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Es ist warm. Die Sonne scheint grell aus dem blauen Junihimmel, als wollte sie alles Versteckte an den Tag bringen. Die Bäume, die sich die sanften Hügel bis zum Horizont hinaufwinden, sind vom satten Grün des Vorsommers gesegnet. Die Gerste auf den Feldern passt sich fast schon der Sonne an. Über den Feldweg aus dem Wald in dem ehemaligen Jugendheim kommt eine Gruppe von Menschen. Gemütlich trottend, als wären sie im Urlaub. Auf Sightseeingtour. Schlendernd, innehaltend, den Kopf ab und zu wendend. Aber da ist nichts. Außer der Sonne und dem blauen Junihimmel. Dem Grün der Bäume und den langsam gelb werdenden Ähren. Und die Gestalten kommen den Hügel hinab. Dunkle Gesichter, nicht schwarz. Wie weit mag der Weg gewesen sein? Nicht der von der Unterkunft. Das Falkenheim ist eine Asylunterkunft. Und diese Menschen, die so aussehen, als seien sie auf einer Sightseeingtour, sind geflohen. Sie haben ihre Heimat verlassen. Ihre Familien, ihre Freunde. Es ist aber keine Urlaubstour. Denn hier gibt es nichts zu sehen. Die Blicke sind suchend leer. Leer wie die Plastiktüten, die sie dabeihaben. Kinder, Jugendliche, ein paar Ältere. Frauen und Männer. Ein kurzes Hallo. Dann geht es zum Supermarkt. Der einzige Ort zwischen den Zimmern und einem Dorf, in dem nichts für sie stattfindet. Kein Ziel. Jeden Tag.

Wie mag das aussehen? Schlafen, aufwachen, frühstücken, träumen, ein paar Verrichtungen des täglichen Lebens. Waschen. Unterhalten. Spielen. Essen. Spielen. Träumen. Unterhalten. Dann der Weg ins Dorf. Über sich der blaue, weite Junihimmel und die helle Sonne. Die grünen Bäume und die gelb werdenden Felder um sich herum. Zwischendurch, auf dem Weg zum Supermarkt, trifft man die Menschen aus dem Dorf. Tagein, tagaus. Ein Zwischenlager hat man ihnen gesagt. Auf Deutsch. Vielleicht war jemand da, der das übersetzt hat. Vielleicht kannte man die Sprache ein wenig. Vielleicht hat man aber auch nichts verstanden. Kein Ziel. Eintönigkeit. Keine Arbeit. Keine Chance auf Arbeit. Das ist nicht erlaubt, während die Prüfung läuft. Die Prüfung, die entscheidet, ob man bleiben darf. Vielleicht wird es was. Vielleicht nicht. Vielleicht bleibt man trotzdem. Aber ohne Ziel. Ich sehe die Gruppe, wie sie vom Hügel hinab kommt. Man grüßt sich kurz. Ein scheues Hallo. Und jeder geht seines Weges. Da geht mir eine Nachricht aus den Morgennachrichten durch den Kopf. Während ich zurückblicke und auf die Gruppe schaue, kann ich die Stimmung noch fühlen.

Willkommen, plapperte die muntere Stimme aus den Lautsprechern. Willkommen habe man sie geheißen. Jugendliche aus dem fernen Spanien seien zu uns gekommen, um hier ein Praktikum zu machen. In der Gastronomie. Oder in der Altenpflege. Oder als Mechatroniker. Alle seien da gewesen, um sie zu begrüßen. Ein guter Start und die Hoffnung, sie bleiben hier. Bei uns. Zur Arbeit. Denn wir brauchen sie. Wie weit mag der Weg gewesen sein? Aus dem Dorf, aus der Stadt, weg von Freunden und Verwandten. Dort, wo man aufgewachsen war. Seine erste Liebe gefunden hat. Ein weiter Weg. Ein Willkommen und ein Ziel. Hinter der Kurve verschwinden die Gestalten, die auf dem Weg zum Supermarkt sind. Mit ihren leeren Plastiktüten. Es ist ganz still. Es ist warm. Die Sonne scheint grell aus dem blauen Junihimmel, als wollte sie alles Versteckte an den Tag bringen.

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About Author

Andreas Molau

Ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Deutsch, Geschichte und Politik in Göttingen und war acht Jahre lang Lehrer an einer Waldorfschule. Als Publizist und Politiker arbeitete er viele Jahre im extrem rechten Milieu. Im Juli 2012 stieg er aus dieser Szene aus. Seitdem engagiert sich Molau in Sachen Extremismusprävention bei Seminaren, Vorträgen und in Aufsätzen. Heute ist er selbstständig für das Textbüro dat medienhus tätig.

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