Showing 1 of 1

Russland 1993. Ich bin 7 Jahre alt und gehe in die 1. Klasse. Das Lesen beherrsche ich bereits ein wenig. Ich stehe in der Küche und sehe eine Zeitung, die mich auf magische Weise an sich zieht. Das einzige Wort, was mir sofort ins Auge springt ist „Allah“. „Hmm, was ist das?“ frage ich mich.

Meine Mutter bereitet Borschtsch (die traditionelle russische Suppe) für unser Abendessen zu. Neugierig frage ich meine Mutter: „Was ist Allah?“

„Das ist Gott“ antwortet meine Mutter. Hmmmm? Warum sagt man zu Gott „Allah“? Ist Gott nicht Gott? Gibt es nicht nur einen Gott?

Am nächsten Tag gehe ich zur Schule und freue mich endlich, meine unterschiedlichen Freunde zu sehen nach dem langen Wochenende. Alle sind für mich gleich, obwohl wir unterschiedlicher Herkunft sind. Ein starker Zusammenhalt herrscht in der Klasse. Ganz gleich ob Russen, Kosaken, Usbeken, Tataren oder auch Russlanddeutsche: Die Herkunft spielt hier überhaupt keine Rolle. Jedenfalls spüre ich nichts davon zu diesem Zeitpunkt.

1994: Das Jahr der Aussiedlung nach Deutschland. Ich freu mich. Wir siedeln nach Westeuropa aus. Da soll alles so schön sein.

In der neuen Schule lerne ich ein Mädchen kennen. Sie heißt Sarah und kommt aus Ägypten. Meine Sitznachbarin Natalie mag Sarah nicht, weil sie komisch ist. Sarah trägt ein Kopftuch. Mich stört es überhaupt nicht, da Sarah für mich ein ganz normales Mädchen ist. Wie ich auch. Nur der kleine Unterschied mit dem Kopftuch. Na und? Vielleicht gefällt es ihr so und in Ägypten ist es ein gewisser Modetrend?!?

Nach und nach stelle ich fest, dass so einige Kinder das Kopftuch stört und Sarah wird ausgeschlossen.Ich frag mich, was hier los ist? Sehen wir nicht den Menschen und das nette Mädchen? Wo ist das Problem? Die Wahrheit traf mich blitzartig wie ein heftiger Schlag ins Gesicht: Es ging um die eiskalte Trennung der Nationalitäten.

Mittlerweile finde ich es traurig, dass die Hetze gegen das Kopftuch oder religiöse Einstellung eines Einzelnen bereits in so jungen Jahren beginnt und sich das in den Köpfen der Kinder fester einprägenkann, sodass die Vorurteile im Erwachsenenalter umso schwieriger abzubauen sind.

Wann fängt Deutschland endlich an, hinter die Fassaden zu sehen? Das Fremde kennenzulernen, zu respektieren und nicht abzulehnen? Den Menschen als ein Individuum anzusehen und nicht sofort in eine Schublade der bärtigen Männer oder Kopftuchträgerinnen zu stecken? Die schöne Vielfalt fremder Kulturen kennenzulernen? Voneinander zu lernen? Sich weiterentwickeln? Die einzigartigen und interessanten Menschen anfangen, als Menschen zu sehen und nicht auf den Kleidungsstil reduzieren?

Warum können wir, Deutschland, nicht die Barrieren durchbrechen und friedlich zusammenleben? Ganz gleich welcher Herkunft oder Religionszugehörigkeit?  Ja, leider ist es so. Denn würde eine gebildete Muslima, sei es eine Pädagogin, Soziologin etc. nicht aufgrund ihres Kleidungsstils, den sie freiwillig vom Herzen gewählt hat aus Liebe zu Allah, Probleme haben einen Job zu finden, weil sie auf dem Bewerbungsfoto zu verstehen gibt, dass das Kopftuch zu ihr gehört, würden die Menschen sehen, dass die Frauen sich nicht verstecken, sondern arbeiten und ein angesehener Teil der Gesellschaft sein möchten. Die Umwelt würde die starken Frauen sehen und es schätzen, wenn ihnen die Möglichkeit geboten werden würde.

Es kann und darf nicht sein, dass heute noch der Satz „Cuiusregio, eiusreligio“, der nach dem Dreißigjährigen Krieg den Landesfürsten die Macht gab, zu bestimmen, welcher Religion die Untertanen anzugehören hatten (und alle anderen hatten nur die Freiheit, das Land zu verlassen), in den Köpfen so vieler Menschen steckt. Vielfalt ist eine Chance und keine Gefahr.

