ISIS: Der Griff nach der Macht

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Bildquelle: Screenshot | Youtube

Seit 2013 verbreitet die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) Angst und Schrecken. Nun haben die Dschihadisten ein sunnitisches „Kalifat“ ausgerufen. Dem Irak drohen ein Bürgerkrieg und der Zerfall in drei Teile.

Sie sind im Schnitt 17 bis 35 Jahre alt. Manche Männer sind westlich gekleidet, tragen Jeans und bunte T-Shirts oder Sportkleidung. Die meisten jedoch bevorzugen traditionelle arabische Gewänder oder (schwarze) Kampfanzüge. Viele sind vermummt. Aus aller Welt, zu Hunderten auch aus Europa und den USA, haben sich muslimische Extremisten der Terrororganisation ISIS angeschlossen. Ihre Kämpfer stellen selbst al-Qaida an Brutalität und Grausamkeit in den Schatten. Die radikalen Islamisten haben weite Teile im Norden und Westen des Irak unter ihre Kontrolle gebracht und ziehen derzeit eine Schneise der Verwüstung durch das Land. Sie haben die Stadt Mossul am 10. Juni überrannt und stehen seit Wochen vor den Toren Bagdads. Ende Juni hat ISIS in einer Audiobotschaft ein Kalifat für Syrien und den Irak ausgerufen und ihre Organisation in Islamischer Staat (IS) umbenannt.

Ein Grund für ihr rasches Vordringen und ihren erstaunlichen Erfolg: Äußerst geschickt nutzen sie das Internet und seine sozialen Medien für ihre Propaganda. Soziale Netzwerke wie Facebook, aber auch Youtube und der Kurznachrichtendienst Twitter erfreuen sich bei ihnen größter Beliebtheit. ISIS-Kämpfer stellen eine kaum überschaubare Masse an Informationen, Online-Videos und Berichten ins Netz. Sie brüsten sich darin vor allem mit ihren Gräueltaten, u.a. exekutieren und foltern sie ihre Gegner vor laufender Kamera. Neben Aufnahmen zahlloser brutaler (Massen-)Hinrichtungen, Bildern gefolterter und ermordeter Soldaten und Zivilisten sowie mit den Köpfen Enthaupteter posierende Gotteskrieger veröffentlicht ISIS außerdem Statistiken zu ihren Angriffen und Eroberungen, und sie missbraucht die sozialen Netzwerke, um Kämpfer zu rekrutieren, zu radikalisieren und um Spenden aufzutreiben.

ISIS hat al-Qaida den Rang als brutalste Terrororganisation abgelaufen

Überall wo die Dschihadisten Fuß fassen, errichten sie ein Terrorregime und drangsalieren die Bevölkerung. In blinder Wut werden religiöse Einrichtungen und sogar Moscheen zerstört. Von Vertreibung, Entführung, Folterung und Ermordung ist grundsätzlich jeder bedroht, der sich ihren rigiden Regeln nicht unterwirft. ISIS stellt selbst al-Qaida an Grausamkeit in den Schatten und ihre Brutalität macht auch vor Kindern, Frauen und Geistlichen nicht halt. In allen eroberten Gebieten wurde die Scharia eingeführt. Wer sich nicht an die engstirnigen und oft bizarren Gesetze der Terroristen hält, wird öffentlich ausgepeitscht, gefoltert oder hingerichtet. Extreme Gewalt gilt der Terrortruppe als bevorzugtes Mittel der Einschüchterung und Propaganda. Selbst für kleine Delikte drohen drakonische Strafen. In der von ihnen eroberten Stadt Rakka riskieren die Bewohner bereits ihr Leben, wenn sie während der Gebetszeiten auf der Straße angetroffen werden. ISIS erpresst „Dschihad-Steuern“, verübt politische Morde und Selbstmordattentate. Christen müssen Schutzgeld zahlen und dürfen trotzdem ihren Glauben nicht mehr ausüben. Wie der Spiegel berichtet, wirken manche Regelungen sogar auf strengkonservative Muslime völlig absurd. So müssen z. B. auf Viehmärkten die Genitalien von Ziegen und Schafen mit einer Art Unterhose verhüllt werden. Der schlimmste Hass gilt jedoch vor allem Schiiten. Al-Baghdadis Kämpfer haben bereits Tausende Schiiten umgebracht, nur weil diese in ihren Augen „Ungläubige“ und „Abweichler“ von der wahren Lehre des Islams sind. Auf dem Fundament der seit Langem herrschenden Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten versucht ISIS, die Bevölkerung in einen Krieg der Konfessionen zu treiben. Mit fatalen Folgen: Die Spaltung des Landes in drei Teile (ein sunnitisches, ein schiitisches und ein kurdisches Gebiet) scheint unaufhaltsam. Aus Angst vor den Kämpfen und vor der grenzenlosen Grausamkeit der Terrormilizen flieht die irakische Bevölkerung in Scharen. Der Vormarsch der Gotteskrieger hat eine massive Flüchtlingswelle ausgelöst. Schätzungen zufolge sind mehr als 1 Million Menschen im Irak auf der Flucht.

