In der Stille wächst das Neue

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Die Zeit „Zwischen den Jahren“ ist seit jeher eine besondere. Wenn man nicht gerade im Dienstleistungsbereich arbeitet – was freilich immer mehr Menschen tun –, dann hält man in diesen Tagen vor und nach Silvester inne. Man hat auch als moderner Mensch den Eindruck, die Zeit bliebe für einen Moment stehen. Man ordnet sich, schaut zurück, blickt nach vorn, grübelt. Diese Gewohnheit ist, wie uns die Volkskundler und Historiker mitteilen, in unseren Breiten (und sicher auch anderswo) erprobt und gewohnt. Zwischen Heiligabend und dem 3. Januar, wo sich die Erde an ihrem sonnenächsten Punkt befindet, zählten die Menschen zwischen München und Hamburg jede Nacht als ein besonderes Ereignis ab und schauten bang in den Himmel. Und wie so oft, gibt man dem Besonderen viele Namen. Das war früher nicht anders: Zwölfnächte, Zwischennächte, Unternächte oder Rauchnächte.

In diesen besonderen Nächten, so glaubte man, würde sich das große und kleine Schicksal erfüllen. Man mag das verzweifelte Suchen nach einer Deutung von Ahnungen und Träumen als aufgeklärter Zeitgenosse müde belächeln. Vorher sollte man allerdings einmal die halbstündigen Börsennachrichten verfolgen und die heutige Verzweiflung der ängstlichen Zeitgenossen, Wirtschaftsdaten, Arbeitslosenzahlen, Weltklimadaten oder einfach nur die nächste Wahl vorhersehen zu wollen. Offenbar hat auch der moderne Mensch so viel Angst vor der Zukunft, dass er etwa bereits vor dem Urnengang wissen möchte, wie die nächste Wahl ausgeht. Anders kann man sich die gehetzte Demoskopie nicht erklären. Beim Spekulationsgeld hängt das Wohl und Wehe der eigenen Geldbörse ohnedies davon ab, ob man die Orakel der Weltwirtschaft zu jeder Minute richtig zu deuten vermag.

Unsere Ahnen waren, so kurz vor Beginn des Jahres, wohl in allen Kulturkreisen und Zeiten ebenso nervös, wie wir das heute sind. Man wollte sich mit nichts belasten, was die Zukunftsaussichten trüben könnte. Nichts macht so fromm wie die Angst vor Neuem. Selbst das Vieh im Stall hatte im mitteleuropäischen Kulturraum Schonzeit in diesen Tagen und wurde nun besonders zärtlich betreut. Ochsen mussten nicht mehr die Lasten der Menschen ziehen. Das Vieh bekam besseres Futter und dies vor allem reichlicher. Da ist man heute, wenn man einen Blick hinter die Kulissen der Massentierhaltung wagt, nicht ganz so zimperlich. Und vielleicht poltern viele auch deshalb unentwegt so laut, weil sie nämlich von solchen Tragödien nichts sehen und hören wollen. Eine besondere Beziehung bestand in früheren Zeiten zum Pferd, als dem wichtigsten Begleiter. Vielleicht sind es die großen Augen und dieser wissende Blick dieses schönen Tieres, die die Ansicht verstärkten, es sehe „alle Dinge neunmal so groß und so deutlich wie der Mensch.“

Wie schön, wenn die Arbeit einmal ruhen könnte. Wenigstens für eine Fermate. Eine gänzlich undenkbare Vorstellung in diesen Tagen. Produktionsstop? Und sei es auch nur für einen Tag, ja eine Stunde? Schon wäre die Bilanz des nächsten Quartals versaut. Wie kann man die Produktion stoppen, wenn man bereits die Kampagne für die neue Kollektion der Osterhasen plant? In den zwölf Rauchnächten war dagegen Stille angesagt. Alle häuslichen und landwirtschaftlichen Arbeiten, die nicht unbedingt notwendig waren, ruhten. Es wurde nicht gewebt, gebacken, gereinigt. Man durfte die Hände in den Schoß legen und einfach seinen Gedanken nachgehen. Es durfte nichts „umgehen“, sich also nichts drehen: Kein Rad am Wagen, kein Spinnrad. Denn das Rad war das Symbol der Sonne. Und wie könnte der Mensch klüger sein als der Lebensspender am Himmel, der jetzt ebenfalls ruhte? Was für ein schöner Gedanke.

Was unsere Gewohnheiten um Mitternacht des letzten Tages im Jahr angeht, so haben sich diese nur wenig geändert. Zwar besprengt man Haus und Hof heute nicht mehr mit dem Wasser aus einer heiligen Quelle. Aber die Leuchtfeuer am Himmel ähneln doch sehr stark denen, die unsere Vorfahren zu Ehren der Götter auf Bergen und Anhöhen einstmals angezündet haben. Damals wie heute wird mit der Vorfreude auch Wehmut mitgeklungen haben, wenn sich das verdämmernde Jahr verabschiedet. Aber man sollte der „guten alten Zeit“ nicht nachtrauern. Einen großen Vorteil haben wir nämlich gegenüber den Menschen der alten Zeit: Sie mussten, wir dürfen die Rauchnächte begehen. Wir sind in unseren Entscheidungen (jedenfalls theoretisch) frei. Das ist nicht leicht. Aber gerade weil wir den Moment der Stille mit allen Mitteln verteidigen müssen (und das vermag wenigstens für einen Moment jeder, wenn er es denn will), ist er so kostbar. Denn in der Stille wächst das Neue. Nicht nur das junge Jahr.

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About Author

Andreas Molau

Ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Deutsch, Geschichte und Politik in Göttingen und war acht Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule. Als Publizist und Politiker arbeitete er viele Jahre im extrem rechten Milieu. Im Juli 2012 stieg er aus dieser Szene aus. Seitdem engagiert sich Molau in Sachen Extremismusprävention bei Seminaren, Vorträgen und in Aufsätzen. Heute ist er selbstständig für das Textbüro dat medienhus tätig.

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