Jugendgewalt: Aziz Güler darf nicht umsonst gestorben sein

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Foto: Ebru Ata

Jugendgewalt wird in der deutschen Öffentlichkeit entweder verharmlost oder ethnisiert. Der Verein „AZIZ STOPP GEWALT VIOLENCE SIDDET “  versucht hingegen, ihr gegenzusteuern.

Stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor: Es ist eine Silvesternacht und wie es bei jungen Familien und Freunden üblich ist, treffen sich alle gemeinsam, um zu feiern, um zu essen und um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen. Sie freuen sich auf das neue Jahr, denn es heißt ja bekanntermaßen „Neues Jahr, neues Glück!“ Auch Sie haben sich ganz viele neue Vorsätze vorgenommen, blicken auf ein tolles Jahr mit ihrer Familie zurück und freuen sich weiterhin auf alles, was kommt. Ihre Kinder und auch Sie werden nun ein weiteres Jahr älter.

Sie gehen vor Mitternacht auf die Straße, um ihren Kindern eine Freude zu bereiten und sich das Feuerwerk anzusehen. Dabei fällt Ihnen eine Gruppe Jugendlicher auf, die diesen harmonischen Abend der Familien, die friedlich feiern möchten, stört. Immer wieder bewerfen sie die Familien auf der Straße mit Böllern und grölen herum. Dass man angetrunken ist, ist verständlich, aber keine Entschuldigung für ein solches Benehmen.

Irgendwie schämen Sie sich auch gleichzeitig, weil Sie erkennen, dass diese Jugendlichen aus dem Land Ihrer Eltern stammen. Deshalb fühlen Sie sich noch stärker genötigt, einzuschreiten und die Jugendlichen darum zu bitten, aufzuhören und bitte die Nachbarschaft zu verlassen. Sie haben es zu Hause nicht anders gelernt. Wenn Ungerechtigkeit herrscht oder wenn Sie merken, dass jemand ins offene Messer läuft, dann wollen Sie es verhindern und helfen. Sie sind nicht der/die Einzige, auch andere Passanten haben nun die Jugendlichen mehrmals aufgefordert, aber die wollen scheinbar nicht hören. Plötzlich sehen Sie, wie einer der Jugendlichen einer Mutter vor den Augen ihrer Familie eine Ohrfeige verpasst. Sie sind schockiert und wissen, dass nun jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um endgültig einzugreifen. Sie fühlen sich mitverantwortlich, treten näher an die Jugendlichen heran und halten ihnen eine Standpauke. Warum sie denn auch noch gewalttätig werden müssten, nachdem sie die Leute schon genug belästigt hätten?

Was im nächsten Moment passiert, hätten weder Sie noch irgendjemand anderes erahnen können. Sie gehen wieder in das Haus Ihrer Freunde, die Sie besuchen. Es klingelt Sturm. Sie hören Ihren Namen. Rauskommen sollen Sie! Sie gehen raus und sehen die Jugendlichen vor Ihrer Tür. Irgendwie fühlen Sie sich etwas schuldig, da Sie das Gefühl haben einen zu harten Ton bei den Jungs angeschlagen zu haben. Sie legen um beide Jungen freundschaftlich Ihre Arme, bis einer der beiden auf einmal auf Ihr rechtes Auge einschlägt. Sie nehmen ihn in den Schwitzkasten, da Sie ihm nicht weh tun möchten. In diesem Moment spüren Sie nur, dass jemand von hinten auf Sie einsticht. Es wird vier Mal auf Sie eingestochen. Als Sie auf dem Boden liegen, tritt man Ihnen mehrmals gegen den Kopf. Den Neujahrstag überleben Sie nicht mehr; Sie sterben an Ihren inneren Blutungen. Leider sind Sie in das offene Messer der Jugendlichen gelaufen, die Sie eigentlich beschützen wollten. Sie hinterlassen drei Kinder im Alter von sieben, neun und vierzehn Jahren und die einzige Schwester, die Sie haben.

Jugendgewalt: Kuscheljustiz verschlimmert die Verhältnisse entscheidend

Das ist die Geschichte von Aziz Güler, der im Alter von 39 Jahren sterben musste, weil er Zivilcourage gezeigt hatte und mutig genug war, um auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen und andere davor zu schützen. Seine Familie hat Aziz verloren, aber nicht den Willen und die Hoffnung, unsere Gesellschaft in einen sichereren und friedlicheren Ort zu verwandeln. Ebru Ata (36), die Schwester des Opfers, gründete nach seinem Tod den Verein „Aziz stopp Gewalt, Violence, Siddet!“ Aziz Güler soll nicht umsonst gestorben sein, genau wie viele andere Todesopfer von Jugendgewalt auf Deutschlands Straßen auch.