Wer sind die ISIS-Kämpfer? Woher stammen sie?

Es sind nicht nur die im Internet kursierenden Bilder, die belegen, wie der rasante Vormarsch der kaltblütigen und skrupellosen sunnitischen Extremisten unter der Zivilbevölkerung für Panik sorgt. Im Lauf der letzten Monate ist ISIS zu einer der radikalsten und erfolgreichsten islamistischen Terrororganisationen avanciert. Wer sind diese Dschihadisten? ISIS breitete sich seit dem Frühjahr 2013 zuerst im vom Bürgerkrieg erschütterten Norden Syriens aus. Ihre Wurzeln reichen allerdings deutlich weiter zurück. Nach der US-Invasion 2003 verkündete der Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi seinen Plan für die Errichtung eines Kalifats im Irak. Er sammelte in kurzer Zeit zahlreiche Anhänger um sich. Al-Sarkawi verübte Terroranschläge, köpfte eigenhändig Menschen und wollte einen Bürgerkrieg im Irak entfesseln. Mit seiner Gruppe Tauhid wal Dschidad (Bewegung für Einheit und Dschihad) verbreitete er mit Anschlägen und Entführungen vor allem unter Schiiten Angst und Schrecken. 2004 unterstellte er sich al-Qaida und Osama Bin Laden ernannte ihn zu seinem Statthalter im Irak. Al-Sarkawis Organisation gab sich daraufhin den Namen al-Qaida im Irak (AQI). Ihr Ziel: Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten schüren und das Land ins Chaos stürzen. Nach seinem Tod 2006 formierten sich seine Anhänger neu und nannten sich nun Islamischer Staat im Irak (ISI). Als 2011 der Aufstand gegen Assad begann und die letzten Amerikaner aus dem Irak abzogen, schickte ISI vermehrt Kämpfer nach Syrien. Unter der Regie von Osama Bin Ladens Nachfolger Aiman al-Sawahiri gründete der neue Anführer von ISI, Abu Bakr al-Baghdadi, zusammen mit Dschihadisten von al-Qaida im Irak (AQI) die Gruppierung Dschabhat al-Nusra (Unterstützungsfront), die weitgehend selbstständig in Syrien agierte und vor allem Bombenanschläge und Selbstmordattentate verübte. Anfang 2013 versuchte al-Baghdadi, al-Nusra mit ISI zu vereinigen. Der Anführer der Nusra-Front weigerte sich jedoch und unterstellte sich stattdessen al-Qaida. Al-Baghdadi gab seiner Terrororganisation daraufhin den Namen Islamischer Staat in Irak und Syrien (ISIS) und operierte ab diesem Zeitpunkt selbstständig. Es wäre allerdings falsch, ISIS oder deren Vorgängerorganisation lediglich für einen Ableger al-Qaidas zu halten. Auch ISI hatte sich nur aus Nützlichkeitserwägungen zeitweise al-Qaida unterstellt.