Darum möchte ich Euch bitten, diese Petition zu unterstützen und mitzumachen für eine bessere Zukunft unseres gemeinsamen Deutschlands (siehe folgender Link):

Bundesregierung: „Freiheit für das Kopftuch im öffentlichen Dienst“

Dieser Artikel erschien auch bei www.integrated-happiness.de

0%
0%
Awesome

Kommentare

Kommentare

Share.

About Author

Tatjana Rogalski

ist Co-Chefbloggerin der Integrationsblogger, hat deutschrussische und tatarische Wurzeln. 1994 ist sie nach Deutschland ausgesiedelt.
Jeder Mensch sollte Hoffnung in sich hegen, denn ohne Hoffnung ist der Untergang vorprogrammiert.
„Wenn Du nicht fliegen kannst, renne,
Wenn Du nicht rennen kannst, gehe,
Wenn Du nicht gehen kannst, krieche.
Was auch immer Du tust, Du musst weitermachen.“ (Martin Luther King)
Denn nach jeder Erschwernis, folgt die Erleichterung!
Falls die Erleichterung noch nicht eingetreten ist, dann ist es noch nicht das Ende! Sei positiv, lächle und zwar nicht erst, wenn der Sturm vorbei ist, sondern lächle ihm ins Gesicht, um ihn zu besiegen, glaube an Dich selbst und wisse, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise einzigartig ist :)

13 Kommentare

  1. Pingback: „Das Kopftuch ist eine Lebenseinstellung“

  2. Pingback: Schicksal: Alles hat seinen Grund und seine Bestimmung

  3. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    Hi Sarah,

    ich glaube das gerade nicht. Wie gehts dir? Was machst du? Wenn du magst schreib mich privat an (t_rogalski@live.de).

    Ich würde mich freuen. 🙂

  4. Hallo Frau Rogalski,

    darf ich fragen aus welcher Stadt Sie kommen… denn ich glaube sie zu kennen.
    Ich glaube nämlich, dass ich das Mädchen aus Ägypten bin 🙂

  5. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    Ja, ich habe es auch die letzten Tage beobachtet. Es wird vermehrt darüber gesprochen. Ich bin gespannt, was es noch gibt. Auf jeden Fal ist das Thema wieder aufgekocht und überall sehe und lese ich etwas darüber. Es ist echt interessant! Bei Facebook sprechen auch sehr viele darüber. Unter anderem habe ich sehr viele Kommentare gelesen, dass Frauen mit Kopftuch arbeiten gehen und die Arbeitgeber dies unterstützen. Das finde ich echt toll! Hoffentlich gibt es bald tatsächlich mehr gemeinsames Miteinander und Füreinander 🙂

  6. Es tut sich etwas. Manche Politiker fordern bereits, das Kopftuchverbot in Hessen zu evaluieren und befürworten eine Abschaffung.

    http://www.fr-online.de/rhein-main/kopftuecher-an-schulen-kopftuch-debatte-an-schulen,1472796,26022734.html

    In Kanada möchte man wohl ein Kopftuchverbot für Bedienstete im öff. Dienst einführen. Dagegen protestiert diese evangelische Professorin indem sie zur Arbeit selbst ein Kopftuch trägt. Das ist gelebte Solidarität.

    http://dastandard.at/1389858670143/Das-Kopftuch-als-Zeichen-der-Solidaritaet

  7. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    @ Lars Zander:

    Danke Herr Zander. Das freut mich unheimlich, dass Sie das positiv inspiriert. Dann hab ich ja einen großen Teil meiner Absicht erreicht 🙂 Es freut mich, wenn ich Menschen positiv stimmen kann und werde mich auch weiterhin dafür einsetzen, denn das macht nicht nur mich glücklicher, sondern die Umwelt und somit das Leben an sich. Man ist seines Glückes Schmied, wie man so schön sagt. Deshalb sollte man sich immer selbst dazu motivieren und sich dazu bewegen mit einem Lächeln durchs Leben zu gehen. Dann fragt man sich später auch nicht, warum hab ich das so gemacht und hätte ich doch die Zeit genoßen. Wir leben jetzt und sollten auch den jetzigen Moment genießen und das Beste daraus machen. Natürlich auch an die Zukunft denken, das aber in Maßen.

    Ich freue mich auch demnächst wieder auf Ihr Kommentar zum nächsten Artikel!