„Die Täter hatten selbst häusliche Gewalt erlebt und eine falsche Erziehung genossen“, sagt Frau Ata. Die Kölner Kuscheljustiz habe bei den Tätern, die sich im Alter zwischen 14 und 18 befinden, schon öfter mal ein Auge zugedrückt oder wäre zu mild vorgegangen. Denn die Jugendlichen sind keine Ersttäter, sondern waren der Kölner Justiz schon lange bekannt. Schnell hat Frau Ata erkannt, dass sie selbst und andere Opferfamilien Gewalt früher bekämpfen können – zumal man sich auf Abschreckung durch staatliche Gerichte nicht verlassen kann. Sie setzte sich in der letzten Zeit mit vielen anderen Opferfamilien zusammen, unter anderem auch mit der Schwester des zu Tode geprügelten Jonny K., dessen Fall vor einigen Monaten durch die Medien gegangen war.

Der Verein mit dem Sitz in Köln nimmt seit dieser Woche die Arbeit auf. Anwälte, Pädagogen und Freunde haben alle kräftig bei der Gründung des Vereines mitgeholfen. „Aziz stopp Gewalt, Violence, Siddet!“ setzt an den nötigen Stellen an. Mehr Informationen über den Verein sind bald unter www.stop-gewalt.de abrufbar.

Ein Werteproblem, kein ethnisches

Ebru Ata ist der Kontakt zu den Familien und zu den gewaltbereiten Jugendlichen besonders wichtig. Leute aus der Security-Branche und Pädagogen sollen Patenschaften übernehmen, Lehrer und Schüler besonders auf Gewalt aufmerksam gemacht und über Konsequenzen aufgeklärt werden. Die Geschichte von Aziz Güler soll jedem Jugendlichen ins Gedächtnis gebrannt werden, der vor einer gewalttätigen Kurzschlussreaktion steht. Denn für einen Moment, in dem die Jugendlichen in Adrenalintranche und Leichtsinnigkeit verfallen oder unter Drogeneinfluss stehen, vergessen sie ihre Familien. Ja, alles was nämlich zurück bleibt, sind die Familien. Die Familien der Täter und die der Opfer.

Der Haupttäter (16) bekam nun eine Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten, sein Freund (17) muss zwei Jahre in einer geschlossenen Erziehungsanstalt verbringen und der jüngste Täter (14) und Bruder des Haupttäters, der Aziz auf den Kopf trat während er am Boden lag und um sein Leben rang, wurde freigesprochen. Ebru Ata kann keine Gesetze ändern, um für eine härtere Bestrafung gewaltbereiter Jugendlicher zu sorgen. Allerdings verarbeitete die Opfer-Schwester ihre Trauer und ihre Wut in Energie und Hoffnung. Niemals würde sie davor zurückschrecken, sich weiterhin für Zivilcourage einzusetzen.

In der deutschen Öffentlichkeit wird Jugendgewalt auch weiterhin auf die stupidestmögliche Art und Weise diskutiert werden. Entsetzen und Trauer weichen schnell dem Versuch, politisch aus solchen Fällen Kapital zu schlagen. Rechtsextreme versuchen, ein tiefgreifendes Werteproblem auf die ethnische und kulturelle Schiene zu ziehen; Linksextreme machen hingegen „die (kapitalistische) Gesellschaft“ dafür verantwortlich und zerreden das gebotene entschlossene Durchgreifen gegen Gewaltverbrecher. Im Ergebnis entlasten auf diese Weise beide die Täter von ihrer individuellen Schuld.

Aus diesem Grund müssen die Bürger der Gewalt selbst entgegentreten – und der Verein „AZIZ STOPP GEWALT VIOLENCE SIDDET “ ist dabei ein Anfang.

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About Author

Jahrgang 1992, Studentin der Rechtswissenschaften an der Universität Mannheim, ehemalige Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung, mündige und selbstbewusste Deutsch-Türkin.

1 Kommentar

  1. Liebe Merve,
    ich habe Ihren Artikel gelesen und er hat mich berührt. Ich war auf der Suche nach einer Kontaktadresse zu dem Verein von Ebru Ata, nachdem ich eben einen Fernsehbericht über Opfer gesehen habe, in dem sie abenfalss zu Wort kam.
    Leider konnte ich bisher nichts finden. Vielleicht wissen Sie, wo ich fragen kann, inwieweit ich mich engagieren könnte?
    Liebe Grüße
    Nina

Die Integrationsblogger