Ich wollte nicht ins Nelson’s Inn… (DIB-Fortsetzungsroman Teil II)

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„Na gut bringen wir es hinter uns“, dachte ich innerlich.

Ich zog meine weißen Lederstiefel mit einem Sieben-Zentimeter-Absatz, passend zu meinem weißen Pulli, an und machte mich auf den Weg in die Höhle des Löwen. Auf dem Weg hinunter ging ich noch die einzelnen Wörter durch, die ich gleich sagen würde. Seit einer Woche dachte ich an nichts anderes.

Bloß nichts Unpassendes sagen, schließlich war er nett zu mir. Meistens, dachte ich damals zumindest! Ich öffnete die Tür seines glänzenden Wagens und setzte mich hinein auf die frisch geputzten Ledersitze. Die wöchentliche Putztour war wohl vorüber.

„Hi, Tony“ sagte ich tonlos.

„Hi, Süße! Na, geht’s dir gut? Ich dachte wir fahren ins Nelson’s Inn“ sagte er entscheidend.

Nelson’s Inn war der angesagte Laden in unserem Kaff. Aber heute hatte ich nicht, vor dort hinzugehen. Wie froh ich doch war, bald aus Wibaux wegzukommen. Wibaux war die Hauptstadt von Wibaux County. Es lag im Osten des US-Bundesstaates Montana.

Ich wollte das unvermeidliche Gespräch so schnell wie möglich über die Bühne bringen, also begann ich die Reihenfolge der Wörter zusammenzuwürfeln.

„Ähm, ich wollte eigentlich mit dir ungestört reden“, sagte ich vorsichtig.

„Aha, schön ausgedrückt, Püppchen! Ich weiß, du willst mit mir alleine sein“, sagte er eingebildet, währenddessen er ununterbrochen sich im Rückspiegel betrachtete. „Du kannst es mir auch direkt sagen. Schäm dich nicht“, stoß er selbstsicher hervor. Zu selbstsicher! Das passte mir ganz und gar nicht.

Was fiel ihm eigentlich ein? Sah ich so aus, als ob ich mich schämte? Ich hatte meinen ganzen Mut eine Woche lang angesammelt. Das sollte wohl genügen.

„Nein, ich schäme mich nicht“, sagte ich gelassen, wofür ich mich zusammenreißen musste.

Ein Gespräch mit dem Spiegel

„Ich kenne dich doch. Immer um den heißen Brei herumreden, damit du bloß nicht in eine peinliche Situation gerätst.“ Immer noch guckte er in seinen „SLK-Rückspiegel“ und zupfte seine Augenbrauen zu Recht. Saß ich hier neben einer Frau oder einem Kerl? In diesem Moment konnte ich es schlecht unterscheiden.

„Nein, überhaupt nicht. Du verstehst mich ganz falsch.“ Also, so langsam müsste er meine Zornesfunken, die auf seiner rechten Wange aufprallten, spüren.

„Baby, Baby, ich verstehe dich. Du kannst einfach nicht widerstehen.“

Ich sah nur den Spiegel und mittlerweile die mit einer vollen Tube Gel übersäten, blonden Haare. Mir gingen die Worte aus. Er schien mich nicht richtig zu registrieren. War er immer so? Oh mein Gott, jetzt fiel mir auf, dass ich an Geschmacksverirrung litt. Konnte man es behandeln lassen?

War ich dermaßen aufs Praktische fixiert oder habe ich ihn dieses ganze Jahr nicht richtig wahrgenommen, wie er mich jetzt? Mit praktisch meinte ich gut versorgt und oberflächlich. Nicht, dass ich mich nur auf den Mann verlassen würde. Natürlich wollte ich mich am Unterhalt beteiligen. So eine war ich nicht, die sich einen reichen Mann angelte und dann seinen Reichtum aus dem Fenster werfen würde. Er müsste auch kein teures Auto haben. Nur das, was man zum Leben brauchte, reichte mir völlig aus. Alles andere ekelte und ekelt mich an.

Nur das Beste gewollt…

Es war reiner Zufall, dass ich mit Tony zusammengekommen war. Ein rein zufälliger Verkupplungsversuch unserer lieben Eltern bei einem Dinner unter „guten Freunden“. Ich konnte mich noch erinnern, wie aufgedreht meine Mutter war, weil die Browns mit ihrem Söhnchen zum Essen kamen. Alles war durchorganisiert bis ins letzte Detail. Ich wusste, sie wollten nur das Beste für mich, aber Tony und seine Eltern waren wie Tag und Nacht, im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Eltern waren zwar reich, dennoch hoben sie nicht ab, so wie er. Das lag wahrscheinlich daran, dass er nichts anderes kennen gelernt hatte.

