Je Suis Charlie: Ein Spagat zwischen Meinungsfreiheit und Provokation

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Bildquelle: Olivier Ortelpa | CC BY 2.0 | Paris place de la Republique 11 janvier 2015

Am Morgen des 7. Januar ist die Welt erneut mit einem Terroranschlag aufgeweckt worden. Im Fernsehen liefen Bilder, wie zwei maskierte Männer bewaffnet auf einer Pariser Straße patroullierten. Einer schoss dabei gnadenlos auf einen zuvor verletzten, am Boden liegenden und um sein Leben bangenden Polizeibeamten. Dieser lag in Sekundenbruchteilen leblos auf dem Bürgersteig. Die Attentäter entlarvten sich am gleichen Tag als zwei nordafrikanischstämmige Brüder. Sofort fachte sich wieder die Frage auf, ob wieder ein – wie es so schön heißt – “islamistischer Terror” vorliegt. Die Beweggründe der Terroristen bestätigen diese These, denn das Satiremagazin “Charlie Hebdo”, dessen Chefredakteur und viele Mitarbeiter sie umgebracht hatten, war seit Jahren bekannt für seine religionskritischen ja sogar provokativen Zeichnungen, von denen auch Prophet Muhammad in der Vergangenheit nicht verschont blieb. Alles deutete auf ein Racheakt hin, den die Brüder Kouachi mit dem angerichteten Blutbad vollzogen. In der zweiten Phase der Anschläge stürmte ein dritter Terrorist in ein von einem jüdischen Bürger betriebenen Supermarkt, um – wie er sich geäußert haben soll – “alle Juden auszurotten”.

Islamkritiker in Europa, die solche Ereignisse stets für ihre islamfeindliche Stellung nutzen, machten auch nach dieser Gräueltat vor nichts und niemandem Halt und gingen unverzüglich verbal mit Hetzparolen auf die Anhänger dieser Religion los.

Was jedoch diese Kritiker übersehen haben oder bewusst übersehen wollten, ist die Tatsache, dass solche islamistisch-motivierten Angriffe die Muslime nicht minder verärgert. Denn diese haben eine völlig andere Vorstellung von ihrem Glauben als die Täter von Paris und folgen einer Interpretation ihres heiligen Buches, die sehr viel menschenachtender ist. Eine die lehrt dass das Töten eines Menschen mit dem Töten der gesamten Menschheit gleichgesetzt wird.

Die mediale Verantwortung ist groß

Was die Sicht der Islamkritiker jedoch benebelt sind Realitäten einer heterogenen Gesellschaft, die sich auch an diesen zwei Tagen des Terroraktes in Paris wiederholten. Es waren Realitäten, die durch viele Medienanstalten – meines Erachtens – bewußt verheimlicht wurden. Einer der siebzehn Opfer von Paris war ein gewisser Ahmed. Er war nämlich der Polizeibeamte, der auf dem Bürgersteig vor dem Gebäude des Satiremagazins flehend vergeblich seinen Peiniger zu stoppen versuchte. Der Mörder und der Ermordete in dieser Szene bekannten sich beide dem islamischen Glauben. Auch war in den Schlagzeilen von einem gewissen Lassana Bathily kaum die Rede. Der Supermarkt-Mitarbeiter, der aus dem afrikanischen Mali stammte, versteckte fünfzehn Kunden, darunter auch Kinder, stundenlang in dem im Kellergeschoss befindlichen Gefrierraum des Ladens und rettete ihnen somit das Leben.

Die Parole Je suis Charlie war nach diesen Anschlägen eine eindeutige Stellungnahme gegen den Terror und zeigte in der ganzen Welt die Solidarität der Menschen mit den bastialisch ermorderten Magazinmitarbeitern. Auch ich bin Charlie und stehe für die Meinungsfreiheit. Doch bei der medialen Entfaltung darf die Sensibilität der Menschen, insbesondere in religiösen Fragen, nicht verletzt werden. Das verlangt zumindest die mediale Verantwortung.

In einer pluralen Gesellschaft sind alle betroffen

Nichtsdestotrotz blüht auch in Deutschland das fremdenfeindliche, rechtsextremistische Lager, dessen Standarte neulich von der Pegida-Bewegung hochgehalten wird. Dagegen ist wohl Je suis Charlie die Stimme der Solidarität. “Je suis Ahmed”, eine Alternativparole die im netz die Runde machte, ist meiner Meinung nach sogar die Stimme der Vernunft. Auch eine Stimme des “gemeinsamen” Vordrangs gegen feindselige Bewegungen, womit das islamfeindliche und antisemitische Gedankengut in unserer pluralen Gesellschaft gesät wird. Denn das beste Beispiel gegen diese Fremdenfeindlichkeit gaben der Polizeibeamte und der Supermarkt-Mitarbeiter. Wir alle sitzen in demselben Boot.

“Ja” zu Pressefreiheit, aber “Nein” zu Provokation

Die Presse ist und bleibt auch im Sinne unseres Grundgesetzes frei. Der medialen Entfaltung darf wiederum nur mit denselben Mitteln entgegengewirkt werden und nicht mit Gewalt. Doch Gewalt kommt nicht von ungefähr, sondern wird von einer Gegengewalt ernährt. Die Verbalattacken des französischen Satiremagazins waren ein groteskes Beispiel für die mediale Gewalt, wodurch Millionen von Muslime sich beleidigt gefühlt haben, nachdem das Blatt regelmäßig verhöhnende Karikaturen über den Propheten veröffentlichte. Trotz alledem griff die große Menge der Gläubigen nicht zur Waffe, sondern protestierte friedlich gegen diese Veröffentlichungen. Die Männer, die diese Anschläge verübt haben, entschieden sich hingegen für die grausame Verteidigung ihres Propheten und richteten ein Blutbad an. Eine Woche nach diesem Angriff jedoch veröffentlicht das Blatt erneut Karikaturen, die als Einladung für neue terroristische Eingriffe zu interpretieren sind. Da fragt man sich, ob sie bewusst provozieren, und mit ihrem Leben auch das Leben vieler unschuldiger Menschen aufs Spiel setzen? Ich vertrat und vertrete den Standpunkt einer freien Presse, aber der Kritik müssen auch Grenzen gesetzt werden, damit solche Anschläge vermieden werden können. Noch mehr Provokation können wir in dieser sensiblen Situation nicht mehr erdulden.

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About Author

Geboren am 18.07.1973 in Kassel ist Sait Gül dort zur Schule gegangen. Sein Studium absolvierte er im Bereich Bauingenieurwesen. In seiner Jugend entwickelte sich Gül im Gebiet der Religionswissenschaften und Geschichte. Er war jahrelang freier Journalist in Tageszeitungen und brachte selbst eine regionale Zeitschrift in Kassel heraus. Gül ist verheiratet und hat vier Kinder. Er ist ein leidenschaftlicher Leser von historischen Romanen.

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