Abu Bakr al-Baghdadi: das grausame Phantom

Wer ist Abu Bakr al-Baghdadi? Einige nennen ihn den neuen Bin Laden, die Medien bezeichnen ihn als „Geist“ oder als den „unsichtbaren Scheich“. Al-Baghdadi ist ein Phantom. Nur eines ist bekannt: Er ist ein kluger Stratege und gilt als überaus brutal und skrupellos. Doch davon abgesehen weiß man wenig. Sogar Geheimdienste tappen bislang weitgehend im Dunkeln. Denn im Gegensatz zu Osama Bin Laden verzichtet al-Baghdadi auf öffentliche Auftritte und legt größten Wert auf Unsichtbarkeit. Es gibt keine Videoaufnahmen von ihm, kaum Mitteilungen, und selbst seinen Kämpfern zeigt er sich vermummt. Erst Anfang Juli 2014 tauchte im Internet ein Video auf, das ihn bei einer Predigt in einer Moschee in Mossul zeigen soll. Al-Baghdadi war angeblich während der US-Invasion im Irak als Prediger tätig. Kurz darauf beteiligte er sich am Aufstand gegen die Besatzung, verbüßte von 2005 bis 2009 eine Gefängnisstrafe und schloss sich 2010 nach seiner Freilassung durch die Amerikaner al-Qaida an, wo ihm ein rascher Aufstieg gelang. Sein Ziel war von Beginn an die Errichtung eines Islamischen Kalifats, ein Gottesstaat, der vom Golf bis ans Mittelmeer reichen soll.

ISIS: die zurzeit reichste Terrororganisation weltweit

Wie viele Kämpfer al-Baghdadi befehligt, weiß niemand. Schätzungen reichen von 5.000 bis 15.000 im Irak und mehreren Tausend in Syrien. Die ISIS-Extremisten haben seit dem Frühjahr 2013 einen Teil Syriens und seit Anfang Juni 2014 weite Teile des Nord- und Westiraks eingenommen. Damit ist al-Baghdadis Terrortruppe zum entscheidenden Machtfaktor im syrischen Bürgerkrieg und im Irak geworden. Sie haben ihre schwarze Flagge über immer mehr irakischen Städten gehisst. Die Dschihadisten agieren geschickt und schlagkräftig. Sie sind militärisch überraschend gut ausgerüstet und verfügen über üppige finanzielle Ressourcen. ISIS gilt aktuell als die weltweit reichste Terrororganisation. Doch woher stammt das Geld? Unterstützt wurde ISIS von Beginn an durch Spenden zahlreicher Privatpersonen aus Kuwait, Katar und Saudi-Arabien. Ihre Kämpfer verdienen überdies Millionen mit Überfällen, Schmuggel, Schutzgelderpressung, Kidnapping, Geldwäsche und dem Verkauf von Rohstoffen (sie haben u.a. Ölfelder und Raffinerien besetzt und verkaufen das Öl an das Regime von Bashar al-Assad).

Die irakische Armee kann (oder will) den Vormarsch der Dschihadisten nicht stoppen