    Schöne Grüße

  8. Liebe Frau Rogalski,

    sie sind eine erfrischende, auf eigenen Wegen wandelnde Querdenkerin. Meine Hochachtung und meinen Respekt, z.B. für die Sätze: “ Sicherlich ist Deutschland ein sehr muslimisches Land, was die meisten nicht ahnen. Kindergeld z. B. ist gemäß der Scharia muslimisch oder auch das Arbeitslosengeld. Und dies sind nur 2 banale Beispiele.“

    Viel Erfolg auf all ihren Wegen, bleiben Sie bitte weiter so optimistisch und motivierend. Ich freue mich, hier mehr von Ihnen zu lesen. (Aber natürlich auch von den anderen Autoren…)

    Freundliche Grüße

    Lars

  9. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    An Ich:

    Auch wenn diese Petition nichts bewirken wird, was ich nicht hoffe, dürfen wir trotzdem den Mut und die Kraft nicht verlieren um nach vorne zu kommen. Wenn wir gleich aufgeben, dann wird sich auch nie etwas ändern auf der Welt. Allein schon, wenn die Menschen zum Nachdenken angeregt werden ist es Gold wert. Wenn sie sich Fragen stellen, wie z. B. „Warum ist das den muslimischen Frauen so wichtig, dass sie ihr Kopftuch tragen dürfen?“ oder auch „Sind die Frauen im Kopftuch doch sehr gebildet und nicht so wie vorurteilhaft gedacht wird?“ Ist es nicht wichtig, dass die Menschen sich anfangen sich all dies zu fragen? Sicherlich wird es immer wieder Krieg geben und sicherlich werden auch immer wieder unschuldige Menschen sterben und es werden immer wieder Menschen ungerecht behandelt auf der Welt. Aber wo führt es uns denn hin, wenn wir nichts bewegen und unsere Hände einfach in den Schoss legen. Wird es dann besser? Sollen wir weiter einfach zusehen und nichts tun? Wenn wir so denken, dann lassen wir uns unterbuttern und das darf nicht sein. Sicherlich ist Deutschland ein sehr muslimisches Land, was die meisten nicht ahnen. Kindergeld z. B. ist gemäß der Scharia muslimisch oder auch das Arbeitslosengeld. Und dies sind nur 2 banale Beispiele. Wir sollten schon alles zu schätzen wissen, aber nicht aufgeben die Welt noch angenehmer zu gestalten, egal wie schwer es ist und wie viele Hürden es mit sich trägt. Optimismus bringt uns nach vorne, Pessimismus zieht uns runter. Also immer schön den Kopf hoch und weitermachen 🙂

  10. @Ich: Warum so pessimistisch? Es ist zwar richtig, dass manche Politiker bzw. Gruppierungen es nicht sein lassen können, Menschen gegeneinander auszuspielen; es gibt aber auch konstruktive Kräfte in einer Gesellschaft und bei weitem nicht immer setzt sich das Negative durch. Sonst hätte die Menschheit bislang keinerlei sozialen Fortschritt erzielt. Kopftuchverbote für den öffentlichen Dienst gibt es noch nicht einmal in jedem Bundesland und ich denke, dass sich auch ohne eine kriegerische Auseinandersetzung dafür eine Lösung finden wird.

  11. So traurig es ist: eine Petition wird nichts ändern. Die Regierung lebt davon die Bevölkerung in einzelne Gruppen ein zu teilen die nach Bedarf gegen einander aufgehetzt werden. Und der Gedanke das einige Gruppen von Menschen einen geringen Wert haben hat in Deutschland eine sehr lange Tradition. Erst wenn Menschen mit Abscheu auf die grausamen Morde ihrer Vorfahren sehen sind sie in der Lage den Menschen freundlich zu begegnen die vorher so wertlos und falsch waren.
    Es muss wohl erst wieder Krieg geben und tausende unschuldiger Tote.
    Aber keine Sorge: während die Mahnmale für die Opfer gebaut werden ist das Volk damit beschäftigt die nächste Opfergruppe auszuwählen.
    Der ewige Kreislauf.

  12. Tatjana Rogalski
    Tatjana Rogalski on

    Ich danke Ihnen Herr Zander 🙂 Ich hoffe wir werden dadurch einen kleinen Beitrag dazu leisten können. Hätten die Frauen die Möglichkeit mit der Kopfbedeckung arbeiten zu können, würde ebenfalls ein Dialog zwischen den Menschen geschaffen und evtl. auch Vorurteile abgebaut werden. Irgendwo muss man anfangen.

  13. Ich habe die Petition unterzeichnet und wünsche dem Ansinnen viel Erfolg. Es ist an der Zeit, hier etwas zu ändern. In einem Staat, der Religionsfreiheit verfassungsrechtlich garantiert, muß es auch möglich sein, dass eine Frau im öffentlichen Dienst ein Kopftuch trägt. Wenn der Staat Bedenken hinsichtlich der Verfassungstreue hat, soll er dies im jeweiligen Einzelfall in einem rechtsstaatlichen Verfahren durchsetzen, aber nicht das Kopftuch generell verbieten.

Die Integrationsblogger