Nur meinen Eltern zuliebe hatte ich ihn ein ganzes Jahr lang ausgehalten und alles wunderbar erscheinen lassen, sogar vor Munirah. Meine Eltern waren so begeistert von seiner Familie und hatten sooft auf mich eingeredet, dass ich bloß mich gut benehmen solle, damit bloß nichts schief ginge. Obwohl es eigentlich gar nicht nötig war, denn mein Benehmen war tadellos.

Ich hatte gar nicht die Gelegenheit, mich schlecht zu benehmen, denn es war bereits eine Menge schief gegangen, noch bevor wir ein Paar waren, nämlich Tony. Er war der Fehler. Da konnte man nichts mehr falsch machen. Jetzt war ich mir dessen endlich bewusst.

„Süße, also wo sollen wir hin? Was hast du eigentlich mit mir vor?“ sagte er mit einem hinterhältigen Unterton. Meine Grenze war erreicht. Sah ich so aus, als ob ich mit ihm etwas vorhatte, diesem selbstbezogenen Blödmann? Ich hatte mich nicht mal in Schale geschmissen. Ganz zu schweigen von meiner Laune!

Ein kurzer, aber lautstarker Abschied

„Ähm… ich wollte mit dir eigentlich reden. Das habe ich vorher erwähnt, glaube ich“, entgegnete ich in Richtung des Rückspiegels. „Aha und mit reden meinst du … hmmm … mich vielleicht küssen?“ Er formte seine Lippen in Kussstellung.

Das reichte. Jetzt hatte er es übertrieben. Meine Nasenlöcher fingen an zu beben. Ich ballte die Hände, die auf meine Oberschenkeln lagen, zu Fäusten. Blut schoss mir ins Gesicht und meine Augen begannen vor Wut zu tränen. Ich war kein Püppchen oder Baby, oder sonst etwas in der Art. Spielzeug, wie ich für ihn schien, ganz und gar nicht. „Nein, ich wollte mich von dir trennen, du egoistischer Idiot“ schrie ich.

Endlich riss er seinen Blick vom Spiegel und starrte mich jetzt entsetzt an. Ich, Emily Moon, machte mit ihm, Tony Brown, Schluss? Das schien sich in seinem kleinen Hirn nicht zu legen. Er brachte keinen Ton aus seinem Mund heraus.

„Jahaaaa, du hast mich richtig verstanden. Iiiiich maaache mit dir Schluuuuss. Soll ich das auf deine Stirn schreiben, damit du es jedes Mal, wenn du in deinen Ach-so-wundervollen-SLK-Rückspiegel schaust und deine so wunderbar glänzenden, Gel eingeschmierte Haare bewunderst, siehst?“ Er war schockiert und ich selber auch. Ich konnte es nicht fassen. Jetzt kam ich mir wie eine von diesen eingebildeten, überstylten Tussis vor. Er hatte mich einfach zur Weißglut gebracht. Ja, das war meine Entschuldigung! Damit konnte ich leben. Sonst war ich doch auch nicht so. Entdeckte ich da eine neue Seite an mir? Die freche Emily? Das passte gar nicht zusammen. Aber bei ihm konnte man gar nicht anders. Oh Mann, das musste ich mir gleich wieder abgewöhnen. Ich hätte es ihm doch einfach ganz vernünftig erklären können. Stattdessen ist mein Temperament mit mir durchgegangen. Ihm schien es ganz die Sprache verschlagen zu haben. Noch nie hatte ich so geredet. Wortwörtlich! Ich war eigentlich immer die Ruhige. Na ja, manche Dinge ändern sich in gewissen Situationen. Situationen wie dieser. Dabei sollte es bleiben.

Ich wartete gar nicht auf seine Antwort, sondern stieg aus und schlug die Tür mit voller Wucht hinter mir zu. „Uuuups!“, sagte ich und hielt mir die Hand vor den offenen Mund mit weit geweiteten Augen, so als ob es nicht extra gewesen wäre. Reines Versehen natürlich! Das wollte ich immer schon mal machen. Danach drehte ich mich um und ging in Richtung Haustür.

Dieser Schlag tat ihm jetzt bestimmt mehr weh als der Schock meines Ausrastens und vor allem die Tatsache, dass ich mich gerade von ihm getrennt hatte.

Ich drehte mich noch einmal um, sodass ich ihn ansehen konnte, bevor ich wieder ins Haus hineinging.

Weitere Folgen von Emily Moon und Munirah Gholam

Dieser Beitrag wurde auch bei tatjana-rogalski.de veröffentlicht.

 

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Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt. Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert. "Wenn Du nicht fliegen kannst, renne, Wenn Du nicht rennen kannst, gehe, Wenn Du nicht gehen kannst, krieche. Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen." (Martin Luther King) Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung! Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

3 Kommentare

  1. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    @ Gülcan:

    Ja, vielleicht gibt er dir denn? 😉 Mal gucken bis zum Sommer!

  2. Hahaha „du egoistischer Idiot“ wie geil ;)… Sein Mercedes Slk kann er ruhig mir geben 😉

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