Nicht nur als militärischer Anführer, sondern auch als militär-politischer Stratege hat al-Baghdadi beachtliches Geschick bewiesen. Instinktsicher erkannte er, welche Chancen ihm bereits der Aufstand gegen das Assad-Regime in Syrien bot, und für den Einfall der ISIS-Milizen in den Irak hätte die Ausgangslage kaum günstiger sein können. Unter dem Diktator Saddam Hussein hatte einst die sunnitische Minderheit die schiitische Mehrheit unterdrückt. Seit dem Amtsantritt der schiitischen Regierung unter Premier Nouri al-Maliki haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Nun sehen sich Sunniten politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt. Und es ist vor allem die offen sunnitenfeindliche Politik der irakischen Regierung, die ISIS die sunnitische Minderheit im Westen und Norden des Landes regelrecht in die Arme treibt. Zahlreiche sunnitische Stammesführer lassen ISIS gewähren oder verbünden sich mit ihnen. Und nicht nur sie. Unter al-Baghdadis Befehlshabern finden sich ehemalige Offiziere von Saddams irakischer Armee, frühere Kader der mittlerweile verbotenen Baath-Partei oder des vormaligen irakischen Geheimdienstes.

Die irakische Armee wiederum leistete al-Bagdhadis Terrormilizen bislang fast keinerlei Widerstand. Im Gegenteil. Dass die Islamisten inzwischen weite Teile des Landes kontrollieren, liegt hauptsächlich im erbärmlichen Zustand der irakischen Armee begründet. Obwohl al-Malikis Streitkräfte über deutlich mehr Soldaten und eine weit bessere Ausrüstung verfügen, haben sie sich regelrecht aufgelöst oder den Kampf verweigert. Tausende Soldaten sind desertiert, manche zu ISIS übergelaufen. Die Panik der Soldaten vor den vorrückenden sunnitischen Extremisten war mitunter so groß, dass leichtsinnig Waffen und militärisches Equipment zurückgelassen wurden. Reiche Beute für die heranstürmenden Dschihadisten. Wovon sie umgehend erfolgreich Gebrauch machten. Am 10. Juni überrannte ISIS die Millionenstadt Mossul, nur einen Tag später Saddams Geburtsstadt Tikrit. Die sunnitische Terrormiliz hat weiterhin große Teile des Nordirak unter ihrer Kontrolle, auch wenn ihre Offensive gegen die Regierung in Bagdad bisher nicht vom erhofften Erfolg gekrönt wurde. Dennoch gelang es der irakischen Armee, den Vormarsch der sunnitischen Extremisten auf die Hauptstadt Bagdad zu stoppen. In einer Großoffensive wird nun versucht, die eroberten Städte zu befreien und ISIS weiter nach Norden zurückzudrängen. In Bagdad und anderen Städten demonstrieren aber auch irakische Schiiten ihre Kampfbereitschaft. Ihre Milizen rüsten sich zum Showdown mit Isis.

Kann das Auseinanderbrechen des Iraks verhindert werden?

Spekuliert wird auch, ob die USA militärisch im Irak eingreifen. Ein US-Militärschlag allein verspricht jedoch keine Aussicht auf Erfolg zu haben. ISIS kann nur besiegt werden mit einer schlagkräftigen irakischen Armee und einer von allen Irakern anerkannten einheitlichen Regierung. Nur so ließen sich ein Bürgerkrieg und der unweigerlich damit einhergehende Zerfall des Landes noch verhindern. Der Irak kann nur überleben, wenn Sunniten, Schiiten und Kurden in einer neuen Regierung gleichberechtigt vertreten sind und an einem Strang ziehen. Wonach es zurzeit aber leider nicht aussieht, denn Nuri al-Maliki möchte sich mit allen Mitteln an der Macht halten und lehnt die Bildung einer Einheitsregierung weiter ab. Ist der Irak ein gescheiterter Staat? Wird er unweigerlich in einen Bürgerkrieg abgleiten und auseinanderbrechen? Vieles spricht leider im Moment dafür. Eine Dreiteilung in ein kurdisches Gebiet im Norden, ein sunnitisches Territorium im Nordwesten und einen schiitischen Staat zwischen Bagdad und Basra ist möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich.

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Jahrgang 1969, Historikerin und Autorin, lebt in der Nähe von Mannheim. Interessenschwerpunkte: Konflikt-und Gewaltforschung, Geschichte, Politik, Christentum/Islam, Religion und Religionskritik

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