ich weiß.

Das ist für mich allerdings an dieser Stelle nicht Flüchten, sondern einfach nur reines Bildungsinteresse.

Wenn sie gezwungen sind, aus humanitären Gründen zu flüchten, flüchten  sie nach Jordanien. Das ist immer noch Ziel Nummer eins. Syrien war damals sehr interessant. Mittlerweile natürlich nicht mehr aufgrund der aktuellen Lage. Die Menschen dort ergeht es leider Gottes nicht viel besser. Libanon ist auch ein beliebter Ort für Palästinenser. Einige flüchten auch in den Irak.

Gibt es Möglichkeiten nach Deutschland zu flüchten?

Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht. Ich kriege sehr viele Anfragen von Palästinensern, weil sie denken, ich habe es irgendwie geschafft. Aber ich bin ja in Deutschland geboren. Ich kann Gott danken, dass ich hier bin. Als Flüchtling schafft man es kaum nach Deutschland. Aus Bildungsinteressen funktioniert das wahrscheinlich einfacher, aber das Leben als Student aus dem Ausland ist natürlich nicht leicht. Man muss als Student einen Nebenverdienst haben, ansonsten hat man keine Chance. Ebenfalls muss man viel Geld angespart haben, um das Studium und den Aufenthalt bewältigen zu können. Daran scheitert es dann meistens. Wenn die Leute wohlhabend sind, sind die Chancen natürlich größer. Bevorzugt wird das Medizinstudium.

Wie siehst Du die Hamas?

Ich kann dazu recht wenig sagen. Ich weiß, dass die Hamas offiziell eine Partei ist und keine Armee oder etwas in der Richtung. Ich weiß auch, dass die Hamas sozial engagiert sind, sie organisieren sogar teilweise Hochzeiten, weil Hochzeiten sehr teuer sind. Sie sind so gesehen der Strohhalm für die Palästinenser in den letzten Jahren. Sie haben auch Hilfsgüter durch die Tunnel transportiert aus Ägypten, sodass die Leute überleben konnten. Dafür war und ist die Bevölkerung dankbar. Auf der anderen Seite ist es nicht zu begrüßen, dass sie kriegerisch aktiv sind. Muslime sollten versuchen, jedes Leben zu schützen. Da darf man keinen Unterschied machen, ob es ein Muslim ist oder nicht. Jeder tote Mensch ist ein toter Mensch zu viel.

Was sagst Du dazu, dass die Hamas die Waffenruhe ablehnt bzw. die Waffenruhe nach wenigen Stunden bricht lt. Medienberichten?

Also ich verfolge vielerlei Nachrichten, unter anderem auch israelische Nachrichtendienste wie „Haaretz“ oder auch den arabischen Sender „Al Jazeera“. Mittlerweile wird Al Jazeera auch auf Englisch ausgestrahlt.

Was die Waffenruhe angeht gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich weiß nur, dass die Israelis selber unmittelbar, nachdem die Waffenruhe abgeschlossen wurde, angegriffen haben. Ob die Israelis als Erster angegriffen haben oder auch die Hamas, kann ich nicht genau sagen. Dafür müsste man es mit eigenen Augen gesehen haben, um das beurteilen zu können. Ich weiß nur dass die Israelis großen Einfluss auf die Medien haben. Und das was in den Medien gesagt wird, bleibt in den Köpfen hängen, ganz gleich ob im Nachhinein etwas anderes behauptet wird. Der ursprüngliche Bericht prägt sich ein.

Ich weiß auch, dass ungefähr eine halbe Stunde, bevor die Waffenruhe in Kraft getreten ist, Israel noch mal angegriffen und unschuldige Menschen getötet hat.

Hamas wollte, dass die Blockade aufgelöst wird, deshalb haben sie nie wirklich der Waffenruhe zugestimmt. Israel hat das zum Töten ausgenutzt.

Coca Cola, McDonald’s, Burger King und Co. sollen vermutlich Israel unterstützen. Boykottierst Du sie auch, indem Du deren Produkte nicht konsumierst?

Also ich konsumiere die Produkte ganz selten, nur wenn es wirklich nicht anders geht und das schon lange. Nicht aus Boykott, sondern allein schon aus gesundheitlichen Gründen. Diese Produkte enthalten viel Zucker und Fett. Jetzt motiviert mich das natürlich noch mehr. Allerdings ist es sehr schwierig umzusetzen, da viele andere Produkte, auch z. B. Wasser, von der Coca-Cola Company angeboten werden. Das sieht man auf den ersten Blick nicht. Dazu muss man schon jedes Produkt unter die Lupe nehmen. Das ist mir noch vor kurzem passiert.

Möchtest Du noch selbst etwas an das Lesepublikum mitteilen?

Die Medienberichte allgemein sollten immer sehr kritisch betrachtet werden. Wenn man wirklich die Wahrheit wissen will, dann muss man in das Land reisen oder Kontakt mit den Einheimischen vor Ort haben, die Leute fragen, die dort leben, denn sie wissen es teilweise am besten. Wobei es auch der Fall ist, dass im Gazastreifen ein Bürger aus dem Dorf x nicht wusste, was im Dorf y passiert. Sie hatten keinen Fernseher mehr. Es funktionierte ja kaum noch was. Sie wussten gar nicht, wie viele Tote es gibt. Sie wussten nicht, dass so viele Menschen gestorben sind. Andere dachten wiederum, es wären viel mehr Menschen gestorben.

Den Bildern aus den Medien kann man vielleicht noch Vertrauen schenken, aber nicht der Rede an sich. Meistens wird das Bild vollkommen gedreht oder auch übertrieben. Wobei ich sagen kann, dass „Al Jazeera“ zum Beispiel genau das oben Erwähnte tut. In meinen Augen ist „Al Jazeera“ eines der authentischsten Medien, weil sie Leute mitten im Kriegsgebiet haben und diese direkt die Leute vor Ort fragen. Das sind teilweise Live-Interviews, das heißt, sie können nicht beeinflussen, was die Menschen sagen. Es gibt natürlich auch negative Äußerungen über die Hamas oder auch für die Hamas. Das ist für mich Journalismus. Das heißt keine Partei ergreifen. Reine Fakten liefern. „Al Jazeera“ in Englisch, muss ich sagen, wird viel zensiert. Ich kann auch noch einen russischen Sender namens „RTR“ empfehlen. Diesen finde ich im Endeffekt genauso gut. Sie liefern einfach reine Fakten und so sollte es sein. Das sind für mich Sender, die nicht parteiisch sind. Sie hauen die Fakten auf den Tisch. Ich will keine Partei ergreifen. Hier kann ich auch nicht sagen, dass diese 100 % richtig sind, aber dass diese Journalisten die normalen Leute befragen und keine Politiker, das ist meiner Meinung das Authentischste, was man haben kann. Das ist nur das, was ich aus meiner persönlicher Erfahrung Euch LeserInnen empfehlen kann.

Dankeschön für das Interview, Issam Bayan, und auch für die Inspiration, die ich durch Deine Posts erlangt habe.

Gern geschehen 🙂

Dieser Beitrag erschien auch bei www.tatjana-rogalski.de

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

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